Aus: Buddhismus Heute Nr. 7, (Winter/Frühjahr 1991)

Studium und Meditation

Von Dzogchen Pönlop Rinpoche

Welche Bedeutung hat Studium für uns, welchen Nutzen bringt es uns und wie hängen unsere Studien mit unserer Praxis zusammen?

Ganz allgemein ist im Buddhismus Studium nicht getrennt von Praxis. Wir sollten Studium des Buddhismus nicht mit unserem gewöhnlichen Konzept von Studium betrachten. Es ist etwas ganz anderes. Oft, wenn wir von "studieren" reden, schauen viele ganz seltsam und sind irgendwie überrascht. Ihre Reaktion ist normalerweise, dass sie sagen: "Ich habe viel Zeit mit Studium verbracht. Ich war auf der Grundschule, Mittelschule, Gymnasium und auf der Uni." Ihr Geist ist allein vom Wort "Studium" müde.
Mit "Studium" wird meistens etwas Trockenes und rein theoretisches verbunden. Wir befürchten, dass es ein langer Weg sei, stundenlang in Klassenzimmern zu sitzen, die Darlegungen der Lehrer zu notieren und Stunden über Stunden in Bibliotheken zuzubringen. Man hat das Gefühl, dass Studium eine Annäherung an Erleuchtung ist, die sehr lange dauert. Meditation hingegen empfindet man als eine bei weiterem leichtere Abkürzung. Normalerweise glauben viele Leute, Meditation bestünde darin, einfach die Augen zu schließen und genau das wäre es. "Genau das", was immer dies bedeuten mag.

Meditation wird als Praxis empfunden, das Studium der Lehre Buddhas aber nicht. Wir empfinden Meditation und ebenso Freigebigkeit - materielle Hilfe - als Ansammeln von Verdienst, aber als Studium. Tatsächlich aber hatte der Gründer des Buddhismus, Buddha Shakyamuni, hier eine ganz andere Auffassung: Buddha sagte, dass nur einen einzigen Vers seiner Lehren zu lesen, viel mehr und größeren Verdienst bringe als materielle Opferungen. Er sagte, dass das Opfern ganzer Universen voller Diamanten und Gold sehr, sehr großen Verdienst bringe. Aber dieses Positive, sagte er, ist immer noch "messbar", quantitativ erfassbar. Das Studium, bzw. das Unterrichten von nur einem einzigen Vers ist hingegen grenzenlos. Es ist nicht zu erfassen, wie viel Verdienst wir dadurch ansammeln.
Um das zu verstehen, sollten wir uns mit dem Begriff "Ansammeln von Verdienst" befassen und verstehen, was im Buddhismus damit gemeint ist. Das Wort "Verdienst" mag oft ein wenig irreführend sein. Die eigentliche Bedeutung von "Ansammlung von Verdienst ist", "die eigene Weisheit schärfen" – nämlich die Weisheit um die letztendliche Wirklichkeit und jene um die relativen Methoden. Weisheit darüber, wie man die letztendliche Natur des eigenen Geistes und die letztendliche Natur des eigenen Geistes und die letztendliche Natur der Phänomene erkennt und wie man mit Hilfe geschickter Mittel mit der relativen Realität umgeht. Ansammeln von Verdienst bezieht sich also auf das Entwickeln unserer Weisheit in diesen beiden Aspekten. Weisheit wird nur dann erlangt, wenn man zunächst die Methode des Studiums anwendet. Von daher ist es völlig logisch, dass durch das Studium größeren Verdienst angesammelt wird.

