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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 49, (Winter 2011)

Glück

von Wolfgang Poier

Alle Wesen wollen Glück, sagt uns Buddha. Aber nicht alle wissen, wie glückliche Zustände zu erreichen sind – oder wie Glück nicht nur als eine flüchtige Eintagsfliege erscheint, sondern als dauerhafte Lebenserfahrung gegenwärtig bleibt.
Was Glück nicht ist
Es ist nicht immer leicht zu sagen, was Glück ist. Und die Vorstellungen der Menschen vom Glück sind nicht in allem deckungsgleich. Sicher können wir uns aber sein, dass alle möglichen leidhaften Erfahrungen nicht Glück sind. Aber selbst glückliche Zustände beinhalten durch ihre Vergänglichkeit indirekt etwas Leidvolles. Im buddhistischen Begriff für die bedingte Welt der Erscheinungen, Samsara, kommt zum Ausdruck, dass dauerhaftes Glück hier gar nicht zu erreichen ist. Etwas, das zusammengesetzt ist, wird sich verändern und wieder auseinanderfallen. Dies haben wir im Zusammenhang mit glücklichen Situationen immer wieder erlebt: Das größte Liebesglück, der Super-Job, das tollste Auto, der schönste Sonnenuntergang in den Bergen usw., nichts davon ist dauerhaft und wird ewig bestehen bleiben.
Veränderlichkeit verändert – und das ist die erfreuliche Kehrseite der Medaille – allerdings ebenso die schwierigen Zustände: Auch Leid und Unglück sind nur vorübergehende Erscheinungen. Wie kann man aber einen eigenen Beitrag dazu leisten, dass die unglücklichen Zustände schneller vergehen und die glücklichen bleiben?

Umdeutung leidhafter Zustände
Ein guter Trick, der im Buddhismus systematisch angewandt wird, besteht darin, leidhafte Situationen produktiv umzudeuten. Leid kann ja zu Frustration, Passivität und dem Gefühl der Ausweglosigkeit führen. Schwierige Zustände und unbefriedigende Situationen können aber auch Kräfte zu deren überwindung in uns erwecken. Indem im Buddhismus gesagt wird, Glück sei Segen und Leid sei Reinigung, ruft man sich zunächst ins Bewusstsein, dass auch in der Erfahrung des Leidens durch das damit verbundene Reifwerden negativen Karmas der Geist freier wird. Regungslos und geduldig zu warten, bis sich etwas ändert, ist dabei nur eine Möglichkeit der Reaktion; die andere besteht darin, aktiv etwas zur Veränderung der Lage beizutragen: Entweder indem man sich selbst und seine Perspektive auf die Situation ändert – oder indem man die Situation selbst ändert oder zumindest die Grundlagen dafür schafft.

Glück im Unglück
Auch wenn der Himmel schon lange wolkenverhangen ist, es monsunartig regnet oder gar der Donner rollt und die Blitze zucken: Die schwierigsten Momente im Leben können so etwas wie Glück oder Anzeichen des Glücks beinhalten und es lohnt sich, diese wahrzunehmen und sie zu schätzen. Wir entdecken eine Blume in der Betonwüste, empfinden das Glück im Unglück, sehen die ersten Anzeichen eines Regenbogens in den Gewitterwolken. Solche Erfahrungen können wesentlich dazu beitragen, schwierige Phasen im Leben zu überwinden und wieder Mut zu fassen.

Das Problem vergessen und am Erreichen des erwünschten Ziels arbeiten
Wenn leidhafte Zustände, Krankheit oder Stresssituationen undramatisch durchlebt werden und zugleich an einer Bewältigung der Situation gearbeitet wird, indem man sich auf ein positives, wünschenswertes Ziel hin ausrichtet und die entsprechenden Handlungen folgen lässt, wird sich irgendwann die Situation wieder zum Besseren wenden und Glück erlebt werden. Solche Lebenserfahrungen sind einem Weg durch unterirdische Räume ohne natürliches Licht vergleichbar, die aber ohne Furcht durchschritten werden. Plötzlich kommt man im Morgengrauen im Freien an und man erinnert sich, dass eben noch Nacht war. Aber nun beginnt ein neuer Tag.

