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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 9, ( 1992)

Die Prophezeiungen des 5. Karmapa Deshin Shegpa

Übersetzt von Tina Draszczyk

Während der letzten Wochen habe ich immer wieder Kopien einer englischen Übersetzung von Teilen eines Textes des 5. Karmapa (1384 - 1415) zugesandt bekommen. Es handelt sich hierbei um einen kurzen Auszug aus dem 16. Kapitel seiner Biographie, in der eine Reihe von Prophezeiungen des 5. Karmapa enthalten sind.

Die bislang verschickte englische Übersetzung ist mit Michelle Martin Translator, one of the main translators at Rumtek gezeichnet. In ihrer Übersetzung wurden in diesem Textteil eine ganze Reihe von Versen ausgelassen.

Da unter anderem auch jene Verse ausgelassen wurden, in denen der Karmapa seinen Schülern Ratschläge dazu gibt, was sie in diesen schwierigen Zeiten tun sollen, habe ich mich dazu entschlossen, jenen Teil des Textes nochmals ganz zu übersetzen, aus dem Michelle Martin einige Zeilen ausgewählt hatte.

»Aus Erfahrung entstandene Prophezeiungen«

Übersetzung eines Ausschnittes aus dem 16. Kapitel der Biographie des 5. Karmapa Deshin Shegpa

»...von dieser Zeit an, in der Abfolge der Karmapas
Nach dem 16. (Karmapa) oder dem 17. 1)
Wird die Lehre des Siegreichen im allgemeinen und die Kamtsang Lehre
Bremsen gleichen, die am Ende des Sommers fast ausgestorben sind. Die Linie der göttlichen Könige im Osten wird abreißen
Und das Land wird von verschiedenen Leuten regiert werden.
Sowohl von Norden als auch von Osten her werden Fremde eindringen und
Tibet wird eingekreist werden, wie ein Ring. Der Verdienst des Königs von Zentraltibet wird sich erschöpfen, was man auch macht, wird verkehrt sein.
Mit wem man auch spricht, es wird widersprochen. Gutes Verhalten verschwindet und negatives Verhalten verbreitet sich. Von Fremden gemachte Maschinen werden sich durch den Himmel bewegen und das Land beobachten.
Wenn derart schlechte Zeiten eintreten wird kein Friede im Geist und keine Freude erfahren. Trotzdem - leidet nicht darunter! Laßt nicht ab von den drei Juwelen! Wendet die Mahamudra-Praxis an! Bleibt an verborgenen Plätzen und meditiert!”
Als (der Karmapa Deshin Shegpa) diese Worte sprach, fragte ihn (sein Schüler) Shen Yeshe Nyingpa nachdem er viele Verbeugungen vor ihm gemacht hatte, und ihn viele Male umschritten hatte:

