Aus: Buddhismus Heute Nr. 19, ( 1995)

Der Mahamudra-Weg - Teil 2: Die Meditation der Geistesruhe

Von Künzig Shamar Rinpoche

Meditation ist eine äußerst tiefgründige Praxis und wird umso tiefgründiger, je weiter man darin fortschreitet. Mein allgemeiner Rat ist, dass man in einer einfachen Weise beginnen sollte - so einfach wie möglich.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich das begrenzte Medium Sprache zum Vermitteln der eigentlichen Erfahrung auch nur der grundlegendsten Meditations-Formen unangemessen finde.

Die Terminologie einer jeden Sprache beruht aufgrund dessen, dass sie eine menschliche Erfindung ist, ausschließlich auf allgemeinen Erfahrungen. Auch die Sprache der Philosophie ist beschränkt durch den Rahmen innerer Erfahrungen, die man miteinander teilt; sie hat keinen äußeren Bezugspunkt auf den man sich einigen könnte. Sprache ist nicht in der Lage, persönliche Erfahrungen zu transzendieren. Dies ist die Wurzel des Problems vor dem wir stehen.

Wenn ihr beispielsweise eine Tasse heißen Tee berührt, so spürt ihr den Sinneseindruck von Hitze, und in gleicher Weise spürt ihr den Sinneseindruck von Kälte, wenn ihr einen Eiswürfel berührt. Die Ausdrücke „heiß" und „kalt" haben also eine ziemlich genau definierte Bedeutung, mit der jedermann übereinstimmen kann, denn ein jeder hat schon das eine oder andere Mal diese Eindrücke durch direkten physischen Kontakt erlebt. Wie aber sollen wir die Richtigkeit unserer gegenseitig akzeptierten Ausdrücke zum Vermitteln von unbeschreibbaren Erfahrungen - wie etwa in Meditation entstehende Zustände von Bewusstheit - überprüfen?

Es stimmt zwar, dass in den vergangenen Jahrhunderten in Tibet eine philosophische Sprache entstanden ist, die aus verschiedenen von Meditierenden erfundenen Dharma-Ausdrücken besteht. Das Verständnis der tatsächlichen Bedeutung dieser Ausdrücke erfordert jedoch einen beträchtlichen Hintergrund an Information und Erfahrungen.

Es heißt beispielsweise, dass in der Mahamudra-Praxis die Erfahrung von Ro Tschig - was grob als „Ein-Geschmack" übersetzt wird - entsteht. Mahamudra bedeutet wörtlich „Großes Siegel" in dem Sinne, dass es - so wie ein festes Siegel in weichem Wachs ein Dokument besiegelt - unveränderlich ist; es bedeutet, dass alle Dinge als in der Essenz gleichwertig erlebt werden.

Ro Tschig ist eine von vielen Stufen von Verwirklichung, die durch die Mahamudra-Praxis erlangt werden können. Es ist schwierig, exakt zu sagen, worauf sich der Ausdruck Ro Tschig bezieht. Das Wort „Geschmack" ist nur eine Analogie für eine Art von geistiger Erfahrung; es geht hier nicht um den von der Zunge erlebten Geschmack. Eine Person, die die Bewusstheit des „Einen Geschmack" erlebt hat, kann sich mit einer anderen Person, die ebenfalls diese Erfahrung hatte, darüber verständigen, indem sie dieses Wort verwendet. Der Ausdruck wird jedoch für jene, die diese Erfahrung erst noch machen müssen, immer abstrakt und ungreifbar bleiben.

Wie dieses Beispiel zeigt, kann Dharma-Terminologie als ein fast perfektes Kommunikationswerkzeug zwischen zwei Wesen dienen, die die gleiche Erkenntnis meditativer Einsicht miteinander teilen. Wenn sie jedoch allgemein verwendet wird, neigt sie dazu, vage und stumpf zu werden - sie kann die beabsichtigte Bedeutung nur in groben Zügen wiedergeben.

Ungeachtet meiner Ansichten über die Natur von Sprache möchte ich jedoch versuchen, meine Gedanken über Meditation zu vermitteln.

Das ruhige Wasser eines klaren Bergsees

Die tiefgründigste Meditation beginnt sehr einfach: Die Meditation des „Ruhigen Verweilens" (in Tibetisch „Shine" und in Sanskrit „Shamatha" genannt) ist eine sehr effektive Technik und ist erfrischend und unkompliziert zu praktizieren. Es gibt viele verschiedene Methoden und allen liegt der gleiche Zweck zugrunde: Den Geist zu befähigen, über einen längeren Zeitraum friedlich und ununterbrochen in einem stabilen Zustand von einsgerichteter Konzentration zu verweilen.