Irgendwann ist das handfeste Leid verschwunden. Entweder hat sich die Situation verbessert oder wir haben wenigstens gelernt, mit einer leidvollen Lebenslage, die sich über einen längeren Zeitraum hin nur bis zu einem gewissen Grad oder gar nicht verändern lässt, besser umzugehen. Unglück – als unerfreuliche Situation oder als eher innere Erfahrung – hat sich dann aufgelöst und eine Vorform des Glücks als Abwesenheit von Leid kann erfahren werden. Noch ein bisschen unsicher sagt man dann vielleicht: "Mir geht's gut, überraschend gut, aber ja, doch, ich könnte mich fast als glücklich bezeichnen!"

Die Glücksspirale
Ist man in leidhaften Situationen, rät der Buddha dazu, Ursache und Wirkung zu beachten, Impulse zu negativem Handeln vorbeiziehen zu lassen und stattdessen mehr und mehr Sinnvolles in die Welt zu bringen. Leidvolle Zustände, die unsere Ich-Vorstellung verstärken, lösen sich auf; enge Ego-Grenzen werden gesprengt; negative Emotionen verflüchtigen sich. Unser Geist wird dann zunehmend voll von schönen Eindrücken unserer glückbringenden Handlungen. Der Reichtum unseres Geistes ermöglicht es uns, andere nun stärker wahrzunehmen und an ihrem Leben Anteil zu nehmen. Dadurch vergrößert sich unsere Offenheit für andere. Interessanterweise bringen uns jetzt die anderen auch mehr Offenheit entgegen. Wir wünschen ihnen zu helfen, freuen uns, wenn sie glücklich sind und sind auch in der Lage, selbst etwas zu ihrem Glück beizutragen. Frei von engen Konzepten und negativen emotionalen Impulsen durchdringt unser Bewusstsein die Welt in Weisheit und aus dieser übersicht und Klarheit können wir anderen – als konkrete Ausprägung unseres Mitgefühls und unserer Liebe – effektiv und tatkräftig nutzen. Wenn wir mit diesem offenen Geist den Buddhas begegnen, die diese Qualitäten in einem Höchstmaß verwirklicht haben, entsteht natürliches Vertrauen und der Wunsch, so zu werden wie sie. Wir lernen dann von denen, die uns faszinieren und inspirieren. Diese Identifikation mit den zeitlos glücklichen Buddhas und den Qualitäten der Erleuchtung bringt riesige Fortschritte.

Das Ziel als Weg
Im Diamantweg erfolgt die Gleichsetzung mit den Qualitäten der Erleuchtung zum einen in der Meditation, in welcher man Buddha-Formen aus Licht und Energie vergegenwärtigt, ihre Mantras rezitiert und mit ihnen eins wird; zum anderen, indem man dem Beispiel seiner Lehrer und Lehrerinnen folgt und versucht, so wie sie im praktischen Leben die höchste Sicht aufrechtzuerhalten (im wortwörtlichen Sinn "geistes-gegenwärtig" – sich der Natur des Geistes bewusst – zu sein) und sich kurz- und langfristig maximal nützlich für möglichst viele Wesen zu verhalten. Die Qualitäten der Erleuchtung, auf die man sich hier ausrichtet, zeigen sich unter anderem in den Glückssymbolen. Sie können auf der Sutra-Ebene aufgefasst werden, bei der es vorwiegend um Verständnis und schrittweise Umsetzung im eigenen Leben geht. Sie haben aber auch für die Diamantweg-Ebene (buddhistisches Tantra) Bedeutung, indem sie eine Identifikation mit den Qualitäten der Erleuchtung ermöglichen.