Ach! Siegreicher, mächtiger Allwissender, Karmapa - Du zweiter Buddha,wenn derart schlechte Zeiten eintreten, was wird mit den Stellen dieser Gegend passieren? Was sind die besten Methoden, um dem entgegenzuwirken? Wieviele werden es sein, die Schüler mit gutem Karma anleiten? Welche Veränderung des Verfalls und der Entwicklung werden sich an diesem vom Meister Düsum Khyenpa gegründeten Sitz zeigen? 2)
Ich bitte Dich, zu erklären, was an allen Orten dieses Landes,
an Gutem zu tun und an Negativem zu vermeiden ist.
Der Meister (5. Karmapa Deshin Shegpa) erwiderte: Yeshe Nyingpo, hör zu!
Von jetzt an, bis zum 14. oder 15. (Karmapa), die den Namen Dorje tragen, wird dieser Sitz wachsen und gedeihen. 3) Dann, wenn die Lehre Buddhas im allgemeinen in Verfall gerät, wird dies, wie allgemein, gleichermaßen auch hier geschehen.
Jedoch - durch die Kraft meiner großen Wünsche wird dieser Sitz solange bestehen, solange die Lehre des Buddha nicht zur Gänze verschwunden ist. Dieser Sitz hört dann auf zu existieren, wenn die Lehre des Buddha verschwindet.
(Bis dahin) werden sich Zeiten der Blüte und des Niedergangs abwechseln.
An einem anderen Ort, in der Gegend von Dokham namens Dege, einem Ort der zehn positiven Handlungen,
Wird ein König mit gutem Karma die Lehre stützen. Während seiner Zeit wird in Dokham Freude herrschen. Nach seinem Tod wird Dege verfallen.
Zu dieser Zeit wird in diesem Land ein Kloster namens Pal entstehen.
Es wird von einer Ausstrahlung des großen Repa Drogön gehalten.
Zu dieser Zeit werden zwei, die wie die Sonne und Mond sind, zur gleichen Zeit zusammen auftreten. Ihre Namen werden mit Ka und Kha beginnen.
Wer immer mit ihnen verbunden ist, wird nicht (in Samsara) zurückkehren.
Ein Teil des Lichtes von Tschenresi wird sich im Geheimen als der König von Gomde manifestieren.
Während seiner Zeit wird in Gomde Freude herrschen.
Nach seinem Tod wird die Gegend von Gomde verfallen.
In der Gegend von Dokham Sarmo Gang wird einer mit gutem Karma (auftreten), mit einem Aussehen wie der Herbstmond.
Er wird vollkommen in der Natur des unveränderlichen Dharmadhatu ruhen und er wird jene, die mit ihm in Verbindung stehen, in das (Reine Land namens) Lotuslicht führen.
Nach seinem Tode wird Dokham verfallen. An diesem Sitz namens Sala Tschöpa 4) wird die Ausstrahlung eines Arhats auftreten, der orangene Dharmaroben trägt. Alle Verbindungen mit ihm werden von Bedeutung sein.
Bei seinem Tode wird er in die Weite des erleuchteten Geistes von Vimalamitra verschmelzen.
In der Abfolge der (Karmapas) wird sich der Mikyö genannte Dorje,
ein vollkommener Buddha, als Mensch manifestieren. Er wird unübertrefflich und unvergleichlich sein. Durch die Wunschkraft seines mitfühlenden Geistes wird die Lehre des Karmapa um zwei Drittel mehr blühen und gedeihen.

In der Abfolge der Karmapas, am Ende des Lebens des 16. Karmapa
Und am Anfang des 17., wird einer mit gebrochenen Samayas,
Ein Lama, der den Namen Na-tha 5) trägt,
an diesem Sitz Satschö 6) erscheinen.
Durch die Kraft seiner verderblichen Wünsche wird die Lehre des Karmapa fast zerstört werden.
Zu dieser Zeit wird aus dem Westen einer mit früheren guten Wünschen,eine Ausstrahlung des Geistes von Guru Rinpoche, kommen.
Er wird eine Kette von Malen und einen kraftvollen Geist haben. Aus seinem Mund werden zornvolle Worte ertönen. Sein Aussehen wird dunkel sein und seine Augen treten hervor.
Er wird diese Ausstrahlung, die ihre Gelübden gebrochen hat, bezwingen.
Er wird Tibet für eine Weile schützen und zu dieser Zeit wird Freude erlebt, als würde man ein Teilchen Sonne haben.
Ich glaube, daß sich dies in Tibet ereignen wird.
Selbst wenn sich andere mit gutem Karma manifestieren - da die Lehre Buddhas dem Niedergang zugeht und die Frucht der Wünsche von Bösen zutage tritt - wird das Aufkommen von Freude schwer sein.
In Zentraltibet geht die (Macht) des Königs zur Neige.
Eine negative Ausstrahlung wird als Minister von Kongpo kommen.
In Zentraltibet wird Krieg herrschen und seine Regierung wird fallen.
Viele, früher nicht dagewesene Fremde werden plötzlich in großer Anzahl die Erde dieses Landes bedecken.
In dieser schlechten Zeit werden die Menschen von Negativem getäuscht werden. Sie werden kein Interesse an Dharma haben, da sie von Leid vereinnahmt sind.
Überall in den drei Gegenden von Tö, Me und Bar, werden Ströme vom Blut des Krieges fließen.
Wegen Auseinandersetzungen, Kriegen und Kämpfen wird es keinen Ort der Harmonie und Freude mehr geben. Wegen Armut und Zwangsarbeit
wird es keinen Ort des Reichtums und der Muße mehr geben.
Wegen Folterungen und Gefangenschaft wird es keinen Ort der Freiheit mehr geben.
Es ist nicht so, daß die Drei Juwelen, die Drei Wurzeln und die Dharma- schützer ohne Mitgefühl wären.
Aber das (negative) Karma der Lebewesen, die Kraft der bösen Wünsche und die Zeit des Niedergangs sind zusammengekommen. Zu dieser Zeit sind die vollkommenen Lehren des Diamantweges voller Kraft und schnellem Segen...


