Aus: Buddhismus Heute Nr. 49, (Winter 2011)

"Das Beste ist, ein gutes Beispiel zu sein"

Ein Interview mit Hannah Nydahl

Der längste Tag des Jahres 2003 war für Hannah Nydahl bereits ein sehr geschäftiger Tag gewesen: Sie hatte über den Guru-Yoga des 8. Karmapa gelehrt, viele persönliche Fragen von Schülern beantwortet, mit Lama Ole zusammen eine schöne buddhistische Hochzeit für vier Paare zelebriert und einen regelrechten Kampf um die schwer zu bekommenden billigen Flüge für ihre nächsten Reiseziele geführt. Neben all dem fand sie dann auch noch Zeit, uns liebevoll all unsere Fragen zu beantworten.

Die Diamantweg-Organisation wächst überall auf der Welt und Lama Ole und du übernehmen mehr und mehr Verantwortung für den Buddhismus im Westen. Wie ist die allgemeine Situation zurzeit im Jahre 2003?
An erster Stelle möchte ich sagen, dass Lopön Tsechu Rinpoche gestorben ist. Er war der erste Lama, den Ole und ich getroffen haben: durch ihn begegneten wir dem 16. Gyalwa Karmapa und durch Karmapa kam alles in Gang. Wenn man an den Tod denkt, kommt einem vielleicht als erstes in den Sinn, dass damit etwas endet. Aber Lopön Tsechu Rinpoches Tod bedeutet glücklicherweise nicht, dass seine Aktivität aufhören wird. Ich würde sogar sagen, dass die Art und Weise seines Sterbens sehr symbolhaft war, denn er führte seine Arbeit bis zum letzten Moment hin fort. Er hatte nicht einmal seine Programme geändert.
Obwohl wir ihn natürlich vermissen, fühlen wir aber auch, dass es in seinem Sinne ist, wenn wir diese Aktivität fortführen. Das ist, was wir tun und tun wollen.

Das Dharma wächst überall und ich sehe, dass die Arbeit in den Zentren sich nicht nur ausweitet, sondern auch immer mehr in die Tiefe geht. Wir haben ein gutes Gleichgewicht von "alten" und "neuen" Schülern. Es wäre kein gutes Zeichen, wenn all die "alten" Praktizierenden ein Zentrum verließen und es nur noch "neue" gäbe. Ebenso ungünstig wäre es, wenn es keine "neuen" sondern nur noch "alte" gäbe. Aber wir haben eben eine gute Balance. Einige konzentrieren sich mehr auf die Praxis und andere mehr darauf, ihr Wissen zu erweitern; sie unterstützen sich gegenseitig. Der Buddhismus ist in unserer Gesellschaft kein merkwürdiges und exotisches Phänomen mehr, sondern wird als Wissenschaft des Geistes behandelt, die er ja ist.

Produzieren wir Buddhismus oder konsumieren wir ihn?
Buddhismus kann man nicht "produzieren", die Frage ist eher: Praktizieren wir Buddhismus für uns selbst oder auch für andere?
Ich denke, dass das sehr individuell ist. Als Buddhist hat man den Wunsch - oder versucht ihn zu haben - sich selbst zu verbessern.
Dann geht man hoffentlich weiter und wünscht sich zu verbessern, um nützlicher für andere sein zu können. Manche sind vielleicht in einer schwierigen Situation und kommen zum Buddhismus, weil sie erst mal Hilfe für ihre eigenen Probleme suchen. Man kann sagen, dass sie sich dann eher wie Konsumenten verhalten. Andere sind von Anfang an darauf ausgerichtet, für andere nützlich sein zu können. Für sie ist es natürlich, andere in ihre Wünsche einzuschließen und bei Dharma-Aktivitäten mitzuhelfen.

Viele sind besorgt über die Bürgerkriege an den Rändern Europas und die in unseren Städten entstehenden Ghettos. Ist es zu verantworten, Kinder in diese schwierigen Situationen zu bringen oder hätte man vielleicht mehr Nutzen davon zu praktizieren? Kannst du etwas sagen über das Gleichgewicht zwischen dem Gründen einer traditionellen Familie und dem Praktizieren von Buddhismus?
Samsara ist immer Samsara und das ist schon seit anfangsloser Zeit so. Es gibt keine perfekte Welt, es werden immer verschiedene Sachen gleichzeitig geschehen. Das ist einfach die Natur von Samsara. Es mag mehr oder weniger offensichtlich sein, je nach eigenem Karma, aber global gesehen ist es immer ein Durcheinander. Samsara ist immer Chaos, aber zugleich hat man in Samsara auch angenehme Zustände. Selbst in dieser Welt findet man alles. Es gibt Menschen, die wie Götter leben und andere, die in Höllenzuständen leben.

