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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 9, ( 1992)

Ansprache von Tai Situ Rinpoche

Kloster Rumtek, 12. Juni 1992

Ich werde jetzt versuchen, genau dasselbe zu erzählen, was ich in Tibetisch sagte, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht einige Worte hier oder da vergesse, werde aber mein Bestes versuchen.

In dieser Rede geht es um die Reinkarnation Seiner Heiligkeit des 16. Gyalwa Karmapa. Die letzten - in tibetisch würden wir sagen - 12 Jahre, nach westlicher Sicht sind es aber nicht genau 12, haben wir eindeutig, mit voller Widmung, alles getan, um Seine Heiligkeit Gyalwa Karmapa zu entdecken. Da dies eine spirituelle Angelegenheit ist, wurde es von uns vieren, die S.H. Karmapa als seine Hauptschüler ansah, ausgeführt. Schritt für Schritt haben wir unter uns verschiedene Entscheidungen getroffen. Unser Ziel war, unser Bestes zu tun, um den 17. Karmapa, den richtigen, den korrekten zu finden - dies war unser einziges Ziel.

Ein Teil dieser Bemühung betrifft eine spezielle Tradition die mit Karmapa zu tun hat. Abgesehen von zweien der Karmapas, haben sie alle Instruktionen hinterlassen, wie ihre Inkarnationen zu finden seien. Dies ist einzigartig. Wir vier - Shamarpa Rinpoche, unser verstorbener Jamgön Kongtrul Rinpoche, Gyaltsab Rinpoche und ich selbst - wollten hundertprozentig, daß dies in derselben Weise geschehe, wie bei den letzten 16 Karmapas. Wir glaubten zu hundert Prozent daran und seit 1981 haben wir in diese Richtung gearbeitet. Wir hatten zu diesem Zweck mehrere Treffen hier in Rumtek und ebenso in Delhi.

Zu Beginn suchten wir überall nach dem Brief Seiner Heiligkeit. Wir suchten bei den persönlichen Dingen Seiner Heiligkeit, wir suchten in Büchern, und wir suchten im Tengam, was übersetzt ein Reliquienschatz heißt. Wir schauten an allen möglichen Plätzen und konnten nichts finden. Ich erzähle Euch das, da ich weiß, daß Shamar Rinpoche es Euch bereits gesagt hat; anderenfalls würde ich es nie sagen. Warum? Weil von Anfang an bis heute, haben wir viele Male geschworen, haben so oft ein Gelübde genommen im Namen aller Buddhas und Bodhisattvas, diese Entscheidungen niemandem zu eröffnen. Entsprechend unserer Gelübde haben wir also nichts gesagt, aber nun wurde es von Shamar Rinpoche der Öffentlichkeit gesagt, und ich weiß, daß ich mein Gelübde nicht breche; deshalb sage ich dies. Gyaltsab Rinpoche und ich diskutierten darüber, ob es okay für uns wäre, Euch dies zu sagen oder nicht. Wir schauten in die Grundsätze des Dharma und wie das Gesetz von Karma arbeitet, wissen deshalb, daß wir nicht unser Gelübde brechen und sagen Euch all dies. Wir konnten also nichts finden, wollten aber Karmapas Tradition bewahren und glaubten hundertprozentig, daß der Brief irgendwo sein müsse. Es mag blind klingen, aber wir glaubten fest daran. Wir diskutierten stundenlang, was man den Leuten sagen solle, und so kam es zu den Dingen, die wir zu Beginn sagten. Wir taten einen der Gaos (Reliquienbehälter), den wir im Tengam, dem Reliquienschatz fanden, auf den Altar; es war ein sehr besonderer, der mit einer Zeremonie zu tun hat, wo Guru Rinpoches Statue, diesen Gao tragend, von Leuten auf ihren Schultern hinausgetragen wird. Wir legten den Gao mit Reliquien und Segenspillen auf den Altar.

