Aus: Buddhismus Heute Nr. 49, (Winter 2011)

Großzügigkeit

Ein Interview mit Topga Rinpoche

Wie würdest du "Großzügigkeit" im buddhistischen Zusammenhang erklären? Heißt es, einfach jedem gegenüber einen offenen Geist zu haben oder hat es noch mehr Bedeutung?

Großzügigkeit hat viele Gesichter und buddhistische Großzügigkeit unterscheidet sich ein wenig von dem, was wir im in der allgemeinen Alltagssprache darunter verstehen. Der Geist der Bodhisattvas ist darauf ausgerichtet, allen fühlenden Wesen in jeder möglichen Weise zu helfen und dadurch bekommt der Ausdruck "Großzügigkeit" eine viel größere und tiefgründigere Bedeutung, eine grenzenlose Perspektive.
Großzügigkeit auf der Ebene der Bodhisattvas bedeutet, selbstlos zu sein. Mit dem Bodhisattva-Geist sollten wir immer bereit sein, jeder Art von Wesen jederzeit zu helfen, was auch immer sie brauchen. Aber schon während man den Bodhisattva-Geist entwickelt, weiß man, in welcher Weise man großzügig sein kann, wer was braucht und was alles benötigt wird. Ich denke, dass sich echte Großzügigkeit in gewisser Weise automatisch entwickelt und auf der ersten Bodhisattva-Stufe hat man sie erlangt. Es gibt dann zwar viele Möglichkeiten, materiell zu helfen, aber die am meisten geübte Form der Großzügigkeit ist hier: Die Lehren zu geben, das "Rad des Dharma zu drehen".

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Geben von Geld, Arbeit oder etwas anderem? Hat das alles den gleichen Stellenwert?

Zuerst einmal denke ich, dass es sinnvoll wäre, unser Gesprächsthema einzugrenzen und zu schauen, wie es auf der Ebene der Bodhisattvas zu verstehen ist.

Es ist gut, wenn ein Bodhisattva materielle Dinge gibt, denn das ist eine der Möglichkeiten, Großzügigkeit zu üben. Aber von allen Möglichkeiten wird das Geben von Belehrungen als der wichtigste Akt von Großzügigkeit angesehen. Man mag sich vielleicht fragen, warum das so ist. Der Grund dafür ist, dass die Belehrungen dazu führen, dass Negatives abnimmt. Wenn man die Ursachen dafür kennt, warum man dieses oder jenes will, werden Begierden, Ehrgeiz, Leiden usw. abnehmen.
Ja, Bodhisattvas konzentrieren sich auf das Lehren, denn das ist wichtiger als alles andere. Andererseits ertragen sie es aber auch nicht, wenn sie jemanden physisch leiden sehen oder wenn jemand sehr hilfsbedürftig ist und nahe am Verhungern oder ähnliches ist. Sie würden dann sogar ihr eigenes Leben geben, so wie Buddha es viele Male in früheren Leben getan hat. Er gab seinen eigenen Körper, weil er gebraucht wurde. Aber normalerweise ist der Schwerpunkt der Großzügigkeit der Bodhisattvas das Geben der Lehren.

Was ist die richtige Einstellung und Motivation, wenn man etwas gibt? Wie kann man seinen eigenen Geist überprüfen, um sicherzugehen, dass man nicht anhaftet?

In einigen Belehrungen wird gesagt, dass man zuerst seinen Geist überprüfen sollte, selbst wenn man jemanden nur etwas Materielles gibt. Ist irgendjemand von uns wirklich in der Lage, jederzeit alles an jeden zu geben? Man möchte zum Beispiel jemandem etwas zu essen geben: Dann sollte man aber zuerst sicherstellen, dass man das später nicht in irgendeiner Weise bereuen wird. Die Motivation ist wichtig, man sollte immer aus ganzem Herzen geben.
Man sollte solche Details zur Übung von Großzügigkeit als Praxis studieren und dann auch überprüfen, aus welchem Grund man gibt. Gibt man jemandem etwas, weil man eine Gegenleistung erwartet? Oder etwa, weil er ein wichtiger oder mächtiger Mann ist? Schritt für Schritt sollte man die eigenen Gedanken deutlich erkennen und untersuchen.

