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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 11, ( 1993)

Die Übertragung des Buddhismus in den Westen

Von Künzig Shamar Rinpoche

Buddhismus entstand ursprünglich in Indien und wurde dort in einer der indischen Mentalität entsprechenden Form praktiziert. Später verbreitete er sich in viele Länder Asiens, darunter auch Tibet, wo er sich, um der Mentalität der Tibeter gerecht zu werden, der tibetischen Kultur anpasste. Heutzutage reisen viele tibetische Lamas in den Westen, um zu unterrichten. Sie sind sehr stark in ihrer mit dem tibetischen Buddhismus verwobenen Kultur verwurzelt und die tibetische Denkweise gewöhnt. Auf dieser Basis geben sie die Dharma-Belehrungen.

Für mich persönlich ist es ganz selbstverständlich, Belehrungen so wie heute Abend zu geben, also dabei auf einer Bühne und auf einem Stuhl zu sitzen. Auch mein Begleiter Lama Pudze ist schon viele Jahre im Westen und findet es deswegen normal. Viele andere Tibeter würden es jedoch als unangemessen empfinden, dass ich auf einem Stuhl sitze; eigentlich müsste es ein Thron sein und beim Empfang hätte eine besondere tibetische Musik mit Hörnern angestimmt werden müssen. Im Allgemeinen empfinden Tibeter, dass ohne diese Dinge etwas Wichtiges fehlt, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Diese Dinge haben aber nichts mit dem Dharma zu tun, sondern nur mit Gewohnheiten, Kultur und Tradition der Tibeter. Viele Leute im Westen halten es jedoch für Dharma. In Frankreich wurde zum Beispiel für mich einmal ein Bett mit einem besonders schönen Brokat-Überwurf hergerichtet. Als ich ihn beiseite legte, empfanden die Leute, dass dies nicht dem Dharma entspräche, denn sie hielten die Benutzung dieses Seiden-Brokats für eine religiöse Handlung. Die Frau, die alles vorbereitet hatte, war regelrecht schockiert und dachte, ich hätte etwas gegen den Dharma getan, eine religiöse Vorschrift gebrochen.

Andererseits ist es jedoch auch für Westler ganz gut, einige buddhistische Umgangsformen zu lernen. Im Bodhicaryavatara findet sich zum Beispiel ein ganzes Kapitel darüber, wie man sich gegenüber einem Bodhisattva benehmen sollte und obwohl das Werk in Indien entstand, sind die Belehrungen überall anwendbar. Der Autor Shantideva war ein großer Bodhisattva und buddhistischer Meister, aber ein weniger guter Dichter, weshalb einige seiner Verse recht komisch sind; selbst buddhistische Meister müssen - obwohl sie den Inhalt gut verstehen - über die Art und Weise, wie er es formulierte, lachen. Zum Beispiel sagt er, ein Bodhisattva müsse sein wie eine Ente, eine Katze oder ein Dieb. Er meinte damit: Wenn die Ente einen Fisch fangen will, muss sie sich ganz langsam und ruhig anschleichen. Ebenso die Katze, wenn sie eine Maus fangen will. Und auch der Dieb, der etwas stehlen will, muss ganz vorsichtig und achtsam sein. Shantideva will damit sagen, dass das Bodhisattva-Verhalten ganz ruhig und achtsam sein sollte, damit er seinen Bodhisattva-Wunsch, allen Wesen zu nutzen, in die Tat umsetzen kann. Dieses Vers findet man im Kapitel über die Achtsamkeit.

Das Vinaya, der Teil der Lehren Buddhas, in dem es um Verhaltensregeln geht, beinhaltet viele Regeln zum Verhalten der Mönche. Die Regeln beinhalten zum Beispiel Richtlinien über Kleidungsweise und Art der Ernährung der Mönche. Der Sinn all dieser Regeln ist, Schwierigkeiten vorzubeugen. Der Buddha gab diese Erklärungen, um den Leuten zu helfen, ein richtiges, ein wirklich zivilisiertes Verhalten zu finden. Es ist wichtig, dies auch vom Standpunkt unserer westlichen Kultur her zu verstehen. Bei buddhistischer Ethik geht es nämlich darum, dass man alles tun kann, was gut und richtig ist, und dass man all das vermeiden soll, was negativ ist. Das Negative führt sonst - direkt oder indirekt - dazu, dass wir negatives Karma ansammeln oder eine falsche Richtung einschlagen, was bewirken kann, dass die gute Meditationspraxis gestört wird.

