Aus: Buddhismus Heute Nr. 49, (Winter 2011)

Belehrungen zur Dharma-Praxis

Von Sherab Gyaltsen Rinpoche, Teil 2

Ganz gleich welche Praxis wir machen - seien es die Grundübungen, das Guru-Yoga oder in Verbindung mit Shine und Lhaktong das Große Siegel - wir müssen immer die richtige Körperhaltung kennen und verstehen, wie wir unseren Geist zur Ruhe bringen können.

Das Wichtigste bei der Körperhaltung sind die so genannten "Sieben Punkte des Vairocana", was bedeutet, dass die Haltung des Körpers so sein sollte, wie sie der Buddha Vairocana zeigt.

Der erste dieser sieben Punkte ist, dass die Füße in der Vajra-Haltung gekreuzt sind.
Der zweite ist, dass man seine Hände vier Fingerbreiten unter dem Nabel in Meditationshaltung legt.
Der dritte Punkt ist, dass das Rückgrat gerade wie ein Pfeil oder wie eine Säule von Münzen sein sollte. Die Münzen bewegen sich weder nach links noch nach rechts, sie liegen einfach gerade übereinander.
Der vierte ist, dass die Schultern wie die Flügel eines Geiers sein sollten. Wenn der Geier zum Fliegen anhebt, bewegt er seine Flügel nur ein wenig. In ähnlicher Weise sollten unsere Schultern weder zu hoch noch zu niedrig sein.
Der fünfte Punkt ist, dass der Nacken ein wenig gebeugt ist. Das Kinn wird leicht in Richtung Brust eingezogen, so dass der Adamsapfel verschwindet. Aber man legt das Kinn auch nicht vollständig auf die Brust.
Der sechste Punkt betrifft Mund und Lippen. Sie sind weder zu offen noch völlig geschlossen, sie sind nur leicht geöffnet. Die Zunge liegt auf dem oberen Gaumen.
Der siebte Punkt erklärt, dass der Fokus der Augen nach unten gerichtet ist. Manchmal wird er als vier Fingerbreiten, manchmal als acht Fingerbreiten vor der Nasenspitze erklärt.

Wenn wir in dieser "Sieben Punkte-Haltung des Vairocana" sitzen, sind unser Körper und all die vielen Energie-Kanäle darin sehr gerade. Dadurch wiederum können sich die verschiedenen Energie-Winde in diesen Kanälen leicht bewegen. Der Geist - der mit einem Reiter auf dem Pferd dieser Energie-Winde verglichen wird - kommt dann eher zur Ruhe. Ganz gleich ob wir Grundübungen, Guru-Yoga oder Mahamudra praktizieren: es wird dann leichter sein, den Geist auf diese Praxis auszurichten. Unser Geist wird sich leicht fokussieren können. Wenn es uns möglich ist, richtig in dieser Haltung zu sitzen, dann können nicht wirklich Probleme mit Dumpfheit oder Schläfrigkeit auftreten. Das soll aber nicht bedeuten, dass wir gar nicht praktizieren können, wenn wir nicht in der Lage sind in dieser Haltung des Vairocana zu sitzen. Wenn wir diese Haltung nicht gewohnt sind, können wir nicht lange so sitzen und dann ist es genauso gut, wenn wir mit geradem Rückgrat sitzen und den Körper in sich selbst entspannen lassen.

Soweit zur Haltung des Körpers und nun folgen Erklärungen, was wir mit dem Geist tun:

Der erste Punkt ist, beim Praktizieren nicht über die Vergangenheit nachzudenken. Wir folgen keinen Gedanken, die mit schon zurückliegenden Ereignissen zu tun haben. Alles Gute, das wir früher getan haben, ist bereits vorbei - und ebenso alles Schlechte. Deswegen nennen wir es ja "Vergangenheit", es ist bereits vorbei. Es gibt keine Möglichkeit, es zurückzuholen. Wir können es auch nicht mehr ändern und wenn wir über Dinge nachdenken, die vorbei sind, führt das zu Problemen im Geist. Deswegen sollten wir in Meditation vermeiden, Gedanken über die Vergangenheit zu folgen.