Nach unseren Treffen und Diskussionen entschieden wir schließlich, zu sagen, daß der Brief Seiner Heiligkeit darin sei, daß aber noch nicht die Zeit wäre, ihn zu öffnen. Wir taten dies, fühlten uns aber beim zweiten Treffen ein bißchen schuldig: es ist nichts von Seiner Heiligkeit selbst darin, nur Reliquien von Buddhas, Bodhisattvas und Segenspillen. Die Leute verbeugen sich davor und denken, es sei etwas von Seiner Heiligkeit darin. Wir diskutierten darüber und stimmten überein, ein Gedicht, Gebet oder etwas von Seiner Heiligkeit geschriebenes Spirituelles hinein zu tun. Wir schauten danach, konnten zu der Zeit jedoch nichts finden. Wir fanden viele von ihm geschriebene Briefe, jedoch kein Gedicht. Wie auch immer hatte vor langer Zeit Gyaltsab Rinpoche S.H. gebeten, ein »Semtri«-Gedicht, eine Meditations-Anweisung zu schreiben. S.H. schrieb ein vierzeiliges Meditationsgebet für Rinpoche und dieser, indem er es jeden Tag sagte, lernte es auswendig. Bei unserem Treffen schlug Gyaltsab Rinpoche vor, dieses Gedicht zu benutzen, sagte es uns vor und fragte, ob es angemessen sei, es in den Gao zu tun. Wir stimmten alle zu. Dann ging Rinpoche, um es zu suchen, konnte es aber nicht finden. So beschlossen wir, es niederzuschreiben, wie Gyaltsab Rinpoche es sagte, und es in den Gao zu legen als Worte Seiner Heiligkeit. Während Gyaltsab Rinpoche es wiederholte, schrieb der verstorbene Jamgön Rinpoche es auf. Wir taten es in den Gao und stellten ihn auf den Altar. Dann hatten wir eine lange Diskussion darüber, was wir den Leuten sagen sollten. Wir trafen eine Entscheidung, jeder unterschrieb sie und es wurde eine öffentliche Ankündigung gemacht. Dies ist eine wahre Geschichte.

Unser letztes Treffen in Rumtek war im tibetischen Drachen-Jahr oder 1988. Zu der Zeit suchten wir wieder. Jeder von uns fragte Lamas, Rinpoches, jeden den wir kannten, der etwas haben könnte. Wir fragten viele von ihnen. Ich fragte einzelne wie Ato Rinpoche in England, der Seiner Heiligkeit sehr nahe war etc. Jeder fagte ein paar Leute: Hast Du etwas von Seiner Heiligkeit? Wir fanden nichts und wir alle waren mittlerweile sehr besorgt, glaubten aber immer noch an S.H., und daß er definitiv einen Brief hinterlassen haben muß, wie seine früheren Inkarnationen. So trennten wir uns nach unserem Treffen. Ich ging von hier zurück nach Sherab Ling und war sehr besorgt, aber es gab nicht viel was ich hätte tun können.

Dann erinnerte ich mich eines Tages an etwas. 1980 ging ich nach Bodhgaya, Buddhas Erleuchtungsplatz, um den Grundstein für Khyentse Rinpoche Kloster zu legen. Danach kam S.H. von einer Südostasien-Reise zurück und ich ging nach Kalkutta, ihn zu sehen. Er sagte mir, ich solle in seiner Präsidenten-Suite Nr. 177 im Grand Hotel Obervi zu bleiben und zu schlafen. Ich kam am 10. Januar 1981 an und traf Seine Heiligkeit. Ich blieb in seinem Raum und fuhr mit ihm herum zu den meisten Plätzen, zu denen er ging, da er dies wollte, und ich schlief in seinem Zimmer. Er gab mir zwischen seinen Aktivitäten viele Ratschläge und Belehrungen, insbesondere nach dem Abendessen, bevor er zu Bett ging. Vier bis fünf Tage verbrachte ich so mit ihm. Eines abends, bevor er zu Bett ging, gab er mir einen kleinen Talisman, ein quadratischer, gelber Brokat-Talisman als »sungwa« oder Schutz. Wie jederman, bat ich ihn öfter um Schutz und er gab mir gewöhnlich ein kleines, zusammengeknotetes Stück seiner Kleidung, welches ich trug. Dieses Mal sagte er mir, als er mir den Talisman gab: »Dies ist »sungwa« (Schutz) für Dich, und in der Zukunft ist es »phentok chenpo« (sehr nützlich).« So trug ich es als Schutz um meinen Hals und hatte keine Ahnung, daß es ein Brief war. Er sagte es mir nie, sagte nur, daß es ein Schutz sei. Ich glaubte hundertprozentig daran. So reiste ich viele Jahre in Amerika und Südostasien und hatte es um meinen Hals. Da es Stoff mit Papier drin ist, war es in heißem Klima etwas schwierig zu tragen. So nahm ich es ab und wickelte es um meinen Phurba, den ich immer trage.

