Aus: Buddhismus Heute Nr. 9, ( 1992)

Editorial zur aktuellen Situation

Detlev Göbel, Ulla Unger-Göbel, Paul Waibl

Liebe Leser,

Die Linienhalter Karmapas und Seine Heiligkeit der Dalai Lama haben den in Osttibet geborenen Jungen mit Namen Urgyen Trinley offiziell als die 17. Inkarnation Seiner Heiligkeit Gyalwa Karmapa anerkannt. Also eigentlich ein Anlaß für riesige Freude. Nur will diese bei Vielen aufgrund der turbulenten und undurchschaubaren Begleitumständen und Geschehnisse um die Auffindung und Anerkennung des Jungen nicht so recht aufkommen. Die oft unglückliche Verbindung von Dharma und Machtpolitik, die in Tibet gang und gäbe war, hat nun auch uns erreicht. Wir wol­len mit die­sem Heft versuchen, mög­lichst um­fang­reich ei­nen Über­blick über die Ge­scheh­nis­se der letz­ten Wo­chen zu ge­ben.
Vielen wird dies nicht gefallen. Offiziell herrscht ja volle Einigkeit über die Anerkennung Karmapas. Aber einmal verspieltes Vertrauen kann nicht so einfach wiedergewonnen werden, solange nicht Klarheit darüber herrscht, was wirklich geschehen ist. Auch ist es sicher besser, die Rinpoches und Augenzeugen selbst zu Wort kommen zu lassen, statt aus zweiter und dritter Hand mit Halbwahrheiten versorgt zu werden.
Auf dem Ge­biet von Re­li­gion und Phi­lo­so­phie m­ag uns die ti­be­tische Tradition überlegen sein, aber was Transparenz und So­li­da­ri­tät angeht, würden wir ih­nen gerne et­was brü­der­li­che Nachhilfe in westlichem Demokratie-Verständnis geben.
Künzig Shamar Rinpoche und Jamgön Kongtrul Rinpoche hatten Zweifel an der Authentizität des von Tai Situ Rinpoche präsentierten Briefes, der zur Anerkennung des 17. Karmapa geführt hat. Unglücklicherweise starb Jamgön Kongtrul Rinpoche bei dem tragischen Unfall und Shamar Rinpoche zog seine ursprüngliche Forderung nach wissenschaftlicher Prüfung dieses Briefes leider zurück. Diese Untersuchung, die Tai Situ Rinpoche und Goshir Gyaltsab Rinpoche erstaunlicherweise nicht zuließen, wäre eine sehr gute Möglichkeit gewesen, auf einen Schlag alle Zweifel zu entfernen, und die ganze Angelegenheit auf eine sachliche Ebene zu bringen.
Stattdessen wird man mit so absurden und abenteuerlichen Meldungen konfrontiert, wie »drogensüchtige westliche Schüler könnten Karmapa umbringen und er müsse deshalb beschützt werden«.
Es werden Fronten eröffnet und Intrigen geschmiedet, die allen schaden und das ohnehin schon strapazierte Vertrauen weiter untergraben.
Man muß wohl davon ausgehen, daß solche Äußerungen und die jüngsten Ereignisse in Rumtek und Tibet die Folge schon seit längerer Zeit andauernder Machtkämpfe und Entwicklungen sind, von denen wir bisher glücklicherweise wenig mitbekommen haben.
Wir wollen nur Dharma praktizieren und Karmapas Segen in den Westen bringen. Da speziell im Diamantweg volles Vertrauen und Hingabe so wichtig sind, müssen wir darauf bestehen, daß alle Zweifel ausgeräumt werden und die tibetischen Machtspiele unsere Arbeit nicht zerstören.
Wir hoffen, daß die Beiträge dieses Heftes mehr Klarheit bringen werden und Herz und Verstand wieder zusammenkommen.


Die Redaktion