Die acht Glückssymbole1
Die glückverheißenden Zeichen sind in Tibet oder Bhutan häufig abgebildete Symbole. Sie stammen aber ursprünglich aus dem alten Indien und sind zum Teil schon aus vorbuddhistischer Zeit bekannt. Anlässlich von Buddhas Erleuchtung wurden ihm die Glückssymbole als Gaben von besonderen Wesen wie den vedischen Gottheiten Brahma (goldenes Rad mit tausend Speichen als Bitte, das Rad der Lehre zu drehen) oder Indra (Schneckenmuschelhorn als Bitte, den Dharma zu verbreiten) dargebracht.

Zudem versinnbildlichen sie Körper, Rede und Geist Buddhas und Elemente seines physischen Körpers:
  • Das Siegesbanner steht für Buddhas Körper.
  • Das Muschelhorn für seine Rede.
  • Der unendliche Knoten symbolisiert seinen erleuchteten Geist und kann deshalb auch auf der Brust von Buddha-Darstellungen oder -Statuen abgebildet sein.
  • Der Schirm steht für den Kopf des Buddhas.
  • Die zwei goldenen Fische werden mit den Augen Buddhas gleichgesetzt.
  • Die Lotusblüte symbolisiert die Zunge Buddhas.
  • Die Schatzvase steht für Buddhas Hals.
  • Das Rad für seine Füße.
  • Zusätzlich werden noch Glücksjuwelen für die Hände Buddhas genannt.2

Wenden wir glückverheißende Zeichen ihrem Symbolgehalt entsprechend auf uns selbst an, können wir nützliche Handlungsrichtlinien für unser Leben daraus ableiten, um Glück zu erlangen. Sie sind für uns eine Einladung uns zu öffnen und "groß zu denken": "Think big!" Sie laden ein, sich von der Weite des Raums, der Unendlichkeit der Möglichkeiten und Buddhas strahlendem Vorbild inspirieren zu lassen. Sie laden ein, große Visionen oder die große Vision zu verwirklichen, die Wunder der Welt und des Geistes zu entdecken. "Alles ist möglich", und wenn wir so denken, wird sich vieles entwickeln können. Der Wunsch, zum Nutzen der Wesen da zu sein und zu arbeiten, leitet alles in natürliche Bahnen und lässt nützliche Bedingungen zusammenkommen und Menschen einander begegnen. Glück wird sich einstellen. Eine besondere weibliche Buddha-Form, die sog. "Wunscherfüllende Befreierin" (tib. Dölma Tashi Döndrup, skt. Ashtamangaladevi), hält diese Glückssymbole in ihren acht Händen.3

Schatzvase4
Eine goldene Schatzvase mit dem Nektar der Unsterblichkeit erhielt Buddha Shakyamuni von der Erdgöttin Sthavara. Buddha rief die Erde auch als Zeuge an, dass er über zahllose Lebenszeiten Verdienst und Weisheit aufgebaut habe und so in der Lage war, Erleuchtung zu erlangen – deshalb wird er mit der erdberührenden Geste seiner rechten Hand dargestellt.

Die Schatzvase enthält unerschöpfliche Reichtümer und wie viel man ihr auch entnimmt, sie bleibt immer gefüllt. Auf unser Leben angewandt, sehen wir aber, dass in der Welt ein gewisser Mangel herrscht und wir nicht immer zufrieden und glücklich mit dem sind, was wir haben. Einerseits weil die Güter oder die Möglichkeiten eben begrenzt sind, andererseits weil unsere Begierden unbegrenzt sind. Eine Schatzvase, die unerschöpflich ist, zu besitzen, ist wie alles zu haben, was man braucht und will – und damit auch glücklich zu sein. In unserer Kultur ginge es vielfach gerade darum, zufrieden zu sein, mit dem was einem die Welt und das Leben bietet, und nicht immer mehr zu wollen; gleichzeitig ginge es aber auch darum, mehr geistige und menschliche Entwicklung zu wollen und daran konsequent zu arbeiten. Diese Eigenschaften kommen in der Schatzvase symbolisch zum Ausdruck.

