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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 19, ( 1995)

"König der Weiten Ebenen"

Der tibetische Mahasiddha Thangtong Gyalpo

Thangtong Gyalpo - der "König der Weiten Ebenen" - ist den meisten von uns insofern ein Begriff, als daß die in unseren Zentren verwendete "Liebevolle-Augen"-Anrufung (Tschenresig-Puja) auf diesen tibetischen Mahasiddha zurückgeht. Thangtong Gyalpo lebte 1385 bis 1510 (!) und war ein Tertön und hochverwirklichter Meister der Nyingma-Tradition.


Der folgende Artikel von Wolf Kahlen gibt in eindrucksvoller Weise eine Vorstellung davon, wie breit das Spektrum der Aktivität eines Bodhisattvas über das "rein religiöse" Wirken hinaus sein kann.


Wolf Kahlen ist ein Berliner Kunstprofessor, der 1980 und 1981 in New York den 16. Karmapa traf. Bei seiner ersten Forschungsreise auf den Spuren Thangtong Gyalpos im Jahre 1986 stieß er auf die Gruppe um Lama Ole Nydahl. Seither verbringt Kahlen jedes Jahr einige Zeit in Tibet, neuerdings auch in der Mongolei. Die Resultate dieser Expeditionen, vor allem umfangreiches Filmmaterial, führt er gerne jedem Interessierten vor. Der folgende Artikel über technische Aspekte des Wirkens Thangtong Gyalpos erschien vor einigen Jahren schon einmal in den VDI-Nachrichten unter dem Titel: "Tibets Leonardo".

Stellen wir uns vor: Eine Karawane von Yaks und Tibetern zu Fuß erreichte eines Abends im letzten Licht des Tages Chuwori. Es war heute später als üblich geworden. Sonst rastete man schon am frühen Nachmittag, bevor die Winde das Kyichu-Tal erreichen, auf dessen Berghängen jetzt im Spätsommer schon oft erster Schnee liegt, vom Sonnenuntergang gerötet. Nach Lhasa ist es noch eine Tagesreise. Seit Monaten war die Karawane unterwegs; sie kam aus Bhutan, aus der Nachbarschaft der späteren Klosterfestung Drukyel rDzong im Paro-chu-Tal. Die Last der Yaks war ungewöhnlich. Die alten Mönche des großen Klosters Chuwori hatten so etwas noch nie gesehen. Den sehr jungen Novizen müssen ob der Sensation heimlich die Augen geglänzt haben, wenn sie ihr Gesicht auch sicher mönchisch verhalten hinter einem Zipfel der dunkelroten Robe versteckt hielten, weil ihr Tutor wohl nicht weit von ihnen stand.

In den ledernen Packtaschen der Yaks lagen schwere geschmiedete Ketten und Eisenkettenglieder, länger als eine Handspanne, einen Fuß lang etwa, dicker als ein Daumen und ohne den geringsten Rostansatz. Jeder wollte sie anfassen und prüfen. Halbfertigfabrikate würden wir sagen, noch offene längliche Rechtecke mit rund geschmiedeten Ecken, ähnlich einer ins Rechteck gezwängten Ellipse, vorbereitet, um sie hier am Ort ineinanderzuhängen, zu schließen und zu Ketten von einer Länge von fast 70 Metern zu verschweißen.

Der Herr Chuworis, ihr Abt Thangtong Gyalpo, der "König der weiten Ebenen (des Bewußtseins)", wie man ihn nannte, hatte sie kommen lassen. Vor Jahr und Tag war er, wie so oft in seinem schon jetzt langen, 69jährigen Leben, unermüdlich und mit enormer unerklärlicher Energie ausgestattet, auf Reisen gewesen, "bis ans Ende der tibetischen Welt", zwischen Kaschmir im Westen und Assam im indischen Nordosten. Unterwegs hatte er gepredigt, initiiert, Gesänge komponiert, geheilt und meditiert, neue Bildwelten entworfen, gezeichnet und gemalt, die umherziehenden Barden gefördert und schon die Idee eines tibetischen Theaters im Kopf entwickelt, hatte selbst geschmiedet, wie er es als Kind gelernt hatte, Skulpturen gehauen und gießen lassen und herausgefunden, daß sich auch edle und halbedle Steine wie Bergkristall als Material für Skulpturen eignen. Und er hatte entdeckt, vielleicht auch, wie die Legende sagt, von den Musen, den Dakinis, eingeweiht, wie man Eisen rostfrei schmiedet, besonders an den Nahtstellen, den Überlappungen, auf "ewige" Zeiten - bis heute zum Beispiel, über 500 Jahre lang. Denn wir sprechen vom Jahr 1430.

