Aus: Buddhismus Heute Nr. 49, (Winter 2011)

Was geschah in Kalimpong?

Von Prof. Harris J. Pemberton

Dr. Pemberton ist der Autor von "The Buddha meets Socrates", dem Reisebericht eines amerikanischen Professors, der in die indischen Ausläufer des Himalayas reiste, um dort Privatlehrer eines der höchsten Lamas des tibetischen Buddhismus, des jungen 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje, zu werden. Westliche und östliche Denkweisen werden geschärft, wenn man sie im Kontrast zueinander betrachtet, und die eigentliche Begegnung eröffnet eine vielversprechende neue Perspektive.
"The Buddha meets Socrates" wurde bei Xlibris Books veröffentlicht.

Es ist schon merkwürdig: Wie reich und fesselnd ein Abenteuer auch gewesen sein mag, manchmal müssen wir uns doch gedulden, bis sich Erinnerungen, Vernunft, andere Berichte und vielleicht verborgene Zwecke zu einem Bild formen, von dem wir meinen, dass es uns zeigt, was wirklich geschah. Und selbst dann wird sich unser Verständnis möglicherweise weiter entwickeln. Ich möchte hier eine neue Erkenntnis vorstellen, die über meine früher veröffentlichten Reflektionen hinausgeht. Zunächst aber ein wenig über den Beginn meines pädagogischen Abenteuers in Indien.
Kalimpong ist eine Schul- und Universitätsstadt im indischen West-Bengalen. Sie liegt hoch auf einem Bergrücken in den Vorbergen des Himalayas. Unter den Schulen dort gibt es auch das Institute for Advanced Buddhist Studies. Auf Einladung von Shamar Rinpoche ging ich dorthin, um den Mönchen – insbesondere dem 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje, dem geistigen Oberhaupt der Karma Kagyü Schule des tibetischen Buddhismus‘ – westliche Philosophie zu lehren. Zu dieser Zeit war er 21 Jahre alt. Nach Karmapa ist Shamar Rinpoche der zweite in der Hierarchie dieser Schule, und er ist neben der Leitung von ungefähr 6001 buddhistischen Zentren weltweit auch für die Ausbildung Karmapas verantwortlich. Da Karmapa zunehmend mit Menschen im Westen zu tun hat, die an Buddhismus interessiert sind, wünschte Shamar Rinpoche, dass er und einige der anderen Mönche mit westlicher Philosophie vertraut werden. Er bat mich, dort zu lehren und auch meine Geschichte dieser Begegnung zu veröffentlichen. Ich war gerade, nachdem ich 46 Jahre lang an der Washington and Lee University Philosophie unterrichtet hatte, in den Ruhestand getreten und so war dieses Projekt sehr attraktiv für mich. Was ereignete sich also während meines Einsatzes?
Es war nicht beabsichtigt, die Mönche von ihren buddhistischen Studien abzulenken oder sie zu konvertieren. Ich hoffte eher, dass sie den Buddhismus umso klarer sehen würden, wenn sie ihn im Kontrast zur westlichen Denkweise erfahren würden. So wie die Farbe Rot lebendiger wirkt, wenn wir sie neben Gelb sehen, so hoffte ich, dass die Mönche durch den Kontrast zum westlichen Denken eine Verbesserung ihres buddhistischen Denkens erfahren könnten. Natürlich wirkte es dann auch anders herum: Ich kam dahin, noch klarer zu sehen, was ich schon wusste: Westliche Philosophie zielt auf theoretisches Verständnis und kommt durch Fragen zur Entfaltung. Je scharfsinniger, verblüffender und herausfordernder die Fragen sind, umso besser.
