Aus: Buddhismus Heute Nr. 13, ( 1993)

"Kein Grund für zuviel Tradition ..."

Von Künzig Shamar Rinpoche

Manche europäische Dharma-Schüler sagen, dass der tibetische Buddhismus zum Teil aus tibetischen Traditionen und zum Teil aus Dharma-Praxis besteht und dass sie nicht in der Lage sind, diese beiden Dinge auseinanderzuhalten. Es ist aber wichtig, dies zu können.

In den Biographien von Milarepa, Marpa und Gampopa ist alles reiner Dharma. Bei diesen großen Meistern der Kagyü-Schule war alles - wie sie lebten, wie sie lehrten usw. - reinster Dharma. Marpa zum Beispiel brachte die Belehrungen von Indien nach Tibet und lehrte dort als Tibeter. Er studierte den Dharma zuvor in Indien nach indischer Tradition; sein Lehrer war der Inder Naropa. Als Marpa später in Tibet lehrte, versuchte er jedoch nicht, den Tibetern indische Gebräuche wie das Tragen der Sadhu-Gewänder anzugewöhnen. Naropa war meistens nackt und trug manchmal den Heruka-Schmuck. Marpa sagte den Tibetern aber niemals, dass sie das gleiche tun sollten. Er ließ sie ihren Chuba (tibetisches Gewand) tragen und lehrte Dharma in sehr reiner Weise.

Ihr habt im Westen viel über „tibetische Lamas" gelesen. Einige westliche Gelehrte gingen früher als Abenteurer nach Tibet. Später schrieb Lobsang Rampa in Amerika sehr phantasievolle Bücher mit Vorstellungen von Astralreisen; ein Geist, der zu einem anderen Geist wandert und ihm irgendwelche Nachrichten übermittelt. Hochrealisierte buddhistische Meditierende können als Resultat der Meditation solche übersinnlichen Dinge verstehen und auch Gedanken lesen. Lobsang Rampa stellte es jedoch ganz anders da. Entwickelt man eine sehr sehr gute Meditation, wird man fähig, Übersinnliches zu wissen. Buddha zum Beispiel kennt die Gedanken von jedem einzelnen fühlenden Wesen. Lobsang Rampa machte daraus etwas Mysteriöses. Es war seine Fiktion, dass jemand seinen Geist zu einem anderen schickt, um dort dessen Gedanken zu lesen. Er schrieb Bücher dieser Art, die eure Vorstellungen im Westen über Tibet beeinflussten.

Wenn Biographien in westliche Sprachen übersetzt wurden, wurden selbstverständlich all die guten Sachen übersetzt. So entwickelten sich viele Ideen über die „buddhistischen Heiligen Tibets", zum Beispiel, dass sie alle durch die Luft flogen. Bei Euch entstand das Konzept, dass alle tibetischen Lamas völlig rein wären. Bei allem was ein Lama tat, dachte man: „Oh, das muss eine tiefere Bedeutung haben.". Wenn ein Lama jemanden nur ein bisschen ungewöhnlich ansah, wurde dem eine besondere Bedeutung beigemessen und angenommen, dass er vielleicht etwas über den Geist desjenigen gesehen hätte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr viele westliche Schüler diese Konzepte haben.

Dann wolltet ihr all die Traditionen in die Dharma-Praxis übernehmen und dachtet, dass das Klostersystem in Tibet etwas mit Erleuchtung zu tun hätte. Heutzutage, wo die Kommunikation besser wird, wo Leute dorthin reisen usw., sind sie manchmal geschockt, wenn sie die Unterschiede zu ihren Vorstellungen sehen. Sie denken: „Was ist das? Die Lamas sind uns ja ähnlich, haben ähnliche Probleme." Manche sind dann völlig verwirrt. Aber so ist es. Sie sind Menschen. In Kathmandu seht ihr Mönche ins Kasino gehen. Ich kann das hier sagen, denn ihr habt es zum Teil selbst gesehen. Ich muss keinen Hehl daraus machen.

Was hat es also damit auf sich? Vor langer Zeit wurde in Tibet das System eingeführt, dass schon Kinder ins Kloster kamen, wo sie vor allem kostenlos ernährt wurden. Ein sehr sehr heiliger tibetischer König wurde einmal etwas extrem. Im heutigen Afghanistan gab es das „Vajrayana-Königreich" Oddiyana. Der dortige König erlangte Erleuchtung und lehrte all seine Untertanen. Sie alle wurden ebenfalls erleuchtet und das Königreich verschwand. Der tibetische König kam dadurch auf die Idee Samsara zu beenden, indem er in ähnlicher Weise das Königreich Tibet verschwinden lassen würde. Er führte dafür einige Sachen ein: Alle Mönche sollten kostenlos Essen bekommen und die Ernte aller Bauern an die Klöster gehen. Überall sollten Nonnen- und Mönchsklöster entstehen.

Infolgedessen waren die Mönche dann nicht wegen Erleuchtung, sondern aufgrund der kostenlosen Ernährung im Kloster. Natürlich gab es dort auch Erleuchtete. Aber es war nicht die Mehrheit, sondern vielleicht einer unter einer Million. Erleuchtete Menschen waren dort sehr selten, weil die Ablenkung sehr stark war. Es gab genug zu essen, nicht viel zu tun... Keiner von ihnen praktizierte wie Milarepa in früheren Zeiten. So hatte man in jedem Tal ein Kloster und ganz Tibet war besetzt von Klöstern mit Verwaltungsbeamten.

