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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 9, ( 1992)

Ein Kagyü, life aus Tsurphu

Ein Augenzeugenbericht von Bruno Frommknecht

Wie inzwischen allgemein bekannt ist, wurde im Juni ’92 in Tsurphu, dem Hauptsitz der Karmapas in Tibet, ein Tulku als Seine Heiligkeit der 17. Karmapa auf den Thron genets. Da nun Undurchsichtigkeit über die Situation herrscht und es unklar ist, ob es sich um den authentischen Karmapa handelt - hier ein Bericht aus erster Hand: life aus Tsurphu. Dieser Bericht mag vielleicht Gerüchte über das in Tibet Geschehene aufklären.

Am Freitag, den 29. Mai 1992 bekamen Claude aus Witten, Ina vom Zentrum Wien und ich in Tsurphu die Information, daß Seine Heiligkeit der 17. Gyalwa Karmapa in spätestens zwanzig Tagen in Tsurphu erwartet wird. Natürlich änderten wir sofort alle drei unsere Reisepläne, damit wir diesen spannenden Augenblick persönlich miterleben konnten. Voller Freude und Motivation fuhren wir zwei Tage später zurück nach Lhasa, um wichtige Stellen in der westlichen Dharmawelt zu informieren und um alle Vorbereitungen zur Rückkehr und dem Empfang, der bevorstand, zu treffen.

Zuvor hatten wir versucht, von den Verantwortlichen in Tsurphu, hauptsächlich Lama Tomo, genaue Angaben über den Zeitpunkt der Ankunft und etwas Information über die Herkunft und den für mich überraschend schnellen Transfer nach Tsurphu zu bekommen. Aufgrund der politischen Lage in Tibet hatte ich das Konzept im Kopf, ein solch wichtiger Schritt müsse unter allen Umständen geheim gehalten werden, auch wurden wir mehrere Male zum absoluten Schweigen angehalten, wenn wir Tsurphu verlassen würden. Lama Tomo und mehrere andere Mönche brachen nach wenigen Tagen nach Kham (Osttibet) auf, um Seine Heiligkeit zu holen, während wir die letzten Tage bis zur Ankunft in Lhasa blieben.

Dort trafen wir am 6. Juni Ward Holmes wieder, der aus Kathmandu zurückkam und bereits informiert war. Er leitet die »Tsurphu Foundation« und sammelt unermüdlich Spenden für den Wiederaufbau des Klosters. Nach und nach wurde mir klar, das solch ein Ereignis nicht geheimzuhalten war, auch nicht vor den Chinesen, dazu konnten wir täglich rund um den Jokhang in Lhasa die Leute hinter halb vorgehaltener Hand über das zu erwartende Ereignis sprechen hören. Diese Art, so offen damit umzugehen, konnte ich nicht begreifen. Zu unserem Erstaunen erfuhren wir auch, daß der Junge aus Osttibet bereits als »Mipham Rinpoche« (Nyingma-Linie) galt und er aber bei einem späteren Tibetbesuch dann von Situ Rinpoche besucht wurde und von ihm einen Namen erhielt. Auch Lama Tomo hätte ihn besucht, und zwar im Februar '92. Am 12. Juni bekamen wir schließlich die Information, daß Karmapa nun bereits für den 15. Juni in Tsurphu erwartet würde. Auch sei Tsurphu ab jetzt für Westler geschlossen. Somit war klar, daß die Chinesen offiziell an der Angelegenheit beteiligt waren und die Reise von Seiner Heiligkeit kein Geheimnis ist.