Die Verhaltensregeln für Laien und Novizen müssen nicht unbedingt in derselben Weise befolgt werden, wie es bei den Tibetern üblich ist. Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit westlichen Schülern gesagt, dass sie sich nicht den Kopf zu rasieren brauchen und auch keine rote Roben tragen müssen; diese Dinge passen einfach nicht in die westliche Kultur. Auch passen die Farben der Roben, weinrot und gelb, vielleicht nicht so gut zu blonden Haaren und blasser Haut. Man hält euch damit vielleicht noch für Hare-Krishna-Anhänger. [Rinpoche lacht]

Das bisherige betraf die Disziplin. Im Tantra nun wird besonders betont, wie hervorragend der Lehrer ist und auch die Praktizierenden werden als Yidams, als Buddha-Aspekte, betrachtet. Das ganze Universum wird als das Reine Land des Yidams statt als die gewöhnliche Welt der Menschen gesehen. Es geht hier um die Transformation des gewöhnlichen Denkens. Diese Sichtweise ist eine Methode dazu und man hält sie im Rahmen der jeweiligen Praxis, die man macht. Da man ja nie von seiner Praxis getrennt ist, ist es natürlich immer gut, Respekt und Hingabe gegenüber seinem Lehrer zu haben. Aber dies bedeutet nicht, dass man den Guru als eine Art starken Führer sieht und sich selbst als Sklave oder Diener, der immer tun muss, was der Guru sagt. Wir müssen nicht die extreme Einstellung haben, dass alles, was der Guru sagt, richtig ist und wir dem blind folgen sollen. Diese extreme Einstellung sollten wir weder im Westen noch im Osten haben.

Die Sichtweise des Diamantweges hat auch viel mit den sogenannten Samayas, den „Bänden", zu tun. Vor allem im Zusammenhang mit Ermächtigungen hört man immer viel von den Samayas, da man durch eine Ermächtigung viele Samayas bekommt. Hier gibt es eigentlich vieles, was man darüber wissen sollte und bei unseren Erklärungen ist bisher wohl einiges nicht ganz vollständig übermittelt und auch nicht vollständig verstanden worden. Wie dem auch sei: Die zuvor beschriebene Sichtweise des Tantra hängt stark mit Samaya zusammen.

Die eigentliche Bedeutung von Samaya, so denke ich, ist: „Vermeiden von Fehlern". Samaya folgt der Praxis die man macht und bezieht sich auf Verhaltensweisen, die diese Praxis verderben könnten. Wenn Meditierende einem sehr strengen Meditations-Programm folgen - wie es zum Beispiel im Theravada üblich ist - dann ist es ein Samaya, dass man kein Abendessen zu sich nimmt. Der Grund ist, dass dies die Meditation verderben kann. Dieses - und ebeno das Samaya, keinen Alkohol zu trinken - sind zwei von den über 250 Samayas der Theravada-Mönche. Wird man Alkoholiker, verliert man seine Meditationspraxis und alles, was man bisher erreicht hat. Auch ist man mit einem berauschten Geist nicht fähig, gut zu meditieren.

Einige Fehler zerstören unsere Meditation direkt, andere eher indirekt. Manche Fehler können uns auch völlig in die Irre führen. Aus diesen Gründen wird, abhängig vom jeweiligen Meditationssystem, eine bestimmte Serie von Samayas gegeben. Ein Beispiel für unterschiedliche Samayas in den verschiedenen Systemen:

Im Theravada ist eines der wichtigsten Samayas, nicht zu stehlen, da dies indirekt die Meditation zerstören kann. Zur Zeit Buddhas konnte die Gelegenheit zur Meditation dadurch total verloren gehen, denn die Herrschaft der Könige war damals sehr streng. Wenn ein Mönch beim Stehlen erwischt wurde, kam er ins Gefängnis und wurde dann hingerichtet, so wie alle Diebe. Wenn ein Mönch also eine gute Meditationspraxis hatte und dann, bevor er etwas erreichte, hingerichtet wurde, hatte er diese kostbare Gelegenheit verspielt. Seine Chance für Erleuchtung war dahin. Dabei hatte er so eine kostbare Gelegenheit: Den Buddha zu treffen und von ihm Belehrungen zu empfangen! Wenn ein Mönche stahl und dafür getötet wurde, verlor er das alles; den Buddha, die Lehren, seine Chance... einfach alles. Deswegen, und auch weil es schlechtes Karma mit sich bringt, ist dies eines der Haupt-Samayas im Theravada.