Ich erinnerte mich also daran und öffnete eines Tages still den Talisman. Darin fand ich einen Umschlag der besagte: »Im Eisen-Pferd-Jahr öffnen.« Ich war sehr, sehr glücklich. Wenn dies einem von Euch geschehen würde, wäret ihr sehr aufgeregt. Ich war sehr glücklich und schrieb sofort allen Rinpoches hier, sagte ihnen, daß ich im ersten tibetischen Mond-Monat am 15. Tag nach Rumtek kommen würde und wir ein Treffen wegen Seiner Heiligkeit haben sollten. Ich schrieb, daß ich auf Neuigkeiten warte wie ein Pfau auf das Geräusch des Donners. Dies ist ein tibetisches Sprichwort, weil Donner sie glücklich macht. Ich schrieb dies alles in meinem Brief und sandte ihn nach Rumtek. Aber aus vielen Gründen fand das Treffen nicht hier statt, sondern in Delhi, in meiner Suite im Hotel Obervi. Zu der Zeit hatte ich das Gefühl, daß es nicht angemessen sei den Brief zu zeigen, da der Brief Seiner Heiligkeit hier in Rumtek allen Rinpoches gegeben werden solle, nicht dort in einem 5-Sterne-Hotel. Also gab ich den Brief nicht und erwähnte ihn nicht einmal.

Von da an habe ich ein Treffen hier in Rumtek erbeten. Letztes Jahr, als ich nach Hong Kong von einer Reise nach Osttibet und zu meinem Kloster zurückkam, hatten der verstorbene Jamgön Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche zusammen einen Brief verfasst, den beide unterschrieben. Er besagte, daß in Rumtek schnell ein Treffen wegen der Inkarnation Seiner Heiligkeit stattfinden solle. Ich wurde sehr glücklich und antwortete sofort: »Ich bin sehr glücklich. Bitte gebt mir einen passenden Termin. Wann soll ich kommen?« Dann bekam ich mehrere Monate lang keine Antwort und war deshalb so frei, ein Datum für meine Ankunft in Rumtek festzulegen. An dem betreffenden Tag kam ich hier an und traf den verstorbenen Jamgön Rinpoche. Gyaltsab Rinpoche kam dann von seinem nahegelegenen Kloster und Shamar Rinpoche kam von Delhi. Wir hatten ein zweitägiges Treffen.

Am ersten Tag machte ich Verbeugungen und opferte den Rinpoches diesen Brief. Unser verstorbener Jamgön Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche waren sehr glücklich, ihre Augen waren voller Tränen und ich fühlte mich genauso. Dann gab es eine lange Diskussion, Stunden um Stunden, und wir beschlossen schließlich, den Brief zu interpretieren, was viele Stunden dauerte. Die Interpretation war an vielen Stellen nicht schwierig, einige Stellen jedoch waren schwierig. Die ganze Interpretation wurde vom verstorbenen Jamgön Rinpoche niedergeschrieben. Er machte sich Notizen zu jeder einzelnen Auslegung, die wir vornahmen. Als die Interpretation beendet war und wir uns in ihr einig waren, baten wir Jamgön Rinpoche, die Verantwortung für die Suche zu übernehmen, da Rinpoche bereits ein Visum und alles Notwendige hatte, um Tsurphu in Tibet, das ursprüngliche Kloster Seiner Heiligkeit, gegründet vom ersten Karmapa und Heim aller Karmapas, auch des 16. Karmapas, zu besuchen. Jamgön Rinpoche wollte dorthin, um die Kagyü-Ngagdzö-Einweihungen, die von seiner ersten Inkarnation zusammengestellt wurden, zu geben. Diese Sammlung beinhaltet all die tantrischen Texte unserer Kagyü-Linie. Er gab dieselbe Einweihung hier auf Rumtek vor ein paar Monaten zum zweiten Mal, und zuvor hatte er sie in Europa gegeben. Zusätzlich zu der Einweihung wollte er eine wichtige Guru-Rinpoche-Zeremonie geben. So war es für Jamgön Rinpoche am passendsten, die Arbeit des Suchens des 17. Karmapas auf sich zu nehmen.

