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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 9, ( 1992)

Brief von Lama Ole Nydahl

zur aktuellen Situation in der Kagyü-Linie

An meine Schüler und Freunde überall,

Als Hannah und ich die Würdenträger Tibets in Euer Leben brachten, waren wir uns sicher, etwas nur Gutes zu tun. Wir kannten damals große Teile ihrer Kultur nicht und konnten offenbar nicht verstehen, daß der Zustand ihres Landes ein Ausdruck ihres allgemeinen Karmas ist. So haben wir viel Störendes als nicht "kagyü-mäßig" abgetan, was uns jetzt allen ins Gesicht starrt. Wir haben Erwartungen geschürt, die nun massenweise enttäuscht wurden.
Da so unverkennbar egoistische Züge bei der Suche nach dem Kandidaten zum Vorschein gekommen sind; da man uns die Untersuchung des Briefes verweigert, die einem jeden Vertrauen geben würde; und noch dazu so viele zutiefst unschöne Gerüchte verbreitet worden sind... Worauf können wir noch vertrauen? Wer entspricht noch unseren hohen westlichen Idealen?

Wir würden sagen: Künzig Shamar Rinpoche, Jamgön Kongtrul Rinpoche, der leider bei dem Unfall ums Leben kam und Topga Rinpoche, der den Mut hatte, die Anerkennung zu verweigern. Dazu teilweise diejenigen Lehrer, die zwar unterschrieben, aber keine bösen Gerüchte verbreitet haben. Als gute Tibeter hatten sie keine andere Wahl, nachdem das OK von S.H. des Dalai Lamas aufgrund Vortäuschung allgemeiner Einigkeit gegeben worden war. Aber heldenhaft stehen sie nicht da. Daß sie nicht auf die Untersuchung des Briefes bestanden haben, zeigt fehlende demokratische Reife und ein Unverständnis von der freien Welt. Schlecht werden sie dadurch aber nicht. Wir haben ihnen unendlich viel zu verdanken und das soll weiter zum Besten aller wachsen.

Obwohl Künzig Shamar Rinpoche kein Volkstribun, Heerführer oder Politiker ist und offenbar viel zu lange zu wohlerzogen war, um auf die bösen Gerüchte einzugehen, die Leute mit alten tibetischen Interessen seit zehn Jahren über ihn verbreiten: seine Bodhisattva-Eigenschaften überzeugen Hannah und mich seit dieser Sache mehr denn je. Er hat eine Ausdauer im Nehmen gezeigt, die einem hohen Lehrer würdig sind. Mitfühlend hat er sogar diejenigen Leute entschuldigt, die jede Menge Schmutz nach ihm warfen.

Ob der Kandidat in Tibet sich als der Richtige erweist, bleibt vorerst von theoretischem Interesse. Die Chinesen und Tibeter, die das Kind kontrollieren, werden den Zugang zu ihm so sehr begrenzen und so teuer machen, daß es praktisch nichts bedeutet, wer auf dem Thron in Tsurphu sitzt. Es wird auch bestimmt in seinem Namen viel Politik gemacht werden, ohne deren Kenntnis wir viel glücklicher leben werden.

Der Segen der Linie bleibt uns unter allen Umständen erhalten. Er ist noch immer der stärkste der Welt. Und wir haben Künzig Shamar Rinpoche mit weißer Weste als seinen Vertreter. In einigen Jahren, wenn ein freier Karmapa allen zugänglich ist, werden wir auf diese Zeit zurückblicken als diejenige, während der wir durch Freundschaft und Selbständigkeit erwachsen wurden. Daß der Weg zur Vollkommenheit nun länger als zuvor erscheint, bedeutet nur, daß wir noch schneller fahren müssen. Praxis ist jetzt in.

Meldet Euch oft und viel.

Viele Grüße von Hannah und Ole Nydahl