Ich habe ein paar sehr reiche Freunde. Sie verbringen ihr ganzes Leben damit, Geld zu verdienen, aber es fällt ihnen sehr schwer, etwas davon abzugeben, denn sie haften sehr daran an. Was wäre ein gutes erstes Geistestraining für Menschen mit derartig starker Anhaftung?

Das ist ein großes Problem. Es wurde in Tibet öfter eine Geschichte dazu erzählt:

Es gab einmal zwei Brüder, der eine besaß 99 Pferde und der andere nur eines. Der Arme dachte immer: "Warum gibt mein Bruder mir nicht wenigstens ein Pferd? Dann hätte mein Pferd ein wenig Gesellschaft." Der andere Bruder dachte: "Wenn er mir doch nur sein Pferd gäbe, dann hätte ich 100! Warum kann er es mir nicht geben?"
So ist die Natur des Menschen. Aber ich denke es ist wundervoll, wenn man materielle Dinge für eine gute Sache gibt.

Um auf deine Frage zurückzukommen: Sie könnten damit beginnen, eine Kleinigkeit zu geben. Warum nicht? Das ist wichtig, auch wenn man sehr viel Geld hat. Es ist gar nicht nötig, gleich 100000 Dollar zu geben, man kann mit einem Dollar anfangen. Das ist fein, denn man hat dann zumindest mit einem guten Herzen angefangen. Und auch wenn man an seinem Geld anhaftet, so wird man sich bei einem Dollar nicht schlecht fühlen.

Es gibt Belehrungen, die besagen, dass wenn man beispielsweise Essen nicht aus vollem Herzen geben kann, man lieber nur die Hälfte davon geben sollte. Aber viele Menschen haben so viel Anhaftung, dass sie nicht einmal dazu in der Lage wären. Wäre es dann besser, wenn sie es behalten würden, bis sie fähig sind, ohne Anhaftung zu geben?

Wenn man etwas nicht aus vollem Herz geben kann, dann sollte man es besser behalten, denn sonst könnte man es später bereuen. Karmisch gesehen würde es dann keine positiven Resultate bringen.
Aber ich denke, dass die Menschen im Westen und auch hier in Indien sehr großzügig sind, auch wenn sie vielleicht nicht religiös sind.

Was ist der Unterschied zwischen Geben in weltlicher Weise und Geben jenseits des Weltlichen?

Dharmapraktizierende, die den Bodhisattva-Geist entwickeln, denken über das Geben ein wenig anders.
Ich bewundere aber auch andere großzügige Menschen, zum Beispiel große Firmen, die ohne irgendein Eigeninteresse Millionen von Dollar für soziale Hilfsprogramme geben. In den frühen 1960er Jahren habe ich das selbst kennen gelernt, als ich mit tibetischen Flüchtlingen arbeitete. Wir bekamen eine große Zahl an Spenden aus dem Ausland und die meisten Spender baten nicht einmal um eine Antwort. Sie sind vielleicht keine Bodhisattvas, aber sie haben ein gutes Herz.

Bedeutet Großzügigkeit jenseits des Weltlichen, dass man ohne Ego gibt? Und weltliches Geben ist verbunden mit Anhaftung?

Richtig. Aber selbst wenn Anhaftung mit dem Geben einhergeht, so setzt man doch immerhin etwas in Gang. Wer von uns ist denn wirklich selbstlos? Das ist die große Frage. Die Bücher sagen so viele schöne Dinge, aber keiner folgt wirklich den Büchern, nicht wahr? Und ich denke auch nicht, dass ihr das tun solltet.
Aber man muss irgendwo etwas in Gang setzen; einfach anfangen, das ist der wichtigste Schritt.

Macht es einen Unterschied, ob man einer einzelnen Person oder der Gesellschaft oder der Sangha etwas gibt?

Vielleicht klingt das jetzt ein bisschen zu diplomatisch, aber als Praktizierender würde ich sagen, dass es am wichtigsten ist das zu geben, was gebraucht wird und an jeden, der es braucht.

Man sollte also dem ersten, dem man über den Weg läuft, geben?

Ja genau... warum nicht?

