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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 7, (Winter/Frühjahr 1991)

Die Bedeutung der drei Lehrzyklen Buddhas

Von Khenchen Thrangu Rinpoche

Ein Essay über die Bedeutung der drei Lehrzyklen, das zeigt, dass diese sich nicht widersprechen.
Der Buddha lehrte, dass man Befreiung von Samsara erlangen muss, weil alle samsarischen Erfahrungen, sowohl Schmerz als auch Vergnügen, von den verdunkelnden Gefühlen und Vorstellungen verdorben sind, und dass das eigentliche Wesen von Samsara die drei Arten von Leiden ist. Um das Wohlergehen, das jenseits des Leidens – Freiheit von Samsara – liegt, zu erlangen, müssen die Geistesgifte der grundlegenden Unwissenheit, der Anhaftung, des Hasses, des Stolzes und der Eifersucht, die die Wurzel oder Ursache von Samsara sind, aufgegeben werden.
Ob wir die Geistesgifte aufgeben können, hängt entscheidend davon ab, ob wir die Idee von einer "wirklichen Person" aufgeben, die der Ursprung der verdunkelnden Gefühle und Vorstellungen ist. Die wichtigste Vorgehensweise, um diese Idee einer wirklich existierenden Person aufzugeben, besteht darin, das Verständnis der Essenzlosigkeit zu kultivieren.
Eine andere Methode besteht darin, den darin aufeinander folgenden Stufen der Meditation zu folgen: Meditation über die Vier Edlen Wahrheiten und ihre 16 Aspekte, über Vergänglichkeit und so weiter. Letztendlich sind diese Methoden, in Bezug auf die Vorgehensweise der Shravakas und Pratyekabuddhas, vollständige und fehlerlose Weg, um den Zustand eines Arhat mit Rest und ohne Rest zu erlangen.
In Beziehung zu den drei Lehrzyklen gehören diese Belehrungen zum ersten Zyklus, und in Beziehung zu dem Weg gehören sie zum kleinen Weg. Der Zweck dieser Belehrungen ist es, Freiheit von den samsarischen Leiden zu schaffen, indem man die Befreiung des kleinen Pfades erlangt, die jedoch nur vorübergehend ist. Diese Belehrungen wurden Personen mit geringen Fähigkeiten gegeben, Personen, die Anstrengungen unternehmen, um Frieden und Wohlergehen nur für sich selbst zu erlangen. Vom absoluten Standpunkt aus betrachtet, ist so ein Weg niedriger, die Frucht einer solchen Einstellung und des entsprechendes Weges wird unvollständig sein.
Alle fühlenden Wesen wollen glücklich und frei von Leiden sein, aber sie wissen nicht, wie sie Glück erlangen und wie sie Leid vermeiden können. Deshalb darf man sich nicht von den Wesen abwenden, sondern sollte Liebe und Mitgefühl für sie entwickeln. Um das zu tun, praktiziert man die zehn Paramitas (Freigiebigkeit, Disziplin etc.) mit einer reinen Einstellung in den grenzenlosen Erleuchtungsgeist.
Solch eine Einstellung und die entsprechende Praxis finden wir im großen Weg, und sie führen zu einem Zustand, der jenseits der Extreme von Samsara und Nirvana liegt. Um so eine kraftvolle Einstellung und eine so hervorragende Weisheit zu entwickeln, muss man die wahre Natur der Dinge erkennen, die die Einheit von Leerheit und innewohnender Klarheit jenseits der vier oder acht begrenzten Konzepte über die Wirklichkeit ist.

Wenn man sich auf den Weg macht, ist es sehr wichtig, konzepthafte Vorstellungen durch das Mittel der Sichtweise durchzuschneiden. Diese Sichtweise betont Leerheit und gehört zum zweiten Lehrzyklus, der die Essenzlosigkeit der Phänomene in Bezug auf das Nichtvorhandensein von wirklichen Merkmalen aufzeigt. Er beinhaltet Belehrungen über die zweifache Essenzlosigkeit [der äußeren Phänomene und der Person. Anmerkung d. Red.] und die 16 Arten von Leerheit.
Die verschiedenen Ebenen von Leerheit werden durch Schlussfolgerungen erklärt, die in den Prajnaparamita-Texten und den ursprünglichen Werken der Madhyamaka-Tradition wie dem Mulaprajna-Paramita, dem wichtigsten der sechs Werke über dieses Thema von Nagarjuna, erschienen. Die Bedeutung dieser Lehren wurde jedoch von verschiedenen Gelehrten auf verschiedene Weise ausgelegt. Bhavaviveka war der Begründer der Svatantrika-Madhyamaka-Schule. Jnanagarbha, Santaraksita und Kamalasila führten diese Sichtweise weiter aus. Sie alle behaupten, dass die ursächlich entstandenen Phänomene eine definierte und konzepthafte Existenz auf einer relativen Ebene haben.
Sie behaupten, dass auf absoluter Ebene Phänomene leer von einer wirklichen Existenz seien. In dieser Weise unterscheiden sie zwischen Existenz und Nichtexistenz in Bezug zu den zwei Wahrheiten. Sie verbinden das Verständnis der letztendlichen Sichtweise mit dem Nach-Meditations-Zustand, wie er von den edlen Bodhisattvas erlebt wird.
Andererseits ist diese Position, entsprechend der Prasangika-Madhyamaka-Sichtweise von Buddapalita, Santideva und Chandrakirti unhaltbar. Sie behaupten, dass das letztendliche wirkliche Verständnis mit dem Meditationszustand, wie er von edlen Bodhisattvas erfahren wird, verbunden sein muss.
Chandrakirti widerlegt die Svatantrika-Position durch drei Argumente. Er spricht nicht über die Besonderheiten der zwei Wahrheiten. Wenn er die letztendliche Sichtweise seiner Tradition darlegt, behauptet er, dass die zwei Wahrheiten wie folgt untrennbar sind:

