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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 6, (Sommer 1991)

Die zehn Bodhisattvastufen

Von Tenga Rinpoche

Die Erfahrung der Natur der Wirklichkeit ist wie die Erfahrung eines Taubstummen. Bei der Shine-Meditation und der Meditation auf die Natur des Geistes wird immer die Anweisung gegeben, daß man den Geist natürlich in sich ruhen lassen soll. Die Erfahrung, die man hier macht, kann nicht in Worten ausgedrückt werden. Deshalb ist die Erfahrung der Natur der Wirklichkeit wie ein Traum, den ein stummer Mensch erlebt. Obwohl er ihn erlebt, kann er nicht ausdrücken, was er im Traum erlebt hat. Genauso verhält es sich, wenn man die Natur des Geistes erfährt.

 

Macht man die Erfahrung der Erkenntnis, dann entsteht ganz besondere Freude im Geist. Kraft der Erkenntnis der Natur des Geistes hat man sich von negativem Karma und von Verdunkelungen zum Großteil gereinigt. Das bewirkt, daß die dem Geist innewohnenden Qualitäten wie Mitgefühl, Hingabe und Weisheit entwickelt werden. Aus diesem Grund heißt die l. Bodhisattva-Stufe auch „Die äußerst Freudvolle". An diesem Punkt der Erkenntnis entwickelt man ganz besondere Qualitäten und dadurch erfährt man große Freude. Auf dieser Stufe der Erkenntnis vervollkommnen die Bodhisattvas das Paramita der Freigebigkeit. Das Anhaften an Besitz und am eigenen Körper wird sehr stark verringert. Aber alles, was noch zu überwinden ist, ist nicht überwunden und alles, was es noch zu erkennen gibt, ist nicht realisiert. Der Bodhisattva ist erst auf der l. Stufe und hat nur dementsprechend seinen Geist gereinigt und die Qualitäten entwickelt. Nur wenn er sich voller Fleiß und Ausdauer auf dem Weg übt, wird er jene Verdunkelungen aufgeben und jene Qualitäten verwirklichen, die für die 2. Bodhisattva- Stufe aufgegeben bzw. verwirklicht werden müssen.

Die 2. Bodhisattva-Stufe heißt, wörtlich übersetzt, „Die Unbefleckte". Damit ist gemeint, daß man in keiner Weise mehr physisch, verbal oder geistig negativ handelt und die reine Form von Disziplin verwirklicht hat. Aber wieder ist nur das erlangt und gereinigt worden, was der 2. Bodhisattva-Stufe entspricht. Wieder muß man Anstrengungen im Weg machen, um die 3. Stufe zu erlangen.

Die 3. Stufe heißt „Das Aufkommen von Licht". Auf der l. und 2. Stufe hat man die Natur der Wirklichkeit nur teilweise erkannt. Auf der 3. Stufe wird diese Erkenntnis viel stärker. Sie wird verglichen mit dem Licht bei Sonnenaufgang, wenn die Sonne gerade sichtbar wird. Man hat also die Natur der Wirklichkeit fast erkannt. Bodhisattvas auf dieser Stufe verwirklichen das Paramita der Geduld. Egal was ihnen zugefügt wird - ob sie geschlagen oder verfolgt werden oder ob schlecht über sie geredet wird - niemals wird in ihrem Geist Aggression entstehen, sie werden immer vollkommene Geduld bewahren können.

Erlangt man die 4. Bodhisattva-Stufe, erkennt man die Natur der Wirklichkeit direkt. Diese Stufe heißt deshalb auch „Das Ausstrahlen von Licht". Auf dieser Stufe wird das Paramita des Fleißes verwirklicht, das heißt, daß die Bodhisattvas immer Dharma praktizieren, daß ihr Geist niemals von der Erkenntnis des Dharmakaya abrückt, daß niemals Ablenkung aufkommt.

