Aus: Buddhismus Heute Nr. 7, (Winter/Frühjahr 1991)

Lehrer und Schüler

Von Lama Ole Nydahl

Viele starke, Leute denken: "Wozu brauche ich einen Lehrer? Alle Wahrheit liegt ja doch in mir selbst." Glücklicherweise ist Wachstum auch ohne einen Lehrer möglich. Es fragt sich nur, wie schnell man vorankommen will.
Der Buddha hat mehrere Wege gelehrt. Auf einigen kommt man über viele Lebenszeiten durch "Versuch und Irrtum" weiter. Man probiert die Möglichkeiten des Lebens aus und entdeckt allmählich, was Glück und was Leid bringt. Bei solchen Erfahrungen, die auf Gewohnheiten und Erinnerungen beruhen, braucht man keinen Lehrer. Hier erfährt man einfach, dass gewisse Taten, Worte und Gedanken von außen und innen durch ein gutes Gefühl "belohnt" werden, während andere zu Schwierigkeiten und schlechten Schwingungen führen.
Das geschieht in der gleichen Weise wie in den Experimenten, wo ein kleiner Wurm, den man durch ein Y-Rohr kriechen lässt, irgendwann erkennt, dass er in dem linken Rohr immer elektrische Schläge und in dem rechten etwas zu fressen bekommt. Auf dieser Ebene des Vermeidens von Leid reichen ein paar einfache Belehrungen, wie der Buddha sie im Hinayana gab.
Schneller geht es aber, wenn ein überzeugender Lehrer sagt: "Diese Taten führen zu jenen Ergebnissen". Dadurch sind seine Einsichten nachvollziehbar und die Erfahrung wird "runder". In vielen Vorlesungen z.B. sagt der Professor weniger als in seinem Buch steht und auch das könnte man selbst lesen. Dadurch aber, dass er es sagt, hat es mehr Kraft.

Auf dieser Ebene braucht man jedoch nicht viele Belehrungen und derjenige, der sie gibt, wird nicht besonders hervorgehoben. Das sieht man in den Theravada-Ländern wie Thailand, Burma, Sri Lanka. Die Lehrer sind zwar Beispiele, aber die beflügelnde und Kraftübertragende Arbeit, die im Diamantweg so wichtig ist, findet man kaum.
Wenn eine begabte Lebensweise unsere Schwierigkeiten vermindert hat, entwickeln die Leute von selbst ein "Innenleben". Es zeigt sich einerseits als Mitgefühl die Fähigkeit, das Streben anderer nach Glück mitzuerleben und andererseits als die Weisheit, die Dinge überpersönlich zu sehen. Es entsteht eine rationale Ebene. Man sieht, was wirklich da ist und nicht mehr die eigenen Erwartungen und Abneigungen. Auf dieser zweiten Ebene kann man auch mit Büchern weiterkommen, denn es geht um gesunde Vernunft. Von der Ebene der Vorstellungen sickern allmählich Eindrücke in das Bewusstsein und man verändert sich. Wenn wir klar beobachten, was überall geschieht, entstehen Mitgefühl und Weisheit von selbst. Dies geschieht aber schneller und direkter, wenn jemand seine Erfahrungen mit uns teilt. Auf dieser Mahayana-Ebene, dem "Grossen Weg", ist der Lehrer wichtig, aber nicht unersetzbar. Er ist vor allem unser guter Freund auf dem Weg, eine wichtige Inspiration.
Wenn alle Lehren Buddhas plötzlich verschwänden, und man fände in 500 Jahren die alten Bücher und würde sie auch verstehen, dann gäbe es die Hinayana- und Mahayana-Ebene sofort wieder. Es ginge nichts verloren.

Dies wäre jedoch nicht mit der dritten und höchsten Stufe der Belehrungen möglich. Hier geht es um Phantasie und um die Umformung von Gefühlen, um die Übernahme ganzer Erfahrungsbereiche. Wenn wir schnell die ganzen Reichtümer, Kräfte und Fähigkeiten erschließen wollen, die in uns liegen, brauchen wir unbedingt einen Lehrer. Wer wünscht, in sagen wir 15 oder 20 Jahren alles entfernt zu haben, was uns Alter, Krankheit oder Tod als große Schwierigkeiten erleben lässt, muss diesen direkten Bezug haben.

