Aus: Buddhismus Heute Nr. 6, (Sommer 1991)

Der erste Phowa-Kurs in Rußland

Von Michael den Hoet

Wenn der neue Karmapa bald erscheint, wird es auch in der Sowjetunion Zentren von ihm geben. Nach lange währender Unterdrückung wacht dieses große, von vielen Nationen bevölkerte Land endlich aus seiner Apathie auf, und der Bedarf für tiefe Einsichten ist riesengroß. Das war auch bei Hannahs und Oles dritter Dharma-Reise in die UdSSR zu merken, die Anfang September '90 stattfand. Dabei gab Ole etwa 100 Leuten Zuflucht und lehrte ca. 70 Praktizierenden, - die zum Teil völlig neu waren - erfolgreich das Phowa.

Gerade hatte Ole über 500 Dharma-Praktizierenden in Drobin / Polen den Weg ins reine Land des Buddha des grenzenlosen Lichtes (Amitabha) gezeigt, als Hannah und er - begleitet von einer Handvoll Freund/inn/en aus Polen und Deutschland - in der Nacht vom 31. August auf den l. September am Warschauer Hauptbahnhof den Zug nach Leningrad bestiegen, während Dutzende polnischer Dharmafreunde uns einen wirklich herzlichen Abschied bereiteten. Die Bahnfahrt dauerte etwa 27 Stunden und führte uns durch wunderschöne Landschaften mit vielen malerischen, wenngleich meist zerfallenen Holzhäusern.

Im Morgengrauen des nächsten Tages wurden wir von unseren Gastgebern am Bahnhof in Leningrad abgeholt. Ole spürte, daß sich die Stadt seit ihren letzten Besuchen geändert hatte, zumindest innerlich. Rein äußerlich steht man noch immer vor den geschichtsträchtigen, klotzig-romantischen Häusern, in gleichbleibend schlechtem Zustand. Auch die Straßen, bei denen der verwöhnte Westler oft vergeblich nach Gully-Deckeln sucht, haben noch immer so viele Schlaglöcher, daß sie selbst für einen Geländewagen der Extraklasse lebensgefährlich sind. Zwar werden noch immer vereinzelt Propaganda-Tafeln oder „Helden der Arbeit" (Ole: „Dort wollen wir nächstes Mal unsere Fotos sehen!") öffentlich ausgestellt, doch die Atmosphäre ist inzwischen eine völlig andere: deutlich freier, das beklemmend-einengende Gefühl ist ebenso von den Straßen verschwunden wie die vielen Uniformen. Die Warteschlangen vor den Geschäften sind hingegen noch länger als zuvor.

Unsere russischen Gastgeber brachten uns in ein gigantisches Neubaugebiet im Norden von Leningrad, wo ein Dharma-Freund uns alle unterbringen konnte. Er kam zu seiner 3 ½ -Zimmer-Wohnung, indem er drei Kinder in die Welt setzte. Für einen normalen Sowjetbürger gibt es keine andere realistische Möglichkeit, eine relativ gut ausgestattete Wohnung zu finden. Neben einer solchen Trabantenstadt, die in diesem Fall beispielsweise eine Million Menschen beherbergt, wirken unsere Neubausiedlungen wie heimelige, kleine Dörfer.

Nach zwei Abenden mit gut besuchten Belehrungen ging es weiter nach Staraja Ladoga, einem verschlafenen Ort 130 Kilometer nordöstlich von Leningrad, unweit des Ladoga-Sees. Hier hatte es vor vielen Jahrhunderten einen Wikinger-Handelsweg gegeben, wovon noch eine Festung zeugt. In einem Haus am Rande des wunderschön gelegenen Ortes sollte der erste Phowa-Kurs in der Geschichte der Sowjetunion stattfinden.

Der größte Teil des Gebäudes gehörte der „Sowjetischen Vereinigung für ökologischen Frieden - Ökopolis", deren Mitglieder sich als rührende Gastgeber erwiesen. Sie konnten ja auch nichts für die schwierigen Verhältnisse: es gab kein fließendes Wasser, dafür unappetitliche Plumpsklos, in der Küche siegte das Chaos - was niemanden wundert, der weiß, daß in Rußland auch der Gast grundsätzlich von Mitgebrachtem lebt, Geschirr gab es so gut wie keines. Trotzdem - oder gerade dadurch -wurden wir gute Freunde. Viele von ihnen nahmen spontan Zuflucht und hatten sogar gute Resultate beim Phowa.

Anfänglich fühlte sich die Meditation mit den etwa 70 Teilnehmern aus allen Ecken der Sowjetunion ziemlich zäh an. Denn wie sich herausstellte, hatte kaum einer von ihnen von der gewünschten Vorbereitung gewußt, ja kaum einer kannte überhaupt den Buddha. Von der noch vor einem Jahr zuvor gut funktionierenden Gruppe in Leningrad waren so viele abgesprungen oder verhindert, daß sich sogar bei dem an sich bestimmt nicht zu Pessimismus neigenden Ole Zweifel auftaten. Doch nach und nach zeigten sich auch gute Zeichen: eine Katze, der Ole nach dem Lung für die Phowa-Praxis „en-passant" einen Segen gab, verfiel, mit einem Gesichtssausdruck höchster Glückseligkeit, in Trance; Schwärme schwarzer Vögel kreisten während der Kurstage ständig über dem Haus, und es erschienen mehrere Regenbögen am Himmel. Auch die anfangs ziemlich schüchtern und unbeholfen wirkenden Russen und Ukrainer tauten allmählich total auf. Innerhalb der fünf Tage bekamen - bis auf einige wenige „Nachzügler" - alle die Zeichen für ein erfolgreiches Phowa. Es war spannend mitzuerleben, wie sehr sich alle in dieser kurzen Zeit veränderten, und es blieb ein Gefühl von tiefer Freundschaft und Verbundenheit.

Hilfe aus dem Westen braucht nicht nur die Wirtschaft, sondern auch der Dharma in der Sowjetunion. Laut Ole gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, daß der Dharma in den meisten Teilen der heutigen UdSSR eine große Zukunft hat. Das ist besonders auch den Aktivitäten von Marina und Vitali aus Leningrad, sowie dem Aserbeidschander Vagid (er hat in den vergangenen Monaten mehrere buddhistische Bücher ins Russische übersetzt) zu verdanken.

Die russische Ausgabe von Oles „Die Buddhas vom Dach der Welt" soll bald in einer Auflage von 150.000 Exemplaren erscheinen. Der Karma-Kagyü-Verband wurde offiziell anerkannt. Darüber hinaus wird versucht, für ein Zentrum in der Leningrader Innenstadt ein Haus oder eine große Wohnung zu kaufen.


ein Bericht von Michael den Hoet