Ein weiteres wichtiges Prinzip, auf das die Schatzvase hinweist, ist der Reichtum, der größer wird, indem man ihn mit anderen teilt. Das ist auch die Freigebigkeit, die wir als eine der befreienden Handlungen üben: Freigebigkeit mit materiellen Dingen, die kurzfristig hilft. Freigebigkeit, die Schutz und Sicherheit bewirkt und die langfristig nützt, weil sie Hilfe zu Selbsthilfe bedeutet. Sie drückt sich beispielsweise aus, indem man anderen eine gute Ausbildung ermöglicht und ihnen so hilft, auf eigenen Beinen zu stehen. Und dann die große Freigebigkeit, anderen die geistigen Entwicklungsmöglichkeiten, die der Buddhismus bedeutet, zu schenken. Sie ist über alle Leben bis zur Erleuchtung wirksam.

In Bezug auf das Verhältnis von praktischem Einsatz in der Welt und dem Arbeiten an der Erleuchtung ist vor allem eines wichtig: Wer sich heute nicht die Zeit zur Praxis nimmt, wird sie nicht haben und vielleicht morgen gar nicht mehr bekommen. Unsere Möglichkeiten im Rahmen beruflicher Betätigung etwas für andere zu tun, sind Bodhisattva-Aktivität und eine Chance Verdienst aufzubauen. Aber ohne Zeit für Meditation kann Weisheit nicht entstehen und all unsere tollen Aktivitäten werden dann nicht den Nutzen bringen, den sie als Potential beinhalten. Sich Zeit für Meditation zu nehmen und den "kostbaren Menschenkörper" zu nutzen, führt dazu, dass irgendwann auch das ganz große Geschenk kommt: Die "unerschöpfliche Schatzvase" der Verwirklichung, der Erleuchtung, mit der alle Qualitäten des Geistes zu Tage treten.

Siegesbanner
Das Siegesbanner schmückte in frühindischer Zeit die Streitwägen von besonderen Kriegern oder Königen und war auch eines von deren Erkennungszeichen. Auf den Buddhismus angewandt drückt es Buddhas Sieg über die "vier Maras" aus: über das Verlangen, die Störemotionen, die Ich-Anhaftung und den Tod.

Das Siegen, das durch das Siegesbanner versinnbildlicht wird, hat also nichts damit zu tun, in irgendeiner Hinsicht aus Ego-Anhaftung, Störemotionen und engen Konzepten besser als jemand anderer sein zu wollen. Der Wunsch zu siegen zielt hier darauf, den sinnvolleren Konzepten und freudvolleren Gefühlen zum Durchbruch zu verhelfen, ist also für alle nützlich. Siegen heißt hier, Arbeit zum Nutzen anderer mit nicht-vorhandenem oder kleinstmöglichem Ego-Aspekt; siegen, weil man im Einklang mit der Welt und der Zeit und den Prinzipien des Geistes ist. Daher geschieht dieses Siegen mit natürlicher Kraft und großer Energie.

Siegen meint hier auch das sinnvolle Verhalten mit Körper, Rede und Geist. Eine solche Art des Wirkens bezieht sich auf unser Sein in der Welt, auf unsere Bodhisattva-Aktivität, die jede Tätigkeit und jede Begegnung mit anderen zu buddhistischer Alltagspraxis, zu einer Umsetzung des Erleuchtungsgeistes, macht.

Lotusblüte
Die Lotusblüte ist der Sitz der Buddhas. Lange vor bionischer Forschung, die die Oberflächenstruktur der Lotus-Blütenblätter unter dem Mikroskop untersucht und in einem weiteren Schritt deren Beschaffenheit für technische Anwendungen imitiert, galt sie als das Symbol für grundlegende Reinheit – für Weisheit, die aus der Meditation entsteht: Denn sie öffnet sich über dem schlammigen Wasser des gewöhnlichen Bewusstseins und dank ihrer besonderen Eigenschaften bleibt kein Schmutz einengender Konzepte und negativer emotionaler Impulse an ihr haften. In der Meditation können wir erkennen, dass alle geistigen Erscheinungen und die ganze Welt grundlegend rein sind. Sie sind wie Regenbögen am Himmel. Daher sitzen die, die dies dauerhaft verwirklicht haben, auch auf Lotusblüten oder werden – wie Guru Rinpoche – in solchen geboren.

