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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 9, ( 1992)

Bericht über Ereignisse in Rumtek im Juni 1992

Von Andrea Boy, Sys Leube und Gunda Koehn

Als wir uns auf den Weg machten, um nach Rumtek zu fahren, dachten wir an nichts anderes, als an die Zeremonien für S.E. Jamgön Kongtrul Rinpoche, außerdem war es aufregend, nach längerer Zeit wieder nach Rumtek, dem Hauptsitz unserer Linie, zu kommen. Wir waren sehr froh, daß wir diese Gelegenheit hatten und wollten viel praktizieren und Segen erhalten.

7. Juni:

Als wir ankamen, gingen wir sofort hoch zu den Pujas, wo im Lhakang und auf dem Balkon davor viele Schüler aus dem Westen und aus Südostasien saßen und praktizierten. Abends gab es eine Meditation und Gebete für die schnelle Wiedergeburt von Jamgön Kongtrul Rinpoche. Das war sehr schön. Die Mönche und Schüler von Jamgön Rinpoche hatten alles ganz wunderschön und liebevoll aufgebaut mit Seidenblumen und Opferungen um den Kudung (Rinpoches Körper) herum.

8. Juni:

Frühmorgens praktizierten wir und als wir am Vormittag zum Kudung kamen, wo sich alle bei den Pujas trafen, hörten wir auch viele Neuigkeiten, nämlich daß S.E. Situ Rinpoche und S.E. Gyaltsab Rinpoche weggefahren seien; sie würden jedoch in wenigen Tagen wieder zurückerwartet. Dafür war Shamar Rinpoche wieder von seiner Auslandsreise zurückgekehrt. Wir entnahmen den Gesprächen der Westler, die schon länger da waren, daß es ziemliche Spannungen gab.

Wir beschlossen, uns von all dem Gerede nicht irritieren zu lassen und möglichst viel zu praktizieren. Dies taten wir auch.

Am Abend erfuhren wir dann durch die Tibeter, daß Shamar Rinpoche eine Ansprache auf tibetisch gehalten hatte. Wir dachten immer noch, daß uns diese Angelegenheiten nichts angehen würden - wir hatten ja gelernt, wir sollten Dharma praktizieren und nicht auf Gerede und Politik achten.

9. Juni:

Schon morgens, als wir uns bei den Pujas trafen, hörten wir, daß Shamar Rinpoche später nun auch eine Ansprache für uns Ausländer halten würde. Da wir am Abend davor nun doch schon jede Menge Gerüchte gehört hatten, die uns zum Teil sehr verwirrten, waren wir nun gespannt auf Informationen aus erster Hand.

Aus der Rede von Shamar Rinpoche (der vollständige Wortlaut befindet sich auf Seite 12):

Die vier Linienhalter haben in den letzten Jahren zwar mehrere Treffen abgehalten, aber sie hatten keine klaren Hinweise für die Auffindung S.H. des 17. Karmapa. Es gab wohl einen verschlüsselten Text mit einer Art Meditationsanweisung und sie versuchten immer wieder ihn zu entziffern, um herauszufinden, wie er zu verwenden wäre. Das letzte Treffen fand im März ’92 statt. Damals fragte Situ Rinpoche die drei anderen Linienhalter, ob sie inzwischen genauere Instruktionen hätten, was diese verneinten. Daraufhin verbeugte Situ Rinpoche sich dreimal vor Karmapas Thron und holte einen Beutel mit einem Brief hervor. Diesen Brief habe S.H. Karmapa ihm vor vielen Jahren in Kakutta als Schützer gegeben, und seitdem hatte er ihn am Körper getragen. Deshalb wäre auch Karmapas Zeichen verwischt. Nun hätte er vor einiger Zeit entdeckt, daß es sich um einen Brief mit genauen Anweisungen zur Auffindung des 17. Karmapa handelte. Gyaltsab Rinpoche akzeptierte diesen Brief sofort voller Freude. Er selbst, Shamar Rinpoche und auch Jamgön Rinpoche waren sich jedoch nicht sicher, daß es tatsächlich Karmapas Handschrift war, zudem war das Zeichen verwaschen. Außerdem fragten sie, wie Situ Rinpoche so viele Jahre lang nicht bemerkt haben konnte, daß es ein Brief war. Es kam darüber zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Rinpoches und Shamar Rinpoche machte den Vorschlag, zur Sicherheit diesen Brief einem graphologischen Test zu unterziehen, was von Situ Rinpoche abgelehnt wurde. Jamgön Rinpoche bot schließlich an, auf seiner Tibetreise das Kind aufzusuchen und danach Bericht zu erstatten. Diese Vorgehensweise wurde von allen akzeptiert und sie vereinbarten, daß sie, solange nicht alles geklärt sei, die Informationen darüber geheimhalten würden. Im Herbst wollten sie dann genauere Aussagen machen. So wurde es auch öffentlich bekanntgegeben. Der Brief wurde dann auf Drängen Situ Rinpoches in die Reliquienkiste gelegt, in welcher auch der erste Brief gewesen war. Diese Kiste wurde dann bewacht und sie sollten nur gemeinsam an den Brief gehen.