Der zweite Punkt ist, dass wir auch nicht über die Zukunft nachdenken sollten. Während der Praxis sollten wir keine Gedanken hegen wie "Was werde ich morgen tun? Was werde ich in einem Monat oder in einem Jahr tun? Was wird in fünf oder zehn Jahren geschehen?". Das sind alles Gedanken über Dinge, die weit voraus liegen. Aber dieser Punkt betrifft auch Gedanken wie "Nach der Meditation muss ich in eine andere Stadt fahren", "Ich muss etwas essen gehen", "Ich muss einen Freund treffen" oder "Ich muss mit jemandem reden". Während wir meditieren, sollten wir nicht in dieser Weise nachdenken. Aber natürlich ist es außerhalb der Meditation manchmal nötig, Pläne über die Zukunft zu machen. Ich sage nicht, dass wir gar nicht an die Zukunft denken sollten.

Der dritte Punkt ist, dass man sich nicht von momentanen Sinneseindrücken beeinflussen lassen sollte. Wenn wir zum Beispiel während der Meditation jemanden von weitem kommen sehen, dann sollten wir nicht überlegen "Ist es ein Westler oder ein Tibeter?", "Ist er weiß oder schwarz?" usw. Oder wenn wir in Meditation ein Geräusch hören, dann überlegen wir nicht "Ist es ein menschliches Geräusch? Ist es eine Stimme? Wessen Stimme ist es? Klingt es nett oder komisch?". Wenn wir das anfangen, dann folgen wir bereits unseren Gedanken und Vorstellungen.
Das heißt aber nicht, dass wir uns die Ohren zumachen sollten sobald wir ein Geräusch hören, oder vorgeben sollten, nichts mehr zu hören. Wenn wir etwas hören, dann hören wir es. Wenn wir aber anfangen zu überlegen - "Ist es ein Geräusch von einem Tier? Wessen Geräusch ist es? Stammt es von einem Menschen? Klingt es nett oder böse?" - dann greifen wir danach. Dieses Anhaften und dieses Nachdenken darüber sollten wir vermeiden. Aber es bedeutet nicht, dass wir unsere Ohren verschließen und jegliches Hören stoppen sollten.

Tilopa sagte einmal zu Naropa, dass wir nicht von den Erscheinungen gebunden sind, sondern von unserem Haften an ihnen. Wir sind also nicht dadurch gebunden, dass wir jemanden sehen, etwas hören oder etwas riechen - erst die Anhaftung daran bindet uns.
Bei diesem dritten Punkt geht es darum, nicht unter den Einfluss von Objekten und Gedanken der Gegenwart zu geraten.

Wir sollten bei jeder Praxis, die wir machen, versuchen, nicht unter den Einfluss dieser drei Arten von Gedanken und Vorstellungen zu geraten.

Es wäre ein Fehler in der Praxis - ganz gleich ob wir Grundübungen, Guru-Yoga etc. machen -, wenn wir in der Praxis zu feste Vorstellungen haben. Feste Vorstellung heißt zu denken "Ich sollte jetzt keinerlei Vorstellungen haben" und sich richtig hart darum zu bemühen. Wenn wir zu starr sind oder zu verzweifelt versuchen, alle Vorstellungen und jedes Denken anzuhalten, dann ist das die Ursache für noch mehr Gedanken und Vorstellungen.
Es wäre aber auch ein Fehler, wenn wir zu sehr entspannen, uns also nicht wirklich um Vorstellungen und Gedanken, die im Geist erscheinen, kümmern. Unsere Praxis würde dann verloren gehen, denn sie würde einfach wie unser Alltagsleben werden.