Schirm
Ein Schirm schützt von oben vor Hitze und Regen. In seiner tibetischen Ausprägung aus weißer oder gelber Seide drückt er zugleich eine Verbindung zum Himmel aus, ist etwas Leichtes, das sich im Wind bewegt, und bringt eine gewisse Erhabenheit zum Ausdruck, indem er fast einen Meter über den Köpfen der Schirmträger zu schweben scheint. Buddha bekam vom König der Nagas als Zeichen der Ehrerbietung einen goldenen, juwelenbesetzten Schirm geschenkt. Ursprünglich ein indisches Königssymbol, steht es im übertragenen buddhistischen Sinn auch für den Schutz vor ängsten, leidverursachenden Anhaftungen und Abneigungen, für den Schutz vor verschiedenen Leiden wie Krankheiten, Bedrohungen, Unfällen, also allem, was sicherlich Leid bedeutet, wenn man damit im Leben konfrontiert wird. "Weißer Schirm" (tib. Dukar) bewahrt uns als weiblicher schützender Buddha vor solchen leidverursachenden Einflüssen.

Beide Zeichen, sowohl die Lotusblüte als auch der Schirm, versinnbildlichen nicht nur Geborgenheit und Schutz, sondern auch Offenheit in alle Richtungen, insbesondere auf der Ebene der Welt. Was uns in unserem Leben besonders schützt, ist Geduld, denn sie hilft dabei, Störemotionen in die Reinheit der Weisheit umzuwandeln. Sie schützt uns vor negativen Emotionen und den daraus folgenden Handlungen, den Ursachen allen Unglücks. Der Schirm der Geduld lässt ihre Träger in Weisheit strahlen und macht sie zu Menschen, denen andere aufgrund ihrer Unerschütterlichkeit und Klarheit vertrauen werden und deren Handlungen mit Körper und Rede die lotusblüten-artige Reinheit ihrer Gedanken und Gefühle spiegeln.

Muschel
Die rechtsdrehende Schneckenmuschel stammt aus der Tiefe des Meeres. Ihre Spiralform verweist auf einen natürlichen Fluss von Energie und zeigt sich auch nicht zufällig in der makrokosmischen Anordnung der Sterne unserer spiralförmigen Milchstraße oder in der Drehung der Haarlocken Buddhas. In Indien und Tibet wurde sie mit abgeflachter Spitze auch als Muschelhorn verwendet, als natürliches Blasinstrument, dessen Ton in die Tiefe der Täler und in die Höhe der Berge gelangt. Die Muschel steht für den förderlichen Klang der buddhistischen Lehre und für die Aufforderung, zum Nutzen anderer zu wirken.
Immer dann, wenn unsere Sprache in Einklang mit Buddhas Lehre und von Weisheit und Mitgefühl geprägt ist, werden auch unsere Worte ihre Wirkung nicht verfehlen. Sie sind dann zum Glück – von anderen und uns selbst - beitragende Taten. Stetig und frei wird unsere verbale Aktivität dann irgendwann so kraftvoll und durchdringend sein wie der Klang des Muschelhorns in den Bergen und die Sprache Buddhas, die die zehn Richtungen durchdringt.

Goldene Fische
In ähnlicher Weise wie der Klang des Muschelhorns den Luftraum durchdringen die Fische die Weiten der Flüsse und des Meeres, die unbekannten Gefilde des Geistes. Die Fische drückten im alten Indien auch die heiligen Flüsse (Ganges und Yamuna) aus und wir wissen, dass sich alle frühe Hochkulturen an Flüssen, diesen Lebensadern der Erde, ausbildeten.