Jetzt habt ihr vielleicht den Eindruck, daß es mit dem eigenen Fleiß nicht so gut aussieht. Ab und zu entwickelt man zwar ein bißchen Fleiß, wird dann aber schnell wieder abgelenkt. Man sollte darüber aber nicht enttäuscht oder niedergeschlagen sein, denn der echte Fleiß wird erst auf der 4. Bodhisattva- Stufe erlangt. Dennoch sollten diejenigen, die das Gefühl haben, nicht fleißig genug zu sein, immer wieder versuchen, mehr Ausdauer und Fleiß in ihrer Dharma-Praxis zu entwickeln. Ist einmal die Gewohnheit der Dharma-Praxis gefestigt, dann ist man automatisch fleißig.

Durch Fleiß auf dem Weg wird schließlich die 5. Bodhisattva-Stufe erlangt, die auch bezeichnet wird als „Die, auf der schwer zu üben ist". Auf dieser Stufe sind die groben Störungen des Geistes bereits überwunden. Jetzt geht es darum, die subtilen Störungen zu überwinden, was jedoch schwierig ist. Hier wird immer wieder die Formulierung des „Aufgebens der störenden Emotionen" verwendet. Es handelt sich hier nämlich um die Beschreibung der Entwicklung eines Bodhisattvas auf den zehn Bodhisattva- Stufen durch den Sutraweg. Wird der Tantraweg praktiziert, verwendet man Begriffe wie „Das in sich selbst Befreien" oder „Das in sich selbst Auflösen der störenden Emotionen". Gemeint ist dasselbe, wie auch die Wirkung dieselbe ist, nämlich die Umwandlung der störenden Gefühle zu Weisheit.

Auf der 5. Bodhisattva-Stufe meistern die Bodhisattvas das Paramita der Meditation, der Vertiefung. Damit ist nicht der Zustand der Geistesruhe gemeint, der uns durch die Shine-Meditation vertraut ist, sondern ein Zustand der Geistesruhe, welcher diesen bei weitem übertrifft.

Durch Fleiß auf dem Weg wird schließlich die 6. Bodhisattva-Stufe erlangt, die bezeichnet wird als „Die der vollkommenen Verwirklichung". Auf dieser Stufe der Erkenntnis hat man die Natur des Geistes vollkommenen verwirklicht und dadurch sehr viel gereinigt. Verwirklicht wird das Paramita der Weisheit. Die Bodhisattvas erkennen auf dieser Stufe vollkommen die Natur von Samara und Nirwana.

Durch Fleiß in der Meditation gelangen sie auf die 7. Stufe, die auch „Weit gekommen" heißt, denn die Bodhisattvas haben sich weit von dem entfernt, was zu überwinden ist. Auf dieser Stufe wird das Paramita der Methode gemeistert, das heißt, sie werden fähig, durch alle möglichen Methoden zum Wohle der Wesen zu wirken, genau so wie es notwendig ist.

Durch Fleiß in der Meditation erlangen die Bodhisattvas die 8. Stufe, die „Unerschütterliche", denn hier gibt es im Zustand der Vertiefung keine Ablenkung mehr. Auf dieser Stufe wird das Paramita der Kraft verwirklicht. Das bedeutet, daß die Bodhisattvas die nötige Energie haben, um zum Wohl der Wesen zu wirken.

Durch Fleiß in der Praxis erlangen sie die 9. Stufe, die als „Die, der vollkommenen Weisheit" bezeichnet wird. Hier verwirklichen sie die Weisheit der Buddhas und Bodhisattvas in einem. Sie meistern das Paramita der Wunschgebete. Dadurch werden sie fähig, die Wunschgebete, die sie machen, umzusetzen, Reine Länder zu manifestieren, Wünsche zu machen, zum Beispiel, daß alle Wesen in diesen Reinen Ländern geboren werden und dergleichen.