Wir sollten also den Geist weder zu angestrengt festhalten noch ihn zu sehr entspannen, sondern ausgeglichen konzentriert halten.
Als Buddha in Shravasti war, lebte dort in einer reichen Brahmanen- Familie ein Junge. Bei seiner Geburt hatte er wundersamerweise bereits wertvolle Ohrringe an. Es war damals in Indien üblich, bei einer Geburt einen Astrologen zu Rate zu ziehen. Dieser prüfte auch körperliche Merkmale eines Kindes und sagte dann voraus, was aus dem Kind einmal werden würde. Die Eltern wollten natürlich wissen, was es mit diesen Ohrringen auf sich hätte und auch wie viel die Ohrringe wert seien, wenn man sie verkaufen würde. Zuerst sagte der Astrologe, dass es ein sehr guter Junge mit großem Verdienst sei. In einem weltlichen Leben würde er sehr reich und mächtig werden, da er wegen guter Handlungen in früheren Leben sehr gute Eindrücke mitbrächte. Falls er ein Leben auf dem Weg der Lehren Buddhas führen würde, dann könne er das Resultat erlangen. Der Astrologe sagte auch, dass die Ohrringe eine Million Unzen Gold wert seien, ein hoher Wert.

Der Junge erhielt den Namen "Der zur Zeit des Doshing Geborene und dessen Ohren eine Million wert sind." Doshing bezieht sich auf eine bestimmte astrologische Konstellation und jedem Tag ist eine solche zugeordnet. Den zweiten Teil des Namens erhielt er, weil seine Ohren bzw. Ohrringe eben eine Million wert waren.

Der Junge lernte sehr gut und vervollkommnete all seine Studien. Da seine Eltern Buddhisten waren, luden sie einmal den Buddha und seine Gemeinschaft zum Essen ein. Als der Buddha fertig gegessen hatte, schloss er mit einer Widmung und jeder im Haus war sehr froh darüber. Der Junge war sehr fröhlich, denn er hatte großes Vertrauen und Offenheit zum Buddha und seinen Lehren. Deswegen bat er die Eltern um Erlaubnis, dass er sich dem Buddha anschließen und Ordination nehmen könne. Die Eltern hatten jedoch nur dieses eine Kind und deswegen wenig Neigung, ihn einen Mönch werden zu lassen. Aber was sie auch versuchten, um ihn zu überzeugen, er blieb standhaft in seinem Wunsch und sagte: "Ich werde mich dem Buddha anschließen, ich will ein Mönch werden. Ich will nicht heiraten".

Da seine Eltern ja Buddhisten waren, lernte er dann später die Lehren Buddhas und nahm die Novizen-Ordination von Ananda, einem der Hauptschüler Buddhas. Von ihm bekam er sowohl die Lehren als auch Meditation. Aber er war in seiner Meditation immer entweder zu angespannt oder zu gelöst. Deswegen konnte er seinen Geist nicht wirklich gut zur Ruhe zu bringen und er hatte keinerlei Erfahrungen und Erkenntnisse. Schließlich fragte er den Buddha: "Ich strenge mich sehr an in meiner Meditation. Aber obwohl ich viel meditiere, kommen keine Erfahrungen und Erkenntnisse. Woran liegt das?"

Buddha fragte ihn: "Als du noch bei deinen Eltern lebtest, hast du damals Sitar spielen gelernt?" Der Mann antwortete: "Ich war sogar sehr gut im Sitar spielen". Buddha fragte ihn: "Bekommt man einen schönen Klang, wenn man die Saiten zu straff oder zu lose spannt?" Er antwortete: "Nein, beides wäre falsch. Wenn man die Saite zu sehr spannt, wird sie reißen. Wenn sie zu lose ist, ist der Klang nicht schön. Für einen schönen Klang sollte sie genau in der Mitte sein, weder zu straff noch zu lose".
Buddha sagte zu ihm: "In ähnlicher Weise ist dein Geist manchmal zu angespannt und manchmal zu entspannt. Deswegen bekommst du keine Erfahrungen und Erkenntnisse. Dein Geist sollte in einem Zustand sein wie die Sitar-Saite, weder zu straff noch zu lose, sondern genau in der richtigen Balance. Wenn du deinen Geist so ruhen lässt, werden Erfahrungen und Erkenntnisse kommen".