Auch für die Nomaden unterwegs auf dem Karawanenweg über 6000 Meter hohe Pässe von Phari in Bhutan durchs Chumbital nach Norden in die Provinz U-tsang in Tibet, wie für Tausende Mönche, Pilger und Dorfbewohner in der Nähe der heiligsten Stadt Tibets, waren diese rostfreien Metallstücke ein reines Wunder. Eigentlich hatte sie niemand transportieren wollen. Seine Zeitgenossen hatten die Idee für verrückt gehalten, das Eisen durch den Himalaya zu bewegen, aus dem Kongpo-Gebiet im fernen Südosten Tibets oder aus Assam nach Bhutan, dort zu schmieden und es dann in Hunderte von Kilometern weit auseinanderliegende Gebiete Tibets zu bringen; für möglich allerdings wohl, denn sie kannten die Zähigkeit ihrer Tiere und Karawanenführer. Der wundertätige Mahasiddha, der mit "großer Kraft" Ausgestattete, aber hatte sie überzeugen können. Als die bhutanesischen Schmiede eines Tages meuterten und den Vergleich zogen, es sei ebenso unmöglich mit der Last nach Lhasa zu gelangen, wie die schweren Ketten in den nächststehenden Baum zu hängen, nagelte er sie in ihrem Versprechen fest: wenn er die Ketten in den Baum hänge, dann müßten sie für ihn die Ketten die ersten Tagesreisen tragen. In der Nacht hängte Thangtong Gyalpo alle Ketten in die Bäume. Das erfüllte sie am nächsten Morgen mit Schrecken, der sich in Ehrfurcht verwandelte. Jetzt empfanden sie es als einen Segen, diesem Heiligen helfen zu dürfen. Außerdem wurde ihnen nun erst klar, daß sie sich und anderen damit einen Pilgerweg von Bhutan und Sikkim nach Lhasa eröffneten, wenn endlich ein gefahrloserer Weg über den Kyichu geschaffen und der Umweg um Wochen verkürzt werden könnte.

Viele Tiere und Träger hatten sich abgelöst, aus den grün bewaldeten abgeschlossenen Fürstentümern Bhutans bis hinauf nach Phari, mit Hilfe des Fürsten von Gyaltse über endlose Pässe "hinunter" in die trockenen Hochebenen, und in die sandverstaubten Flußtäler des Kernlandes des tibetischen Buddhismus. Kurz vor dem Ziel war die Karawane bei Gongkar überfallen worden, und die Bewohner der Gegend hatten 86 der 200 Eisenladungen für ihre Schwerter und Geräte mißbraucht. Es gab zu dieser Zeit noch keinen wiedergeborenen obersten geistigen Führer, die Dalai Lamas wurden erst viel später als solche erkannt. Tsongkapa, der große Reformator, wachte über die Geschicke im Jokhang, dem Heiligtum Lhasas, während die mächtigen Klosterstädte und -universitäten in Drepung, Sera und Ganden erst in der Gründung und Entstehung waren. Dies war die Zeit auch für eine verkehrsgeographische Renaissance, für eine neue Infrastruktur, für Brücken, Fähren, Architekturen, Strukturelemente, die auch das Zeitmaß der Tibeter wesentlich verändern sollten. Tsongkapa war der geistige Führer der Zeit, Thangtong Gyalpo ihr künstlerischer, sozialer und technologischer Pragmatiker, ein Universalist in Lehre und Praxis, ein multimedialer und interdisziplinärer Arbeiter als Künstler aller Künste, ein Leonardo Tibets. Sein Brückenschlagen war nicht nur eine symbolische Idee, sondern auch ein organisatorischer und technologischer Triumph und eine künstlerisch architektonische Tat. Die soziale Leistung, in allen Landesteilen des ungeeinten Tibets Brücken zu bauen, ist einzigartig.