Westler spenden manchmal gerne etwas an einen einzelnen Mönch oder eine Nonne im Osten. Wir wurden aber eher so erzogen, wöchentlich etwas an die Kirche oder einen Tempel zu geben und fühlen uns dann unwohl damit, direkt an eine einzelne Person zu spenden. Gibt es hierfür eine angemessene Weise?

Es ist gut, den jeweiligen Mönch oder die Nonne, die deine Spende erhalten, als Vertreter deiner Tradition zu sehen. Wenn das Dharma im Westen blühen soll, müssen Leute unsere Unterstützung bekommen. Es gibt keinen Grund, uns damit zurückzuhalten, etwas Gutes zu tun.

In den USA gibt es derzeit1 eine große Bewegung, die Meditation im Sitzen durch Gemeindearbeit wie zum Beispiel Mithilfe in einer Suppenküche, Hospiz-Arbeit oder ein Erwachsenen-Fortbildungszentrum ersetzen will. Die Leute denken, dass es zu abstrakt sei, wenn man nur sagt "Ich widme all den Verdienst dieser Übung dem Nutzen aller fühlenden Wesen in Raum und Zeit". Es sei wichtig, auch eine greifbarere Form von Geschenk zu machen.

Traditionell waren die Klöster der Fokus der buddhistischen Gemeinschaft.
Aufgrund ihres kulturellen und traditionellen Hintergrundes folgen asiatische Lehrer noch heute dieser Vorstellung. Dharma-Zentren und Klöster im Westen sind allerdings an einen Punkt gekommen, an dem sie etwas zur Gesellschaft beitragen können und das sollten sie natürlich auch. Shamar Rinpoche gibt zum Beispiel ab und zu den Rat, dass wir etwas für die Menschen tun sollen, das über Gebete und Belehrungen hinausgeht, also etwas Physisches, wie zum Beispiel verschiedene Arten von Wohlfahrtsarbeit. Die Zeiten ändern sich.

Möchtest du noch etwas zum Abschluss sagen?

Die Hauptidee sowohl bei der Großzügigkeit als auch den anderen befreienden Handlungen ist, dass es ohne Ich-Anhaftung oder Begierde geschehen sollte. Dann ist alles, was man tut, viel besser und reiner.


Das Interview wurde geführt von Joseph M. Lynch.
Zum ersten Mal veröffentlicht in "Buddhism Today", Nr. 14, 2004
Mit freundlicher Genehmigung von "Buddhism Today"
Aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll

1 das Interview wurde Mitte der 90er Jahre geführt


Topga Rinpoche
stammte aus einer früheren Königsfamilie in Osttibet und war ein Neffe des 16. Karmapa. Er wurde schon als Jugendlicher vom 16. Karmapa in Tsurphu - dem damaligen Hauptkloster der Karma Kagyü Linie in Tibet - als "Vajra-Meister" eingesetzt und später im Exil als Generalsekretär des Klosters Rumtek. Er galt als einer der größten Gelehrten der Karma Kagyü Linie und unterrichtete am KIBI in New Delhi buddhistische Philosophie, Erkenntnistheorie und die tibetische Sprache. Sein besonderes Engagement galt dem Erhalt der Tradition der "Schwarz- und Rot-Hut-Karmapas", der Untrennbarkeit der Karmapas und Shamarpas.
Topga Rinpoche setzte sich nach dem Tod des 16. Karmapa sehr bestimmt dafür ein, Karmapas Wünsche zu erfüllen und sein Vermächtnis zu bewahren, womit er sich im Himalaya-Gebiet einige Leute zu Feinden machte, die andere Pläne mit der Karma Kagyü Linie hatten. Er war mit einer bhutanesischen Prinzessin verheiratet und ermöglichte 1987 zusammen mit Lopön Tsechu Rinpoche zum ersten Mal einer westlichen Pilgergruppe unter der Leitung von Lama Ole Nydahl die heiligen Stellen Bhutans zu besuchen.
Topga Rinpoche starb 1997. Anlässlich seiner Verbrennung in Bhutan wurde der 17. Karmapa Thaye Dorje in Bhutan als Staatsgast mit allen Ehren empfangen.