Es heißt, dass der Mann mit dieser Methode den Geist zu beruhigen sehr gut darin wurde und Erfahrungen und Erkenntnisse bekam. Schließlich wurde er zu einem Arhat und erlangte Befreiung von Samsara.

Wir sollten ebenso lernen, von den Grundübungen an bis zu unserer Hauptpraxis, den Geist weder zu angespannt noch zu gelöst zu halten. Dann wird der Geist fähig sein, sich auf unsere jeweilige Praxis auszurichten.
So versuchen wir also sehr entspannt und doch aufmerksam zu ruhen.
Es können aber in unserer Dharma-Praxis, in der wir üben unseren Geist auszurichten, viele Schwierigkeiten auftreten. Die beiden wichtigsten Hindernisse darunter sind Dumpfheit oder Aufgeregtheit.

Es gibt drei Arten von Dumpfheit: Dumpfheit, Schläfrigkeit und Absinken oder Schlaf.

Die Erste ist, dass unsere Bewusstheit etwas stumpf wird. Wenn wir zum Beispiel die Zuflucht üben und uns nicht so inspiriert fühlen, die Formel zu wiederholen oder die Worte nicht sauber aussprechen oder die Vergegenwärtigung nicht klar ist, so ist all dies der Fehler der Dumpfheit.

Wenn das schlimmer wird, nennen wir es "Schläfrigkeit", wir kommen also schon dem Einschlafen näher. Beim Rezitieren der Zufluchtsformel zum Beispiel machen wir dann Fehler. Oder wenn wir das Mani-Mantra rezitieren, sagen wir manchmal das Amitabha- oder Guru-Rinpoche-Mantra. Unser Geist kann seinen Fokus nicht klar halten und so kommt es zu solchen Fehlern.

Der letzte Punkt ist "Absinken" und das bedeutet, dass unsere fünf Sinne nicht mehr richtig arbeiten und man tatsächlich einschläft.

Diese Art von Problemen in Meditation kann zum Beispiel durch Essen entstehen oder wenn wir an einem sehr schmutzigen Platz meditieren oder auch karmisch, also als Folge von früheren Handlungen.
Den letzten Fall kann man daran erkennen, dass man zum Beispiel sehr wach ist, wenn man singt und tanzt, weil man das sehr mag.

Wenn man jedoch zu praktizieren beginnt, fühlt man sich nach ein paar Minuten sehr müde, empfindet es als sehr schwierig und schläft fast ein.
Es kann auch an Plätzen auftreten, die sehr verschmutzt sind, an denen man schlechte Bedingungen hat und krank werden kann, zum Beispiel durch verunreinigtes Essen. Das kann dazu führen, dass man sich manchmal sehr müde fühlt.
Auch viel und schweres Essen - zum Beispiel viel Fleisch und Fett - können zum Problem mit Dumpfheit führen. Es kann aber auch Wetter bedingt sein: Wenn es zum Beispiel sehr heiß ist, beeinflusst das auch unseren Geist.

Es gibt verschiedene Methoden, um diese Arten von Dumpfheit zu entfernen: Man kann seinen Körper erfrischen und reinigen, leichtere Kleidung tragen oder weniger essen. Manchmal kann es auch helfen, an erhöhten Plätzen zu meditieren, zum Beispiel auf einem Hügel oder Berg oder in höheren Stockwerken eines Hauses. Oder es kann helfen, wenn man den Blick beim Meditieren etwas nach oben richtet.
Andere Methoden sind: den Körper mit kaltem Wasser zu besprenkeln, das Fenster zu öffnen und etwas Wind hereinzulassen. Ist die Ursache für die Dumpfheit karmisch, helfen Verbeugungen, Umschreiten eines Stupas, usw.