Als Schmied war Thangtong Gyalpo, weil Schmiede der Erde etwas entnehmen, einem der untersten "Stände" zugeordnet. Zugleich war er aber Philosoph, an der Spitze der Verehrung, obwohl er sich immer wieder inkognito im Lande wie ein Bettler bewegte. Auch dieses soziale Brückenschlagen hatte Methode. "Seine erste Expedition auf der Suche nach Eisen wurde motiviert durch ein Ereignis an der Fähre über den Kyichu vor Lhasa (dort, wo später seine Brücke entstand). Thangtong Gyalpo wollte den Fluß überqueren, wurde aber wegen seines Aussehens (als Bettler) vom Fährmann zurückgewiesen und nach einem Schlag auf den Kopf mit dem Ruder über Bord geworfen. Dies vermittelte ihm die Einsicht in die Not der Armen und die Ungerechtigkeit ihnen gegenüber, und er gelobte, an eben dieser Stelle eine Brücke zu bauen, "damit alle Menschen ohne Diskriminierung den Fluß überqueren konnten", so schreibt der Tibetologe Stearns - Mitglied in unserem Expeditionsteam - in seiner Analyse des Lebens von Thangtong Gyalpo. Selbst die heutige chinesische Regierung, die auf das tibetische Volk herabschaut, muß inzwischen anerkennen, daß diese historische Persönlichkeit Tibets - vielleicht als einzige - den Beweis antreten kann, ein "guter", ein "fortschrittlich denkender", ein "sozialer" und ein "wissenschaftlich-technologisch interessierter" Tibeter gewesen zu sein. Darum ist die Chinesische Akademie der Sozialwissenschaften an unserer Forschung - der Erstellung eines umfassenden Portraits dieses tibetischen Universalisten - sehr interessiert und möchte sich an ihr beteiligen.

Spätsommer 1988 führte ich die "Erste Internationale Thangtong-Gyalpo-Expedition" zwei Monate durch Nordindien, Spiti, nach Nepal und Tibet. Die Expedition, in den verschiedenen Ländern aus zum Teil wechselnden Teilnehmern besetzt, bestand im Kern aus dem amerikanischen Tibetologen Cyrus Rembert Stearns, dem polnischen Buddhismuswissenschaftler und Geologen Marek Kalmus, dem polnischen Kameramann und Ritualforscher Waldemar Czechowski, dem Tibeter Padma Wangyal und mir als Künstler, Filmemacher und Tibetforscher.

Schon 1985, als Consultant for Art and Architecture der königlichen Regierung von Bhutan, hatte ich in Reliefs, Skulpturen und Thangkas von der besonderen Verehrung Thangtong Gyalpos erfahren und war ihm zufällig und wiederholt, auch unter merkwürdigen Umständen, begegnet. Die Bhutanesen halten ihn eifersüchtig für einen der ihren, was Thangtong Gyalpos größtem Wunsch der überregionalen Universalität sicher widerspricht. Für uns ist er, wohl in seinem Sinne, eine über allen Lehrtraditionen des tibetischen Buddhismus stehende Persönlichkeit, wie unterschiedlich sie auch in Bhutan, Spiti, Sikkim oder Tibet Kagyupa, Nyingma, Drukpa, Shangpa, Gelugpa oder Sakyapa heißen mögen.

Alle Brücken Thangtong Gyalpos in Bhutan waren - bis auf eine, von der wir erst später erfuhren - von Fluten, Erdrutschen oder durch Vernachlässigung zerstört. Die Kettenglieder und -teile jedoch wurden wie Reliquien in Klöstern, am Königshof oder bei Regierungsbeamten würdig aufbewahrt. Im Kloster Tamcho-norbu-gang, dem Familiensitz direkter Nachfahren Thangtong Gyalpos hingen die schweren Objekte der Verehrung auf Dachbalken aus, während am Fuße des Klosterberges eine neue kleine Brücke an der Stelle der alten Brückenfundamente den Fluß überspannten. Eine geheime Biographie Thangtong Gyalpos, die erst beim Eintauchen in Wasser sichtbar wird, war aus der Klosterbibliothek verschwunden.