Die 10. Bodhisattva-Stufe wird auch als „Die Dharmawolke" bezeichnet. Diese Bezeichnung ist ein Symbol. Eine Wolke hat nicht das Konzept, Regen fallen zu lassen. Es passiert spontan, es ist die Eigenschaft der Wolke, Regen fallen zu lassen. Ebenso ist es mit der Aktivität der Bodhisattvas auf der 10. Stufe. Sie haben nicht das Konzept, dem einen oder anderen zu helfen oder nicht zu helfen. Ihre Aktivität ist spontan und mühelos, immer gegenwärtig. Auf dieser Stufe wird das Paramita der Weisheit-Bewußtheit gemeistert.

Das ist die Entwicklungsphase von der ersten bis zur 10. Bodhisattva-Stufe. Die Länge dieser Entwicklung ist sehr unterschiedlich. Manche, die in früheren Lebenszeiten bereits sehr viel Fleiß und Ausdauer entwickelt haben, können kraft ihres positiven Karmas diese Entwicklung sehr schnell durchgehen. Andere brauchen dafür mehrere Lebenszeiten. In den meisten Fällen ist es so, daß sie drei unermesslich lange Zeitalter Verdienst ansammeln müssen, um letztendlich die 10. Bodhisattva-Stufe zu verwirklichen.

Hat man das Ende der 10. Bodhisattva-Stufe erlangt, ist noch ein menschliches Leben notwendig, in welchem man dann vollkommene Buddhaschaft verwirklicht. Maitreya zum Beispiel befindet sich jetzt am Ende der 10. Bodhisattva-Stufe und wird dann, wenn er als Mensch geboren wird, vollkommene Buddhaschaft manifestieren. Er wird der nächste historische Buddha unserer Epoche sein. Auch Bodhisattvas wie „Liebevolle Augen" (Chenresig) und „Befreierin" (Tara) befinden sich jetzt am Ende der 10. Bodhisattva-Stufe. Sie haben Wünsche gemacht, als Bodhisattvas zum Wohle der Wesen zu wirken und Buddhaschaft nicht zu verwirklichen, solange nicht alle Wesen Buddhaschaft erlangt haben und Samsara geleert ist.

Die drei unermeßlich langen Zeitalter teilen sich folgendermaßen auf: Man unterscheidet im Mahayana fünf Wege. Den Weg der Ansammlung, den Weg der Verbindung, den der Einsicht, der Meditation und den Weg des Nicht-mehr-Lernens. Den Weg der Ansammlung und den Weg der Verbindung meistert man im ersten unermeßlich langen Zeitalter.

Zur Frage, in welcher Phase des Weges der Ansammlung wir uns befinden: Dieser Weg besteht aus der kleinen, der mittleren und der großen Phase. Haben wir negative Tendenzen in unserem Geist völlig überwunden und stattdessen positive Eigenschaften entwickelt, dann sind wir auf dem mittleren Weg der Ansammlung. Hat man zum Beispiel negativ gehandelt und man verspricht, es nie wieder zu tun und hält dieses Versprechen, dann hat man den mittleren Weg der Ansammlung erreicht.

Der Weg der Verbindung besteht aus vier Phasen. Die ersten beiden werden „Wärme" und „Spitze" genannt. Buddha Shakyamuni sagte, daß man beim Erreichen der „Spitze" nie wieder in den drei niederen Bereichen geboren wird, sondern immer als Mensch mit der Bedingung, die eine Dharmapraxis und eine Weiterentwicklung ermöglichen.

Am Ende des Weges der Verbindung verwirklicht man den Weg der Einsicht, der identisch ist mit dem Erlangen der l. Bodhisattva-Stufe. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Erlangen der 7. Bodhisattva-Stufe ist man im zweiten unermesslich langen Zeitalter.

Der Weg der Meditation erstreckt sich auf die gesamte Entwicklungsphase von der zweiten bis zur 10. Bodhisattva-Stufe.

Während man sich von der 8. bis zur 10. Bodhisattva-Stufe entwickelt, steht man im dritten unermesslich langem Zeitalter. Am Ende der 10. Bodhisattva-Stufe erfährt man noch ein menschliches Leben, in dem man vollkommene Buddhaschaft manifestiert und den Weg des Nicht-mehr-Lernens verwirklicht.

 


Übersetzung: Tina Draszczyk