Dies betraf den ersten Fehler in Meditation, das Problem der Dumpfheit. Das zweite Problem ist Aufregung, dass man also zu viele wilde Gedanken und Vorstellungen im Geist hat. Auf den einen Gedanken folgen zwei Gedanken, darauf folgen drei Gedanken und dann hat man plötzlich so viele Gedanken, dass man sich überhaupt nicht mehr konzentrieren kann.
Hiergegen helfen Methoden wie: etwas wärmere Kleidung anziehen, den Blick etwas nach unten richten, schwereres Essen usw.

Wenn wir sehr dumpf sind, sollten wir etwas mehr Anstrengung in Konzentration legen, etwas strikter sein. Wenn wir hingegen sehr aufgeregt sind, dann ist es umgekehrt und wir sollten uns in der Konzentration etwas entspannen. Falls wir keines von beiden sind, dann lassen wir den Geist in dieser Balance ruhen, wie es zuvor erklärt wurde. Dann können wir den Geist leicht auf den Fokus der Praxis ausrichten.

Bei der Meditation auf Buddha-Aspekte denken wir oft, dass wir eine sehr klare Vergegenwärtigung haben sollten und sind dann sehr froh, wenn wir sie haben, denn wir hatten das erhofft. Auf der anderen Seite denken wir oft, dass unsere Vergegenwärtigung ziemlich schlecht ist und wir haben Angst davor, denn wir denken, es sei nicht gut. Aber diese Hoffnungen und Befürchtungen sollten wir vermeiden.

Wir sollten auch nicht erwarten, dass wir all die Zeichen, Merkmale, Erfahrungen und Erkenntnisse sofort nach Beginn der Praxis von Buddhas Lehren bekommen werden. Gelongma Palmo zum Beispiel - die Begründerin des Nyungne - übte ihre Praxis zwölf Jahre lang Tag und Nacht. Tagsüber rezitierte sie Manis und nachts das Mantra des Tausendarmigen Liebevolle Augen.
In all diesen zwölf Jahren hatte sie nicht ein einziges gutes Zeichen im Traum. Irgendwann war sie dann wirklich müde und unglücklich, denn sie dachte: "Nun habe ich zwölf Jahre lang praktiziert.
Zwölf Jahre lang habe ich mich für Liebevolle Augen geöffnet und sein Mantra rezitiert. Ich hatte nicht einmal einen guten Traum von ihm, von einer Vision gar nicht erst zu reden". Sie wurde unglücklich, verlor ihren Mut und wurde sehr traurig.

In dieser Nacht erschien ihr dann der Weisheits-Buddha Manjushri im Traum und sagte ihr: "Du solltest nicht traurig sein. Im Süden Indiens gibt es ein Kloster mit einer selbstentstandenen Statue aus Stein von Liebevolle Augen. Wenn du dort Nyungne praktiziert, wirst du Liebevolle Augen in diesem Leben treffen können. Es wird auch deine Krankheit geheilt werden". Gelongma Palmo hatte nämlich Lepra.
Das Kloster mit dieser Statue hieß Lekar Shingpel und war sehr weit weg. Wegen ihrer Krankheit konnte sie nicht laufen und überlegte, was sie tun könne. Plötzlich erschienen sieben Dakinis, ließen sie auf einem Seidentuch Platz nehmen - und in einem Moment war sie bei diesem Kloster!
Dort begann sie mit der Nyungne-Praxis und legte das Versprechen ab zu üben, um Liebevolle Augen zu treffen. Nach einem Jahr war ihre Krankheit vollständig geheilt.
Es heißt, dass sie später - am ersten Tag des vierten tibetischen Monats, des so genannten Saga Dawa, ungefähr im Mai des westlichen Kalenders - die "Befreierin" (tib. Dölma, skt. Tara) traf und die erste Bodhisattva-Stufe erlangte.
Befreierin prophezeite ihr: "Durch die Nyungne-Praxis wirst du vielen Wesen helfen können". Es heißt, dass sie am 8. Tag dieses 4. Monats die wichtigsten Buddha-Aspekte der Kriya-Tantras sah und die 8. Bodhisattva-Stufe erlangte.
Am 15. Tag dieses Monats hatte sie eine vollständige Vision des tausendarmigen, elfköpfigen Liebevolle Augen. Sie brachte ihm die Verse dar, die heutzutage in der Nyungne-Praxis verwendet und mit der seine Qualitäten gepriesen werden. Dann hielt sie ihn fest und sagte: "Zwölf Jahre lang habe ich Tag und Nacht meditiert und Mantras rezitiert... warum konnte ich dich nicht treffen?"