Jeder verantwortungsvolle Mensch sollte sein Möglichstes tun, um sich in diesem Leben so weit zu entwickeln, wie möglich und sich dadurch der eigenen Situation bewusst zu werden. Die Entscheidung eine Familie zu gründen, ist etwas sehr Privates und Persönliches. Wir sind hier in Europa eigentlich in einer ungewöhnlichen Situation, weil es seit so langer Zeit keinen Krieg gab. Ich wüsste nicht, wann es das in der Geschichte sonst gegeben hat. Unsere Eltern haben zwei Weltkriege erlebt und trotzdem wurden wir geboren und ich bin froh darüber.

Hättest du Vorschläge, wie diejenigen mit Familie ihren Kindern und Teenagern den Buddhismus nahe bringen könnten?
Ich denke, dass eigentlich nur zählt, dass man ein gutes Beispiel ist. Das ist das Einzige, was funktioniert. Versucht euren Kindern ein paar gute Eindrücke zu geben und schaut dann, wie ihr Karma ist. Man kann seine Kinder nicht zwingen, Buddhisten oder Christen oder was auch immer zu sein. Das Beste ist, ein gutes Beispiel zu sein und dem Kind Eindrücke von Buddhas und Mantras zu geben. Man weiß nie, was später im Leben geschehen wird. Man kann zwar Wünsche machen, aber man kann keine Entscheidungen darüber treffen.
Wenn man sich anschaut, was im Laufe der Jahre in westlichen "Dharma-Familien" geschehen ist, so sieht man, dass ein großer Prozentsatz der Kinder, die in Familien von Praktizierenden geboren wurden, den Dharma-Weg gewählt haben, als sie groß wurden. Das ist ein gutes Zeichen. Sie wurden zu gar nichts gezwungen, sondern mögen das Dharma aus sich heraus und wollen tatsächlich praktizieren.

Hat dir das traditionelle Familienleben mit Kindern jemals gefehlt?

Nein, ich habe nicht das Gefühl etwas verpasst zu haben. Ole und ich haben eine bewusste Entscheidung getroffen, die ich persönlich nie bereut habe und es war auch nicht schwierig für mich. Zu der Zeit, als wir mit dem Dharma anfingen, mussten wir uns für oder gegen Familienleben mit Kindern entscheiden. Es gab damals keine anderen Möglichkeiten - man konnte das Dharma nicht wirklich mit einem "normalen" Leben verbinden. Heute ist das etwas völlig Anderes und die Menschen müssen nicht mehr solche Entscheidungen treffen. Sie können mitten in unseren westlichen Gesellschaften ein buddhistisches Leben führen.

Warum stehst du Ole zur Seite?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns nicht zum ersten Mal zur Seite stehen. (Hannah lacht). Alles deutete in diese Richtung. Als wir beschlossen, zusammen zu sein, trafen wir das Dharma und reagierten genau gleich auf die Lehrer, die wir trafen. Unsere Wünsche und Ziele im Leben waren die gleichen. So etwas geschieht nicht, wenn man nicht schon früher zusammen praktiziert und diese Versprechen gemacht hat.

Ihr seid beide qualifizierte Lamas - ist Ole eher Lehrer oder Ehemann für dich?
Wir sind dem Buddhismus gemeinsam begegnet, haben zusammen praktiziert, hatten die gleiche Ausbildung und die gleichen Lehrer. Die Frage "Ehemann oder Lehrer" stellt sich so nicht, denn in gewisser Weise sind wir gegenseitig Lehrer für einander. Ole ist nicht mein buddhistischer Lehrer, wie er das für Leute ist, die durch ihn den Buddhismus getroffen und bei ihm Zuflucht genommen haben. Wir sind beide Schüler von Karmapa. Auf einer anderen Ebene sind wir natürlich ein Paar - als Ehemann und Ehefrau - und unterstützen uns auf dem Weg. Das ist eine andere Weise, sich gegenseitig Lehrer zu sein. Es ist eine große Hilfe, wenn man denselben Weg geht. Wenn man etwas so Wichtiges im Leben miteinander teilt, wird alles viel einfacher.