Alle befragten heutigen Äbte, Reisenden, Tibet- und Bhutankenner winkten ab, wenn die Frage auf noch bestehende Brücken kam. "In Tibet gibt es sicher keine mehr, wenn, dann nur in Bhutan", hieß es. Aber da waren sie ebenfalls nicht mehr existent. Aus dem Studium diverser Biographien und der Übersetzung einer zuverlässigen Quelle des 16. Jahrhunderts kannten wir ungefähre Ortsnamen, besser gesagt nur Distriktsbezeichnungen, aber auch genaue Jahreszahlen und viele Geschichten. Kein lebender Augenzeuge schien uns helfen zu können. Nur ein hoher reinkarnierter Abt in Nepal erinnerte sich an eine Brücke, die er vor der Kulturrevolution im Norden Lhasas überquert hatte. Die oben erwähnte Brücke über den Kyichu im Süden stand noch in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts, erinnerten sich alte Lamas im Exil in Dharamsala genau. Ein Photo der Restketten einer Brücke sandte uns Hugh Richardson, der in den 40er Jahren englischer Vertreter in Tibet war. Es konnte nur Sehnsüchte wecken, sie aber nicht stillen. Aber wir wollten es genau wissen.

Ich hatte in Bhutan die Eisenketten in den Händen gehabt, kannte also ihre Größe, ihr Gewicht, ihre Textur und Patina, wußte, daß sie von Thangtong Gyalpos eigener Hand eingehämmerte Inzisionen haben könnten, vorzugsweise einen Doppelvajra, einen doppelseitigen Donnerkeil, ein Diamantzepter. Aber in Bhutan hatte ich keine Gravierung gefunden, auch keine intakte Brücke mehr, bis wir einen Hinweis auf Ostbhutan und dazu einen photographischen Beweis von Harrer erhielten. Leider konnte die Expedition 1988 nicht auch noch nach Bhutan fortgesetzt werden. Wir sollten aber wesentlich mehr Glück haben.

Wir waren sehr gut gestimmt im August 1988, als wir im für Ausländer verbotenen und auch für Inder schwer zugänglichen Spiti mit einer Genehmigung arbeiten durften und eine sensationelle Entdeckung machten: Wir stießen auf ein seit 60 Jahren verlorengeglaubtes, nicht vollständig dokumentiertes magisches tibetisches Ritual, das Thangtong Gyalpo zugeschrieben wird, das dazu noch mit animistischen Bönrelikten durchsetzt ist. Mit diesem heute noch praktizierten Ritual soll Thangtong Gyalpo eine unheilbare Krankheit in Lhasa ausgerottet und die dämonischen Widerstände beim Bau seiner ersten Brücke überwunden haben. In Lhasa, herbeigerufen von Tsongkapa, hatte er den für die Epidemie verantwortlichen Dämon in einem Felsstein lokalisiert, in dem er sich verkrochen hatte. Nun diente dieser Stein als Türschwelle zum Haupttempel Lhasas. Thangtong Gyalpo ließ den Stein auf den Marktplatz tragen, opferte, bat und drohte schließlich dem Dämon, den symbolischen und wirklichen Stein und damit den Ort zu verlassen. Als jener sich nicht beeindrucken ließ, auch nicht durch einen magischen Schwertertanz, bei dem der Körper des Trancetänzers auf Schwertspitzen balancierte, ging ein zweiter Akteur in Trance, der Fels wurde dem auf dem Boden Liegenden auf die Brust gelegt. Und mit einem zweiten runden Flußstein zerschmetterte Thangtong Gyalpo den Fels beim ersten Schlag, ohne den Darunterliegenden zu verletzen.

Diesem Mahasiddha trauten seine mittelalterlichen Zeitgenossen auch zu, daß er nichtrostendes Eisen erfunden hatte und tonnenschwere Brücken über die breiten Himalayaströme schlagen konnte. Wann immer Thangtong Gyalpo eine neue Brücke begann, beschreibt sein Biograph Lochen Gyurme Dechen, zerstörten Dämonen nachts das Begonnene, und Thangtong Gyalpo bannte sie durch sein Ritual oder auf andere abenteuerliche Weise.