Freudige Energie, wie sie durch die Fische ausgedrückt wird, bewirkt, dass sich unsere Aktivitäten in Mitgefühl und Weisheit zum Nutzen anderer entfalten und dass unsere Erfahrungen und die Begegnungen mit anderen reich und lebendig werden. Die Freiheit und Beweglichkeit der Fische im Wasser entspricht unserer kreativen Kraft und spontanen Handlungsfähigkeit. Freie und kreative Menschen sind glücklich, weil sie ihr Leben selbst gestalten und auch eigenverantwortlich mit ihren eigenen Emotionen und geschickt mit denen anderer umgehen können. Dass Fische als glücksverheißendes Zeichen immer paarweise verbunden oder aufeinander bezogen dargestellt werden, verweist auf einen weiteren wichtigen Aspekt menschlichen Glücksempfindens: Auf die Gemeinschaft mit anderen, auf Freundschaft, Partnerschaft und Liebesbeziehung.

Der unendliche Knoten
Der unendliche Knoten steht für den erleuchteten Geist, für die Weisheit und Liebe Buddhas. Erleuchtete Weisheit erkennt die Erscheinungen so, wie sie sich zeigen und wie sie wirklich sind: Sie entstehen in wechselseitiger Abhängigkeit und sind zugleich Ausdruck des grenzenlosen offenen Raums. Alldurchdringende Liebe beruht auf der Verbindung zu allen Wesen und erlebt diese in ihrer grundlegenden Natur als Buddhas – fähig, höchstes zeitloses Glück zu erfahren. Aufgrund ihrer Unwissenheit und ihrer negativen Handlungen schaffen die Wesen aber immer wieder Leid für sich und andere. Aus dem Wunsch, ihnen zu helfen, zeigt sich unermessliche erleuchtete Tatkraft zum Nutzen der Wesen.

In Bezug auf unsere Aktivität in der Welt versinnbildlicht der unendliche Knoten Verbindung und Vernetzung, die sozialen Netzwerke, die einem nützen, die eigene Entfaltung fördern und uns zugleich in die Lage bringen, anderen zu helfen. Er steht für Langlebigkeit, Kontinuität, Liebe und Harmonie – Faktoren, die für unser Leben und auch unsere sozialen Beziehungen sehr förderlich sind.

Dharma-Rad
Das Dharma-Rad steht als buddhistisches Symbol für Buddha und seine Lehre. Es ist das Zeichen der Sonne, die die Welt stetig durchstrahlt und erhellt und als sich drehendes Rad auch ein Zeichen für Dynamik. Als Ausdruck großen Selbstbewusstseins und großer glückbringender Tatkraft, die wir in unserer Welt dringend brauchen, kann das Rad gelten, auf dem sich der Weltenherrscher (skt. Chakravartin) durch das Universum bewegt. Meditation und die aus der

Meditation entstehende Weisheit führen dazu, dass wir die Welt in ihrem Wesen erkennen: Einerseits als zusammengesetzt und damit bedingt, als veränderlich, aber eben auch als vernetzt, als in wechselseitigem Einfluss entstehend. Als etwas, das nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung funktioniert, das so auch aktiv gestaltbar ist und auf dem Weg zur Erleuchtung genutzt werden kann. Zugleich als letzten Endes nicht dauerhaft wirklich, als so facettenreich, dass Wirklichkeit in der einzelnen Erscheinung nur erkennbar ist, indem sie als Teil der Ganzheit gesehen wird, als Ausdruck der Raumnatur des Geistes, des unbegrenzten und zeitlosen leuchtenden Raumes.

Zwei Dinge, die wirklich glücklich machen: Das Leben als Geschenk sehen und zum Nutzen von anderen arbeiten

Wenn alle Wesen das Glück hätten, das sie sich wünschen, oder zumindest ein wenig glücklicher wären, wäre wohl auch die Welt insgesamt ein schönerer Ort. Glückliche Menschen sind einfach, unglückliche Menschen oft eher schwierig. Die meisten schwierigen Menschen sind leider auch unglücklich und weil sie schwierig sind, führen ihre Handlungen oft zu weiteren Schwierigkeiten und nicht zu Glück. Wer glücklich ist, hat mehr überblick und Weisheit und mehr Kraft auch für andere etwas Sinnvolles zu tun.