Die wichtigste Person im Kloster Tsurphu ist Drubpon Dechen, der von Seiner Heiligkeit dem 16. Karmapa dorthin geschickt wurde. Drubpon Rinpoche sollte Jamgön Kongtrul Rinpoches Gastgeber sein, und es wurde geplant, daß die beiden die Angelegenheit besprechen und im Stillen suchen sollten. Wenn Rinpoche im Juli zurückgekommen wäre, erwarteten wir, daß er die Resultate der Suche mitbringen würde. Dies war unsere Entscheidung und Rinpoche nahm sie liebenswürdig an.

Danach besprachen wir, was mit dem Brief in dem Gao zu tun sei, der von unserem verstorbenen Rinpoche geschrieben worden war, und den Gyaltsab Rinpoche auswendig gelernt und gesprochen hatte. Die Frage war, was man damit und was man mit dem Brief, den Seine Heiligkeit mir gegeben hatte, tun solle. Wir beschlossen, daß Gyaltsab Rinpoche, den von unserem verstorbenen Rinpoche geschriebenen Vier-Zeilen-Brief zurücknehmen solle - Gyaltsab Rinpoche hat ihn jetzt - und daß der Brief den Seine Heiligkeit mir gab, in den Gao getan werden solle. Dies taten wir.

Nach den Treffen gingen wir alle fort. Ich ging nach Dharamsala, um den Dalai Lama vor meiner Reise zu besuchen, und erklärte ihm alles über unser Treffen und unsere Diskussionen. Er war sehr glücklich über unsere Gespräche und Entscheidungen. Seine Heiligkeit sagte mir, daß er eine heilige Vision gehabt hätte, während welcher er an einem grünem Platz ohne Bäume gewesen sei, ein sehr schöner Platz. Die Berge waren nicht hoch und kleine Bäche flossen auf jeder Seite, rechts und links. Er sah keine Leute oder Tiere, und er hörte den Klang »Karmapa« in der Luft, im Raum. Seine Heiligkeit sagte, daß er sehr, sehr glücklich war, als er von dieser heiligen Vision erwachte. Zu dieser Zeit auch erzählte ich Seiner Heiligkeit auch, daß die Inkarnation Seiner Heiligkeit Karmapa in Tibet ist, da es so klar war im Brief. Es lautete »von hier«, was wir interpretierten als »von Rumtek« und »Norden, das Schneeland, im Osten davon«, was bedeutet »Osttibet«, so ist alles sehr klar. Ich berichtete dies Seiner Heiligkeit und er sagte, da S.H. Karmapa entschieden habe, in Tibet wiedergeboren zu werden, gäbe es einen heiligen Sinn darin und er gab den Rat, daß alles sehr vorsichtig durchgeführt werden solle. Danach machte unser verstorbener Jamgön Rinpoche einige Kontakte mit Tibet, bevor er nach Tibet abreisen sollte. Dann, wie wir alle wissen, starb Jamgön Rinpoche bei einem tragischen Ereignis und dadurch wurde alles unterbrochen. Unterbrochen in dem Sinne, daß all das, was wir besprochen hatten, nicht ausgeführt werden konnte.