Warum bist du Buddhistin?
Buddhas Lehren machen für mich Sinn. Dort habe ich die Antworten auf meine Fragen gefunden und es war der einzige Platz, wo ich sie finden konnte. Ich hatte das wirklich große Glück, einen sehr außergewöhnlichen und überzeugenden buddhistischen Lehrer zu treffen, nämlich den 16. Gyalwa Karmapa. Zusammen mit Ole habe ich am Vollmond-Tag im September 1970 bei ihm die buddhistische Zuflucht genommen. Als ich anfing, Buddhismus zu praktizieren, wurde mein Vertrauen in die Lehren nur bekräftigt, so dass ich niemals irgendwelche Zweifel daran hatte, dass dies das Richtige ist.

Gab es besondere Momente, die dich berührt haben, als die Organisation zu wachsen begann?
Darüber muss ich nachdenken ... Es gibt die ganze Zeit über so viele berührende Momente. (Hannah lacht) Was ich immer sehr berührend und beeindruckend finde, ist zu sehen, wie die Menschen das Dharma verwenden und Nutzen davon haben, ganz gleich, was ihr kultureller Hintergrund ist und was für eine Art von Leben sie führen. Das ist wirklich zutiefst bewegend und befriedigend. Es ist erstaunlich: Man kann, wenn man sich weltweit umschaut, so viele völlig verschiedene Hintergründe sehen und trotzdem können wir uns alle im Dharma begegnen. Ich finde es auch sehr erstaunlich und wundervoll, dass man durch das Dharma so tiefe und nahe Verbindungen mit Menschen überall auf der Welt bekommt.

Hast du als weiblicher Lama - als Lamini - besondere Weisen, den Menschen zu Glück und Bewusstheit zu helfen?
Im Buddhismus sind die individuellen Qualitäten einer Person wichtiger, als welchen Geschlechts sie ist. Auf normaler weltlicher Ebene gibt es bei Männern und Frauen natürlich typische Tendenzen. Aber wenn es um die Praxis geht, verschwinden diese Unterschiede oder sind nicht mehr wichtig. Im Dharma hat man einen gemeinsamen Faktor: zum Beispiel gemeinsame Methoden, um mit allen Arten von Störgefühlen umzugehen. Der gemeinsame Faktor für alle ist, ihre Natur zu verstehen. Zu dieser Essenz von allem versuchen wir mit unserer Praxis hinzukommen. Das gilt für alle Praktizierenden, ob sie Männer oder Frauen sind.

Was ist deine besondere Aktivität?
Ich mache viel Übersetzungsarbeit, viel Kommunikation und Organisation. Wenn man über männlich und weiblich spricht, so kann man wohl sagen, dass meine Rolle ziemlich typisch weiblich ist in dem Sinne, dass ich eher im Hintergrund bleibe.

Du bist sehr oft in Indien. Was für eine Arbeit machst du da?

Ich bin gar nicht so oft in Indien unterwegs, wie die Leute denken! (Hannah lacht) Ole und ich haben seit unserer ersten Begegnung mit dem Buddhismus 1968 in Nepal viele Jahre im Himalaya verbracht, unsere ersten Jahren des Lernens und Praktizierens und den vielen Pilgerreisen mit großen Gruppen inbegriffen. Ich selbst war dann sehr im KIBI (Karmapa International Buddhist Institute) in New Delhi aktiv, wo ich sowohl mündlich als auch schriftlich viel für die Studienprogramme übersetzte. Ungefähr zehn Jahre lang habe ich jedes Jahr zwei Monate dort verbracht. Davor habe ich für viele Kagyü-Rinpoches übersetzt und für sie gearbeitet, aber nicht nur speziell in Indien. Am Anfang waren wir ganz alleine mit ihnen und ich machte die ganze Arbeit. Aber jetzt gibt es natürlich Leute, die viele der Aufgaben, die ich damals erledigte, übernehmen.