Wer persönliche Begrenzungen so weit hinter sich lassen will, dass er vollständig für andere arbeiten kann, kommt daran nicht vorbei. Man braucht einfach jemanden, der den Geist kennt, um ihn selbst erfahren zu können. Hannahs und mein erster Lehrer Lopön Tsechu Rinpoche sagte einmal: "Auch Buddha hatte Lamas." Es dauerte eine Weile bis ich verstand: Erleuchtung ist das Ergebnis von Wachstum über Lebenszeiten. Wenn die Erfahrung durch die Kraft eines Lehrers auf eine überpersönliche Ebene der Einsicht gebracht wird, wird sie selbstbefreiend, und alles zeigt die grenzenlosen Möglichkeiten des Raumes. Das ist der Weg der Einsicht, der Mahamudra heißt.
Auch für den Weg der Mittel braucht man einen Lehrer. Er gibt uns die Kraft, uns in einem Reinen Land als Formen von Licht und Energie erleben zu können. Die Grundlage dafür ist die dreifache Übertragung des Diamantweges. Sie besteht aus der Einweihung, dem Wang, wobei die Kraftfelder der Buddhas übertragen werden.
Dann folgt die Erlaubnis, der Lung, bei dem die Erfahrung eines Textes durch Hören ins Bewusstsein gebracht wird. Schließlich bekommt man dann die Belehrungen Tri. Sie erschließen uns alle in den Texten enthaltenen Möglichkeiten, so dass wir sie umfassend nützen können. Je schneller der Weg zum Ziel führt, desto wichtiger wird der Lehrer. Vor allem im Diamantweg gibt es Beschreibungen über die Eigenschaften eines Lehrers.

Zuerst braucht er Mitgefühl. Er muss bereit sein, in den Lebensstrom der Leute einzugreifen und ihnen zu helfen, sowohl kurz als auch langfristig. Untrennbar davon muss er Weisheit besitzen. Er muss wissen, womit er arbeitet und soll selbst durch Erfahrung gereift sein.
Die wichtigste Eigenschaft eines Lehrers jedoch ist, die Dinge überpersönlich sehen zu können. Er muss wirklich die Leerheit verstanden haben und darf nichts mehr eng und ich bezogen erleben. Er muss also ein ständiges Gefühl von der Natur des Geistes haben und unerschütterlich in Körper, Rede und Geist geworden sein. Der Geist muss stark bleiben, die Rede überzeugend und der Körper darf nicht aufhören, Mut und Freude auszustrahlen.
Am Anfang sehen die meisten den Lehrer sehr persönlich. Dies ermöglicht große Offenheit und schafft eine starke Verbindung. Es ist aber keine gute Basis für die Entwicklung auf Dauer. Bald werden die störenden Gefühle auch die Reinheit dieser Wahrnehmung färben und statt des "Flash" der Begegnung setzen sich Erwartungen und Gewohnheitsgedanken durch. Die traditionellen Tibeter sagen etwas extrem: Man hält alle Bände, wenn man nur kurz mit dem Lama zusammen ist und bricht sie alle, wenn man länger bei ihm verweilt. Diese Aussage steht jedoch im Gegensatz zu meiner Erfahrung mit meinen Schülern. Wir Kagyüs machen es uns übrigens leichter. Wir lernen, jeden Lama als Ausdruck Karmapas zu sehen. So wird es weniger bedeutend, ob er dünn dick, anziehend oder weniger spannend ist. Wichtig ist, dass alle Lehrer unterschiedliche Seiten Karmapas ausdrücken. Sehen wir ihn als den ganzen Regenbogen, sind andere Lehrer dessen verschiedene Farben. Man erfährt durch einen Karmapas Weisheit, durch einen anderen seine Freude, seine Furchtlosigkeit, sein Mitgefühl oder andere vollkommene Eigenschaften. So kann man bei jedem lernen. Mit dem man am ehesten das findet, was einen berührt, knüpft man dann ein besonderes Band, wählt denjenigen als seinen Wurzellama. Dieser ist der wichtigste Lehrer. Er soll uns Vertrauen geben in unsere Buddhanatur, in die RaumKlarheitUnbegrenztheit unseres Geistes.