Professoren beurteilen ihre Studenten typischerweise danach, wie gut ihre Antworten auf überraschende Fragen sind und haben höchste Achtung vor einem Schüler, der eine neue Frage hervorbringt, die so scharfsinnig ist, dass der Lehrer perplex ist und jenseits dessen gehen muss, was er für sich bisher als klar angesehen hat. Diese Funktion der Untersuchung habe ich nie in Frage gestellt, bis ich sie in so scharfem Kontrast zu buddhistischem Denken und buddhistischen Lehrstilen sah. Buddha selbst hatte seine Anhänger aufgefordert, seine Lehren zu prüfen, aber der Sinn und das Ziel dieses Prüfens unterscheiden sich grundlegend von den westlichen Methoden. Das zeigte sich unter anderem darin, dass die Mönche nur sehr zurückhaltend Fragen stellten. Ich denke, wir werden das besser verstehen, wenn wir den Unterschied deutlicher aufzeigen:
Sokratisches Fragen lädt uns ein, eine bis dahin noch nicht erlangte intellektuelle Klarheit, ein konzeptuell klareres und umfassenderes Verständnis, zu erreichen. Es bereitet uns zugleich darauf vor zu erkennen, dass, was auch immer wir entdecken werden, wiederum Anlass für weitere Fragen liefern würde. Philosophie und Wissenschaft sind fortlaufende intellektuelle Bemühungen, die durch scharfsinnige Fragen getragen und belebt werden.
Das ist im Buddhismus nicht der Fall. Wie sehr ich es auch versuchte, ich konnte die Mönche im Unterricht einfach nicht dazu bewegen, Fragen zu stellen. Und diejenigen, die dann außerhalb des Unterrichtes den Mut dazu hatten, hinterfragten einen Sachverhalt nicht weiter, wenn ich ihnen geantwortet hatte. Sobald der Lehrer gesprochen hat, war es vorbei. Ich musste klarer herausfinden, was die Mönche zurückhielt.
Nach dem allgemeinen Unterricht hatte ich täglich eine Sitzung mit Karmapa allein. Glücklicherweise hatte er scharfe und einsichtsvolle Fragen von einer Art, die unsere feste tägliche Forschungsstunde wirklich ergiebig machte. Zuerst fragte er aber: "Darf ich eine Frage stellen?"
Einmal fragte er, was Sokrates denn damit meine, dass Philosophen "zu sterben praktizieren", und wir hatten eine bemerkenswert ergiebige Diskussion. Sokrates und Buddha erkannten beide, dass Philosophie uns von einem verkörperten und in weltliche Dinge verstrickten Individuum zu letztendlicher zeitloser Wahrheit führen kann. Bei solchen Gelegenheiten war üblicherweise jedoch ich derjenige, der die Fragen stellte. Ich hatte meinen Teil im Unterricht gesagt und war froh, die Rollen umdrehen und diesem außergewöhnlich klugen jungen Buddhisten Fragen stellen zu können. In seinen Antworten deutete er regelmäßig darauf hin, dass er noch immer ein Schüler sei. Ich sah jedoch bei all seiner Bescheidenheit einen jungen Mann von bemerkenswerter Einsicht und Scharfsinnigkeit.
Die letztendliche Wahrheit, nach der Sokrates und Buddha strebten, ist völlig verschieden voneinander und jede führte zu einem anderen Lehrstil. Schauen wir uns zuerst die westliche Weise an.
Wie immer im Einführungsunterricht, so begann ich auch hier mit Platos "Meno". Plato legt diesen Dialog in die schwierige Zeit, nachdem Athen von Sparta besiegt worden war, am Ende des langen Peloponnesischen Krieges. Er zeigt uns Meno, ein reicher Sklavenbesitzer aus der Provinz, der prahlerisch vor Sokrates tritt und in ungeschliffener Manier fragt: "Kann Qualität2 gelehrt werden?"
Sokrates sagt, dass er das nicht beantworten könne, denn er wisse nicht, was Qualität sei. Er fragt, ob Meno ihm das sagen könne. Sokrates zerschmettert daraufhin mit Leichtigkeit die schwachen Antworten und führt ihn in die Ratlosigkeit, in die vielversprechende Lage, in der man erkennt, dass man nicht weiß, aber gerne wissen würde. Statt jedoch mit ehrlichem Nachfragen und Nachdenken weiterzumachen, wechselt Meno das Thema. Plato hofft, dass – indem er so Menos Fehler zeigt – Leser seines Dialoges genau erkennen, was Meno entging.