Obwohl Phänomene keine wahre Existenz, keine Wirklichkeit, keine wie auch immer geartete Basis haben, erscheinen sie lebhaft. Obwohl relative, durch Ursachen hervorgegangene Phänomene unaufhörlich existieren, ist ihre leere Qualität nicht vermindert und ist genau das, was Erscheinungen ermöglicht, sich zu manifestieren.
Daher behindern sich die zwei Wahrheiten, Erscheinung und Leerheit, das Relative und das Absolute in keinster Weise und sind ununterscheidbar im Zustand der Meditation.
All diese Schulen, die ursprünglichen Madhyamikas, die Svatantrikas und die Prasangikas betonen eine Qualität von grenzenloser Leerheit. Relative, ursächlich entstandene Phänomene sind leer. Sie sind leer in sich selbst und leer von sich selbst: Sie besitzen keine wahre Identität. Dies nennt man die Rangtong-Sichtweise.
Wenn es darum geht, konzepthafte Vorstellungen durch die Sichtweise durchzuschneiden, ist diese Sichtweise ohnegleichen. Im Bezug zur Meditationspraxis aber wird sie als unvollständig betrachtet, weil sie einem nicht ermöglicht, in wirklicher Leerheit zu ruhen – da die innewohnende klare Bewusstheit nicht aufgezeigt wurde.

Im dritten Lehrzyklus, bei welcher die hinführende und letztendliche Belehrung genau unterschieden wird, lehrte Buddha über die Buddhanatur – innewohnende Klarheit, die sowohl leer als auch bewusst ist – und zeigte dies klar und sehr ausführlich auf.
Es wird hier deutlich gezeigt, dass die Buddhanatur natürlich im Geistesstrom der Wesen vorhanden ist; es wird gelehrt, dass Erleuchtung erlangt wird, wenn alle vorübergehenden Verdunkelungen verschwunden sind und sich die wahre Natur manifestiert.

Diese Belehrungen kann man in Abhandlungen von Maitreya wie dem Mahayanottaratantrasastra, einem der fünf Belehrungen Maitreyas und in Kommentaren über diese Belehrungen von Asanga und Vasubandhu, alles in allem 20 Werke, sowie auch im "Lobpreis an den Dharmadhatu" etc., den Sammlungen von Lobpreisungen von Nagarjuna, finden.
Diese Sichtweise wird Shentong "leer von [etwas] anderen", leer von vorübergehenden Verdunkelungen, die etwas anderes als die Buddanatur sind, genannt. Sie gehört zur Madhyamaka-Tradition und ist berühmt in den zehn Richtungen.
Man sollte verstehen, dass die Erklärungen der drei Lehrzyklen sich nicht widersprechen.
Sicht und Meditation der niedrigeren Wege werden gelehrt, um es Anfängern und solchen mit geringen Wünschen und Fähigkeiten zu ermöglichen, auf dem Weg durchzuhalten.

Im grossem Weg schneidet man den konzepthaften Geist durch das Mittel der Sichtweise durch, um Gewissheit bezüglich des Dharmadhatu zu erlangen. Dies ist die Rangtong-Vorgehensweise.

Die Shengton-Vorgehensweise wird gelehrt, um Gewissheit bezüglich der Klarheit zu bewirken, die ihrer Essenz nach innewohnende Bewusstheit ist.
Die Basis für das Hören, Nachdenken und Meditieren ist das Verständnis, dass das große und kleine Fahrzeug, die Tiefe-Sicht-Tradition von Nagarjuna und die Tradition des Weiten-Verhaltens von Asanga in Harmonie sind und sich nicht widersprechen.

 

Dies wurde von dem Mönch Thrangu Tulku, dem niedrigsten Anhänger des 16. Karmapa Rangjung Rikpe Dorje im Kloster Tashi Choeling geschrieben.


Übersetzt aus dem "Nalandakirti Journal" von Paul Waibl