Man beginnt, indem man lernt, über Zeiträume von zehn, zwanzig oder dreißig Minuten still zu sitzen und dabei stufenweise die Länge der Meditations-Sitzungen auszudehnen. Die Fähigkeit in einem Zustand von völliger Vertiefung zu verweilen, wird als sehr fortgeschritten angesehen. Man kann aber auch schon auf den ersten Meditationsstufen lernen, ruhig zu sitzen und sich seines Geistes bewusst zu sein, indem man den Fluss der aufkommenden und vorbeiziehenden Gedanken, die wie dahingleitende Wolken an einem klaren Himmel sind, beobachtet.

Zuerst ist der Geist des Meditierenden wie ein wildes Pferd. Durch beständige Praxis der Meditation des „Ruhigen Verweilens" wird er stufenweise gezähmt. Schließlich wird der Geist klar und frei von jeglicher Aufregung. Die Aktivität des Geistes ist zuerst wie ein Wasserfall, später wie das sanfte Dahinfließen eines breiten Flusses und letztendlich wie das ruhige Wasser eines klaren Bergsees.

Ablenkungen

Um die Grundlage für die Entwicklung der konzentrativen Fähigkeiten zu legen, die das Herz der Shine-Meditation sind, sollten wir die Natur der Ablenkungen erkunden, um herauszufinden woraus sie bestehen und wie sie entstehen.

Es gibt zwei Hauptkategorien von Ablenkungen: Innere und äußere.

Äußere Ablenkungen sind Störungen in der physischen Umgebung, wie zum Beispiel Geräusche, die die Konzentration unterbrechen. Es können manchmal auch Ablenkungen auftreten, ohne dass man sie überhaupt bemerkt. Es kann leicht geschehen, dass man in alle möglichen Gedanken vertieft ist, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden.

Zuerst ist es schwer, die eigene Aufmerksamkeit vom Umherwandern abzuhalten. Langsam jedoch, in fortschreitenden Stufen, werden äußere ablenkende Einflüsse überwunden. Manchmal benutzen fortgeschrittene Praktizierende zusätzliche Techniken, um ihre Meditationsdisziplin weiter zu vertiefen: Sie balancieren zum Beispiel ein volles Glas Wasser auf ihrem Kopf.

Innere Ablenkung kann viele Formen annehmen, manche dem Anschein nach positiv und andere anscheinend negativ. Negative Ablenkungen beinhaltet alle Arten von verdunkelnden emotionalen Zuständen, zum Beispiel Zorn, Eifersucht und Angst. Es ist tatsächlich möglich, dass es einem erscheint, als würden intensive Emotionen durch die Meditationspraxis zu noch stärkeren, überwältigenden Gefühlen verstärkt werden. Dies liegt daran, dass der Geist im gewöhnlichen Leben normalerweise in zufälligen, hektischen Bewegungen hin und her springt. Er ist ständig am Plappern und endlos mit einer geistigen Aktivität nach der anderen beschäftigt. So neigt er dazu, emotionale Zustände nicht so tiefgreifend wahrzunehmen. Im leeren Raum des in Ruhe vertieften Geistes wird die zwanghafte Stärke emotionaler Muster dann jedoch heftig sichtbar.

Innere Ablenkungen, die mit positiven Gefühlen zu tun haben, sind subtiler und trügerischer. Sie erscheinen als wundervolle, angenehme Geisteszustände, die aus der erfolgreichen Verwirklichung der Shine-Meditation resultieren. Charakteristisch für sie ist ein enormes Gefühl von Zufriedenheit, Bequemlichkeit, Glück und sich wohl fühlen. Das Problem besteht darin, dass der Meditierende Anhaftung an diese Zustände entwickelt und ihr wiederholtes Auftreten anstrebt, um ein dauerhaftes Gefühl von freudvoller Losgelöstheit zu erreichen. Die Anhaftung wird in dieser Weise zu einem Hindernis, das die Entwicklung weiterer Ebenen von Bewusstheit verhindert.