Als ich hier ankam, um meinen Respekt zu erweisen und Gebete für Jamgön Rinpoche zu machen, hatte ich vorher im Geist, daß, da Rinpoche gestorben ist, es drei von uns gibt und daß wir nach ein paar Tagen Gebeten ein ernsthaftes Treffen haben sollten. Bei diesem Treffen sollten wir diskutieren, was wir nun tun sollten, da Rinpoche gestorben war. Wie sollte es weitergehen? Wer sollte die Rolle unseres verstorbenen Rinpoches im Prozess des Findens der Inkarnation Seiner Heiligkeit übernehmen? Dies hatte ich im Geist. Was tatsächlich passierte, war, daß ich hier gegen 10 Uhr abends ankam und mir gesagt wurde, daß gegen 5 Uhr Shamar Rinpoche den Dienern unseres verstorbenen Jamgön Rinpoche gesagt hatte, daß er eine schlechte Vision oder einen Traum gehabt hätte und deswegen für eine Woche in Zurückziehung gehen wolle. Jeder wußte, daß Shamar Rinpoche in Zurückziehung war. Ich respektierte dies und ging, um Gyaltsab Rinpoche zu sehen, da es ihm nicht gut ging und er hier in seinem Kloster war. Ich diskutierte mit Rinpoche was zu tun sei und wir stimmten überein, daß wir ein Treffen haben würden, wenn Shamar Rinpoche aus seiner Zurückziehung käme. Dies war unsere Entscheidung. Was tatsächlich geschah, war, daß Shamar Rinpoche, vor einer Woche, am sechsten Tag, für Dharma-Aktivität nach Amerika oder Hong Kong abreiste. Deswegen konnten wir hier kein Treffen haben.

Nach einer Besprechung entschieden Gyaltsab Rinpoche und ich, daß nun, da unser Jamgön Rinpoche gestorben war, wir keine andere Wahl hätten, als mit dem fortzufahren, was wir im März beschlossen hatten. Wir stimmten überein, mit den Plänen fortzufahren. Dringende Anfragen von Lamas und vielen Klöstern kamen zu uns und wir empfanden, daß es nötig sei, weiterzumachen. Wir beschlossen, das zu tun und versammelten alle Rinpoches, Lamas und Leute hier. Wir hielten eine Rede und sagten, daß wir mit den ursprünglichen Plänen fortfahren würden. Wir erwähnten dies auch gegenüber dem Chief Minister von Sikkim und sandten einen Brief zu Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama.

Da es hier zwei von uns gab, beschlossen wir, zwei Vertreter zu schicken, je einen von mir und von Gyaltsab Rinpoche. Akong Rinpoche war mein Vertreter und Sherab Tharchin war Gyaltsab Rinpoches Vertreter. Wir hatten zwei Hauptgründe, diese Vertreter zu schicken: jede Woche dieser 49 Tage wollten wir Gebete und Zeremonien für unseren verstorbenen Jamgön Rinpoche an heiligen Plätzen machen, wie im Potala, dem Jokhang, Samye und so weiter; der andere sehr wichtige Grund war, mit der Suche nach Seiner Heiligkeit weiterzumachen. Entsprechend unserer Gespräche im März schrieben wir sehr klare Briefe an Drubpon Dechen Rinpoche, den Vorsteher von Tsurphu, ebenso an die Kloster-Administration von Tsurphu, darüber, was wir hier in Rumtek besprochen hatten und was sie tun sollten. Wir sagten, sie sollten nach Seiner Heiligkeit suchen und uns berichten, was sie finden. Wir schrieben auch, daß wir dann entsprechend bestätigen werden, und daß danach die Inkarnation von Seiner Heiligkeit in Tsurphu bleiben sollte, solange bis wir fähig sein werden, sie ordentlich nach Rumtek zu bringen; sowie, daß es unser aller Wunsch sei, daß die Inthronisation in Rumtek, dem Dharma Chakra Centre in Sikkim, Indien, stattfinden solle.

Wochenlang hörten wir nichts, dann begannen wir, einige Gerüchte zu hören. Nach einigen Tagen wurden zwei Vertreter der Regierung Sikkims hierher geschickt, Mr. Pasang Namgyal und Mr. Nangzelha. Sie kamen um ein paar Dinge zu besprechen, insbesondere um eine Photokopie des Original-Briefes Seiner Heiligkeit zu Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama zu bringen. Gyaltsab Rinpoche und ich sprachen darüber und beschlossen, daß dies nicht korrekt sei; da Seiner Heiligkeit das Oberhaupt des Buddhismus und unser höchster Führer ist, sollte der Brief von uns, den Mönchen und Rinpoches kommen. Wir sagten, daß wir, wenn nötig, mit ihnen gehen würden, daß wir aber in jedem Fall erstmal darüber reden und den Chief Minister in ein paar Tagen informieren würden. Dies sagten wir.

