Aus: Buddhismus Heute Nr. 6, (Sommer 1991)

Zu Gast bei den Guerillas

Reisebericht aus Südamerika von Tomek Lehnert

Wieder gingen wir an Bord einer uralten AERO PERU DC8, diesmal Richtung Kolumbien

Am Flughafen von Bogota warteten unsere alten Freunde Adriana, Eduardo und viele andere. Wir fuhren direkt zu Eduardos Landhaus außerhalb der Stadt, um 30 weitere Leute dort zu treffen, die für einen Kurs von zweieinhalb Tagen gekommen waren. Dort lauschten wir Oles Belehrungen, meditierten zusammen und sahen, wie sehr die Leute Oles Gegenwart brauchten. Viele erzählten Geschichten von Bomben-Attentaten, Entführungen und Morden - Alltag in Kolumbien. Hannah half bei den Interviews und gab, wie überall in Südamerika, Lungs für die "Vorbereitenden Übungen".

Unsere Freunde, die Spitze der kolumbianischen Gesellschaft, warnten uns eindringlich davor, den Überland-Bus nach Venezuela zu nehmen. Ole wollte ein Mo (Orakel) darauf machen und fragte nach dem Preis für das Flugticket - 200 US-Dollar; der Bus kostete nur 20 US-Dollar. "Wir reisen mit dem Geld unserer Freunde", sagte Ole, "ich brauche kein Mo mehr zu machen." Später stellte sich heraus, dass in diesem Fall Ökonomie besser nicht an erster Stelle hätte stehen sollen.

Am Abend unseres vierten Tages in Kolumbien nahmen wir den Bus, der uns ins verrufene Cucuta - die Stadt der Diebe und Räuber an der Grenze zu Venezuela - bringen sollte. Etwa um acht Uhr am nächsten Morgen schauten wir aus dem Busfenster und sahen ein Mädchen in tarnfarbener Hose mit einem Maschinengewehr mitten auf der Straße. Hinter ihr blockierte ein großer Lastwagen die Straße. Da wußten wir Bescheid. Der Bus hielt am Straßenrand. Ein Mann in tarnfarbener Uniform mit einem Maschinengewehr in der Hand sprang hinein und verkündete nervös: "Genossen, dies ist die Nationale-Befreiungs-Armee. Wir führen Krieg gegen die verräterische und imperialistische Regierung. Ihr bleibt die nächsten drei Tage bei uns." Wir wurden aus dem Bus geholt, nach Waffen durchsucht und marschierten mit den anderen Passagieren zum nächsten Dorf. Auf dem Weg sahen wir 15 Guerillas, einige mit Masken vor den Gesichtern, und in den Bergen müssen mehr von ihnen gewesen sein. Ole beobachtete sie genau und hatte schon entschieden, wem er das Gewehr abnehmen würde, falls sie ernsthaft unfreundlich würden.

In dem von den Guerillas kontrollierten Dorf hielt der Anführer eine dreistündige, zornige Rede. Er sagte, daß die Ereignisse Teil eines landesweiten Simultan-Angriffs seien, daß Straßen gesperrt, Brücken gesprengt und Busse verbrannt würden. Uns wurde erklärt, daß dies alles die Schuld der Weißen, der Quelle allen Übels, sei.

Während die Gewehre auf uns gerichtet blieben, arbeitete Ole ruhig an den letzten Seiten der englischen Ausgabe seines Mahamudra-Buches. Trotz der ernsthaften Gefahr waren wir zuversichtlich. Wir saßen nah bei Ole, erledigten unsere eigenen Sachen und ignorierten die ganze Show um uns herum. Was uns beunruhigte, war jedoch die Tatsache, daß unser ganzes gut ausgetüfteltes Programm zusammen brechen würde, falls die Guerillas uns längere Zeit festhielten. Ich hatte die Adressen von ein paar Freunden aus Bogota bei mir. Da sie zum Teil Leute von der Regierung waren, mußten wir die Adressen schnell loswerden. Ole forderte mich auf, sie zu essen und ich schlich ins Haus hinter uns. Dort entdeckte ich zum Glück eine Feuerstelle, was mich davor bewahrte, zu Mittag einige feste Seiten aus meinem Adressbuch verdauen zu müssen.

Wir sahen nun ein wirkliches Beispiel dafür, wie die buddhistischen Schützer arbeiten, denn immer wenn der Guerilla-Anführer in unsere Richtung blickte, schien seine Sicht getrübt zu sein. Als einer seiner Soldaten ihm etwas in Ohr flüsterte und dabei in unsere Richtung zeigte, lenkte ihn plötzlich jemand anders mit einer Frage ab. Wir vier waren offensichtlich die einzigen weißen Gesichter in der Menge und wären als Geiseln ein gutes Kapital gewesen. Aber obwohl wir nur fünf Meter von ihm entfernt saßen, konnte er uns anscheinend einfach nicht wahrnehmen.

Nachdem wir dem Anführer fast vier Stunden zuhören mußten und immer mehr Autos sich an der Straßensperre stauten, wurde es offensichtlich, daß wir einfach zu viele waren, um weiter festgehalten zu werden. Als schließlich jemand die Frage stellte, die jedem auf den Lippen lag, schickte der Anführer uns zu den Bussen zurück und ordnete die Rückfahrt nach Bucamaranga an. Er machte deutlich, daß seine Leute jeden töten würden, der versuchen würde, nach Venezuela zu fahren.

Auf der Rückfahrt nach Bucaramanga waren wir total verblüfft von der Kraft unseres Schutzes. Jeder der Einheimischen im Bus, so stellte sich jetzt heraus, war sich sicher gewesen, daß uns die Guerillas töten oder bestenfalls als Geiseln nehmen würden.

Von Bucaramanga, wo wir die Nacht bei einer einheimischen Familie in ihrem Ein-Zimmer-Haus verbrachten, flogen wir dann nach Bogota zurück. Oles Mo sagte, daß ein Flug nach Cucuta an der Grenze zu Venezuela, an sich die natürlichste Sache in dieser Situation, uns nicht weiterhelfen würde, Venezuela zu erreichen. Ein paar Tage später sahen wir, wie richtig dies war: ein Mädchen, das wir in Bucaramanga getroffen hatten, rief uns von Cucuta aus an und sagte, sie käme nicht weiter.

In Bogota waren unsere Freunde Adriana und Gonzalo den Tränen nahe vor Freude, uns lebendig wieder zu sehen. Sie wußten besser als jeder andere, was es bedeutet, in die Hände von Guerillas in Kolumbien zu fallen. Um wenigstens noch zwei Tage von Oles Programm dort zu retten, beschlossen wir, nun nach Caracas zu fliegen.


Auszug aus einem Reisebericht von Tomek Lehnert