Aus: Buddhismus Heute Nr. 8, ( 1992)

Dharma in Rußland

Von Gabi Kremer

Gabi Kremer besuchte 1991 drei Monate lang die von Lama Ole Nydahl gegründeten Dharma-Zentren in der ehemaligen UDSSR. Auf seinen Wunsch hin half sie beim Aufbau der Gruppen, bereitete Oles Reise im Januar '92 vor, und vermittelte die Erfahrungen, die die deutschen Dharma-Zentren bei ihrer Arbeit in den letzten 15 Jahren gewonnen haben.

Unsere Arbeit begann in Petersburg, und in den folgenden drei Monaten besuchten wir insgesamt 14 Dharma-Zentren in Zentralrußland, der Ukraine, dem Kaukasus, Ural und Sibirien. Auf Wunsch von Lama Ole Nydahl sollte unsere Arbeit vor allem darin bestehen, die Zentren zu stützen, indem wir unsere drei Hauptpraktiken, bestehend aus der »Drei-Lichter-Meditation«, den »Vorbereitenden Übungen« und der Anrufung von »Liebevolle Augen« richtig einführten und Fragen und Zweifel bezüglich der Dharma-Grundlagen klären sollten. Die meisten Dharmapraktizierenden hatten Ole erst einmal in ihrem Leben gesehen: an den ein oder zwei Abenden, die er in ihrer Stadt lehrte.
Einige hatten an dem Phowa-Kurs in Petersburg und den Einweihungen von Tsechu Rinpoche teilgenommen, aber dort gab es auch, mangels Zeit, nicht zu viele Basisbelehrungen, und so hatten alle ein großes Bedürfnis nach Information. Viele falsche Vorstellungen mußten korrigiert werden, und es machte Spaß, zu sehen, wie jede Stadt so ihre eigenen Marotten entwickelt hatte.

Den größten Spaß hatten wir in einer Stadt, in der fast jeder die »Fähigkeit« besaß, sich mit Seiner Heiligkeit Karmapa, Seiner Heiligkeit Dalai Lama, Mahakala und Chenresig zu unterhalten. Sie tauschten dann auch untereinander die »Nachrichten« aus, und an unserem Ankunftstag hatte Karmapa ihnen versprochen, um 20 Uhr mit einer fliegenden Untertasse vor ihrer Haustür zu landen. Erstaunlicherweise waren von diesem »Virus« aber nur die Männer befallen, denn plötzlich saßen Vagid (Oles begabter Übersetzer) und ich mit ein paar Frauen alleine da und die Männer waren verschwunden. Erst später erzählte mir Vagid, was eigentlich los gewesen war und wir konnten uns kaum halten vor Lachen. Leider ging durch diesen Spleen auch ein kostbarer Abend verloren. Die gemeinsame Praxis und das Verständnis vom Sinn der »Vorbereitenden Übungen« ermöglichte es den Herren jedoch später, über sich selbst zu lachen und sie waren sehr zufrieden mit dem, was unsere Linie an Erfahrungen zu bieten hatte.
Dies war ein Erlebnis, was uns noch öfter tief beeindrucken sollte; alle Schwierigkeiten lösten sich, wenn die Praxis begann. Durch Belehrungen und logische Argumentation war zwar vieles zu klären, aber meist blieb ein Rest von Zweifel, ein Wunsch nach außergewöhnlichen Erlebnissen, so dumm dies auch sein mochte. Dies alles löste sich vollständig durch die Meditation auf. Die Erfahrung, direkt in den Segen der Linie eintauchen zu können löste alle Schwierigkeiten auf und stillte allesVerlangen. Das mit den Freunden teilen zu können, machte uns unsagbar froh.
Eigentlich waren es wirkliche Wunder, die wir erlebten: Ole kam in Städte, in denen er niemanden kannte, erklärte ein oder zwei Abende die Lehre, die auch niemand kannte, gab Zuflucht, und ein halbes Jahr später gibt es Dharma-Zentren mit beständigen Leuten und stabiler Praxis, von einigen Ticks einmal abgesehen. In Uljanovsk z.B. waren schon elf Freunde dabei, die Verbeugungen zu machen und zehn weitere warteten darauf, die Erlaubnis und Erklärungen dazu zubekommen. Es war für uns eine reine Freude, mit ihnen zu arbeiten und wir konnten uns nichts besseres vorstellen und wünschen!

