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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 7, (Winter/Frühjahr 1991)

Das Lied der Hingabe und Sehnsucht

Ein Vajralied des 15. Karmapa Khakhyab Dorje

Khye la !

Jetsün, Du bist die Zuflucht,
die Vereinigung aller Buddhas.
Obwohl Du vor unzähligen Leben
Erleuchtung erlangt hast,
kehrst Du auf Grund Deiner Liebe
in menschliche Form zurück,
Um diejenigen zu führen, die tief
im Samsara umherwandern,
Vater Guru, großer Schatz des
Mitgefühls, bitte denk an mich.
Gewähre Deinen Segen, damit
sich mein Bewußtseinsstrom
mit dem Dharma vermischt.

In diesen schlechten Zeiten,
wenn die fünf Verderblichkeiten
um sich greifen,
Ist das Leben so kurz wie ein Blitz,
der am Himmel leuchtet.
Reichtum ist vergänglich
wie Tau auf dem Gras.
Ein Freund, der dich am Morgen
liebt, hasst dich am Abend.
All das ist wie der Traum
der letzten Nacht.
Im allgemeinen ist alles vergänglich,
in Bewegung und veränderlich.
Verwirf jetzt alle Wünsche des
Festhaltens an Dauerhaftigkeit.
Vater Guru, bitte denk' an mich
und schau' mit Mitgefühl auf mich.

Obwohl ich das Tor der Belehrungen
der Praxislinie durchschritten habe,
und versucht habe, mich durch
die drei Gelübde zu entwickeln,
bin ich wie ein hungriger Geist
am Ufer des Ozeans,
Völlig von mir selbst eingenommen,
und so kommt alles, was ich tue,
unter den Einfluss
der acht weltlichen Dharmas.
Ein Dharmapraktizierender,
der andere verdirbt
und sich selbst zerstört,
ist wie ein Haufen Exkremente,
der mit einem schönen Tuch
bedeckt ist.
Jetzt ist die Zeit gekommen,
meine eigene Unreinheit
zu enthüllen.
Vater Guru, bitte denk an mich
und schau voll Mitgefühl auf mich.

Obwohl ich Safranroben trage,
bin ich ein gewöhnlicher Mensch.
Obwohl ich einen
Bodhisattva-Namen habe,
bin ich voller Leidenschaften
und Aggression.
Obwohl ich den Pfad
des tiefgründigen Mantrayana
betreten habe,
ist meine Sichtweise verdreht.
Da mein Geist nicht durch
Entsagung gezähmt worden ist,
und ich nicht in Karma
und seine Folgen vertraue,
sind Samaya und Gelübde
im Reich der Theorie verloren gegangen.
Nutzlose Beschäftigungen
wie Feinde unterdrücken,
Verwandte beschützen,
Reichtümer anhäufen und horten
und so weiter versklaven mich.
Obwohl ich die Anweisungen
des Sugata verletzte,
prahle ich damit, ein Anhänger
des Buddha zu sein,
Von dem Mara der Unwissenheit
versklavt,
bin ich ein widerspenstiger,
verdorbener Sohn der Kagyü-Väter,
wenn ich jetzt auf mein
eigenes Verhalten sehe,
entsteht tiefe Verzweiflung.
Vater Jetsün, bitte denk' an mich
und schau' mit Mitgefühl auf mich.

Der Schutz des Jetsün, der sich
selten in den drei Zeiten zeigt,
Ist weise in der Art,
Wilde wie mich zu zähmen.
Deine Liebe ist größer
als die der Buddhas.
Ich sah Deine Liebe nicht;
Wie töricht von mir!
Du lehrtest die mündlichen
Anweisungen des Dharma
durch verschiedene Zeichen
und Methoden.
Da ich dies nicht verstand, suchte
ich woanders nach dem Dharma,
Und meine Gelegenheit für
das reine Dharma ging verloren.
Jetzt ist es an der Zeit,
klar auf das zu sehen,
was immer Du auch tust.

Ich stütze mich mit Körper,
Rede und Geist auf den Guru,
Und die Ansammlungen vieler
Kalpas werden vervollkommnet
und alle Schleier gereinigt.
Ich wußte nicht,
daß mir das Nutzen bringen würde.
Als ich zu meinem eigenen Wohl
Tugenden praktizierte,
Wurde die Frucht der
Verwirklichung vom Frost zerstört.
Ich bin von verdrehten Sichtweisen
gefesselt und schäme mich dafür.
Jetzt ist es an der Zeit,
alle Deine Worte als wahr zu hören.
Ich flehe mit überwältigender
Sehnsucht zu Dir,
Vater Guru, bitte schau mit Güte auf
mich und gewähre Deinen Segen.

Herr, obwohl Du der Buddha bist,
hielt ich Dich für einen
gewöhnlichen Menschen.
Ich sah Deine Buddhaaktivität
der geschickten Mittel als fehlerhaft.
Voller verdrehter Ansichten
bezüglich Deiner unermeßlichen
Handlungen,
Sah ich den Schmutz in mir selbst nicht.
Wie eine Lampe in einem Bild,
so künstlich war der Glaube,
auf den ich meine Hoffnungen setzte.
Lass mich jetzt, getrieben von
überwältigender Hingabe,
Schnell aus dem Schlamm meiner
verdrehten Sichtweisen herausspringen.

Bestärkt durch die Kraft
nichtgeschaffenen Glaubens
Ist es jetzt Zeit, sich auf die
medizinische Behandlung der
reinen Sichtweise zu stützen.
Ich flehe zu Dir aus
der Tiefe meines Herzens;
Vater, schau voll Mitgefühl auf
mich und gewähre Deinen Segen.