Erfahrungen

In Abwesenheit von inneren und äußeren Ablenkungen wird spontan ein Gefühl von Freude, Klarheit und intuitiver Wertschätzung der Leerheit entstehen. Wenn wir jedoch zu diesem Zeitpunkt, mit unserer gewöhnlichen Denkweise, eine Pause machen und eine vor uns auf dem Tisch stehende Teetasse betrachten würden, so würden wir das Entstehen dieser ursprünglichen Qualitäten des Geistes nicht mehr bemerken. Selbst wenn wir, während wir uns auf ein Objekt konzentrieren, einen Zustand von aufmerksamer Achtsamkeit aufrechterhalten könnten, so wäre das wie das Festhalten eines wilden Ponys an einem Lasso.

Wenn man jedoch in Meditation fortschreitet, wird der Geist mehr und mehr gezähmt, und schließlich verlagert man den Fokus der Meditation auf sich selbst; infolgedessen entsteht ein Gefühl von großer Freude, Klarheit, und ein weiter, durchdringender Sinn für Leerheit. Letzterer ist charakterisiert durch die Abwesenheit gewöhnlicher Gewohnheitstendenzen, die uns die Phänomene als substantiell wirklich und aus einer inhärenten Eigennatur entstanden verstehen lassen.

Auf dieser Stufe ist ein Lehrer, ein Führer, unerlässlich. Es ist schwer, das was hier geschieht, auf eigene Faust zu erkennen und korrekt zu interpretieren, da man von der Erfahrung völlig in Anspruch genommen ist und nicht alleine unterscheiden kann, ob sie echt ist oder ob sie aufgrund von subtilen geistigen Neigungen, die aus Erwartungen entstanden, absichtlich erzeugt wurde. Da man nicht in der Lage ist, die subtilen Arbeitsweisen des Geistes wahrzunehmen, würde man - wenn man auf sich selbst gestellt ist - natürlicherweise annehmen, dass die Erfahrung unverfälscht wäre. Nur jemand, der mit allen Stufen der Meditationspraxis vertraut ist, wird fähig sein, klar zu sehen, was wirklich vor sich geht.

Bedenkt bei der Wahl des Lehrers, dass er oder sie fähig, reif und geduldig sein muss. Er oder sie muss direkt und geschickt sein können, ohne dabei schroff zu sein oder den strebsamen Schüler zu entmutigen. Ich kann die Wichtigkeit einen solchen Lehrer zu finden, nicht überbetonen.

Das Entstehen von Freude, Klarheit und Nicht-Konzepthaftigkeit ist also, wie gesagt, ein Anzeichen dafür, dass die Meditation des RuhigenVerweilens erfolgreich verwirklicht wurde. Dies lässt wiederum natürlicherweise zunehmend die Fähigkeit entstehen, einsgerichtet in diesen Erfahrungen zu verweilen.

Wenn zum Beispiel ein Gefühl von Freude aufkommt, und sich einsgerichtete Konzentration auf diese Erfahrung entwickelt, dann wird die Erfahrung schließlich stabil und dauerhaft werden. Die dualistische Natur der menschlichen Gedanken verhindert jedoch die Verwirklichung eines reinen, unbefangenen Gefühls von Freude, da der Geist dazu neigt, diese Art von Gefühlen zu erzeugen, um unbequemen und störenden Gedanken entgegenzuwirken. Deswegen ist es möglich, dass die freudvollen Erfahrungen einfach nur eine künstliche Erfindung sind - nur eine geistige Projektion, die auf Erwartungen statt auf gültiger, natürlich entstandener Wahrnehmung beruht.

Dies gilt in gleicher Weise für die Erfahrung von Klarheit, die ebenfalls leicht verdreht werden kann. Bevor wir uns das näher anschauen, sollten wir zuerst Klarheit definieren. Klarheit des Geistes ist nichts anderes als Bewusstheit, die sich ihrer selbst bewusst ist. Manchmal spricht man davon als „Klares Licht", was sich auf die Qualität von lebendiger, leuchtender Bewusstheit bezieht; sie hat die Fähigkeit zu erhellen, aber nur in dem Sinne, dass das Unbekannte bekannt gemacht wird. „Klares Licht" strahlt nicht im wörtlichen Sinne Licht aus, wie etwa eine Straßenlaterne. Es ist nur eine Ausdrucksweise.

Im gewöhnlichen Alltagsleben sind wir uns der essentiellen Natur des Geistes nicht bewusst. Die zugrundeliegende Klare-Licht-Natur des Geistes ist normalerweise von einem See von Gedanken verdeckt. Diese entstehen durch Stimulation der physischen und geistigen Aspekte der Sinnes-Bewusstseinsarten, infolgedessen, dass sekundäre unterstützende Bedingungen auftreten. Solche sind die Interaktion zwischen äußeren Erscheinungen und den Sinnes-Fakultäten, ebenso wie der verbindende Prozess, der die Sinneseindrücke in geistige Sinneswahrnehmungen überträgt.