Hat der Buddhismus andere Vorstellungen zu Sexualität und zur Rolle von Mann und Frau als andere Religionen?
Ja, das denke ich schon, obwohl ich nicht so viel über andere Religionen weiß. Ich war immer ein Ketzer (Hannah lacht). Ich bin in einer akademischen, humanistischen und nicht-religiösen Umgebung aufgewachsen und zudem auch in Skandinavien, wo Sexualität einfach ein normaler Teil des Lebens ist und als nicht so problematisch oder gar "sündig" angesehen wird.
In Buddhas Lehren findet man diese ganze Vorstellung von "Erbsünde" oder Sexualität als etwas "Sündiges" nicht. Abgesehen von Regeln zum Einhalten des Zölibat-Versprechens für die, die das abgelegt haben, hat Buddha vor allem die Wichtigkeit betont, niemandem weh zu tun, wenn man sexuell aktiv ist. Er hat Frauen auch nicht als niedere Wesen eingestuft, wie wir das in einigen anderen Religionen sehen.

Hältst du es für wichtig, dass Frauen völlig gleichberechtigt sind?
Ja natürlich. In erster Linie ist es aber eine individuelle Angelegenheit, welche Art von Beziehung die Menschen leben. Wenn ein Paar sich auf bestimmte Bedingungen geeinigt hat, sollten sie gegenseitig respektiert werden, um sich nicht zu verletzen.

Werden Frauen im Buddhismus gleichbehandelt und respektiert?
Das kommt auf die Kultur an, in der sie leben. In Gesellschaften, in denen die Rolle der Frau sehr fixiert und niedriger als die des Mannes ist, haben die Frauen einen niederen Status, selbst wenn das Land buddhistisch ist. Das ist dann aber keine religiöse Angelegenheit. Es ist nicht so, wie in einigen anderen Religionen, in denen Frauen ein Geist oder eine Seele oder was auch immer abgesprochen wird oder sie als weniger wert als Männer angesehen werden. Wenn es Unterschiede in der Behandlung gibt, dann haben sie mit der Kultur und der Gesellschaft zu tun.

Wie kann Buddhismus Frauen stärken und sie zu befreien helfen, in Kulturen, in denen sie gleichberechtigter behandelt werden wollen?
In einer idealen Welt sollte jedes menschliche Wesen das Recht haben, so zu sein, wie es ist und sich zu entwickeln, wie es das wünscht, solange es keine anderen Wesen schädigt. Das ist ein Grundrecht, aber an vielen Stellen auf der Welt, selbst in unserer Gesellschaft in einem bestimmten Maße, gibt es viele Weisen, wie die Menschen sich gegenseitig einzuschränken versuchen. Das Gute ist, dass niemand einen an innerer Praxis, an Meditation, hindern kann. Meditation bringt das Ergebnis innerer Freiheit und indem man mit seinem Geist arbeitet, wird man weniger und weniger abhängig von äußeren Umständen und gewinnt so die Stärke geistiger Stabilität. Allein das erleichtert schon den Umgang mit unerwünschten Situationen, gleich welcher Art und hilft einem, sein Möglichstes zu tun, um die eigene Situation zu verbessern.

Haben Frauen und Männer die gleiche Möglichkeit buddhistische Lehrer zu werden?
In unserer Gesellschaft ist das im Prinzip möglich. In welchem Maße, das wird die Zeit zeigen. Wenn man als Frau kleine Kinder hat und zugleich buddhistische Lehrerin ist, dann muss man in seiner Rolle als Mutter die Verantwortung für seine Kinder übernehmen. Eine bestimmte Zeit lang wird man dann nicht in der Welt herumreisen können, denn das würde in dieser Situation nicht passen. Das ist einfach gesunder Menschenverstand. Wenn man diese Verpflichtung aber nicht hat und es sich leisten kann, dann ist man genauso frei wie ein Mann, das zu tun. Es hängt also von einem selbst und der eigenen Situation ab. Aus den Belehrungen selbst heraus gibt es keinerlei Einschränkungen.

Man hört viel über die "Befreierinnen" (tib. Dölma, skt. Taras), Dakinis und die weiblichen Schützer. Könntest du etwas darüber sagen, wie diese weiblichen Qualitäten im Raum miteinander zusammenhängen?