Aus unserer Sicht war das recht unverständlich und dumm - denn natürlich rechneten wir bisher damit, daß sein erster Auftritt in der Öffentlichkeit eben nicht in Tibet stattfände. Auch mußten wir uns jetzt einen Weg überlegen, wie wir trotzdem nach Tsurphu kommen könnten, denn natürlich wollten wir bei dem Ereignis nicht fehlen. Auch waren Teile unseres Reisegepäcks noch dort im Kloster. Es hieß, daß auf der Strecke dorthin chinesische Checkpoints seien, auch war von vielen Chinesen im Kloster selbst die Rede. Wir schafften es, ein Zwei-Tages-Permit zu erhalten und nach vielen Überlegungen, welches Vorgehen am Klügsten wäre, und einigen Stunden kräftiger Verwirrung mieteten wir vier Westler dann einen Jeep, der uns am 13. Juni um zehn Uhr nachts nach Tsurphu fuhr. Unsere Ausrüstung war komplett, und wir waren fest entschlossen, unser altes Zimmer im Kloster in dieser Nacht wieder zu sehen. Wider Erwarten wurden wir an keinem nächtlichen Kontrollpunkt angehalten, mußten keine Wachen oder was auch immer umgehen und kamen ganz normal im Schutz der Dunkelheit in Tsurphu an. Sehr leise und vorsichtig checkten wir den nächtlichen Klosterhof ab, machten keine außergewöhnliche Entdeckungen, nicht einmal Autos von chinesischen Offiziellen, geschweige denn Soldaten. So erreichten wir unversehrt unseren Raum. Ward und Claude machten sich sofort auf den Weg, um Drupon Dechen Rinpoche zu treffen und kamen nach weniger als einer Stunde mit der Nachricht zurück, daß wir vier die Erlaubnis hätten, die nächsten Tage hier offiziell zu verbringen. Dazu hatten wir auch noch unsere Permits, nach dessen Ablauf ich sicherheitshalber mein Datum wieder auf Vordermann brachte. Am Montag, den 15.6. Vormittags um zehn Uhr, sollte im unteren Norbulingka (Sommergarten) der erste Empfang sein. So hielten wir unsere Videokamera und die Fotoapparate bereit und marschierten am Morgen dieses Tages zum Sommergarten hinunter, um uns für Karmapas Ankunft zu positionieren.

Um 10.30 Uhr erreichte dann ein einzelner Landcruiser die Stelle und die Insassen, chinesische Offizielle, wollten von den Verantwortlichen wissen, wie viele Westler hier wären. Ein weiteres Mal bekamen wir die Unterstützung der wichtigsten Personen Tsurphus und uns Vieren war es gestattet, zu bleiben. Wenige Minuten später traf dann ein Konvoi von mindestens sieben Fahrzeugen ein. Im dritten Wagen, der über und über mit Kataks bedeckt war, saß »S.H. der 17. Karmapa« auf dem Beifahrersitz. Als die Autos stoppten, öffnete ein Mönch sofort die Beifahrertür und trug den jungen, achtjährigen Karmapa in den Sommergarten hinein. Während dieser Minuten hielten sich nur ein paar Dutzend Menschen um den Norbulingka herum auf, doch ständig kamen mehr und mehr das Tal herauf. Die dortige Straße war in den vorhergehenden Tagen ausgebessert und mit Steinreihen links und rechts entlang bestückt worden, es glimmten dort jetzt viele neue Weihrauchbrenner. Im Sommergarten war ein großes Zelt errichtet worden, in dessen Mitte nun Karmapa saß. Zu seiner Linken war seine ganze Familie versammelt, außerdem hielten sich noch Lama Tomo und wenige andere Mönche im Zelt auf. Ein mehrköpfiges, chinesisches Fernsehteam filmte parallel mit Claude und Ward diese ersten Szenen sowie die folgenden Stunden der Zeremonie.

Die kurze Strecke zum Kloster legten wir anschließend auf der Ladefläche eines Trucks zurück, der direkt vor Karmapas Jeep fuhr. Während der Fahrt waren wir ständig in Blickkontakt mit ihm und er lächelte und winkte uns oft zu. Vor dem Eingang wartete bereits eine Gruppe von mehreren hundert Leuten: alle Mönche in ihren festlichsten Gewändern; die ArbeiterInnen, die in den letzten Tagen noch fieberhaft und bis in die Nacht hinein auf diesen Tag hingearbeitet hatten; viele Khampafamilien, edel geschmückt und Leute aus Lhasa, einige ganz offensichtlich Tibeter in Diensten der Chinesen. Dieser Festzug zog dann auf den großen Vorplatz, wo sodann eine Begrüßungszeremonie mit Drubpon Dechen Rinpoche und anderen mir unbekannten Rinpoches und Lamas abgehalten wurde (diese kamen aus Kham und anderen Teilen Tibets). Vertreter aus Rumtek und anderen wichtigen Kagyü-Stellen außerhalb Tibets manifestierten sich nicht...