Um die letztendliche Natur zu verwirklichen, brauchen wir geeignete Methoden. Wir haben ja wohl ein letztendliches Ziel. Warum wären wir sonst hier versammelt? Warum hören wir uns sonst Belehrungen an oder lesen Bücher? Warum bewegen wir uns auf und nieder und machen Verbeugungen? Wir machen es ja nicht für unsere physische Fitness. Es gibt schließlich in jedem Aspekt unserer Arbeit ein Ziel. Auch Vögel zum Beispiel fliegen am Himmel mit einem bestimmten Ziel, das sie verfolgen. Warum also machen wir das alles? Ich glaube, wir suchen eine gewisse Art von Freiheit, Befreiung von samsarischer Existenz. Befreiung von Schmerz und Leiden. Es ist sehr wichtig, dass wir dieses echte und vollkommene Ziel immer aufrecht erhalten, denn es passiert häufig, dass man zu Beginn tief im Herzen eine tiefe Suche nach diesem Ziel empfindet. Dann aber, wenn man weiter einsteigt, kann man in verschiedene Fallen geraten. In gewisser Weise geht dann unser echtes, vollkommenes Ziel verloren.
Das echte, vollkommene Ziel ist vergleichbar mit einem Ort, von dem erzählt wird, dass man alles bekommt, was man sich wünscht und zwar kostenlos. Jemand gibt uns den Namen des Ortes, aber keine Adresse, keine Hausnummer, keine Straßennamen, keine Postleitzahl und keine Telefonnummer. Wir könnten jetzt die Augen schließen und uns diesen Ort ausmalen, aber das hilft uns nicht, die Adresse herauszufinden. Oder man kann ins Auto springen und einfach losfahren. Vielleicht hat jemand das Glück, das sehr gute Karma, dass er zufälligerweise genau die richtige Strasse erwischt und den Platz ohne Schwierigkeiten und ohne Zeitverschwendung durch Hin- und Herfahren findet. Für die meisten Leute ist das aber ziemlich unwahrscheinlich. So ähnlich ist es, wenn man ohne klare Führung, ohne klares Verständnis mit dem anfängt, was wir Meditation nennen. Es könnte so ähnlich ablaufen.

Das Studium ist nun vergleichbar damit, dass jemand zu uns kommt einen Stadtplan ausbreitet und uns ganz deutlich den Platz zeigt, den wir erreichen wollen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Die eine ist die, dass er mit seinem Finger direkt auf den Ort deutet, sagt: "Das ist der Ort." und uns dann den Ort genau beschreibt. Wir wissen durch diesen Hinweis, wo der Ort ist und finden den Weg dorthin selbst. Die zweite Möglichkeit ist die, dass er uns alle Strassen beschreibt, die nicht zu dem angestrebten Ort führen und uns sagt: "Wenn Du hier lang gehst, wirst Du an einen Ort kommen, an den Du nicht willst. Gehst Du dort lang, kommst Du dort hin" usw. Dadurch, dass er in diese Weise alle falschen Möglichkeiten ausschließt, bleibt nur noch eine Richtige, die uns an den Punkt führt, an den wir möchten. So macht Studium unsere Meditation sehr klar und man wird fähig Fehler, die sich in der Meditation einstellen, selbst zu merken und selbst zu lösen. Studium macht die Leute total buddhistisch, das heißt völlig unabhängig.
Hat man dann die klare Information von der Karte und den Leuten bekommen, dann muss man selbst die Strasse dahin fahren. Ansonsten kommt man nicht an und die Information friert im Geist oder im Gehirn ein. Sie wird ein Teil unseres Kühlschranks.

Die Reise beginnt mit der echten und reinen Motivation der Suche nach Buddhaschaft: Das ist es, was wir erlangen wollen. Und dann müssen wir die Reise wirklich machen. Dafür ist es wichtig zu wissen: Mit welcher Methode kommen wir ans Ziel? Die Methode ist die Lehre Buddhas. Damit kommen wir an das letztendliche Ziel. So sollten wir zuerst einmal ein klares Verständnis des Buddha-Dharma bekommen und verstehen, worum es dabei überhaupt geht. Ihr alle wisst vielleicht schon viel über den Buddha-Dharma. Es dürfte daher nicht notwendig sein, viel Allgemeines zu erklären. Um es aber kurz zusammenzufassen: Buddhismus wird heute zwar als eine der großen Weltreligionen betrachtet, meiner Ansicht nach handelt es sich aber beim Buddhismus eigentlich nicht um eine Religion. Grundsätzlich gesagt ist Buddhismus eine Wissenschaft, und zwar eine Wissenschaft der Einsicht, des Wissens. Es ist keine trockene Wissenschaft, die sich mit äußeren Dingen wie chemischen Verbindungen, Steinen, Erde, etc. befasst, sondern eine Wissenschaft, die sich mit dem Geist, mit den Emotionen, und mit den positiven Seiten des Geistes auseinandersetzt. Eine Wissenschaft des Geistes und der Einsicht. Es ist auch eine reine Philosophie, eine Philosophie des Menschen.


Übersetzung: Tina Draszczyk