Ich denke, daß wir in unserer Arbeit erfolgreich waren, denn überall wo wir hinkamen, war anschließend völlig klar, welche Meditationen praktiziert werden sollten. Auch konnten wir vermitteln, welche Praktiken man selber macht und was man davon an andere weitergeben kann. Die Leute ohne Zuflucht waren eingeführt in die Drei-Lichter Meditation und die »Kleine Zuflucht«, und alle warten sehnsüchtig auf den Januar '92, wenn Ole und Hannah nach Petersburg kommen. So wie es aussieht, wird es eine regelrechte Pilgerreise dorthin geben!
Die Fahrten durch das Land waren wunderbar, abgesehen von den Herbsttagen mit viel Regen und noch mehr Dreck. Ende Oktober fiel in der Ukraine der erste Schnee, aber die Leute erklärten uns, daß es immer noch Herbst sei und der Winter erst später begänne.
Leider entpuppten sich die von mir so sehr geliebten Züge im Winter als kleine Höllen auf Rädern. Alle Reisenden wurden durch unerträglich hohe Temperaturen gequält, die selbst im Bikini nicht auszuhalten gewesen wären. Dazu kam Gestank von Desinfektionsmitteln bei nicht zu öffnenden Fenstern und Folter durch Musik. In fast allen Zügen gab es das gleiche Musik-Band und bald konnten wir fröhlich mitsingen. Das Personal in den Zügen erwies sich als gute »Höllenwärter«. Sie heizten uns tüchtig ein, waren korrupt bis in die Knochen und ich mußte zweimal Strafe zahlen, weil ich als Ausländerin mit einem einheimischen Ticket fuhr. Daß die Strafe in die privaten Taschen der Leute wanderte fand ich heraus, als ich eine Quittung verlangte. Es gab einen Riesenauf stand und ich sollte zu den schon bezahlten 50 Rubeln noch 30 Rubel zuzahlen, um die gewünschte Quittung zu bekommen. Da ich mich weigerte, blieb es bei den 50 Rubeln in ihrer Tasche und keine Quittung für mich.
Die »schönste« Fahrt hatten wir von Pyatigorsk nach Volgograd. Schon zehn Tage vorher gab es keine Karten mehr und wir mußten den Schaffner des Wagens bestechen, um in den Zug zu kommen. Ein normales Ticket kostete 25 Rubel, wir jedoch zahlten 160 Rubel an ihn und er versprach uns zwei Betten. Wir verbrachten die Nacht im Gang auf unserem Gepäck, wo alle fünf Minuten jemand über uns stolperte. Am Tage dann ließen uns einige Leute in ihren Betten schlafen und wir waren dafür sehr dankbar. Als wir beim Verlassen des Zuges am Schaffner vorbeikamen, hätte ich ihm am liebsten in den Hintern getreten, aber ich konnte mich noch rechtzeitig bremsen. Dies waren die teuersten 24 Stunden von allen.

Nach Uljanowsk begann dann unsere wunderbare Reise durch den Ural nach Sibirien. In einigen Städten waren gerade kleine Gruppen entstanden und in anderen gab es einzelne interessierte Leute, die auf uns warteten. Hier bestand unsere Arbeit darin, den Besuch von Ole und Hannah im Januar '92 nach besten Kräften vorzubereiten. Immer häufiger kam ich in die Situation, Einführungsvorträge halten zu müssen. An meinen ersten Vortrag ging ich sehr blauäugig ran und weiß bis heute nicht, wie ich ihn überstanden habe. Schon zu Beginn eines jeden Satzes wußte ich nicht mehr, wie er enden sollte. In meinem Kopf herrschte das Chaos, aber seltsamerweise waren die Leute zufrieden. Vor dem zweiten Vortrag hatte ich dann meine »Nervenkrise«, die ich dank Vagids Hilfe noch rechtzeitig überwand. Mit seiner und Manjushris Unterstützung machte ich mir aus Oles »Dharmabelehrungen« einen Auszug und damit verliefen die weiteren Vorträge blendend. Heute kenne ich den Vortrag in- und auswendig.
Sibirien erwies sich landschaftlich als wunderschön. Die schneebedeckte Taiga mit ihrem hohen Gras, den Birkenhainen und den Pferdeherden waren so richtig etwas für ein romantisches Herz. Nur vom sibirischen Winter war ich enttäuscht. Als wir in Nowosibirsk und später in Krasnojarsk ankamen, war es gerade 3 Grad minus und es fühlte sich wegen des trockenen Klimas überhaupt nicht kalt an. Da unsere Reise nach Irkutsk abgesagt wurde, blieben wir eine ganze Woche in Krasnojarsk. Wir nutzten die unerwartete Pause für ein kleines Retreat, und zuerst waren wir in einem Sanatorium etwas außerhalb der Stadt untergebracht. Später zogen wir dann in ein Hotelzimmer in Stadtnähe um, in welchem die Zentralheizung leider nur als Anlage vorhanden war. Und da endlich bekam ich meinen russischen Winter. Minus 37 Grad Celsius und Schnee; das war nun wirklich kalt. Vagid hielt sich abwechselnd mit Verbeugungen und heißen Duschen warm und ich meditierte, in meinen Schlaf sack eingemummelt. Schläfrig wurden wir nie.
Auch die Züge hatten sich eines anderen besonnen. Nun, wo es so richtig schön kalt war, verwandelten sich die heißen Höllen in kalte Höllen und ich war heilfroh über meine dicke Daunenjacke und meinen Schlafsack. Trotz allem war es immer noch spannend und wir ließen uns den Spaß nicht verderben.

Zum Abschluß dann kamen aus allen Teilen der ehemaligen UDSSR, von Petersburg bis Melitopol, Kiew bis Krasnojarsk, 70 Freunde zu einem gemeinsamen Ngöndro-Retreat angereist. Während zu Beginn einige noch die »Kleine Zuflucht« beendeten, machten bald alle gemeinsam die Verbeugungen. Der gesamte Raum, in welchem weder die Heizung funktionierte, noch die Fenster sich öffnen ließen, dampfte nach kurzer Zeit. Das Wasser lief an den, mit Ölfarbe gestrichenen Wänden herunter. Die Freunde praktizierten mit Eifer, Konzentration und Ausdauer, die ihresgleichen suchen lassen. Am Abend erzählten wir ihnen von Tilopa, Naropa, Marpa und Milarepa, was viel Freude brachte und den Eifer noch verstärkte. Alle fanden Gefallen an der strengen Retreatform und beschlossen, mindestens zweimal im Jahr auf diese Weise zusammen zu praktizieren.

Wenn alle in diesem Land so schnell und freudig lernen können wie unsere 70 Freunde, dann glaube ich, hat das Land eine große Zukunft vor sich. Der Abschied von den Freunden, nach drei Monaten intensivem Zusammenseins fiel mir schwer.


Gabi Kremer