Hält dieser Lehrer seine Übertragung, ist er wiederum seinem Lehrer treu, wird seine Arbeit sehr tief. Was er vermittelt, wird sauber sein, wie das Wasser aus dem besten Brunnen und wird allen nutzen. Populär kann ein Lehrer ja schnell werden. Er muss nur das sagen, was die Leute hören wollen. Aber für die, die das Ego nicht nur putzen, sondern abschaffen wollen, für die muss der Lehrer den Strom eines echten Segens übermitteln. Vertritt er eine erleuchtete Übertragungslinie, wird alles blühen, was er berührt. Er wird tief sein wie das Meer und hoch wie der höchste Berg. Breit und mit starken Wurzeln wird er die Essenz vermitteln von dem, was uns Buddha vor 2500 Jahren gab und was von Karmapa noch verstärkt wurde.

Was Karmapa selbst angeht, sollten wir wissen, dass er ein Buddha ist. Wir können ihm voll vertrauen, dass er uns auf dem Weg von Verwirrung in die endgültige Erleuchtung führt. Bei anderen Lehrern sollten wir uns eher auf die Fähigkeit als auf die Schwächen konzentrieren. Unsere Sicht ist anfangs begrenzt und Erwartung und Widerwillen färben die Erlebnisse. Die Wesen haben sowieso alle die Buddhanatur, Samsara ist Nirwana. Aber wenn jemand sowohl Gutes als auch Schlechtes besitzt, was möchten wir dann lieber mit ihm teilen?
Wie wirkt nun die Übertragung auf die Schüler? Durch ihre Offenheit übernehmen sie mehr und mehr die verschiedenen Eigenschaften des Lehrers. Nach einiger Zeit spüren andere dann dieselbe Kraft und Sicherheit bei ihnen. Sie verlassen sich darauf und kommen gleichfalls in das Kraftfeld der Linie hinein. Neben Vertrauen ist auch "begabte" Ehrlichkeit gefragt. Man soll nicht wegen jeder Kleinigkeit den Stil verlieren. Erlebt man aber über längere Zeit mehr Reinigung als Segen, ist es gut, mit dem Lehrer darüber zu sprechen. Schüler, die sich nicht mitteilen, sind schwierig. Wir wollen keinen Glauben oder einen Friede-Freude-Eierkuchen-Buddhismus. Zweifel sollen beantwortet werden, damit später keine Hindernisse auf dem Weg auftauchen.

Es ist wichtig, dass man den Lehrer auf der höchsten, reinsten Ebene sieht. Nicht als Person, sondern als untrennbar von seiner Linie und Übertragung. Dies ist um der Schüler willen und nicht zum Besten der Lehrer. Sie bekommen dadurch nur mehr Arbeit. Denkt man, der Buddha ist ein gewöhnlicher Mann, bekommt man den Segen eines gewöhnlichen Mannes. Denkt man, ein allgemeiner Lehrer sei ein Buddha, bekommt man den Segen eines Buddhas. Der Lehrer ist ein Spiegel unseres Geistes und bringt uns mit der eigenen Buddhanatur in Verbindung. Sehen wir ihn als weise, werden wir von ihm Vorteile habe. Ansonsten verschwenden wir unsere Zeit.

Nützlich ist ein Lehrer in dem Maße, in dem er die Leute auf ihre eigene Schönheit aufmerksam macht. Kann er sie erwecken und werden sie dabei nicht von ihm abhängig, ist er sehr gut. Er darf natürlich nicht sagen: "Ich bin die Quelle deines Glücks und jetzt kauf mir bitte einige Rolls Royce". Sondern er soll sagen: "Aller Reichtum, den Du jetzt erlebt, ist dein eigener. Wenn Du ihn nicht in Dir hättest, wie solltest Du ihn erfahren können? Jetzt bringe ihn in die Welt und zeige, was Du gelernt hast". Wenn die Schüler dann zurückkommen, untersucht man, wie alles abgelaufen ist und zeigt ihnen wie es weitergeht. So bekommt man die tiefste Verbindung, die es gibt, nämlich gemeinsames Wachstum. Bei jeder Begegnung ist man ein Stück mehr erwachsen geworden, hat etwas dazu gelernt. Die Tüchtigkeit des Lehrers zeigt sich in der Selbständigkeit der Schüler. Seine Kraft sieht man in ihrer Fähigkeit, stark zu sein.