Ein Kagyü-Meister gründete zum Beispiel sein Kloster sehr korrekt, indem er dort ein Studienseminar und ein Meditationszentrum eröffnete. Sein Wunsch war, dass seine Lehren erhalten blieben und nicht einfach verschwänden. Zu dieser Zeit gab es das Tulku-System (das System des Wiedereinsetzens der bewussten Wiedergeburten eines Meisters) noch nicht, so dass der Sohn des Meisters nach ihm die Verantwortung für das Kloster übernahm. In dieser Weise wurden viele Kagyü-Klöster sehr groß.

Aber Menschen sind Menschen, und im Laufe der Zeit wurden die Menschen schlechter. Die Klöster wurden zu kleinen Königreichen mit sehr arroganten Administratoren, die sehr listig waren und wussten, dass die spirituellen Führer nötig waren, um die Leute zu kontrollieren. So versuchten sie, den geistigen Führer als Oberhaupt vorzuführen, tatsächlich jedoch die ganze Macht in ihren eigenen Händen zu behalten. Es war wirklich sehr politisch; äußerlich spirituell, aber innerlich sehr politisch. Die Administratoren wollten die Menschen kontrollieren.

Jedes Kloster hatte großen Grundbesitz, manche wurden richtige Großgrundbesitzer. Wenn diese Besitztümer aneinanderstießen, entstand das Gefühl, den eigenen Besitz schützen zu müssen. Zudem benötigten die Klöster Arbeitskräfte, und die Bauern auf den Höfen wurden Sklaven der Klöster, deren Administratoren wie Diktatoren herrschten. An den Grenzen der Besitztümer wurde manchmal um Land gekämpft. Lief ein Tier des einen Kloster auf das Land des anderen Klosters, wurde es dort behalten usw.

Der eigentliche Herrscher des Landes hatte kaum noch Macht, weil jedes einzelne Kloster so mächtig geworden war und ständig gekämpft wurde. Die Regierung war völlig machtlos. Später gewann sie an Einfluss und wurde ebenfalls klösterlich organisiert, so dass das Land in streng religiöser Weise beherrscht wurde. Die sehr gut Praktizierenden waren nicht Teil der Administration. Gute Gelehrte und gute Mönche praktizierten und studierten für sich allein. Fast niemand erlangte im Kloster Erleuchtung, denn das Kloster wurde von der Verwaltung sehr streng organisiert. So waren Religion und Politik in Tibet sehr stark vermischt. Die Politiker benutzten die Religion, um die Leute zu beherrschen. Natürlich ist so etwas schwierig. Nicht die Erleuchteten waren das Problem, sondern die Administratoren.

Die Westler haben die Idee, dass alles, was dort geschah, Dharma sei. Sie denken, ein Kloster sei ein großes Mandala, jeder Mönch ein bestimmter Buddha-Aspekt, der Guru sei Buddha „Diamanthalter"...

Ihr dachtet auch, die Throne der Lamas seien ein Teil der Dharma-Praxis. Tatsächlich sind sie aber auch Anlass für Probleme. Ihr habt für mich hier einen Thron hergerichtet, und ich sitze darauf. Wenn ihr das für jemand anders nicht tut, könnten die Probleme schon losgehen. Es ist eine Art von Politik. Würdet ihr aber einen schönen westlichen Stuhl aufstellen, hätte niemand Probleme damit. Die alten tibetischen Lamas, auch die guten und freundlichen, haben in diesem Zusammenhang bestimmte Gewohnheiten aufgrund des Kulturunterschiedes. Wenn sie in den Westen kommen und dort nicht die tibetischen Musikinstrumente verwendet werden, haben sie das Gefühl, dass etwas fehlt. Ebenso, wenn für den Thron nicht die schönen Brokate verwendet werden. Sie werden euch also sagen, dass ihr das alles arrangieren sollt, und ihr denkt dann, es sei ein Teil der Praxis. So baut ihr die tibetische Tradition im Westen auf. Ich denke nicht, dass das anhält. Aber wenn das der Fall wäre, würde es in der Zukunft zu Problemen führen. Wer sollte den höheren Thron haben? Irgend jemand wird einen etwas niedrigeren haben und jemand anders einen noch niedrigeren. So werdet ihr viele Probleme bekommen.

Ihr müsst also die Unterschiede zwischen Tradition und Dharma verstehen. Wenn es Probleme gibt, dann versteht, dass sie nicht von den Erleuchteten, sondern von den Administratoren gemacht werden. Selbst die Kommunisten der chinesischen Regierung, die überhaupt nicht an religiöse Dinge glauben, folgen aus politischen Gründen manchmal der Religion, weil sie so mächtig und gut etabliert ist. Ihr im Westen braucht diesen mit der Religion vermischten, administrativen Teil nicht. Ich meine damit natürlich nicht, dass ihr die Lehrer jetzt irgendwo auf den Boden setzt und ihnen eure Füße ins Gesicht streckt. Aber es besteht einfach kein Grund für zu viel Tradition.
 


 Neu überarbeitet durch die Redaktion der Buddhismus Heute, 2014