Wenn nun jemand in einer sehr guten Bodhisattva-Praxis ist, dann ist Stehlen ein weniger wichtiges Samaya, wobei es aber auf den Zweck ankommt. Ein Bodhisattva darf natürlich niemals für seinen eigenen Vorteil stehlen, sondern nur, wenn er damit einer Mehrheit von Leuten helfen kann. Wenn es wirklich nötig ist, um vielen Wesen zu helfen, und der Bodhisattva dann nicht stiehlt, bricht er sogar sein Samaya. Wenn es nötig ist, um viele Wesen zu retten, muss er stehlen, denn sonst bricht er in gewisser Weise sein Bodhisattva-Gelübde. Er bricht es nicht richtig, aber eben in gewisser Weise. Wenn der Bodhisattva erwischt und bestraft wird, hilft es ihm ja auch: Er kann dann die die befreiende Handlung der Geduld üben [Rinpoche lacht]. Wenn zum Beispiel jemand hungert und darunter sehr leidet und der Bodhisattva nichts hat, was er ihm geben könnte, und auch von anderen Leuten nichts bekommt, muss er etwas zu essen stehlen. Er sollte es wirklich tun. Für Anfänger jedoch wird dies nicht empfohlen.

Ein weiteres Beispiel: Vajrayana-Praktizierende dürfen Alkohol trinken und zwar aus einem bestimmten Grund. Es geht hier nicht darum, dass man einmal eine Einweihung bekommen hat, sagt „Ich praktiziere Vajrayana" und dann kräftig trinkt. Wovon hier die Rede ist, sind Praktizierende, die eine sehr tiefe Meditation, Samadhi, erlangt haben. Die Kraft dieses Samadhi ist fähig, die Wirkung des Alkohols unter Kontrolle zu halten. Solch ein Praktizierender kann mit dem Alkohol seine Meditationskraft testen. Während er trinkt, verwendet er seinen Samadhi und hat, da der Samadhi stärker ist als der Alkohol, den Effekt des Alkohol unter Kontrolle. Dies ist aber nur den hohen Vajrayana-Praktizierenden erlaubt, nicht den Anfängern.

Samaya hängt also tatsächlich von der jeweiligen Praxis ab und hat den Sinn, sie zu fördern. Warum sonst hätte Buddha so viele unbequeme Regeln aufstellen sollen? Sonst wäre es ja so, als ob religiöse Kontrolle ausgeübt werden sollte. Nein, jedes Samaya hat eine Bedeutung, trägt einen Sinn. Wenn etwas die Praxis fördert, nimmt man es an. Wenn es der Praxis abträglich ist, lässt man es sein.

Den Lehrer, von dem man Ermächtigung bekommen hat, sieht man als den Buddha selbst, aber er sollte auch tatsächlich einige Qualitäten haben. Er sollte in der Vajrayana-Praxis wirklich etwas erreicht haben. Wenn er ein Lehrer für den Bodhisattva-Weg ist, sollte er ein sehr qualifizierter Bodhisattva sein. Im Vajrayana sollte er ein Bodhisattva sein und zusätzlich hohe Erkenntnis im Tantra erlangt haben. Dann kann er, wie es in den tantrischen Texten beschrieben ist, Segen übertragen und der Schüler sollte dann der Praxis richtig folgen.

Dies sollte auf keinen Fall mit allgemein-weltlichen Angelegenheiten vermischt werden. Zum Beispiel geht es nicht, dass der Lehrer alle möglichen Befehle gibt und sagt: „Ich bin dein Guru und du musst das tun." So etwas kommt vor, aber es geht einfach nicht. Es kann vorkommen, dass ein Guru der Kopf einer großen Organisation ist und dass deren Mitglieder seine Schüler sind. Wenn der Guru dann irgendwelche Anordnungen gibt, denken die Leute: „Ich muss es tun, weil der Guru es gesagt hat. Sonst breche ich meine Samayas." Dies ist eine völlig falsche Sichtweise.

Ich war zum Beispiel einmal in Amerika bei einer bestimmten buddhistischen Organisation. Irgendwo anders gab ein hoher Lama eine Dorje-Phagmo-Ermächtigung und die Mitglieder der Organisation wollten daran teilnehmen. Sie fragten mich, ob das in Ordnung sei, denn ihr Guru hatte zu ihnen gesagt: „Wenn ihr daran teilnehmt, handelt ihr meinen Anweisungen zuwider und brecht deswegen euer Samaya."

Ich sagte den Leuten: „Wenn der Lama, der die Ermächtigung gibt, für die Praxis qualifiziert ist, dann werdet ihr durch eure Teilnahme euer Samaya und euren Samadhi eher verstärken. Ihr brecht damit kein Samaya, aber vielleicht die Regeln eurer Organisation." Es war für die Leute eine regelrechte Erleuchtung. Bisher hatten sie immer Organisationsregeln und Samaya vermischt.
Einen der Leute traf ich später wieder und er erzählte mir, dass er an der Ermächtigung teilgenommen habe. Ich fragte ihn, ob er sich nicht wegen seines Samaya sorge und er sagte: „Sie sagten mir, es seien nur die Vorschriften meiner Organisation. Ich habe kein Problem damit, diese zu brechen." Jetzt sah er den Unterschied.

