Aus: Buddhismus Heute Nr. 7, (Winter/Frühjahr 1991)

Ein Erdrutsch in Rußland

Ein Reisebericht von Tomek Lehnert

Kaum zurück aus Indien, sind wir nach nur 24 Stunden schon wieder auf dem Weg. Während unseres kurzen Stopps in Wuppertal waren etwa 300 Leuten gekommen, um Ole nach seiner dreieinhalb-monatigen Tour um die Welt zu empfangen. Und schon sind wir wieder auf dem Weg.
Wir verlassen Wuppertal in Richtung Osten. Nach drei Stunden Fahrt an einem frühen, kalten Morgen, pausieren wir in Berlin, wo Ole Belehrungen und Zuflucht gibt, bis wir schließlich in dem schwerfälligen, aber gemütlich-altmodischen russischen Zug sitzen. Zusammen mit Gabi, Lotte, und später Michael nehmen wir von dem gesamten Abteil - ein idealer Arbeitsplatz für Ole - Besitz. Erst mal jedoch klappen wir regelrecht auf unseren Betten zusammen: Die Auswirkungen des Essens, das wir vor 36 Stunden im indischen Flugzeug bekamen.

Von nun an heißt es Osten und wieder Osten. Wir sind bei einem der größten Projekte, das Ole und Hannah jemals gestartet haben dabei: Rußland. Durch das ehemalige Ost-Deutschland kommen wir nach Polen und von dort nach Rußland. In Warschau stürmen etwa 40 von Ole's polnischen Schülern den Zug, um einige wertvolle Minuten mit ihrem Lehrer zu haben. Ansonsten sind die Zug-Toilette und der beeindruckende Boiler die einzige Abwechslung. Dem Boiler kann man heißes Wasser für ein Glas Chai (russischer Tee) entringen, sofern es einem glückt, beim Schaffner ein Teeglas zu ergattern. Jeder russische Zug-Waggon ist mit einem solchen Glanzstück ausgerüstet. Ole vertieft sich in das englische Manuskript von "Über alle Grenzen". Ab und zu werfen wir einen Blick auf Landschaft und Dörfer draußen. Alles erinnert an den Zustand der russischen Wirtschaft - zerrüttet. Die Fernzüge und die beeindruckenden Untergrundbahnen in den Städten sind wohl die letzten Dinge, die in der Sowjetunion noch funktionieren.

Als wir den Zug in Kiew verlassen, spüren wir den warmen Südwind. An der Station warten Vitaly mit der Gruppe aus Petersburg und Tanja aus Moskau. Auch Vagid, Oles Übersetzer aus Baku, ist da. Er ist ein autodidaktisches Sprachgenie. Während seiner Zeit bei der Roten Armee lernte er drei Sprachen. Für jede nahm er sich einige Monate, inspiriert von seinem Wunsch, Oles und andere buddhistische Bücher ins Russische zu übersetzen. Wir werden eine richtige Familie mit diesen wundervollen Leuten. In Kiew, Hauptstadt der Ukraine und älteste Stadt Rußlands, fühlen wir uns in der Zeit zurückversetzt. Es ist die Eröffnung von Oles Tour und die Zuhörer-Massen sind noch nicht so beeindruckend. Hier jedoch erhält Ole einen einmaligen Einblick in die Seele des alten Rußland: Die Götter und alten Schützer des Landes kommen zu ihm. Hunderte von Jahren Geschichte ziehen vor seinen Augen vorbei.