Könnte ich mit den Mönchen erfolgreicher sein, als es Sokrates mit Meno war? Im Zentrum von Sokrates Bemühung liegt ein einfaches mathematisches Rätsel und ich versuchte bei den Mönchen eine ähnliche Taktik. Ich stellte aber fest, dass ihre mathematische Ausbildung nicht über die der dritten Klasse hinausging, also ein bisschen Arithmetik, aber keinerlei Geometrie und keine Idee von schlussfolgerndem Beweis. Karmapa war eine Ausnahme und er erkannt sofort, worum es bei den mathematischen Beispielen ging. Seine Ausbildung in jungen Jahren ging weit über die der anderen Mönche hinaus. Zu der Zeit dachte ich, dass ich – wenn ich es noch einmal tun würde – sie nach besten Kräften, Schritt für Schritt, durch den Beweis des Satzes des Pythagoras nach Euklid zu führen versuchen würde. Vielleicht wäre ich geschickt genug, einem Mönch ein "Aha!" zu entlocken, wenn ihm plötzlich ein Licht aufginge und alles klar wäre. Unter den gegebenen Umständen musste ich akzeptieren, dass ich mit Sokrates und Plato nicht weit gekommen war. Vielleicht würde es helfen, das größere platonische Bild anzuschauen.
An genau dem Tag, an dem ich hoffte, das Typische der westlichen Philosophie durch eine Erklärung zu Platos Liniengleichnis in "Der Staat" klarzumachen, landete ich einen Glückstreffer. Beim Frühstück wurde Shamar Rinpoche von einem Freund nach der Bedeutung zweier tibetischer Wörter für "Weisheit" gefragt: Sherab und Yeshe. Mir waren diese Wörter bis dahin beim Lesen noch nicht begegnet und auch später nicht. Aber ihr Nutzen leuchtete mir ein, denn Shamar Rinpoche erklärte: Sherab bedeutet, dass man in Bezug auf dieses oder jenes weise ist. Obwohl so jemand ein großartiges Wissen haben kann und sehr beeindruckend sein mag, ist er letztendlich oberflächlich. Man kann aber von Sherab weitergehen zu Yeshe, der letztendlichen Weisheit der Erleuchtung, und dann zeigt sich die Oberflächlichkeit von Sherab.
Karmapa verwendete später in unserer Sitzung das Beispiel einer Person, die durch ein Mikroskop schaut. Sie könnte über einen kleinen Bereich sehr viel lernen und in dieser Weise Sherab erlangen. Aber diese Klarheit über Dinge und Vorstellungen dieser Welt würde nicht an Yeshe, der letztendlichen Wahrheit, heranreichen. Es wäre verführerisch aber falsch, wenn man denken würde, Sherab wäre die Klarheit einer engen Perspektive, wie bei dem Experten mit dem Mikroskop und Yeshe wäre die weite Perspektive. Nein, Yeshe hat überhaupt keinerlei Perspektive; es gibt keinerlei Subjekt mit einem Standpunkt und keinerlei Objekt mit welcher Weite auch immer. Es ist kurz gesagt: Offenheit ohne einen Standpunkt. Ich hoffte, dass der Fortschritt von Sherab zu Yeshe als analog zum Fortschritt von "Theorien" (zuerst Annahmen und dann aus ihnen folgernde Schlüsse) auf der dritten Stufe des Wissens in Platos Liniengleichnis hin zu dem, was er "dialektisch" nennt, auf der vierten und höchsten Ebene, gesehen werden könnte. Erinnern wir uns an die Beweise, die wir entwickelt haben oder denen wir in der euklidischen Geometrie und den beeindruckenden sorgfältig ausgearbeiteten Theorien der Wissenschaft gefolgt sind: Die verschiedenen Wege der Philosophie und die der Wissenschaft in ihrer strikteren Art können viel über diese Welt erklären und Sherab erreichen. Aber wir haben vielleicht auch gesehen, dass die Wissenschaftler selbst sehr aufgeregt und motiviert werden, wenn eine gut eingeführte Theorie in Frage gestellt wird und Bedarf für eine Weiterentwicklung zu einer passenderen und umfassenderen Theorie besteht. Hier liegen die Herausforderung und die Spannung in der langen und vielfältigen Geschichte des westlichen Denkens. Diese Aufwärtsentwicklung hin zu letztendlicher Klarheit nennt Plato Dialektik und setzt sie auf die vierte Ebene seiner "Geteilten Linie" – fortschreitende intellektuelle Nachforschung.