Er erwiderte: "Es ist nicht so, dass ich nicht da war. Seit dem ersten Mantra, das du rezitiert hast, war ich ständig bei dir. Aber du warst aufgrund deiner früheren Handlungen und Verdunkelungen nicht in der Lage mich zu sehen. Durch diese zwölf Jahre Praxis wurden die Verdunkelungen und das Karma soweit abgeschwächt, dass du mich nach einem Jahr Nyungne-Praxis sehen konntest".

Sobald wir also auf einen Yidam oder Buddha-Aspekt meditieren, ist der Buddha oder Yidam schon da. Es ist gewiss, dass er bei uns erscheint. Aber unsere Negativität und Verdunkelungen verhindern, dass wir ihn direkt wahrnehmen können. Wenn der Himmel zum Beispiel voller Wolken ist, dann ist es ja nicht so, dass die Sonne nicht da wäre. Sie kann uns nur nicht wärmen, weil da Wolken sind. Die Sonne ist da, ihre Wärme ist da - aber die Wolken blockieren sie. Sobald die Wolken weg sind, erreichen uns die Sonnenstrahlen.
In derselben Weise, ob wir auf den Yidam oder den Lama meditieren, so sind diese direkt da. Aber aufgrund unserer wolkengleichen Schleier können wir ihnen nicht begegnen.
Erst wenn unsere Verdunkelungen Schritt für Schritt entfernt wurden, können wir am Ende den Buddha oder Yidam direkt erleben. Wenn wir uns ohne Zweifel und mit starkem Vertrauen und Offenheit für unseren Buddha-Aspekt oder die Guru-Yoga-Praxis öffnen, dann werden wir sicher den Segen bekommen. Der Segen ist immer da, ganz gleich ob wir ihn tatsächlich erleben oder nicht. Da es für Segen kein "nah" oder "fern" gibt, werden wir ihn auf jeden Fall bekommen.

Lama Ole erzählt euch diese Dinge ja die ganze Zeit und es gibt keine besseren Erklärungen als die, die ihr schon bekommen habt. Ich habe nur eine paar Punkte zur Praxis zusammengefasst.

Aus dem Tibetischen ins Englische von Jim Rheingans, ins Deutsche von Claudia Knoll und Detlev Göbel


Sherab Gyaltsen Rinpoche
Sherab Gyaltsen Rinpoche wurde 1950 in Manang in Nepal geboren. Rinpoche trägt den seltenen Titel eines Maniwa, den man nur bekommt, wenn man andere dazu gebracht hat, mehr als eine Milliarde Mal das Mantra Om Mani Peme Hung zu rezitieren. Er gilt als Experte für die Praxis auf "Liebevolle Augen". Schon als Kind war Rinpoche außergewöhnlich mitfühlend und lernte auch sehr schnell. Rinpoche wurde in Rumtek vom 16. Karmapa zum Mönch ordiniert und erhielt dort seine buddhistische Ausbildung. Später praktizierte er unter der Leitung von Bokar Rinpoche das Drei-Jahres-Retreat.

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