Wenige Tage danach geschah der schreckliche Unfall, bei dem Jamgön Rinpoche ums Leben kam. Mitten während der Zeremonien für S.E. Jamgön Kongtrul Rinpoche wurde die Box in Shamar Rinpoches Abwesenheit (er nahm einen lange vorher geplanten Termin wahr, der besser nicht abgesagt werden sollte) von den beiden anderen Linienhaltern geöffnet und außerdem wurde der Brief einem Linienhalter einer anderen Linie gezeigt, was entgegen der Abmachung und aller Tradition war. Zwei Vertreter der beiden Rinpoches wurden nach Tibet geschickt, um den Jungen nach Tsurphu, dem Hauptkloster der Kagyü-Linie in Tibet, zu holen. Darüberhinaus wurde der Inhalt des Briefes in Tibet öffentlich bekanntgegeben - das war auch entgegen den Abmachungen. Es gab keinen zwingenden Grund, so überstürzt zu handeln. Rinpoche mußte jetzt auch offen reden, da seine ernsthaften Zweifel an der Echtheit des Briefes übergangen wurden.

Es gab auch noch einen anderen Grund dafür, nämlich die Tatsache, daß Shamar Rinpoche und Jamgön Rinpoche Hinweise bekommen hatten, daß es jemanden gibt, der die direkten Instruktionen von S.H. dem 16. Karmapa erhalten hat, der sie aber erst zu gegebener Zeit eröffnen darf. Shamar Rinpoche ist sich über die Vertrauenswürdigkeit dieser Person absolut sicher, er würde sein Amt niederlegen, wenn dieses sich als ein Fehler herausstellen würde. Dies war auch der Grund gewesen, warum er immer vertrauensvoll warten wollte, bis die Zeit für den 17. Karmapa reif wäre. In einem Gespräch mit dem Dalai Lama 1984 wurde Rinpoche in diesem Vorgehen sehr bestätigt.

Rinpoche riet uns, sehr vorsichtig zu sein und nicht auf das viele Gerede zu hören. Es handele sich hier um politische Interessen der Tibeter. Es werde sehr viel Druck ausgeübt. Er betonte auch, daß die Rinpoches Bodhisattvas seien, die dafür keine Schuld trifft, daß diese Aktivitäten von bestimmten politischen Gruppen ausgingen, daß es kein Problem des Dharma ist. Wir sollten uns da raushalten, dem reinen Dharma folgen. Wir können ganz sicher sein und Vertrauen haben, daß am Ende alles gut wird.

Als weiteres Vorgehen schlug Shamar Rinpoche vor, daß, sobald die zwei Rinpoches zurückgekommen wären, sich die drei Linienhalter mit den älteren und reiferen Rinpoches treffen sollten, um mit ihnen gemeinsam die widersprüchlichen Positionen zu klären. Außerdem äußerte er, daß er sehr froh wäre, wenn am Ende alle Zweifel bereinigt werden könnten und alle Hinweise auf dasselbe Kind deuten würden. Er konnte uns jetzt nicht sagen, ob das Kind, das jetzt nach Tsurphu geholt würde der richtige oder ein falscher Karmapa sei, dazu müssen die Grundlagen erst sehr sorgfältig geprüft werden.

Nach dieser Rede waren wir Zuhörer sehr bestürzt und mehrere äußerten den Wunsch, daß die drei Linienhalter gemeinsam handeln mögen. Wir wünschten sehr, daß alle Rinpoches gemeinsam beraten und daß es gelingen würde, S.H. den 17. Karmapa ohne den geringsten Zweifel und mit allen gemeinsam willkommen heißen zu können.