Es fällt schwer, der Vorstellung von einer großen, auf eine Spitze hinauslaufende Pyramide des Wissens zu widerstehen, bei der ein erstes Prinzip sich zu einer Theorie von allem – wovon man heute in der Wissenschaft spricht – erweitert. Aber eine solche Vorstellung und ein solches Unternehmen werden in der heutigen Philosophie meistens als altmodisch angesehen. Ernüchternde Analysen, auflösender Dekonstruktivismus, Denken jenseits von Philosophieren und andere heutige Weisen sind bescheidener und haben kein Interesse daran, sich am Bau von Pyramiden zu beteiligen. Scharfsinniges Fragen macht jedoch noch immer das Leben der westlichen Philosophie aus.
Als ich die Wörter Sherab und Yeshe an die Tafel schrieb, munterte das die Mönche auf, denn jetzt waren sie auf vertrautem Boden. Ich war zuversichtlich, dass sie nun zumindest die Analogie zu Platos Bewegung von Theorien hin zu offener Nachforschung, Dialektik, erkennen würden. Zugleich hoffte ich, dass auch klar würde, dass man diesen Schritt durch aufmerksames, kritisches Fragen macht. Für ihren Teil könnten die Buddhisten einfach sagen, dass man durch lange und disziplinierte Meditation von Sherab zu Yeshe aufsteigt, aber was das bedeutet, kann nicht leicht vermittelt werden. Ich hielt es für verständlich, dass die Mönche weiter schwiegen, hätte sie aber gerne ein paar scharfsinnige Fragen stellen gehört. Bisher konnte ich keinen pädagogischen Erfolg verbuchen. Werfen wir also nun einen Blick auf den buddhistischen Lehrstil, um den Kontrast zu vervollständigen:
Westliche Philosophen und andere Menschen mit philosophischem Interesse haben sich oft ungeduldig über den buddhistischen Lehrstil gezeigt, da er typischerweise aus Listen besteht – vier hiervon, elf davon, acht von etwas anderem etc. Im Gegensatz dazu sehen wir gerne den logischen Zusammenhang zwischen den aufgelisteten Themen und eine Theorie oder philosophische Sicht dazu, wie sie zusammenkommen. Aber nein, im Buddhismus geht der Lehrer durch einen Text und kommentiert die verschiedenen Themen in nummerierter Reihenfolge. Der Schüler sitzt ruhig da, nimmt die Worte des Lehrers auf und versucht, sie sich zu merken. Am Ende lädt der Lehrer vielleicht zu Fragen ein und beantwortet sie, falls der Schüler etwas fragt – und das war's. Vielleicht ist es aber hilfreich, einen Blick auf eine noch kuriosere buddhistische Praxis zu werfen, um zu sehen, dass es durchaus angemessen ist, in einem Unterricht nummerierte Themen durchzugehen.
Themen durchzunummerieren und aufzulisten, statt wie wir es vorziehen, ihre logischen Zusammenhänge aufzuzeigen, könnte nahelegen, dass es buddhistischen Philosophen an Logik mangelt. Aber keineswegs! Ihre Handbücher über Logik würden selbst Aristoteles beeindrucken und ihre Gewandtheit beim Debattieren und in der Auseinandersetzung über die Lehre würde sowohl einen mittelalterlichen Lehrer als auch einen modernen Logiker beeindrucken, denn sie sind in der Lage, jede Inkonsistenz oder jeden unbegründeten Gedankenzug sofort zu entdecken – üblicherweise begleitet durch eine Handgeste des Gewinners. Aber zu welchem Zweck? Hier kommt das Wichtige und für den westlichen Geist Kurioseste und ich hoffe, es richtig verstanden zu haben: Die Absicht ist nicht, eine logisch kohärente Position zu Ende zu entwickeln – eine Erklärung oder eine Theorie, die verteidigt werden könnte. Es geht eher darum, mit klugen, logischen Zügen aufzuzeigen, wie all dieses Theoretisieren sich am Ende selbst auflöst.
Wie es das ja auch sollte – wenn das Ziel die letztendliche Wahrheit ist. Verwicklung in Debatten und Theoretisieren, so fesselnd und stimulierend und brillant es auch sein mag, hält uns fest in Sherab und ist deswegen eine Ablenkung vom Ziel der letztendlichen Weisheit. Der Sinn der Logik ist, diese Ablenkung und die Logik selbst zu entfernen. Wir hingegen denken im scharfen Gegensatz dazu, dass Logik das intellektuelle Gerüst für alles Sinnvolle ist und dass ohne sie keine Behauptung oder Erklärung Bestand haben könnte.