Die Taras sind Yidams, also Buddha-Aspekte, auf die wir meditieren. Diese verschiedenen Aspekte haben unterschiedliche Funktionen. Männliche und weibliche Yidams sind nicht gewöhnliche Männer oder Frauen, es sind Aspekte des Geistes mit verschiedenen Qualitäten, in unterschiedlichen Formen. Die weibliche Form symbolisiert die Weisheitsnatur des eigenen Geistes und die männliche Form symbolisiert die klare und mitfühlende Natur des Geistes. Der Geist hat diese beiden Aspekte und durch die Meditation auf die verschiedenen männlichen und weiblichen Buddhas wird man langsam fähig, sich mit der Natur seines Geistes zu identifizieren. Es geht hier also nicht um männlich und weiblich im physischen Sinne.
Die Taras stehen zugleich auch für die Aktivität der Bodhisattvas. Als Tara die Erleuchtung erlangte, versprach sie, den Wesen in weiblicher Form zu helfen. Ihre Aktivität ist sehr schnell und direkt. Wenn man mit diesem kraftvollen Bodhisattva eine Beziehung herstellt, bekommt man auf verschiedenen Ebenen Hilfe und Unterstützung. Die Dakinis und Schützer sind die Dharma-Aktivität.

Sind die Taras gute Vorbilder für Frauen?
Sicherlich! Jeder Bodhisattva inspiriert und verleiht sowohl Frauen als auch Männern Fähigkeiten.

Was bedeutet es, wenn jemand als Emanation eines bestimmten Buddhas gilt?
Tulkus sind normalerweise Emanationen eines bestimmten Buddha-Aspektes, wie etwa von "Liebevolle Augen" (tib. Chenresig, skt. Avalokiteshvara) oder "Buddha des Grenzenlosen Lichtes" (tib. Öpame, skt. Amitabha). Nehmen wir einmal an, du seist ein Yogi und würdest vor allem auf Liebevolle Augen meditieren. Wenn du dich in diesem Leben vollständig auf diese Praxis ausrichten, sie verwirklichen und durch sie Befreiung erlangen würdest, dann wärest du in deinem nächsten Leben eine Liebevolle-Augen-Emanation.


Hast du einen Rat für Frauen, die einen sehr geschäftigen Lebensstil führen? Wie können sie ihre Geistesgegenwart und Konzentration verbessern?
Frauen, die ein Familienleben mit Kindern und einem Job haben, sollten verstehen, dass dies auch Praxis sein kann. Entscheidend ist die richtige Motivation. Fangt euren Tag immer damit an, bewusst Wünsche für das Glück aller Wesen zu machen und wünscht, dass alles was ihr tut, Bedeutung haben möge und anderen nützt. Damit hat man eine Basis, so dass alles, was man während des Tages tut, Sinn hat. Das ist Teil des Bodhisattva-Weges. Darüber hinaus versucht man dann, sich mehr darüber bewusst zu sein, was im Geist vorgeht. Wenn es zu rau zugeht, ist es hilfreich, mehr Abstand zu gewinnen. Man kann Mantras verwenden und versuchen, nicht völlig hoch und runter zu gehen mit allem was geschieht.
Dann wäre das eine perfekte Praxis.

Das Interview wurde geführt in Rödby/Dänemark, am 21. Juni 2003, von Tanja Böhnke und Matt Huddleston

Aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll


Hannah Nydahl (1946 - 2007)
war eine der gefragtesten Übersetzerinnen aus dem Tibetischen ins Englische, Deutsche oder Dänische. Die Hälfte des Jahres übersetzte sie für Lamas am Karmapa International Buddhist Institute (KIBI) in New Delhi, Indien, wo sie sowohl an der Übersetzung zahlreicher buddhistischer Texte beteiligt war, als auch die Reisen hoher Lamas der Karma-Kagyü-Linie organisierte. Die andere Hälfte des Jahres reiste sie mit ihrem Mann Lama Ole Nydahl um die Welt. Besonders wegen ihrer Arbeit als Sprecherin und Vertreterin für die buddhistische Übertragung der Tibeter wurde sie später oft "Mutter des Buddhismus" genannt. Hannah und Ole Nydahl wurden 1969 die ersten westlichen Schüler des 16. Gyalwa Karmapa, dem Oberhaupt der tibetisch-buddhistischen Karma-Kagyü-Tradition. Nach einigen Jahren der Ausbildung im Himalaya bat er die beiden, den Buddhismus in den Westen zu bringen. Seit 1972 verbrachten beide ihr Leben mit Reisen und Lehren und mit dem Gründen von weltweit über 600 Meditationszentren.