Lama Tomo war die ganze Zeit sehr nahe beim jungen Karmapa, erklärte ihm die Details der Zeremonie und führte ihn anschließend hoch in den Empfangsraum über der großen Versammlungshalle, den er die nächste Zeit bewohnen würde. Anschließend begann dort eine mehrstündige Segenszeremonie. Der Karmapa saß auf dem großen Thron, wurde durch einem Katak mit dem Leiter des Tsurphu-3-Jahres-Retreats verbunden, der daraufhin die Anwesenden segnete. Dies dauerte etwa eine Stunde, die Leute mußten sehr rasch durchgehen, und so darf man annehmen, daß an diesem Tag ungefähr zweitausend Menschen den Segen empfingen. Zwei Tage später, am zuerst angekündigten Ankunftstag, waren es mit Sicherheit über dreitausend.

Drubpon Dechen Rinpoche war nicht so begeistert, daß ich ständig ganz nahe bei Karmapa stand und obwohl er nur noch ganz wenig sieht, versetzte er mir doch einen leichten Stoß in die Seite, als ich mich zu nahe an seinem Stuhl aufhielt und hieß mich mit Handbewegungen, mehr Abstand zu halten. Doch ansonsten konnten wir den ganzen Tag über filmen und fotografieren. Diese Geste von Rinpoche bewegte mich allerdings sehr zum Nachdenken, wieso er so reagierte; nach all den guten Gesprächen und Treffen, die wir mit ihm und Ward Holmes (der gut tibetisch spricht) zusammen hatten.

Vom 15. bis 18. Juni gab es täglich Segnungen, dann aber hieß es, daß man Karmapa jetzt nur noch durch die Glasscheibe seines Empfangsraumes sehen könne »wegen der vielen Leute und aus Sicherheitsgründen«. Claude und Ina verließen Tsurphu am 17. abends und kehrten zurück nach Lhasa. Dort trafen sie Akong Tulku, der mit Sherab Tharchin schon nach uns suchte und uns sprechen wollte. Wenig später erreichte Ward und mich im Kloster die Nachricht, daß wir schnell nach Lhasa kommen sollten, um Akong Tulku zu treffen. Am 19.6. sprachen wir vier Westler dann dort mit ihm und Sherab.1)

Hauptsächlich informierte uns Akong Tulku über die Geschehnisse in Rumtek, den dortigen Tumult und die Unstimmigkeiten unter den drei Linienhaltern über die Echtheit der sich im Umlauf befindlichen Dokumente. Auch zeigte er uns Kopien tibetischer Briefe, darunter der umstrittene von S.H. 16. Karmapa. Er informierte uns, daß S.E. Shamar Rinpoche einen anderen Jungen als Inkarnation des Karmapa präsentieren wollte. Und er berichtete über den Einzug der Soldaten ins Kloster Rumtek, die laut seiner Aussage von Shamar Rinpoche angefordert worden seien, und angeblich mit ihm dort eintrafen. Er bestätigte auch, daß er selbst veranlaßt hätte, den Karmapa ab jetzt in Tsurphu abzuschirmen und keinen direkten Kontakt zu Pilgern zuzulassen, da man Angst vor einem Attentat haben müsse. Er erwähnte mindestens zweimal, daß es ja viele ernsthafte und gute Schüler von Ole Nydahl gäbe, er jedoch ebenso wüßte, daß viele Ole-Schüler weiterhin viele Drogen zu sich nähmen. Aus den Umständen heraus müsse man deshalb durchaus mit einer verwirrten Person rechnen, die irgendwelche Versuche unternehmen wird, dem jungen Karmapa etwas anzutun.

Unsere damaligen Pläne, das in Tsurphu Erlebte natürlich schnell zusammenzufassen und zurück im Westen mit den gemachten Bildern in der Dharma-Sangha zu veröffentlichen, wurden durch diese neuen Informationen natürlich gestoppt. Denn wir realisierten auch, daß es Zweifel an dem Jungen, der jetzt als Karmapa auf dem Thron sitzt, gibt. Erst nach diesem Gespräch war mir klar, welche gewaltigen Kräfte und politischen Interessen hier am Werk waren.