Ein Buddhist würde jedoch jede logische Konstruktion als einen Stolperstein auf dem Weg zur letztendlichen Weisheit, Yeshe, ansehen. Logik dient nicht dem Bauen, sondern dazu, den Weg freizumachen. Jetzt können wir vielleicht erkennen, warum buddhistische Philosophen sich nicht auf Logik verlassen, um die von ihnen präsentierten Erklärungen oder Theorien verfechtbar und solide zu machen. Aber warum präsentieren sie dann typischerweise so viele Listen von Typen und Themen?
Ein echter buddhistischer Lehrer ist ein Bodhisattva, jemand der sich dem Erreichen der Erleuchtung widmet, aber von seiner eigenen Befreiung in Nirvana einen Schritt zurück geht in Samsara, dem Kreis der Wiedergeburt. Er tut das, um anderen, die immer noch von weltlichen Belangen und Leiden befleckt sind, zur Freiheit zu verhelfen. Ihm sind die zehn Stufen zur vollen Buddhaschaft vertraut und er kann sie auflisten. In ähnlicher Weise kann eine Person mit Reiseerfahrung einem Freund vom Lande, der auf dem Weg in die große Stadt ist, all die Städte auflisten, die er auf dem Weg sehen wird. Aber es wäre lächerlich, wenn der Freund vom Land dann den Wissenden bitten würde, ihm die logischen Zusammenhänge zwischen den aufgelisteten Städten zu erklären. "Nein, geh einfach und du wirst schon sehen!"
In ähnlicher Weise wäre es albern, den Lehrer zu bitten, er solle in einer logisch kohärenten Theorie oder Erklärung darlegen, wie die Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung miteinander zusammenhängen. Schlimmer noch: Es wäre eine Ablenkung von der Wahrheit. Der Lehrer kann über die ihm bekannten Stufen berichten, denn er war da. Er kann auch vorhersagen, dass jemand Anderes auf diesem Weg die gleichen Stufen durchlaufen werde. Der Lehrer theoretisiert nicht, er listet die Stufen, die die Meditation enthüllen wird, auf. Er appelliert an das Gedächtnis und an nachhaltige Meditationspraxis.
Manchmal regen mich meine störrischen Kollegen in der Psychologie und Philosophie mit ihrer kaum verhüllten Geringschätzung für alles östliche an, sie an eine Geschichte über Galileo zu erinnern. Als er darüber berichtete, dass er durch sein neues Teleskop neun Monde um Jupiter gesehen hatte, wiesen die gelehrten Professoren an der Universität die Behauptung einfach von der Hand. Als Galileo sie einlud, zu kommen und selbst zu schauen, kamen sie nicht, denn sie wussten im Vorhinein, dass es nichts zu sehen gäbe. Als ich meinen störrischen Kollegen vorschlug, Meditation auszuprobieren, waren sie nicht interessiert, denn sie wussten schon vorher, dass es nichts zu sehen gäbe. Vielleicht hatten sie Recht, ohne es zu wissen, denn es gibt tatsächlich nichts zu sehen.
Der Leser kann sich vielleicht vorstellen, was in meinen "Einmaleins der Philosophie" in Indien geschah, als wir fortschritten zu Descartes (sie hatten mit dem cogito ebenso viel Spass, wie Studenten im Westen), Hume (sie erkannten leicht die Ähnlichkeiten), Kant (Karmapa war sehr anerkennend, denn er hatte sich gefragt, wie Wissenschaft möglich ist, wenn alles, was uns geschieht, Illusion sei), ein bisschen Hegel und einige neuere Philosophen. Ich hoffte vermitteln zu können, dass westliche Philosophie von fortschreitender Natur sei und dass Wissenschaft von sorgfältig fokussiertem Fragen belebt und gestützt werde. Konstant sind die andauernde Kritik und Innovation. Alfred North Whitehead sagte einmal, dass westliche Philosophie eine Reihe von Fußnoten zu Plato sei, aber soweit das auch stimmen mag, bedeutet es, dass grundlegende Annahmen anzuzweifeln das Leben der Philosophie und Wissenschaft ausmacht. In diesem Sinne mag Whitehead Recht haben, zumindest wenn es Platonismus ist, der in Frage gestellt wird. Früh in meiner Zeit mit den Mönchen hatte ich angemerkt, dass buddhistisches Denken bestimmt eine analoge Geschichte habe, aber das rief unmittelbaren und starken Widerspruch hervor.
