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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 49, (Winter 2011)

Die Meditation auf Liebe und Mitgefühl

Von Shamar Rinpoche

Wenn wir Buddhas Lehren praktizieren und uns vornehmen positiv zu handeln, werden wir auf Hindernisse und Schwierigkeiten stoßen, denn unser Geist ist voll von störenden Emotionen. Insbesondere der Stolz – dieses Gefühl von Selbst-Überbewertung wie: "Ich bin der Beste, der Stärkste..." – führt dazu, dass man andere Menschen gering schätzt und lässt automatisch Eifersucht, Hass und Zorn entstehen. Dieser auf Stolz beruhende Zorn kann die stärksten Auswirkungen hervorbringen, denn er verleitet uns dazu, alle möglichen wirklich negative Dinge zu tun, die dann zu schlechten Wiedergeburten führen werden.

In westlichen Gesellschaften ist oft nicht klar, was der Unterschied zwischen Stolz und geistiger Stärke ist und Mangel an Stolz wird dann als Schwäche ausgelegt. Aber Stolz ist eine verstärkte und konzentrierte Form des Ego-Anhaftens und in diesem Sinne eine Schwäche. Um ein Ziel, wie zum Beispiel die Erleuchtung, zu erreichen, kann ein Mensch durchaus große Charakterstärke und tatkräftige Entschlusskraft zeigen, ohne dass dabei jemals Stolz entsteht.

Wir müssen also zwischen Stolz und geistiger Stärke unterscheiden: Das eine ist die Annahme, wir seien anderen überlegen - was eine gewisse Blindheit beinhaltet. Das andere ist eine Qualität, die frei von all den negativen Aspekten des Stolzes ist.

In der gleichen Weise haben wir meist eine verdrehte Sichtweise darüber, was Bescheidenheit ist und setzen sie mit einem schwachen Charakter gleich. Was wir aber wirklich brauchen, ist Mut und Charakterstärke, ohne dabei Stolz zu entwickeln.

Geistige Ruhe und Stabilität
Die Meditation über Liebe und Mitgefühl geht Hand in Hand mitder Entwicklung von geistiger Stabilität. Es ist für einen Anfänger sehr schwer, Stolz und Zorn unmittelbar aufzugeben. Um dazu fähig zu werden, müssen wir erst Geistesruhe in Verbindung mit der Meditation auf Liebe und Mitgefühl üben. Das ist das eigentliche Wesen der Meditation der Geistesruhe.

Untersuchen wir zum Beispiel einmal das geistige Bild des Zornes: Denkt an eine Person, die euch unangenehm ist oder die ihr als euren Feind anseht. Wenn ihr keinen Feind habt, dann versucht an eine Person zu denken, die euch wütend macht. Lasst die dann aufsteigende Wut aber nicht als eine Handlung heraus, sonst verletzt ihr am Ende noch jemanden. Versucht stattdessen diese Wut einfach als eine Art Gedanken zu sehen und zu erkennen: Wie sieht sie aus und woher kommt sie? Kommt sie von der anderen Person oder aus euch selbst heraus? Falls ihr denkt, dass sie aus dem Geist entsteht, sucht weiter: Wo entsteht sie, wie verweilt sie, wo geht sie hin, wenn sie wieder abklingt? In dieser Weise verwendet man den Zorn selbst als Objekt der Meditation und des Nachdenkens.

Man kann als Methode auch hin und wieder die Rollen tauschen. Wenn ihr einmal wirklich wütend auf jemanden seid, könnt ihr euch in dessen Lage versetzen. Ich zum Beispiel bin Shamar Rinpoche. Wäre ich auf einen von euch wütend, würde ich mir vorstellen, ich sei derjenige. Dadurch nehme ich einen anderen Blickwinkel ein, nämlich den der anderen Person. Diesen Austausch kann man auch bei anderen Störgefühlen wie Eifersucht und Stolz anwenden.