Wer allen Wesen Glück wünscht, entwickelt auch die Weisheit und die Kraft, den Wesen dabei zu helfen, Glück zu erlangen. Er überwindet die begrenzte Sicht jener "Glückwünscher", die Glück nur für die ganz nahen Menschen ihres Lebens und Freunde erstreben oder, in äußerst egoistischer Perspektive, gar nur für sich selbst. Der Umstand, dass Menschen für ihr Ego Glück wünschen, verhindert oft, dass sie glücklich sind. Das Ego ist nämlich notorisch unzufrieden und will immer mehr. Deshalb kann das, was man hat, was einem zufällt oder was man erreicht, nicht geschätzt und genossen werden. Es reicht scheinbar nicht aus, es genügt nicht. Der eigene Reichtum wird hier als Mangel erlebt.

Glücklich macht es daher zu sehen, wie reich das eigene Leben eigentlich ist – und wie besonders jeder Moment ist, den wir erleben können, weil wir ihn erleben können. Glück ist nicht außerhalb, sondern nur im eigenen Geist zu finden.

Als Bodhisattvas entwickeln wir zudem Mitgefühl für die Wesen, die Glück in einer Weise suchen, die oft nur Verwirrung und Leiden schafft. Sich entwickeln und für andere arbeiten zu können, bedeutet Glück, das nie aufhört, weil es immer jemanden geben wird, für den wir aktiv sein können.

Drei Diamantweg-Impulse, um Glück zu erlangen

Furchtlosigkeit, Freude und Liebe sind Qualitäten des erleuchteten Geistes; je weiter wir mit unserer Meditationspraxis voranschreiten, desto mehr werden wir sie verwirklichen. Als Diamantweg-Buddhisten machen wir die Zielperspektive zum Weg und arbeiten an der Entwicklung dieser Qualitäten.

Furchtlosigkeit entwickeln
Um Glück zu erleben, muss man mutig werden und hin und wieder etwas riskieren. Wer immer das Gleiche tut, dieses Gleiche aber bisher nicht zu großem oder dauerhaftem Glück geführt hat, sollte beizeiten etwas anderes versuchen und muss dazu die Bequemlichkeit überwinden und die eigene Sicherheitszone verlassen. Ein solcher Schritt gleicht einem Sprung in den Raum und ist immer mit Unsicherheit verbunden. Um sie zu überwinden braucht es Mut, der aber zu Glück führen kann. Waren solche mit Bewusstheit ausgeführten mutigen Schritte immer wieder von Erfolg gekrönt, entsteht daraus im Zusammenspiel mit der aus der Meditation entspringenden Erkenntnis des unzerstörbaren zeitlosen Geistes Furchtlosigkeit.

Freude entfalten
Freude erscheint, indem die Qualitäten und der Reichtum des Geistes erlebt werden. Erfahrungen sind nicht etwas Begrenztes, sondern zeigen den spielerischen Reichtum des Geistes, seine unbegrenzten Möglichkeiten. Ist man in Verbindung mit der grundlegend kreativen Kraft des Geistes, der alle Erscheinungen ungehindert hervorbringt, wird diese Freude grenzenlos und dauerhaft. Dann sind jeder Augenblick und jede Erfahrung ein Geschenk.

In Liebe strahlen
Mit Liebe durch die Welt zu gehen, macht glücklich. Liebe schafft Verbindung zu anderen, alles kann sich entfalten, die Ego-Konzepte und störenden Emotionen haben wenig oder keinen Platz und alles wird frei. Liebe bedeutet buddhistisch gesehen den Wunsch, dass andere Wesen glücklich sind, und nach Kräften zu ihrem Glück beizutragen. Liebe befreit. Und die grenzenlose Liebe der Buddhas ist zugleich Mittel und Ausdruck ihrer Erleuchtung. Sie bedeutet grenzenloses Glück.