Nein, Buddhismus sei mit den Lehren Buddhas vollständig, und was wie Innovation wirken könne, seien Aspekte der Lehre, die noch nicht hervorgebracht wurden. Buddhistische Philosophen verdeutlichen im Laufe der Jahre einige Aspekte dessen, was schon da ist. Sicherlich gibt es zwischen den verschiedenen Schulen Kontroversen, aber es gibt kein In-Frage-Stellen der grundlegenden Annahmen im westlichen Stil. Im Buddhismus gibt es keine solchen. Es gibt eine letztendliche Wahrheit jenseits von Subjekt und Objekt, seien es Dinge oder Vorstellungen und jenseits von Fragen, die uns in konzeptuelle Erklärungen verstricken würden. Mit seinem verfeinerten Lehrstil gedeiht Buddhismus noch immer, wie er das über die Jahrhunderte tat. Und der Kontrast zwischen Ost und West geht weiter. Ich widerstehe dem nahe liegenden Zitat.3
Als unsere gemeinsame Zeit sich dem Ende näherte, fragte ich Karmapa, ob er irgendwelche Fragen habe, die er gerne erörtern würde. Er lächelte höflich und verneinte. Es gab mir einen kleinen Ruck, aber ein Moment des Nachdenkens zeigte, dass er die korrekte Antwort gegeben hatte, denn philosophisches Befragen ist nicht der buddhistische Weg und kann eine Ablenkung sein. War es also möglich, dass der Schüler zwar die richtige Antwort gegeben, der Lehrer jedoch versagt hatte? Vielleicht nicht, denn es war nicht meine Absicht gewesen, die Mönche zum westlichen Denken mit seiner ständigen Fragebereitschaft umzulenken, sondern den Kontrast zu zeigen, der sowohl östliches als auch westliches Denken schärfen kann. Ich kann bestätigen, dass es meinen eigenen Blick auf westliche Philosophie geschärft hat. Aber schärfte es auch den Blick der Buddhisten auf ihre eigenen Denkweisen? Fragen und Neugier beschäftigen mich noch immer, lange Zeit nach meinem Aufenthalt in Kalimpong. So erfuhr ich zum Beispiel zu meinem Erstaunen, dass die Mönche mich für einen Heiligen hielten! Ein andermal hörte ich, dass ich 100 Jahre alt sein solle. Das zweite ist amüsant, weit daneben gezielt, aber das erstere ist schlichtweg absurd. Was geschah also in Kalimpong? Das ist noch immer eine gute Frage.

1 Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile sind es ca . 900

2 Anmerkung des Übersetzers: Der griechische Begriff areté – hier übersetzt mit "Qualität" – wird oft mit Tugend übersetzt, und auch Pemberton verwendet das englische Wort "virtue". Bei areté geht es um Tauglichkeit, Vorzüglichkeit im Sinne einer Qualität einer Sache. Areté ist das, womit sie sich auszeichnet, ihre Funktion zu erfüllen, zum Beispiel die Schärfe eines Messers. Das Areté des Menschen ist die Vollendung seines wahren Wesens. In "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten " benutzt Robert M. Pirsig den Begriff "Qualität", den auch wir hier verwenden möchten.

3 Pemberton spielt an auf das berühmte Zitat von Joseph Rudyard Kipling (1865 - 1936): "Ost ist Ost, und West ist West, und niemals treffen sich die beiden."


Übersetzung aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll.
Dank für die Mithilfe an Professor Kenn Maly, Toronto
Mit freundlicher Genehmigung von Professor Pemberton und der amerikanischen "Buddhism Today".


Harrison J. Pemberton lehrte ein halbes Jahrhundert lang Philosophie , nachdem er an der Yale University seinen Ph.D. machte. Obwohl sein Hauptaugenmerk auf westlichem Denken liegt, insbesondere Plato, bewahrte er sich, seit er nach dem 2. Weltkrieg mit den US-Besatzungstruppen in Japan war, ebenso sein Interesse an östlichem Denken. Er lehrte in Yale, der University of Virginia und der Washington and Lee University , wo er Professor der Philosophie im Ruhestand ist. Er war auch Gastprofess or an der University of Texas, der California State University, der Chinese University of Hong Kong , und neulich am Karma Shri Diwakar Institute of Buddhist Studies in Kalimpong, Indien.