Aus: Buddhismus Heute Nr. 50, (Herbst 2011)

Über Rechung Dorje Drakpa

Von Detlev Göbel

Im Jahr 1084 geboren, wurde Rechung Dorje Drakpa schon als Jugendlicher Schüler von Milarepa. Wie Milarepa selbst, war auch er kein Mönch, sondern ein Repa1, ein Yogi. Er lebte und praktizierte viele Jahre mit seinem Lehrer, bekam von ihm sämtliche Übertragungen und war sein allernächster Schüler.
Rechungpa reiste drei Mal nach Indien, von wo er viele wichtige Übertragungen mitbrachte, unter anderem die Praxis der "Neun Zyklen der Körperlosen Dakini" (tib. Lume khandro kor gu), die Praxis auf "Allmächtiger Ozean" (tib. Gyalwa Gyamtso, skt. Jinasagara), Praktiken auf "Diamant in Hand" (tib. Channa Dorje, skt. Vajrapani) und Übertragungen auf "Langlebensbuddha" (tib. Tsepame, skt. Amitayus). Später unternahm er auch Pilgerreisen in Zentraltibet, wo er sehr berühmt wurde und er überzeugte Zweifler oft durch das Zeigen von Wundern. Es heißt, dass Rechungpa sehr schön war und ihm die Frauen sehr zugetan waren. Eine Zeit lang war er sogar mit einer lokalen Prinzessin verheiratet und lebte mit ihr in einem Palast.

Rechungpa besuchte einmal in einer Vision Urgyen, das Reine Land der Dakinis, wo er von diesen aufgefordert wurde, die Lebensgeschichte von Milarepa festzuhalten. Daraufhin bat er Milarepa, diese zu erzählen. Schriftlich festgehalten wurde sie aber erst später von einer Reinkarnation Rechungpas namens Tsang Nyön Heruka.

Mit Gampopa, einem Mönch der Kadampa-Schule, der Milarepa gegen Ende von Milarepas Leben traf und 13 Monate mit ihm verbrachte, wurde die Kagyü-Linie in Tibet sehr groß und es entstanden die ersten Klöster. Die meisten Historiker der Kagyü-Schule entstammten den von ihm begründeten Schulen und legten vermutlich deswegen in ihrer Geschichtsschreibung das Schwergewicht auf Gampopa als DEN Hauptschüler Milarepas.

Rechungpa gab später auch Erklärungen und Ermächtigungen an den 1. Karmapa Düsum Khyenpa. Gampopa selbst erhielt nach Milarepas Tod eine kurze Form der Ermächtigung auf "Höchste Freude" (tib. Khorlo Demchog) von Rechungpa. Seine Übertragung – die sogenannte Rechung Nyengyü – wurde bis in unsere Zeit vor allem in den Drukpa- und Taglung-Kagyü-Linien weitergegeben, jedoch nicht als eigenständige Schule.

Die Ermächtigung auf Rechungpa wurde in unseren Zentren oft als Teil der Ermächtigung auf den 2. Karmapa Karma Pakshi gegeben. In dieser Praxis wird auf Rechungpa als Teil des Mandalas von Karma Pakshi meditiert. Rechungpa wird als Ausstrahlung von Buddha "Diamant in Hand" (tib. Channa Dorje, skt. Vajrapani) gesehen, der Kraft aller Buddhas und dem Halter der tantrischen Lehren. So heißt es in der Karma-Pakshi-Puja:

Rechung Dorje Drakpa
Ich lade Dich hierher ein
Ich bitte Dich aus der höchsten Stelle Alakavati2
Mit einem Ozean von Siddhas hierherzukommen.

Rechungpa starb 1161, im Alter von 77 Jahren.

1 Repa – ein "Baumwoll-Gekleideter", also einer der durch die Praxis der "Inneren Hitze" mit nur einem Baumwolltuch als Kleidung in den Bergen Tibets leben konnte.

2 Alakavati – das Reine Land von Vajrapani


Von Detlev Göbel, Redaktion Buddhismus Heute
Ausführlich zu Rechungpas Leben, beruhend auf Tsang Nyön Heruka, siehe Buddhismus Heute Nr. 7 und 8.

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