 

10. und 11. Juni:

Diese Tage verliefen ruhig aber angespannt. Wir praktizierten am Kudung (Jamgön Rinpoches Körper, der in der Mitte eines Mandalas plaziert wurde) und in Karmapas Herz-Stupa. Unter den Tibetern und den ausländischen Schülern gab es unzählige Gespräche, manche waren sehr besorgt, andere recht aufgebracht und rechthaberisch. Es war schade, daß die Gebete so gestört wurden.

 

12. Juni:

Nachmittags während der Puja erklangen die Hörner und die beiden Rinpoches kamen zurück. Wenig später wurde zu einer Ansprache über den 17. Karmapa gerufen, riesige Lautsprecher und zwei Sessel wurden in den Tempeleingang gestellt. Als sich Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche setzten, stellten sich hinter ihnen einige Mönche und Laien auf. Die Stimmung war sehr gespannt. Wir fragten uns auch, warum kein dritter Sessel für Shamar Rinpoche dastand, der ja schließlich auch in Rumtek war. (Später hörten wir, daß Shamar Rinpoche nichts von diesem Treffen gewußt hatte, daß er jedoch teilnehmen wollte, sobald er davon erfuhr.) Es waren sehr sehr viele Leute da.

Zunächst hielt Situ Rinpoche eine Ansprache auf Tibetisch, woraufhin alle klatschten, dann sprach Gyaltsab Rinpoche kurz, und danach begann Situ Rinpoche mit der englischen Ansprache.

Aus Situ Rinpoches Rede (siehe Seite 20):

Situ Rinpoche hatte sich schon mehrmals mit S.H. dem Dalai Lama getroffen und ihm alles erklärt. Sie hatten ihn jedoch jetzt nicht mehr erreicht, da er schon in Rio de Janeiro war. Deshalb nahmen Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche telefonisch und per Fax Kontakt zu ihm auf und erklärten ihm ausführlich alle Details. Seine Heiligkeit rief sie dann zurück und erklärte, da dies mit den Anweisungen des 16. Karmapa übereinstimme, da alle Rinpoches, alle Lamas und alle Leute Vertrauen und Hingabe haben, könne er seine Bestätigung geben. Am nächsten Tag fertigte sein Sekretär ein entsprechendes Schreiben aus.

Während der Geburt dieses Kindes habe es viele Wunder gegeben. Die Bewohner des Dorfes haben verstanden, daß es sich um ein außergewöhnliches Kind handelt und es daher in ein nahegelegenes Kloster gebracht, wo es auf einem niedrigen Thron saß. Um das Kind später nach Rumtek bringen zu können, hatte Situ Rinpoche bereits Kontakte mit der chinesischen, indischen und sikkimesischen Regierung geknüpft.

Er sagte, daß Shamar Rinpoche bereits in die Öffentlichkeit gegangen sei und deshalb könne er, Situ Rinpoche, auch offen über die Briefe sprechen, ohne dadurch Bände zu brechen: Es gab von Anfang an überhaupt keinen Brief über die Wiedergeburt S.H. Karmapas!!! Die Informationen über die Existenz der Briefe hatten sie uns Schülern nur gegeben, um das Vertrauen in Karmapa zu stärken. Sie suchten nach Hinweisen über die Wiedergeburt Karmapas und untersuchten so zum Beispiel eine Belehrung, die Gyaltsab Rinpoche von Karmapa erhalten hatte. Diese vierzeilige Me­dita­tions­anweisung schrieben sie auf und legten dieses Schriftstück in die Reliquienbox und behandelten es wie eine verschlüsselte Anweisung. Der neue Brief wurde Situ Rinpoche im Januar 1981 von Karmapa in Kalkutta gegeben. Damals begleitete er S.H. Karmapa und wohnte sogar in seinem Zimmer. In diesen Tagen gab ihm Karmapa viele Belehrungen und Ratschläge und eines Tages gab er ihm einen Schützer, der in Brokat eingewickelt war. Karmapa sagte zu ihm, daß er dies tragen sollte und daß es für ihn in Zukunft hilfreich sein würde. Seither hat er den Anhänger getragen. Als er ihn eines Tages öffnete und untersuchte, sah er, daß auf dem Umschlag stand: »Im Eisen-Pferde-Jahr zu öffnen«. Situ Rinpoche öffnete dann den Umschlag und stellte voller Freude fest, daß dieser Brief alle Informationen über S.H. den 17. Karmapa enthielt. Alles, Namen und nähere Umstände, waren sehr genau beschrieben. Da er den Beutel immer getragen hatte, ist die Unterschrift verwischt. Seitdem wollte er die anderen Rinpoches informieren, doch beim nächste Treffen in Delhi schien ihm der Ort nicht geeignet, danach reiste er nach Tibet. Später gab es ein Treffen in Rumtek, wo er den Brief präsentierte.....

