Aus: Buddhismus Heute Nr. 10, ( 1992)

Warum ist Phowa geheim?

Von Lama Ole Nydahl

Phowa ist eine Praxis des Diamantweges, bei der man sich auf den Augenblick des Todes vorbereitet. Man lernt, das Bewußtsein in das Reine Land des Buddhas des Grenzenlosen Lichtes zu überführen. Um diese Praxis üben zu können, braucht man die Übertragung durch einen autorisierten Meister und muß an einem Phowa-Kurs teilnehmen. Anläßlich des Phowa-Kurses in Graz/Österreich im Sommer 1991 gab Lama Ole Nydahl Erklärungen zum Thema »Geheimhaltung von Vajrayana-Belehrungen«.

Frage: Darf man über das Phowa und die damit verbundenen Belehrungen mit Leuten reden, die die Praxis selber nicht gelernt haben ?

Lama Ole Nydahl: Ihr solltet wissen, daß Ihr diese Praxis nicht weitergeben, nicht lehren könnt. Ihr dürft auch die Details davon nicht erklären oder darüber schreiben. Was Ihr hier bekommen habt, habt Ihr für Euch und solltet es auch für Euch behalten.
Ihr könnt aber schon sagen, daß es etwas ganz Tolles mit dem Namen »Phowa« gibt, was den Leuten bei ihrem Tod wirklich hilft. Ihr könnt den Leuten sagen, daß man beim Sterben denken soll, daß der Buddha des Grenzenlosen Lichtes über ihrem Kopf ist und daß sie denken sollen: »Ich will dahin«. Aber erklärt nicht die Visualisation und die damit verbundenen Mantras.
Eine Ausnahme ist, wenn die Leute gerade im Sterben liegen und sie diese Hilfe brauchen. Dann könnt Ihr es tun.

In Eurer Gruppe solltet Ihr das Phowa mit Erklärungen nur dann praktizieren, wenn alle Anwesenden das Phowa gelernt haben. Sobald jemand dabei ist, der es nicht gelernt hat, sollt Ihr die Puja ohne Erklärungen machen.
Der Diamantweg soll geschützt sein und vor allem sollen die Leute, die ihn praktizieren, geschützt sein. Der Grund dafür ist, daß der große Spaß am Diamantweg ist, etwas nackt, frisch, direkt und spontan zu erleben, zum ersten Mal. Wie das erste sich verlieben, wie die erste Übertragung von Kraft, wie die erste Nacht...
Wenn man ein bißchen hier und ein bißchen dort hört, das meiste davon schräg und verkehrt, von Leuten, die nicht ganz sicher sind oder Zweifel haben, dann kriegt man wenig Erfahrung, wenig Spaß und es geschieht wenig Gutes, wenn man schließlich wirklich dem Diamantweg begegnet.

Ich muß Euch das wirklich ans Herz legen: Die Lehren sollen geheimgehalten werden. Ihr sollt nicht nach Hause gehen und erzählen: »Und dann stellt man sich das und das vor und hinterher dieses und jenes.« Wenn Ihr das tut, verliert Ihr Eure Erfahrung, die Kraft dieser Übertragung. Wenn Ihr das tut, steht Ihr am Ende mit leeren Händen da.
Ihr nehmt dadurch auch anderen Leuten den Spaß. Vielleicht steht man selber kurz als der Schlaumeier da und die Leute denken, man hätte was ganz Spezielles erlebt und man wüßte etwas ganz Wunderbares. Aber kurz danach ist das wieder verblaßt und die Leute werden auf Euch eifersüchtig, weil sie auch so etwas erleben wollen und nicht können. Dann werden die guten Beziehungen zwischen Euch komplizierter und es bringt einfach keinen Vorteil. Ihr könnt, wenn Ihr das tut, nur verlieren.
Für einen Moment mag es sich spannend anfühlen: »Jetzt werde ich den Freunden etwas ganz Wildes erzählen.« Aber sie werden nur dumm ins Bierglas gucken, sich langweilen und sich gar nicht dafür interessieren. Und hinterher habt Ihr dann Schwierigkeiten mit Eurer Praxis. Also tut es besser nicht. Es ist auch ein bißchen etwas Peinliches dabei. Wenn jemand farbenblind ist, redet man ja auch nicht groß über einen Regenbogen. Denn derjenige fühlt sich dann schlecht, weil er nicht die Fähigkeit hat, das zu verstehen. Genau dasselbe gilt für geistige Sachen. Deswegen missionieren wir als Buddhisten auch nicht. Wir sind da, versuchen nützlich zu sein und unser Bestes zu geben, aber das ist auch alles.


Interview mit Lama Ole Nydahl.