Nach zwei, drei Tagen Gesprächen entschieden wir, daß wir jetzt zu Seiner Heiligkeit gehen sollten, denn wir wußten, daß er nach Rio de Janeiro zum Umweltgipfel reisen würde. Auch wollten wir wieder zum 49. Tag Jamgön Rinpoches zurück sein. Aus all diesen Gründen wollten wir die Reise so schnell wie möglich machen. Wir versuchten also, den Chief Minister zu sehen, um es mit ihm zu besprechen. Zugleich berechneten wir die Tage und buchten Tickets nach Delhi. Wir sahen den Chief Minister nicht, da er auf einer Reise nach West-Sikkim, Süd-Sikkim etc. war und die Zeit auslief. So gingen Gyaltsab Rinpoche und ich nach Gangtok, um die geistlichen Beamten zu treffen und all dies zu besprechen. Es wurde entschieden, daß Gyaltsab Rinpoche und ich mit unseren bestätigten Tickets nach Delhi vorausreisen würden und die Vertreter der Regierung Sikkims uns folgen würden. So reisten wir ab.

Als wir in Delhi ankamen, riefen wir mehrere Stellen in Tibet an und erreichten einen Herrn namens Tsering Tobten, einen Tibeter, der dem Kloster Tsurphu sehr hilfreich war. Wir befragten ihn über die Situation und er hatte einige Dinge zu erzählen, war jedoch nicht sehr klar. Wir baten ihn deswegen, zum Kloster Tsurphu zu fahren und mit Drubpon Dechen zu reden, zurückzukommen und uns die Botschaft zu bringen. Wir erhielten per Telephon die vollständigen Details von ihm. Er sagte, daß die Inkarnation Seiner Heiligkeit entsprechend dem Brief gefunden wurde: Der Name des Vaters, der Mutter, des Ortes, alles war wie beschrieben. Und es gab viele glückverheißende Zeichen, wie daß nach seiner Geburt spirituelle Musik den Himmel erfüllte, insbesondere der Klang von Muschelhörnern, und daß dies zwei Stunden lang anhielt. Das ganze Dorf hörte es. Ihre Tassen, Töpfe und andere Dinge erklangen ebenfalls. Von allem kam zwei Stunden lang Klang. Es gab viele weitere Zeichen sodaß die Dorfbewohner wußten, daß es kein gewöhnliches Kind war.

Das Kind wurde ein Mönch im nahgelegenen Kloster, welches von einem Anhänger des 8. Karmapa, einem König eines kleinen früheren Königreiches in der Gegend Lhatok, gegründet wurde. Das Kind ist acht Jahre alt, und da sie wußten, daß es besonders ist, bauten sie ihm einen kleinen Thron unter dem obersten Lama, und es kann Texte lesen. Nicht sehr schnell, aber er kann lesen. Zuerst sandte das Kloster Tsurphu acht Mönche. Zwei von ihnen blieben in dem Kloster, sechs reisten zurück nach Tsurphu und dann wurden zwei Wagen mit Mönchen geschickt. Ihr Plan war, daß die Inkarnation am 15. des Monats in Tsurphu ankommen sollte. Dies war ihre Entscheidung. Gyaltsab Rinpoche und ich diskutierten dies und baten sie, erstmal zu warten, da wir zuerst S.H. Dalai Lama darum bitten müssen. Erst wenn er alles bestätigen würde, könnten sie das Kind nach Tsurphu bringen, anderenfalls nicht. Ich bat sie zu warten.