Am Sonntag, den 25. September 1988, hielten wir die ersten Kettenglieder einer Thangtong Gyalpo-Brücke in Tibet in unseren Händen. Wir hatten sie gefunden "in der Nähe" eines überlieferten Ortes, an dem selbst wir keine Brücke mehr fanden. Es waren die gleichen Eisenstücke wie in Bhutan, rötlich- bis gelblich-braun, mit geschlossener Patina, eher wie Bronze als nach Eisen aussehend. Ich sah die perfekt geschmiedeten Nähte, fast übergangslose Verschweißungen. Diese schwächste Stelle war ihre Stärke. Eine metallurgische, vor Jahren schon gemachte Untersuchung der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich an einem bhutanesischen Kettenglied hatte erbracht, daß die Nähte arsenhaltig sind.

Willfried Epprecht schreibt: "Dies macht es wahrscheinlich, daß das vorliegende Eisen aus kleinen Stücken etwas unterschiedlicher Zusammensetzung und Korngröße zusammengeschmiedet worden ist... Sehr wahrscheinlich sind zuerst Stäbe hergestellt worden, die hierauf zu Gliedern geformt und schließlich längs einer Schlußnaht (vielleicht am Aufstellungsort?) zu Ringen geschlossen wurden..." Und in näherer Beschreibung der Nahtzone: "...Es scheint, als ob der schwer anätzbare Ferrit beim Feuerschweißen ein flüssiger Film gewesen wäre, der die zu verbindenden Oberflächen mit all ihren Unregelmäßigkeiten benetzte. Bemerkenswert ist dabei, daß auch Eisenflächen unter Schlackenpartien mit der Sonderferrit-Haut bedeckt sind. Der beschriebene Nahtfilm hat eine große Ähnlichkeit mit demjenigen, welchen G. Becker in einer römischen Schwertklinge als Verbindungszone zwischen der gehärteten Stahlschneide und dem weicheren Klingen-Hauptteil aus Eisen fand. Er stellte fest, daß die Verbindungszone einen erheblich über 2,8 Prozent liegenden Arsengehalt besitzt. Aus diesem Grunde wurde eine Mikrosonden-Prüfung der Ketten-Schweißnaht ausgeführt, ließ doch der gefundene Arsengehalt eine ähnliche Schweißverbindung vermuten. Es ist tatsächlich eine eindeutige Arsenkonzentration... vorhanden."

Nach genauerer Beschreibung des Arsengehaltes lesen wir weiter: "Schon Aristoteles soll die Leichtflüssigkeit gewisser Eisensorten gekannt haben. Möglicherweise war damit arsenhaltiges Eisen gemeint. Bekannt ist auch, daß arsenhaltiger Stahl besonders schlackenarm ist. Für das römische Schwert vermutet G. Becker, daß die heiße Eisenklinge vor dem Anschmieden der Stahlschneiden mit flüssig werdenden, niedrig schmelzenden Luppen aus arsenhaltigem Eisen benetzt worden sein könnte. Eine entsprechende Technik ist auch bei der Herstellung der Montage-Naht des vorliegenden Kettenglieds denkbar. Vielleicht kommt auch eine andere Herstellungsart des arsenreichen Schmelzfilms in Frage, zum Beispiel der Auftrag eines arsenhaltigen Pulvers (Arsenoxid) oder einer Paste, welche beim Feuerschweißen schmolz und die Oberfläche des Stücks filmartig benetzte." Solche Arsennähte sind uns nicht bekannt, außer bei dem möglicherweise aus der Klingenmanufaktur von Damaskus stammenden römischen Schwert. Daß wiederum historische Verbindungen zum tibetisch-asiatischen Raum, beispielsweise über die Seidenstraße, im Spiel sein können, die das Schmiedegeheimnis dort hingebracht haben, ist nicht auszuschließen. Wir wissen weiterhin auch aus der Biographie des Lochen Gyurme Dechen, daß die Schmiede Paros einmal 7000 Kettenglieder für Thangtong Gyalpo hergestellt hatten und Thangtong Gyalpo 1400 Traglasten, jede aus 15 Gliedern bestehend, zusammentrug. Ob diese 15 Glieder einzeln waren oder schon zu einem Kettenstück zusammengesetzt, wird nie erwähnt.