Als wir Situ Rinpoches Rede hörten, fiel es uns schwer, diese ganzen Informationen zusammenzufügen. Erst vor einigen Wochen hatten wir in unseren Zentren in Europa von einem »Derge Commitee« in Kathmandu Briefe bekommen, in denen es betonte, daß nur Situ Rinpoche den 17. Karmapa anerkennen könne - dies entspräche der Tradition, doch davon hatte keiner jemals gehört. Außerdem schrieben sie, daß Situ Rinpoche der einzige wäre, der immer auf Treffen der Rinpoches und auf die Auffindung des neuen Karmapa gedrungen hätte. Die Auffindung des Karmapa wurde schnellstens »gefordert« und Topga Rinpoche wurde beschuldigt, einen falschen Karmapa präsentieren zu wollen. Soviel wir wußten, waren die Leute in den westlichen Zentren empört darüber, in diese tibetische Intrigen-Wirtschaft hereingezogen zu werden. Alle kannten Topga Rinpoche von seiner Tour durch Europa als sympatischen und seriösen Geschäftsführer vom Karmapa Charitable Trust in Rumtek. Da in diesen Briefen Situ Rinpoche so extrem hervorgehoben und viele andere so unrealistisch schlecht gemacht wurden, dachten wir, daß diese Briefe wohl schlechte Werbung für Situ Rinpoche seien, geschrieben von einer politischen Fanatiker-Gruppe.

Wir und unsere Freunde dachten, daß sich S.H. Karmapa sowieso zeigen würde, daß man sein Wiederkommen auf keinen Fall mit schlechtem Gerede oder Geschreibe über Andere forcieren kann. Auch hatten wir angenommen, daß solche weitreichenden Schritte von den Linienhaltern gemeinsam getragen würden. Und wenn einer von ihnen Zweifel hat, dann müßten sie sich damit auseinandersetzen, bis auch der leiseste Zweifel geklärt ist, da es ja schließlich um das Kostbarste geht, was uns alle verbindet.....

Während Situ Rinpoche mitten in seiner Rede war, gab es plötzlich ein Gerangel. Später erfuhren wir, daß ein Mönch sich gegen den Widerstand der Umstehenden zu den Rinpoches durchgedrängt hatte, um mitzuteilen, daß Shamar Rinpoche von der Versammlung erfahren hatte und unterwegs war, um an der Ankündigung über den 17. Karmapa teilzunehmen. Sie brachten nun noch einen Sessel und Situ Rinpoche fuhr mit seiner Rede fort. Als Shamar Rinpoche ankam, folgte ihm ein Jeep mit Soldaten der indischen Armee. Niemand wollte die indische Armee hier haben und schon gar nicht im Kloster. Augenblicklich gab es einen Tumult, die zwei Rinpoches sprangen auf und alle drei Rinpoches verschwanden hinter der großen Eingangstür zum Tempel, die schnell geschlossen wurde. Alle Leute waren aufgeregt, und es entstand ein Gerangel. Die ganze Anspannung und unterschwellige Aggression der letzten Tage schien sich plötzlich zu entladen. Die Soldaten und die Polizisten versuchten die Masse zu beruhigen. Wir sahen, wie ein Mann am Eingang des Klosters mit Steinen und einem Stock auf Karmapas Diener, Lama Tsültrim Namgyal, einschlug. Da war es um die Fassung von vielen von uns geschenen. Einige weinten und schluchzten laut, jeder rannte in eine andere Richtung. Die Mönche, Tibeter und die Gäste waren auf die Sandhaufen der Klosterbaustelle zurückgewichen. Viele standen stumm oder sagten Mantras.

Nach etwa 20 Minuten kam Shamar Rinpoche schnell aus dem Kloster heraus, stieg, gefolgt von den Soldaten, schnell in sein Auto und fuhr weg. Als er durch den Eingang zum Klosterhof fuhr, gab es noch mal etwas Aufregung.