Leider zeigt sich zu diesem Zeitpunkt auch, daß Ole sich eine schwere Amöben-Infektion mit Blutungen zugezogen hat. Das Essen, daß uns die indische Fluglinie auf dem Flug nach Deutschland servierte erweist sich nun als ebenso gefährlich wie unappetitlich aussehend. Obwohl Ole die Krankheit als ein ganz normales und sogar gutes Zeichen betrachtet - da er den Dharma in ein neues Land bringt, vor allem eins mit so schwerer Vergangenheit wie Rußland - können wir nicht umhin, uns Sorgen zu machen. Die Antibiotika-Dosen, die er bekommt, stoppen die Blutungen nach sechs Tagen, aber erst einen Monat später in Spanien, bekommt er mit Hilfe der Untersuchungsergebnisse aus Dänemark, die richtige Medizin.
Nach 24 Stunden im Zug ist unsere Gruppe auf 15 Personen angewachsen und wir erreichen Saporoschje, das Herz des Kosaken-Landes. Hier bewundern wir von einer Insel aus den Dnjepr, über den die Wikinger einst nach Konstantinopel segelten. Die Belehrungen sind ein voller Erfolg. Zwei Tage lang kommen etwa 500 lernbereite Leute zum "Haus der Kultur" um Ole zuzuhören. Die Belehrungen erweisen sich als so interessant, daß sogar eine Hare-Krischna-Gruppe aus heiterem Himmel auftaucht. Sie versuchen auf der Welle mitzureiten und ihre Bücher am Eingang der Halle zu verkaufen. Ole muß bekanntgeben, daß die Herren mit rasiertem Kopf, die vor der Halle rumspringen, nichts mit uns zu tun haben. Alles in allem nehmen 200 Leute Zuflucht. Da wir - wie immer - unter Zeitdruck stehen, entscheidet sich Ole, kollektive Dharma-Namen zu geben, und wie überall in Rußland, heißen dort jetzt alle Männer "Karma Dorje" und alle Frauen "Karma Pema". Hier entwickeln wir ein spezielles System für das Zufluchtsritual. Während die Leute sich vor dem Podium für die Zuflucht aufreihen, gibt Ole Segen, Gabi schneidet die Haare, Lotte und Tanja verteilen Segens-Schnüre und wir alle helfen in der einen oder anderen Weise. So wird es weitergehen bis Petersburg.
Während der wenigen freien Stunden nachts sind wir zu einem Essen am Feuer im Wald eingeladen. Ukrainische und russische Volkslieder werden gespielt und am nächsten Morgen reiten wir mit den Kosaken. Die Ukraine-Tour endet in Charkow mit etwa 700 Leuten im Haupt-Auditorium des Polytechnikums. Selbst der örtliche Schach-Klub hat wohl noch keine größere Menge hier gesehen. Wieder nehmen 200 Leute Zuflucht. Der Dharma ist in die Ukraine gekommen. Es ist ein historischer Moment.

Wolgograd, das frühere Stalingrad, der Schauplatz der Belagerung und Schlacht während des II. Weltkrieges, ist unsere erste Stadt im eigentlichen Rußland. Hier erweist sich der Organisator als die örtliche jung-kommunistische Konso-mol-Gruppe. In einem Büro eines finsteren stalinistischen Gebäudes werden wir Zeuge lebendiger Geschichte; eine Lenin-Büste, bis vor kurzem noch ein "heiliges" Objekt der Verehrung, fliegt im Raum herum und ihr wird von allen respektlos der Kopf getätschelt. Ein Portrait von Dzierzynsky, dem Gründer der berüchtigten NKVD, später KGB genannt, liegt vergessen auf dem Boden. Stattdessen gibt es eine große Karte der USA zur allgemeinen Verehrung. Die alten Götter sind gefallen!

Der nächste Stopp ist Samara, eine alte Handels-Stadt an der Wolga, die gerade wieder ihren alten Namen angenommen hat. Wir werden Zeuge, wie ein Schild mit dem früheren Namen, dem Name eines obskuren kommunistischen Helden, von der Bahnstation am Flußufer entfernt und durch "Samara" ersetzt wird. Ole führt hier ein Gespräch mit dem örtlichen kommunistischen Boss, der für Religion zuständig ist. Obwohl er noch nicht Zuflucht nimmt, schmilzt der Mann bei Ole total dahin und wir trennen uns als gute Freunde. Wieder kommen Hunderte zu den Belehrungen und einige Hundert nehmen Zuflucht, ein mittlerweile schon vertrauter Anblick.
Von Samara nehmen wir die Fähre auf der Wolga, die uns in fünf Stunden nach Uljanovsk, der Geburts-Stadt Lenins, bringt. Rechtzeitig zum 1. Mai kommen wir an, und Ole lehrt, während gleichzeitig ein paar Straßen weiter die offiziellen Paraden stattfinden. Obwohl die Leute auf dem Weg zu den Belehrungen an der Miliz vorbei müssen, die an jeder Ecke steht, um die Stadtmitte für die Paraden frei zu halten, ist die Halle gepackt voll.
Auf dem Weg geschieht etwas Symbolisches. Ole geht hinter einem Mann, der eine rote, kommunistische Fahne an einer langen Stange trägt. Plötzlich wird Ole von der Stange unbeabsichtigt am Kopf getroffen. Im selben Moment fallen Hammer und Sichel, - die Symbole des Kommunismus, die an der Stange befestigt waren - zu Boden.