Dharma und weltliche Dinge sollten also, besonders im Vajrayana, nicht vermischt werden. Als Bodhisattva ist es eher noch möglich, aber im Tantra... Es ist möglich, aber nicht so einfach, denn man muss dafür sehr hoch qualifiziert sein. Marpa zum Beispiel war ein Bauer und während er seine Felder pflügte, war sein Geist immer in tiefer Meditation. Wenn man soweit ist, dann kann man es mischen. In der Geschichte des Buddhismus gab es jedoch viele Praktizierende, die durch diese Art von Missverständnissen in die Irre geführt wurden.

Auf dem Vajrayana-Weg bekommt man nicht nur ein oder zwei Samayas. Ihr habt ja alle schon viele Ermächtigungen erhalten und denkt manchmal, dass ihr eure Samayas brecht, wenn ihr die entsprechenden Sadhanas (Praktiken) nicht täglich macht. Aber was wollt ihr tun, wenn ihr zum Beispiel 50 verschiedene Ermächtigungen erhalten habt? Wie wollt ihr die 50 verschiedenen Sadhanas jeden Tag machen? Hier liegt ein Missverständnis vor, das weit verbreitet ist. Die Samayas zu halten, beinhaltet mehr, als nur ein Mantra zu rezitieren und dabei den Yidam zu visualisieren. Wenn ihr zum Beispiel die Vergegenwärtigung übt, und dabei von all den Dingen nicht die genaue Bedeutung kennt, dann ist die Praxis ja auch nicht ganz korrekt; damit bricht man vielleicht schon eine bestimmte Ebene von Samayas. Wenn man die Vergegenwärtigung aufbaut, sollte man wissen, wie das genau geht. Anschließend, während man sie hält, nimmt man die richtige Sichtweise an. Beim Auflösen der Vergegenwärtigung muss man wiederum wissen, wie das geht, und wie man anschließend meditiert. Schließlich dann muss man wissen, welche Sichtweise in den Phasen außerhalb der Meditation aufrechterhalten werden soll. Dies alles sollte wirklich korrekt praktiziert werden.

Man sollte zum Beispiel nicht den Yidam als eine von sich selbst getrennte Gottheit sehen, die man verehrt, damit sie einem hilft. Zu denken, dass man dieses tun muss, damit der Yidam glücklich ist, und jenes vermeiden muss, weil er sonst wütend wird, ist keine Praxis, die zur Erleuchtung führt. Dies entspräche wohl eher der im indischen Raum verbreiteten Verehrung von Göttern.

Auch findet man bei Leuten die falsche Einstellung, manche Buddha-Aspekte seien Kagyüs, andere Gelugpas, wieder andere Sakyapas oder Nyingmapas. Den Buddha-Aspekt Yamantaka zum Beispiel halten manche Leute für einen Gelugpa, obwohl wir Kagyüs auch auf ihn praktizieren. Yamantaka ist einfach eine Tantra-Praxis; wenn man sie macht, kann man erleuchtet werden. All die Yidams sind tantrische Methoden, keine lebenden Gottheiten. Es ist nicht so, dass ein Gott in einem Gelugpa-Kloster wohnt und ein anderer Gott in einem Kagyü-Kloster.

Die Basis und das Ziel aller buddhistischen Praktiken, ob Vajrayana oder was auch immer, ist immer gleich: Das Ziel ist immer die Erleuchtung, und die Basis ist die erleuchtete Qualität, die in jedem von uns schon vorhanden ist. Jedes Wesen hat diesen Samen für Erleuchtung schon in sich; man hat es nur noch nicht erkannt. Auf dieser Basis wendet man die verschiedenen Methoden an, um diese erleuchtete Qualität hervorzubringen. Wenn dies geschehen ist, hat man das Ziel - die Erleuchtung - erreicht. Die Methoden werden in verschiedener Weise unterteilt, in Sutra, Tantra, Theravada und so weiter. Die Essenz ist jedoch immer gleich: Sie alle führen zur Erleuchtung.

Dies ist eigentlich alles, was man wissen muss, um den Buddhismus in die westliche Gesellschaft und Kultur integrieren zu können. Früher haben die tibetischen Meister den Buddhismus von Indien nach Tibet geholt und dort entsprechend ihrer Sitten und ihrer Kultur integriert. Dasselbe könnt ihr heute auch tun, entsprechend eurer Sitten und Kultur.


Neu überarbeitet durch die Redaktion der Buddhismus Heute, 2014