Woher auch immer Thangtong Gyalpo diese Schmiedetechnik haben mochte, ob in religiöser Eingebung empfangen oder von seinen rastlosen Reisen zwischen Indien und dem chinesischen Kaiserhof kreuz und quer durch alle Länder des Himalaya mitgebracht, sie ist eine Sensation, schon wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen "auf dem Dach der Welt", dort , wo Holz selten und kostbar ist, am Holzkohlefeuer in dieser Perfektion geschmiedet wurde. Über mögliche Vorbilder von Hängebrückenkonstruktionen aus Eisenketten gibt es unterschiedliche, mehr oder weniger unbewiesene Angaben. Der Engländer Joseph Needham erwähnt eine chinesische, die schon im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden sein soll und ausgerechnet um 1410 repariert wurde. Es ist uns aber nicht bekannt, daß Thangtong Gyalpo in Yünnan am Lantsang-Fluß gewesen sein könnte. Auch am Euphrat und über den Mekong soll es frühe Kettenbrücken gegeben haben. Nur historische Restketten hingen an den ersten drei Brücken Thangtong Gyalpos, die wir entdeckten; moderne Stahlseile trugen die eigentliche Hängelast.

Die Ketten waren nurmehr Reliquien. An den beiden Ufern die aus Felsgestein gefügten Gründungen, immer wieder reparierte Massierungen von Stein und Resten eines nahegelegenen zerstörten Klosters und der tempelartigen, früheren Brückenkopfgebäude, wie wir sie von Chuwori und aus dem heutigen Bhutan kennen. Wir fanden geschnitzte Holzpfeilerteile, Türschwellensteine und ähnliche nach der Überlieferung segensreich aufgeladene Objekte in die Konstruktion eingefügt. Und am diesseitigen Ufer lag ein weißlicher, großer, gerundeter Flußstein mit einem dunklen "Fußabdruck" Thangtong Gyalpos, so wie es unzählige Fußabdrücke Buddhas in der buddhistischen Welt geben soll. Und am jenseitigen Ufer das Pendant des anderen Fußes nahe der Gründung der Ketten im Fels, an einem von Büschen überwucherten Relief Thangtong Gyalpos. Zwischen den Fußabdrücken die Brücke, ein altes buddhistisches Symbol der Befreiung: welch ein Bild, welch eine sprechende Situation, welch ein großer Schritt, den Thangtong Gyalpo hier getan hat.

In der Hitze des Spätsommermittags untersuchten wir - kopfüber über dem reißenden Gebirgsfluß - jedes einzelne Kettenglied nach Inzisionen und wurden fündig. Auf einem Glied stand, wohl im heißen Zustand mit langem Meißel in das Metall getrieben und daher ein wenig ungelenk: Kostbare Eisenbrücke. Ein Indiz für die Authentizität eines besonderen, eines heiligen Erbauers, wenn nicht Thangtong Gyalpos selbst. Wenig später fanden wir an einer zweiten Brücke eine Jahreszahl, das Wasser-Hund-Jahr. Aber welches? Nach dem 64-Jahres-Zyklus der Tibeter fällt diese Angabe für die Lebenszeit Thangtong Gyalpos auf zwei Daten: einmal in seine frühe Kindheit, das zweite zyklische Mal in sein 81. Lebensjahr, also 1442. Und tatsächlich hat er hier in dieser Gegend zu dieser Zeit eine seiner Brücken gebaut, wie seine Biographie angibt.

Später im September sollten wir noch größeres Glück haben. Bei der Entdeckung des legendären, noch niemals vorher dokumentierten wichtigsten Klosters Thangtong Gyalpos, Cung (oder Pal-) Riwoche am Tsangpo im westlichen Zentraltibet, das wir nach tagelangen Irrfahrten durch Flußtäler fanden, stand neben einem gewaltigen Stufentempel aus Thangtong Gyalpos Architektenhand die "Bilderbuchbrücke", die wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorgestellt hatten.

Sie ist das Glanz- und Beweisstück seiner Brückenbaukunst. Die Brücke von Cung (bzw. Pal) Riwoche aus dem Jahre 1436 ist aufgrund einer der vielen Prophezeiungen Tibets ein Garant der Existenz des tibetischen Buddhismus, solange sie existiert und verehrt wird; sie führt uns daher direkt ins Mittelalter zurück. Wir fanden diese Prophezeiung durch Zufall in einer Nebenbemerkung einer Chronik von Ladakh, nachdem wir wieder zurück in Berlin waren.