Wir alle blieben wie im Schock zurück und im Laufe der nächsten Tage erfuhren wir Stück für Stück die Hintergründe dieses Geschehens:

Die indische Regierung in Delhi hatte eine ernst zu nehmende Warnung erhalten, daß viele Khampas von diesem »Derge Kommitee« in Kathmandu nach Rumtek unterwegs waren, um gewaltsam durchzusetzen, daß alle Situ Rinpoches Brief über die Inkarnation von Karmapa anerkennen. Sie erfuhren, daß es eine große Gefahr für das Kloster und Shamar Rinpoches Leben gäbe. Einer Sekretärin war der Fehler unterlaufen, den General statt den Polizeichef zu alarmieren. Deshalb wurde sofort die indische Armee nach Rumtek geschickt, wo sie das Kloster, die Shedra (Klosteruniversität), das Dorf und Shamar Rinpoches Haus bewachten. Sie hatten die Order, Shamar Rinpoche überall hin zu begleiten.

Als sie im Kloster waren, haben sich die drei Rinpoches gar nicht getroffen, weil Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche sich in einem Zimmer eingeschlossen hatten.

13. und 14. Juni:

Im Klosterhof, auf der Terasse, bei den Pujas, bei den Mahlzeiten, überall wurden wir nun damit konfrontiert, daß die Leute sagten, Shamar Rinpoche hätte das Militär geholt, um seinen Willen durchzusetzen, er wäre gekommen, um die Rede von Situ Rinpoche zu verhindern und so weiter. Es war unvorstellbar, wie die Leute so etwas glauben konnten. Plötzlich war die öffentliche Meinung, daß Shamar Rinpoche der Agressor sei - es war wie eine Kampagne gegen ihn.

Die Tatsache, daß die indische Armee irrtümlicherweise nach Rumtek gekommen war, führte zu einem riesigen Aufruhr in Sikkim. Das ganze Land streikte für einen Tag, keine Taxis, keine Geschäfte, keine Grenze offen. Während der Turbulenzen im Klosterhof war es auch noch zu weiteren Kämpfen gekommen: zwei Verwandte des Lamas, der geschlagen wurde, haben den Angreifer so verhauen, daß dieser ins Krankenhaus muße, die beiden wurden in Polizeigewahrsam genommen. Und wir hatten auch gehört, daß ein Mann mit einem Messer Shamar Rinpoche bedroht hätte, er aber sofort von den Bewachern gestoppt wurde. Die nächsten Tage waren die Soldaten überall anwesend, auch im Kloster. Für die Tibeter soll sogar für einige Nächte Ausgangssperre angeordnet worden sein. Die Armee wurde aber dann bald von der sikkimesischen Polizei abgelöst. Das sikkimesische Fernsehen bezeichnete die Lage als »angespannt, aber unter Kontrolle«. Am 14. wurden die Grenzen wieder geöffnet, so daß alle an der Grenze wartenden Trauergäste, und auch die zwei Busse mit Khampas, einreisen konnten. Mit der Ankunft der Khampas erlebten einige Leute die Situation im Kloster als noch gespannter.

Bei einem Interview mit Shamar Rinpoche erfuhr eine von uns, daß Rinpoche alles tun wollte, um den Frieden im Kloster zu erhalten, er erklärte, daß er auch auf die Überprüfung des Briefes verzichten würde. Das wunderte uns sehr, denn gerade die Untersuchung des Briefes schien doch die einfachste Lösung und alle Zweifel könnten ganz schnell geklärt werden. In dieser Atmosphäre gingen die Pujas für Jamgön Kongtrul Rinpoche weiter. Wir meditierten viel und beteten darum, daß alles gut werden möge. Die Trauer um den Tod von Rinpoche und die Spannung und Aufregung der letzten Tage mischten sich.

Nach den Meditationen am Abend des 13. Juni hielt Bokar Rinpoche eine Rede zu Ehren Jamgön Kongtrul Rinpoches. Auch Lama Tendzin Dorje, Rinpoches Sekretär und Begleiter, ergriff das Wort. Besonders diese Szene war ergreifend. Es war das erste Mal, daß er öffentlich vor so vielen Menschen sprach, und er machte es sehr gut.