Von Uljanovsk nehmen wir den Zug nach Moskau, noch immer das Zentrum des russischen Imperiums. Obwohl sich der Griff auf die rebellischen Provinzen schnell lockert, ist Moskau eine recht freudlose Stadt. Wir besichtigen die großen Gebäude und gigantischen Plätze und natürlich auch den beeindruckenden Kreml. Aber alles hier läßt den Charme und die Leichtigkeit vermissen, die wir später in Petersburg finden werden.
Als das Programm sich dem Ende nähert, wird wirklich deutlich, was für einen Erdrutsch unser Besuch ausgelöst hat. Ole hat Tausende aus ganz Rußland berührt und inspiriert, hat sechs neue Zentren gestartet - die Basis für weitere Arbeit - und er hat bis jetzt 1200 Leuten Zuflucht gegeben. Dies alles in knapp zwei Wochen.
Schließlich nahem wir uns der letzten Station unserer Reise, Petersburg. Petersburg ist ein Juwel, eine Stadt, die eine der schönsten Europas sein könnte, wenn sie etwas restauriert und bewahrt würde. Der Same des Dharma in Rußland wurde zuerst in Petersburg gepflanzt, als Ole und Hannah vor drei Jahren geheim zum ersten mal den tibetischen Buddhismus einführten. Es war auch die Gruppe aus Petersburg, die diese große Tour organisierte. Alle Dharma-Straßen in Rußland führen nach Petersburg,
Nach zwei Nächten mit öffentlichen Belehrungen vor Hunderten von Leuten konzentriert sich die Aufmerksamkeit aller nun auf den bevorstehenden Phowa-Kurs. Tsechu Rinpoche und Hannah kommen aus Kathmandu an und wir fahren zu einem Erholungscamp der kommunistischen Pioniere außerhalb der Stadt, wo Ole den Phowa-Kurs geben wird. Das Phowa in Petersburg erweist sich als eins der intensivsten, das wir je erlebt haben. Dreihundert Leute haben das Zeichen für erfolgreiche Praxis innerhalb von zwei Tagen. Wir alle spüren die Kraft in der Halle besonders während der Abendsitzungen. Es gibt innerhalb eines Tages einen dramatischen Wettersturz von Winter zu sehr warmen Frühling.

Die Anwesenheit von Tsechu Rinpoche macht das Ereignis noch einmaliger. Wir haben das Glück, die ersten Kagyü-Einweihungen, die Rinpoche während dieses Kurses auf russischem Boden gibt, mitzuerleben. Tsechu Rinpoche erzählt auch, wie Ole und Hannah vor mehr als 20 Jahren zu ihm kamen. Und daß Karmapa, klar die Zukunft sehend, zu ihm sagte, wie wichtig die beiden eines Tages für Seine Arbeit werden würden. Ole hat Tränen in den Augen und Hannah ist tief bewegt, als sie dann - zum ersten mal in diesen 20 Jahren - hören, daß Karmapa Tsechu Rinpoche bat, sie für ihn zu halten. Und obendrein sagt Rinpoche, daß Ole die Aktivität Karmapas sei. Er erinnert uns daran, wie glücklich wir sein können, die Phowa-Praxis von ihm zu bekommen. Es ist ein wirklich historischer Moment, nicht nur für den Dharma in Rußland, sondern für den Dharma im Westen überhaupt.

Der Erdrutsch in Rußland hat begonnen. Tausende sind in Kontakt mit dem Dharma gekommen und 1100 haben Zuflucht genommen. Bevor er abreist, bittet Ole, daß Gabi in seiner Abwesenheit hier die Zentren organisieren und lehren soll.
Wir verabschieden Hannah, die zwei Tage später mit Tsechu Rinpoche fliegt und alle Dharma-Freunde. Unsere letzte Bahnfahrt geht schließlich über Helsinki nach Kopenhagen mit Tickets für nur 25 Mark, die unsere Freunde in Petersburg organisiert haben. Wir wissen, daß wir im Januar '92, wenn Ole eine große Sibirien-Tour macht, wieder in Rußland sein werden.


 

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