Akong Tulku gab auf unser Anfragen seine Ansicht über die näheren Umstände des Todes S.E. Jamgön Kongtrul Rinpoches. Er hätte als Augenzeuge die Bremsspuren, den auf der Straße liegenden Motor des Wagens und das sehr beschädigte Auto am Unfallbaum gesehen. Er berichtete von mysteriösen Anrufen, die Rinpoche früh am Morgen erreichten, dem verfrühten Aufbruch ohne Mechaniker und davon, daß es nicht möglich sein könne, daß der Motor des Autos aufgrund des Aufpralls so viele Meter zurück auf die Fahrbahn geschleudert werden konnte. Aufgrund dieser Umstände rechne er mit Sicherheit mit einem verübten Sabotageakt, der z.B. »mit Zugabe von Zucker oder Salz in den Motorblock« leicht machbar sei, was die Kolben zum Blockieren bringe und den Motor so früh und komplett hinauskatapultieren könne, wie es dort an der Unfallstelle zu sehen war. 2)

Er berichtete noch von einer Prophezeiung, die besagt, daß es in der Zeit zwischen dem Tod des 16. und dem Erscheinen des 17. Karmapas ein Wesen geben würde, das mit ganz bestimmten Erkennungsmerkmalen ausgestattet viel Unheil anrichten würde und daß während dieser Zeit große Verwirrung herrschen würde. Auch sei er sich über eine gewisse Gefahr seines eigenen Lebens bewußt, er werde jedoch seine Arbeit hier in Lhasa abschließen und dann wieder abreisen. Wir sollten auf jeden Fall alles Material zurückhalten, bis Klarheit entsteht, und alle Differenzen unter den verschiedenen Parteien beigelegt seien. Soweit Akong Tulku.

Daraufhin kehrte ich mit Ward noch einmal zurück nach Tsurphu, ich selbst nur für einen Tag, um die Lamatänze zu sehen. Ward blieb noch für unbegrenzte Zeit da, weil er als Kopf der Tsurphu Foundation natürlich über die Jahre eine Vertrauensperson geworden war, die aufgrund solch großer Wiederaufbau-Hilfe eine Sonderstellung im Kloster einnimmt. Während dieses letzten Tages, an dem wider Erwarten Karmapa die ganze Zeit bei den Tänzen in der großen Versammlungshalle anwesend war, hatte ich ein unangenehmes Gefühl großen Mißtrauens, welches mir entgegengebracht wurde. Verglichen mit den Erlebnissen, die ich während der ganzen vorhergehenden Zeit in Tsurphu hatte (insgesamt verbrachte ich 26 Tage dort) war diese Art von Überwachung hundertprozentig das Gegenteil.

Mit den Taschen voller Material und einer vollständigen Übertragung von Ward Holmes, in Deutschland mit der Arbeit für die »Tsurphu Foundation« zu beginnen, verließ ich am 21.6. Tsurphu und flog weitere zwei Tage später Richtung Heimat.

Möge dieser Bericht mehr Klarheit bringen.

Fußnote 1): Eigentlich wollte ich dieses Gespräch gerne auf Kassette aufnehmen, auf meine Frage hin wurde dies allerdings von Akong Tulku zurückgewiesen.

Fußnote 2): Die Redaktion: Hierzu haben wir beim Münchner BMW-Werk die Abteilung "Technische Auskünfte" angerufen; Der Techniker weiß zwar, daß Zucker im Tank tatsächlich eine Methode ist, den Motor zu zerstören, vielleicht auch zum Blockieren zu bringen, jedoch könne das Herausschleudern dadurch niemals passieren. Im Falle des geschilderten Unfalls sei es ganz sicherlich der Aufprall auf den Baum gewesen, der den Motor aus dem Auto schleuderte, ein solcher Aufprall sei völlig ausreichend hierfür.


NEWS: Besuch in Tsurphu

Ward Holmes, Gründer der »Tsurphu Foundation International«, teilt mit, daß Besuchergruppen, die zurzeit im Kloster Tsurphu übernachten wollen, eine offizielle Genehmigung der chinesischen Regierung und der Kloster-Beamten brauchen.

Wie die Redaktion aus anderer Quelle erfahren hat, handelt es sich bei dieser »Genehmigung« um nichts anderes als um ein 800-Dollar-Visum! Die chinesische Regierung hat also bereits begonnen, sich die in diesem Heft geschilderte Situation kräftig bezahlen zu lassen.