Glücklicherweise haben die rGyal-Pos, die Verwalter Riwoches, in den vergangenen Jahrhunderten ihr Erbe verstanden und auch nach oder auch in der Kulturrevolution die Brücke geschützt bzw. wiederhergestellt: sie ist in bestem Zustand für die rituelle Praxis. Denn für den Übergang über den Brahmaputra, den Tsang-po, der hier bei normalem Wasserstand im Herbst noch keine hundert Meter breit ist, ist eine neue Stahlseilbrücke gebaut worden.

Kaum jemand versäumt es, an der geheiligten Brücke Thangtong Gyalpos auch im Vorbeigehen zu opfern oder eine Ehrbezeugung zu machen. Je zwei seitliche Eisenketten, etwa in Hüfthöhe eines Tibeters, werden mit weiteren Ketten in Fußhöhe, auf denen Holzbohlen liegen, durch Yaklederstreifen, geflochtene, verstärkende Lederriemen und Seile zusammengehalten; nicht selten hängen Tierfelle oder ganze Häute, zum Beispiel eines Marders oder Jungtieres daran. Beim Begehen muß man den Rhythmus der schwingenden Ketten aufnehmen, denn die "Geländer" sind nicht nur für uns zu niedrig. Die Brücke überspannt in zwei Schritten den ruhig fließenden, großen Strom. Der erste größere Schritt vom Steilufer, aus einem Opferchörten heraus, an dem frische Blumen und immer die Gebetsfahnen, die "Windpferde", flattern, setzt ab auf einer Anhäufung von Felsgestein im Fluß: Ausnutzung einer natürlichen Insel oder, wie wir wissen, oft künstliche Setzung, ein Erkennungsmerkmal der Brücken Thangtong Gyalpos. Da beginnt der zweite Brückenteil, meist ein wesentlich kürzerer. In Chuwori wie in Riwoche oder Tsethang.

Vermutlich hat er 50 bis 60 Eisenkettenbrücken, 60 hölzerne und 118 Fähren bauen lassen, sagt die Chronik. Den Brückenbau begann er erst im Alter. Vorher galt seine Aktivität anderen Aufgaben wie der Architektur und der Medizin. Darum ist er immer abgebildet mit zwei kennzeichnenden Gegenständen in den Händen: in der rechten die Glieder einer Eisenkette, in der linken ein Gefäß mit dem Nektar des langen Lebens. Aber das sind andere, noch unerzählte Geschichten. Im Hintergrund der Brücke steht eine der großartigsten Architekturen Thangtong Gyalpos, der siebenstöckige Stufentempel mit Fresken (vermutlich) aus seiner Hand. Der einem Mandala ähnliche Grundriß des teils schwer zerstörten Heiligtums ist noch deutlich zu erkennen. Der meterhohe Schutt der eingeschlagenen Dächer der vielen kleinen Kapellen in den Stockwerken hat zum Glück die außergewöhnliche Ansammlung von Mandala-Fresken, im unteren Teil der Wände und manchmal bis zu zwei Drittel Höhe hinauf, vor der Zerstörung durch das strenge trockene Klima bewahrt. Wir photographierten den größten Teil der zugänglichen Fresken und winzigen Kapellen erstmalig für die Kunstgeschichte und hoffen heute, daß nicht inzwischen begonnene Reparaturen diesen Schatz von besonderer Qualität zerstört haben. Denn dem Tibeter bedeutet die Authentizität weniger als die Vollständigkeit und Vervollkommnung der heiligen Darstellungen. Erst in ihrer Vollkommenheit werden sie wirksam. Darum übermalen sie sie gern.

Diese Expedition gab uns die Beweise, daß Thangtong Gyalpo die Persönlichkeit Tibets ist, die wir, die wir ihn mit Leonardo da Vinci vergleichen, in ihm vermutet hatten. Sein Universalismus war auf vielen Gebieten beispielhaft, nicht nur auf dem des Brückenbaus. Die Strukturen seiner Weltsicht könnten heute wieder beispielhaft werden - einer unserer Gründe, an dem teils von der Technischen Universität Berlin finanzierten umfassenden Portrait von Thangtong Gyalpo weiterzuarbeiten.


Von Wolf Kahlen