Wenn der Feind, weit bekannt
als der Herr des Todes, herankommt,
wird es für Reue zu spät sein.
Vom Bett dieser Dharmaperson
wird eine gewöhnliche Leiche kommen.
Alle Leute, hohe und niedrige,
werden angeekelt sein und Witze
über mich machen.
Die Zeit wird kommen,
in der ich ziellos im Samsara
umherwandern werde.
Denke darüber nach
und schärfe deinen Intellekt.

Sieh alle Erscheinungen
als Spiel des Guru.
Verschmelze deinen Geist
mit dem Geist des Lama.
Bete aus dieser Untrennbarkeit heraus.
Möge der klare Klang dieses Liedes
von Hingabe und Sehnsucht
den Strom des Mitgefühls
dieser unfehlbaren Zuflucht zum Fließen bringen.
Es ist an der Zeit, die Essenz
des Geistes zu kultivieren.
Überwältigt bete ich aus
meinem Herzen heraus.

Vater, bitte schaue voll Mitgefühl
auf mich und gewähre Deinen Segen.
Wenn man von den Vorstellungen
dualistischen Haftens
nicht verschmutzt ist,
ist derjenige, der weitbekannt ist
als der Buddha untrennbar von diesem
selbsterleuchteten Geist.
Verwirf deshalb die Täuschung
geistgeschaffener Meditation und Ruhe.
Es ist an der Zeit,
das eigene ursprüngliche Gesicht
des Nichthandelns zu sehen.
Ich bete mit Hingabe und Sehnen:
Vater, schau voll Mitgefühl
auf mich und gewähre Deinen Segen.

Allgemein, Samsara und Nirvana,
Schmerz und Freude,
All diese Phänomene sind
das Mitgefühl des edlen Lama,
alles, was es an Glück
und Tugend gibt,
ist die Hinterlassenschaft
meines Schmutzes,
des Vajrawesens meines Vaters.
Gib das an alle früheren Mütter weiter.
Das Glück verheißende Zusammentreffen
der zwei Ansammlungen
ist ein großartiger Schmuck.
Nicht gebunden durch
das Festhalten an Freude,
bete ich aus der Praxis der
Vereinigung von Freude
und Leerheit heraus
mit Hingabe und Sehnen.
Vater, schau voll Mitgefühl
auf mich und gewähre Deinen Segen.

Alles Leiden
und unerwünschte Dinge, die es gibt,
sind die liebevolle Buddhaaktivität
des edlen Lama.
Man soll das Leiden aller früheren
Mütter der sechs Bereiche
auf sich nehmen.
Dies ist die Weisheitsflamme
der mündlichen Unterweisungen,
die Schleier reinigt.
Leiden hat keine Eigennatur.
Aus der Praxis der Vereinigung
von Erlebnis und Leerheit heraus,
bete ich mit
einsgerichteter Sehnsucht,
Vater, bitte schau voller Mitgefühl
auf mich und gewähre Deinen Segen.
Ohne der Illusion, von was auch
immer erscheint, nachzugehen,
Ruhe in der Vereinigung von
Erscheinung und Leerheit.
Blicke auf die Essenz,
die ohne Grund und Wurzel ist.
Der Seher und das Gesehene
sind beide leer.
Inmitten ihrer nichtdualen Vereinigung
liegt das große Schauspiel
des ursprünglichen natürlichen Zustandes,
das Gesicht des Lamas und
meines Geistes wird gesehen,
und ich bin mir sicher,
den königlichen Sitz der
großen Glückseligkeit zu erlangen.

Deshalb, du Ungläubiger
mit einem harten Herzen
bete unaufhörlich ohne Zerstreuung.
Und verwirf unnütze Aktivitäten.
Vater, bitte denk an mich,
Kenner der drei Zeiten,
denk an mich.
Darin vertrauend,
daß Du am besten weißt,
was immer Du tust.
Betet Dein Sohn mit einem Lied
der Sehnsucht die sechs Perioden
des Tages und der Nacht hindurch,
mit einsgerichtetem Sehnen,
Vater, schau voll Mitgefühl
auf mich und gewähre Deinen Segen.

Natürliche,
nicht gemachte Hingabe entflammt.
Bitte lass die Weisheit
der Gleichzeitigkeit von Befreiung
und Erkenntnis aufsteigen.
Möge Glück verheißendes
Zusammentreffen
für das spontane Wohl
der Wesen entstehen.
Lama, lass mich
untrennbar von Dir sein!


Übersetzung: Paul Waibl & Tina Draszczyk

Kleines Glossar
Acht weltliche Dharmas - Vier Gegensatzpaare, die unser Leben regieren, indem wir nach den einen streben und die anderen zu vermeiden versuchen; Gewinn und Verlust, Freude und Leid, Ruhm und Verleumdung, Lob und Tadel
Drei Gelübde - Gelübde des äußeren Verhaltens, der inneren Motivation und der geheimen Sicht
Jetsün - Ehrenvolle tibetische Anrede für einen sehr hoch geschätzten Lehrer
Kalpa - Äon, Weltzeitalter
Mara - Die Personifikation von, durch Unwissenheit entstandener, Negativität
Samaya - bezieht sich auf die Verpflichtungen eines Praktizierenden im Diamantweg. Sie betreffen vor allem seine Verbindung zum Lehrer, dessen Belehrungen und zu denjenigen mit denen er gemeinsam Einweihungen und Belehrungen erhalten hat.
Samsara - der von Leiden und Verwirrung gekennzeichnete Zustand des Nicht-Erleuchtet seins
Sugata - Buddha
Vajrawesen - die wahre Natur des Lehrers, ein Ausdruck für seine volle Realisation
Zwei Ansammlungen - Ansammlung von Weisheit und positiven Eindrücken im Geist