Wir gingen sofort nach Dharamsala und als wir dort ankamen, stellten wir fest, daß Seine Heiligkeit zum Umweltgipfel gereist war. Wir beschlossen, ihn von seinem Privatbüro aus anzurufen. Die Sekretäre Seiner Heiligkeit und die verantwortlichen Leute waren sehr hilfsbereit und sie blieben mit uns dort bis 10 oder 11 Uhr nachts. Ein spanischer Herr war uns eine große Hilfe, denn die Leute wollen nicht englisch sprechen und jemanden zu erreichen ist sehr schwer. Mit der Hilfe des spanischen Gentleman und des persönlichen Sekretärs Seiner Heiligkeit, kamen wir schließlich zu Seiner Heiligkeit durch. Wir übermittelten die ganze Botschaft und sandten eine Kopie des Briefes Seiner Heiligkeit Karmapa per Fax an S.H. den Dalai Lama. Er rief uns zurück und sagte, da unsere Informationen aus Tibet mit den Anweisungen des 16. Karmapa hinsichtlich seiner Reinkarnation übereinstimmen, und da es Vertrauen und Hingabe von allen Rinpoches und Lamas gäbe, sei es in Ordnung, die Bestätigung zu erteilen. Dies wurde per Telephon empfangen, und am nächsten Tag schrieb der Hauptsekretär in seinem Privatbüro entsprechend den Anweisungen Seiner Heiligkeit diesen Brief. Er erklärt alles, was wir Seiner Heiligkeit sagten, was er uns sagte und was schließlich beschlossen wurde. Dies ist die Übersetzung, und ich glaube, daß sie ziemlich genau ist. Falls irgendwelche Fehler (in der englischen Version) sein sollten, so ist dies mir vorzuwerfen, da ich die Übersetzung gemacht habe.

»Am 7.Juni 1992, als Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche in Dharamsala ankamen, war der Dalai Lama zu Besuch in Südamerika. Am Abend desselben Tages telefonierten die beiden Rinpoches mit Seiner Heiligkeit, um ihn über Folgendes zu informieren:

In Seiner Heiligkeit Gyalwa Karmapas Dakhai Shalcham (heiliger Brief, seine Reinkarnation enthüllend), wird geagt: »Im Osten Tibets, eine Nomadengemeinschaft mit dem Zeichen der Kuh, die Methode ist Dondrub und die Weisheit ist Lolaga.« Mit dieser klaren Beschreibung der Namen wurde eine Suche durchgeführt und in der Nomadengemeinschaft Bakhor, in der Gegend Lhathok in Osttibet, am achten Tag des fünften tibetischen Monats im Holz-Ochsen-Jahr, wurde ein Junge geboren, dessen Vater Karma Tashi Dondrub und dessen Mutter Loga war. Nach seiner Geburt gab es verschiedene wunderbare Zeichen, so wie der nicht endende Klang von Musik und, entsprechend der Prophezeiung erscholl der Klang von Muschelhörnern zwei Stunden lang im Raum und wurde von vielen Leuten der Gegend gehört.

Die Tulkus, Lamas und der Sangha sowohl innnerhalb als auch außerhalb Tibets, vom Rumtek-Dharmaplatz in Gangtok, Kloster Tsurphu und Kloster Palpung, und von allen Klöstern Karmapas erbaten mit einsgerichteter Hingabe und Wünschen, den mitfühlenden Rat dafür, ob es angebracht sei oder nicht, diesen Jungen des Holz-Ochsen-Jahres, wie oben beschrieben, als die Reinkarnation des 16. Karmapas anzuerkennen. Dieses Ersuchen wurde dargebracht, zusammen mit zusätzlichen Informationen wie dem heiligen Brief, die Weise, wie die Suche und Untersuchung ausgeführt wurde, einer Zeichnung des Geburtsortes, Guru Rinpoches Prophezeiung mit einer Liste einiger Namen der Karmapas und einem Brief betreffends der Treffen und Diskussionen in Gangtok.

Alles dies wurde per Fax an Seine Heiligkeit geschickt und er gewährte seine Anwort: »Der Geburtsort der Reinkarnation, die Namen von Mutter und Vater, und so weiter, sind in Übereinstimmung mit dem heiligen Brief. Es ist sehr gut, daß innerhalb und außerhalb Tibets, Tulkus, Lamas und die Klöster der Linie, alle einsgerichtet sind in ihrer Hingabe und ihren Wünschen. Es ist angemessen, das oben Gesagte anzuerkennen und zu bestätigen.«

Diese Anweisung wurde gewährt und angenommen. Möge es bekannt werden.

Tendzin Chonyi Tara

Principal Secretary Seiner Heiligkeit Dalai Lama

Dharamsala, 9. Juni 1992«


Tai Situ Rinpoche, 1992