 

15. Juni:

An diesem Tag wurde der Kudung vom Kloster zur Shedra gebracht. Hunderte von Leuten, auch Regierungsvertreter und andere offizielle Gäste kamen an. Es gab eine Prozession, an der Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche teilnahmen, Shamar Rinpoche jedoch nicht. Die Massen drängten sehr auf die übliche tibetische Weise und wir Ausländer hatten Mühe, uns in der uns vorgeschlagenen Weise nach den Rinpoches und Lamas in die Shedra durchzuzwängen. In dem Raum oben legte dann jeder seine Opferungen an den Kudung und es wurden dann gemeinsam die verschiedenen Gebete zur schnellen Wiedergeburt gesungen. Nach uns wurden dann die Trauergäste und hier lebenden Tibeter gruppenweise in die Meditationshalle heraufgeführt. Nach einem besonders schön zubereiteten Mittagessen für alle war diese spezielle Feierlichkeit für Jamgön Rinpoche beendet. Die nächsten Tage bis zum 20. Juni, dem offiziellen Abschluß der Zeremonien für Rinpoche, wurden die Pujas (jetzt: Roter Chenresig, die übliche Mahakala-Puja und die Wiederkehrgebete mit Guru-Yoga) in der Shedra abgehalten. Rinpoches Kudung sollte hier für eine Woche bleiben. Nach einem halben bis ganzen Jahr soll der Körper Rinpoches nach "Pullahari", der im Bau befindlichen Retreatstelle von Rinpoche im Kathmandu-Tal, überführt werden. Für den Körper soll ein großer Stupa gebaut werden.

Am Nachmittag waren wir zusammen mit einigen anderen aus Deutschland bei Shamar Rinpoche im Interview und wir fragten ihn, warum er am Vormittag nicht dabei gewesen wäre. Rinpoche sagte, er wäre nicht bei den Zeremonien gewesen, weil er mit seiner bewaffneten Begleitung keine Unruhe im Kloster auslösen wollte. Er betonte, daß es keine persönlichen Differenzen zwischen den Rinpoches gäbe, sondern die Leute um sie herum hätten unterschiedliche Interessen. Er sagte, er wolle in den nächsten Tagen zum Kloster hoch kommen und mit den zwei anderen Rinpoches reden. Das Gespräch mit Shamar Rinpoche beruhigte uns sehr, da wir zu allen drei Rinpoches Vertrauen haben - es war eine schöne Stimmung.

Danach waren wir auch bei Situ Rinpoche und bei Gyaltsab Rinpoche und fragten sie unter anderem, warum sie Shamar Rinpoche nicht an der Mitteilung über den neuen Karmapa beteiligt hätten. Dazu erklärten sie, daß sie beide gemeinsam in Delhi gewesen wären und so der Bericht auch nur sie beide betraf. Sie rieten uns auch, nur das weiter zu erzählen, was wir selbst erlebt haben, oder das wovon wir meinen, daß es richtig ist. In bezug auf die weiteren Geschehnisse sagten sie, in Rumtek werde die hauptsächliche Inthronisierung des Karmapa stattfinden, danach auch noch an weiteren anderen Stellen.

16. Juni:

Viele waren jetzt schon abgereist und wir besuchten uns gegenseitig und auch Familien, die wir unterstützen oder von früher kannten. Viele Leute waren sehr traurig, Mönche aus dem Kloster und aus der Shedra, Dorfbewohner, es war für alle unfaßbar. Diese Menschen waren schon seit längerer Zeit einem starken Druck ausgesetzt, sie sollten z.B. Briefe unterschreiben, durch die der Generalsekretär Topga Rinpoche herausgeworfen werden sollte usw. Die wenigen, die sich weigerten, wurden sehr unter Druck gesetzt. Die anderen glaubten sich im Recht und kämpften mit allen Mitteln. Eine große Anzahl von Mönchen war von außerhalb gekommen und die Bewohner des Klosters und der Shedra fühlten sich teilweise richtig verdrängt. Man konnte es kaum glauben, es war nicht mehr das Rumtek, das wir von früher kannten. Es war so schade, daß all dies unseren Abschied von Jamgön Rinpoche so zerriß.

Alle hofften, daß die Linienhalter doch noch miteinander reden würden und daß sich das alles als ein böser Alptraum erweisen würde. Wir hörten, daß auch einige Vermittler da gewesen waren, die oben im Kloster bei den beiden Rinpoches aber nichts bewirken konnten.