Fußnoten:

1. die erste Zeile lautet „…nach dem 16. und 17. (Karmapa)…“ Dies wurde von Michelle Martin irrtümlich mit „…zwischen dem 16. und 17. übersetzt. Der Grund, aus dem der 5. Karmapa sagt: nach dem 16. oder 17. Karmapa ist folgender:
Ein Verwandter des 14. Karmapa Thegchog Dorje bat ihn, unbedingt in seiner Familie Geburt anzunehmen. Daraufhin wurde er in dieser Familie geboren, lebte aber nur zwei Jahre und wurde von daher nie als Karmapa inthronisiert. Die nächste Inkarnation wurde dann als 15. Karmapa Khakhyab Dorje inthronisiert. Aus diesem Grund spricht Karmapa Deshin Shegpa auch in seiner Prophezeiung vom 16. oder 17. Karmapa, je nachdem ob man die erste Reinkarnation des 14. Karmapa, der nur zwei Jahre alt wurde, mitzählt oder nicht.

2. Karma Gön in Osttibet (siehe auch Fußnote 4)

3. Karma Gön in Osttibet (siehe auch Fußnote 4)

4. In der Demchog-Praxis werden die drei Mandalas (von Körper, Rede und Geist) mit bestimmten Namen bezeichnet, die sich auch in Bezeichnungen für die drei wichtigsten von Düsum Khyenpa, dem 1. Karmapa, gegründeten Klöstern (Kampo Nenang und Karma Gön in Osttibet, sowie Tsurphu in Zentraltibet) wieder finden. Dabei wird Karma Gön nach dem Mandala der Rede auch als Ogmin Satschoe Sung git Densa (kurz Satschö) bezeichnet.

5. Michelle Martin hat in ihrer Übersetzung hinter dem Namen Na-tha in Klammern Nephew als Erklärung eingefügt. Im Tibetischen heißt es hier wirklich: ein Lama, der mit dem Namen Natha versehen ist. Natha ist also eindeutig ein Name und kein Hinweis auf einen Verwandtschaftsgrad. Nach einigen Nachforschungen fand ich heraus, dass das Wort kein tibetisches Wort zu sein scheint. Bleiben daher noch als mögliche Sprachen Sanskrit, Chinesisch und Mongolisch. Zu den beiden letzteren, die aufgrund von Deshin Shegpas Verbindung zu China und der Mongolei durchaus möglich sind, konnte ich aufgrund von Deshing Shegpas Verbindung zu fehlender Sprachkenntnisse keine Nachforschungen anstellen.
Aber auch im Sanskrit scheint es das Wort Na-tha in dieser Schreibweise nicht zu geben. Erst mit einem langen a, als Na-tha findet man eine Bedeutung, nämlich Schützer, Helfer und keinesfalls Neffe. Schließlich fand ich auch ein Wort Naptr oder Naptri dessen Bedeutung Enkel, Nachkomme ist. Eine Übersetzung als Neffe ist ebenfalls erwähnt, jedoch als höchst unsicher und fragwürdig bezeichnet. Zu diesem Wort ist jedoch zu bemerken, dass es schon so weit von dem ursprünglichen Ausgangspunkt Na-tha entfernt ist (p,t,r anstatt tha,a), dass Schlüsse auf die Bedeutung von Na-tha höchst fragwürdig sind. Schließlich sind phonetisch gesehen 50 % des Wortes verwendet. Meiner Ansicht nach ist daher die Übersetzung Neffe für Na-tha nicht Aufrechtzuhalten.

Die mir zur Verfügung stehenden Sanskrit_Wörterbücher waren: Sanskrit English Dictionary von Sir Monier Williams (11. Aufl. Delhi 1990) 8-bändiges Sanskrit-Wörterbuch von Böhtlingk und Roth (1. ind. Ausgabe, Delhi 1990) Buddhist Hybrid Dictionary von Edgerton (3. Aufl., Delhi 1972 Eine Kopie des tibetischen Textes ist bei der Redaktion von Kagyü Life erhältlich.

6. siehe Fußnote 4.

Übersetzung.: Tina Draszczyk, Tibetologin, Wien