Dieser gewöhnliche, gedankenverlorene Geisteszustand ist eigentlich eine Art von Stumpfheit, von Schläfrigkeit, und beruht auf der vernebelten Unwissenheit dichter Geisteszustände ohne Selbst-Gewahrsamkeit. Es ist eine automatisch auftretende kontinuierliche Abfolge von kognitiven Aktionen und Reaktionen, die auftreten, ohne sich auf den selbst-gewahrsamen Aspekt des Bewusstseins zu stützen. Kurz gesagt, ist die reflektive Fähigkeit des Geistes die Grundlage für echte Intelligenz und alle oberflächlichen geistigen Aktivitäten, die dahinlaufen, ohne mit der durchdringenden, sogar letztendlichen Selbst-Gewahrsamkeit des bewussten Geistes verbunden zu sein, sind einfach unwissende geistige Aktivitäten - eine Art von Lärm, der unseren Geist von seiner wahren Natur ablenkt.

Wenn der Gedankenfluss einmal beruhigt worden ist, entsteht immense Klarheit. Wie schon früher erwähnt, kann durch das Entstehen von Anhaftung an dieses Gefühl ein gekünstelter Geisteszustand entstehen, der von der eigentlichen Erfahrung der Klarheit ablenkt. Man steht dann wieder mit einem gewöhnlichen, samsarischen Geisteszustand da.

Was für die Erfahrungen von Freude und Klarheit gilt, trifft auch für Nicht-Konzepthaftigkeit zu. Die Natur des Geistes als Leerheit wird normalerweise aufgrund unserer Unwissenheit nicht erlebt. Wenn der Geist als solide und wirklich angesehen wird, sind Spannungen und Neurosen unvermeidbar und werden infolgedessen fälschlicherweise als wahrhaft existent gesehen. Wenn die konzepthaften Gedanken beruhigt worden sind, ist die Grundlage dafür geklärt, dass eine authentische Erkenntnis von Leerheit auftreten kann. Wie im Falle von Freude und Klarheit ist es auch hier unumgänglich, dass der Wunsch diesen Zustand wieder zu erzeugen, zu verlängern und zu besitzen, aufgegeben wird, so dass die Wahrnehmung unbefleckt und damit verlässlich wird.

Zusammenfassung

Die Praxis der Meditation des Ruhigen Verweilens ist die Ursache dafür, dass man Ausgeglichenheit und Frieden erlangt. In einem Zustand von Ruhe ist der Geist zu einer klaren Fokussierung fähig, in der er sich seiner wahren Natur als Freude, Klarheit und Nicht-Konzepthaftigkeit bewusst ist, ohne sich dabei das fehlerhafte Konzept aufzuerlegen, dass er von wahrhaft substantieller, inhärenter Existenz wäre. Mit beständiger Praxis wachsen diese Fähigkeiten ins Grenzenlose, und schließlich tritt man in einen leuchtend-klaren Zustand ein; so wie wenn eine Raupe als Schmetterling aus dem Kokon schlüpft. Das Bewusstsein einer Person auf dieser Ebene ist völlig von allen weltlichen Belangen oder eigensüchtigen Interessen losgelöst. Er oder sie ist ausschließlich mit der weiteren Entwicklung von meditativer Konzentration beschäftigt, obwohl es natürlich beispielsweise immer noch nötig ist zu essen, um den Körper zu erhalten.

Wie großartig solche Meditationszustände auch erscheinen mögen, so übersteigen sie jedoch nicht die samsarische Existenz und bringen keine letztendliche Befreiung. Sie sind nicht zu vergleichen mit der Erleuchtung des Buddha. Um die breite Bewusstheit zu erlangen, die den Zustand der Erleuchtung kennzeichnet, und um Freiheit von samsarischen Bewusstheits-Zuständen zu erlangen, ist der springende Punkt, dass man die Meditation des „Ruhigen Verweilens" mit der Meditation der „Tiefen Einsicht" (auf Tibetisch Lhaktong und in Sanskrit Vipashyana genannt) verbindet.


Zusammengestellt aus Erklärungen im KIBI, April 1994
Übersetzung neu überarbeitet von der Buddhismus Heute Redaktion, 2014
Mit freundl. Genehmigung der Redaktion der „Knowledge in Action“.