Dann erfuhren wir, daß ganz früh an diesem Tag auch Urgyen Tulku und Lopön Tsechu Rinpoche angekommen waren. Urgyen Tulku war ein Lehrer von allen vier Linienhaltern gewesen und er und Tsechu Rinpoche waren wohl zuerst oben bei Situ und Gyaltsab Rinpoche, dann hatten sie ein Gespräch mit Beru Khyentse Rinpoche, und den Nachmittag verbrachten sie bei Shamar Rinpoche.

Inzwischen war bekannt geworden, daß am Morgen des 17. Juni der Tulku aus Kham in Tsurphu als Karmapa empfangen werden sollte. Es wurde allen gesagt, sie sollten aus diesem Grund am nächsten Tag bei Sonnenaufgang zu einer Puja im Kloster sein und dann einen Katak auf Karmapas Thron legen.

17. Juni:

Bei der Zeremonie bei Sonnenaufgang herrschte einiges Durcheinander. Wie wir später erfuhren, waren drei Umzes (Puja-Leiter), ein Dorje Lopön (Ritual-Meister) und ein Disziplinarmönch in der Nacht davor weggefahren, um sich diesem Zwiespalt zu entziehen. Dennoch gab es eine Puja und die Anwesenden gaben ihre Kataks. Die Stimmung war jedoch sehr gemischt.

Wir erfuhren auch, daß während einer der Pujas am Tag zuvor ein Brief durch die Reihen der Rinpoches gegangen war, wo alle unterschreiben mußten, daß sie den Brief und den Karmapa als richtig anerkennen. Es ist wohl so, daß sobald S.H. der Dalai Lama einen Karmapa bestätigt hat, kein Rinpoche etwas anderes sagen darf. Wir haben uns sehr darüber gewundert, weil wir von einigen Rinpoche wußten, daß sie anderer Meinung waren.

Für 13 Uhr war eine Information mit Beru Khyentse Rinpoche angekündigt, die jedoch nicht stattfand, denn es gab schließlich ein Treffen der Rinpoches. Shamar Rinpoche und Situ Rinpoche hatten gemeinsam mit Urgyen Tulku eine lange Aussprache.

18. und 19. Juni:

Frühmorgens kurz vor 8 Uhr gab Urgyen Tulku kurz (auf tibetisch) bekannt, daß jetzt die drei Linienhalter einen Kompromiß geschlossen hätten in bezug auf den Brief; es hätte Schwierigkeiten in der Kagyü-Linie gegeben, leider sei S.E. Jamgön Rinpoche gestorben. Die Schwierigkeiten wären aber jetzt beseitigt. So in etwa wurde es uns von einigen Tibetern übersetzt. Danach fuhren Urgyen Tulku, Tsechu Rinpoche und Chökyi Nyima Rinpoche wieder ab.

Am späten Vormittag trafen sich dann die Linienhalter bei einer Behörde in Gangtok und Shamar Rinpoche überreichte da auch einen Brief in dem er bestätigte, daß er Zweifel in bezug auf die Echtheit von Situ Rinpoches Brief hatte, daß er aber aufgrund seines Vertrauens zu Situ Rinpoche und aus Respekt vor S.H. dem Dalai Lama das weitere Vorgehen akzeptieren werde. Damit schien erst einmal Ruhe einzukehren. Wir waren jedoch verwundert, daß keiner sich traute, öffentlich seine Meinung zu sagen, und daß selbst Shamar Rinpoche seinen Antrag auf Prüfung des Schriftstückes zurücknahm und jetzt einfach alles so weiterlaufen sollte, als ob nichts gewesen wäre.

Heute war auch unser Aufenthalt in Rumtek beendet. Wir waren sehr niedergeschlagen und dachten an all unsere Freunde. Wie würde es jetzt werden, wenn all die verschiedensten Erzählungen, Gerüchte und Wahrheiten verbreitet würden? Wir wünschen uns sehr, daß S.H. Karmapa selbst seine Identität eindeutig zeigen wird. Wir hoffen sehr, daß die drei Linienhalter und die anderen Mitglieder des »Karmapa Charitable Trust«, dem ein Großteil von Karmapas Klöstern, Shedras und Zentren untersteht, schnell alle Zweifel beseitigen und eine Einigung herbeiführen werden.


Andrea Boy, Sys Leube und Gunda Koehn