Letztendliches Glück
Die Natur des Geistes zu erkennen, sich auf der Basis glückbringender Eindrücke immer mehr in die unzerstörbare Raumnatur des Geistes hinein zu entspannen, bringt letztendliches Glück. Diese Form des Glücks entsteht, wenn der Geist in seinem eigenen Wesen ruht. Er ist sich im jeweils gegenwärtigen Augenblick seiner selbst bewusst, braucht nicht zu hoffen oder zu fürchten, festzuhalten oder wegzuschieben. Erscheinungen sind dann wie Wolken am Himmel, die über einem Berggipfel entstehen und sich auch wieder auflösen, in jedem Moment aber immer als untrennbar vom Himmel erfahren werden: Der Erleber wird wichtiger als die Erlebnisse und der Erleber erlebt dann den faszinierenden Reichtum des Geistes, seine unermesslichen Qualitäten.

"Mögen alle Wesen glücklich sein und Erleuchtung erlangen!"
Dies sei, so hörte ich Lama Ole Nydahl – den Grazer Weisheitsstupa umrundend – einmal sagen, der einzige Wunsch, den man wirklich machen müsse. Denn tatsächlich beinhaltet dieser Wunsch alles: Alles Glück, das die Wesen in ihren Welten und Erfahrungsebenen erleben können. Und vor allem auch jenes höchste Glück, das grenzenlos und einzig dauerhaft ist, weil es die Natur des Geistes selbst ist.

Dank für Anregung und Feedback an Manfred Seegers, Eva Preschern und Astrid Poier-Bernhard!

Fotos der Glückssymbole: Karin Dreier, Graz


1 In Der Auslegung der glückverheißenden Zeichen stütze ich mich auf: Robert Beer: Die Symbole des Buddhismus. München: Diederichs 2003. Sowie : Loden Sherab Dagyab Rinpoche: Buddhistische Glückssymbole im tibetischen Kulturraum. Eine Untersuchung der neun bekanntesten Symbolgruppen. München: Diederichs 1992.

2 Entsprechend dem Aryamangalakutanama-Mahayanasutra, dem Sutra über das "Anhäufen von Glück ".

3 Im Westen wurde die Einweihung auf die Wunscherfüllende Befreierin von Lopön Tsechu Rinpoche im Rahmen der Chik She Kün Dröl-Einweihungsserie 2002 in Kassel gegeben. Für eine detailliertere Beschreibung dieser Form der Tara siehe das Begleitheft zur Einweihung: Chik She kün dröl. Eines erkannt – Alles verwirklicht. Erster Teil. Wuppertal: BDD 2002, S. 26f. Der Titel "Eines erkannt – Alles verwirklicht " verdeutlicht – als Motto aufgefasst – ein Grundprinzip des vielfältigen Diamantwegs. Bei allen verschiedenen Möglichkeiten der buddhistischen Diamantweg-Praxis geht es immer darum, die grundlegende Natur des Geistes zu erkennen. Ist diese erkannt, sind alle Buddhas und alle Qualitäten der Erleuchtung verwirklicht. Und dementsprechend ist es auch so, dass die in unseren Zentren verwendeten Meditationen, insbesondere jene auf den 16. Karmapa, alle Qualitäten des erleuchteten Geistes wachrufen – also auch jene, die in den Glückssymbolen bzw. der Wunscherfüllenden Befreierin zum Ausdruck kommen.

4 Ich bespreche die Glückssymbole im Folgenden paarweise, wie sie die Wunscherfüllende Befreierin als Attribute in ihren jeweils entsprechenden linken und rechten Händen hält.


Wolfgang Poier
buddhistischer Reiselehrer, lebt seit 1986 im Buddhistischen Zentrum Graz; arbeitet als Lehrer am Gymnasium und als Lehrbeauftragter an der Universität.