Das ist eine Form von Shine-Meditation, der Meditation der Geistesruhe. Durch das Beobachten des starken emotionalen Zustandes von Zorn und danach eines friedvollen Geisteszustandes kommt man dahin, die Natur des Geistes selbst zu beobachten. Das ist dann eine höhere Form der Einsicht, die man Lhaktong nennt. Wenn ihr fähig seid, diese Methode bei allen Störgefühlen anzuwenden, wird das für euch sehr nützlich sein.

Wenn wir viele Gedanken im Geist haben und sie mit dieser Methode beruhigen können, ist das hervorragend. Wenn aber die Gedanken so stark sind, dass wir sie nicht unter Kontrolle bekommen, müssen wir unseren Geist stabilisieren, indem wir uns auf den Atem konzentrieren. In diesem Fall wäre es effektiver, sich auf das Ein- und Ausatmen einzustellen.
Viele Leute halten diese Meditation für eine Atemübung. Der springende Punkt hier ist aber nicht das Atmen, sondern den Geist zu beruhigen, indem man sich ohne Ablenkung fortwährend des Ein- und Ausatmens bewusst ist. Es geht hier um die Konzentration selbst, um die geistige Stabilität. Einige denken, dass der physische Aspekt dieser Praxis wichtig sei, das ist aber nicht der Fall.
Das Wesentliche ist unsere Vertrautheit mit der Praxis. Der Erfolg von Meditationen wie Shine und Lhaktong hängt auch nicht von unserem begriffsmäßigen Verständnis dieser Meditationszustände ab. Das Wesentliche bei diesen Übungen liegt eher darin, dass wir uns an den eigentlichen Meditationsprozess gewöhnt haben.

Richtiges Erfassen und Verstehen entsteht aus der Meditation und dem Vertraut-Werden mit der Praxis. Deswegen muss die Meditation auf sehr präzisen Grundlagen beruhen. Um den Buddhazustand zu erlangen, müssen wir uns radikal von "Werden"1 oder, anders gesagt, von allen Formen weltlichen Glücks in den verschiedenen Daseinsbereichen abwenden. Man könnte zum Beispiel die Idee haben, das relative Glück in einem höheren Existenzbereich anzustreben oder von den Leiden der niederen Bereiche frei sein zu wollen. Man könnte den Wunsch haben, den friedvollen Zustand der Shravakas2 zu erreichen, in welchem es keine Möglichkeit gibt, anderen Wesen zu nutzen. Die richtige Kraft und Fähigkeiten, um anderen zu nutzen, kann jedoch nur im Zustand der vollen Erleuchtung gefunden werden.

Liebe und Mitgefühl auf relativer Ebene
Das Mittel, das man gegen die Anhaftung an das Glück des "Werdens" anwendet, ist über die Vergänglichkeit und die anderen der "Vier Grundgedanken" nachzudenken. Wenn wir weniger anhaften, erfahren wir vielleicht einen gewissen Geistesfrieden. Das könnte dazu führen, dass man nach diesem Geisteszustand der Ruhe greift und daran anhaftet. Das Gegenmittel gegen das Greifen nach diesem friedvollen Zustand ist, auf altruistische Liebe und Mitgefühl zu meditieren. Diese Liebe und Mitgefühl sollten wir in solchem Maß entwickeln, bis sie eine völlig natürliche Einstellung für uns geworden sind. Sie werden uns auf dem ganzen Weg unserer geistigen Entwicklung hindurch begleiten: Vom ersten Moment des Entstehens der erleuchteten Geisteshaltung bis hin zum Erreichen der Buddhaschaft selbst. Die Erleuchtung wird dann mit Körper, Rede, Geist und den Qualitäten eines Buddhas ausgestattet sein.

Die Kraft von Liebe und Mitgefühl wird alle ungünstigen Bedingungen, Störgefühle und Samsara mitsamt seinen Ursachen vollständig zerstören und beseitigen. Ohne Liebe und Mitgefühl hätten wir einfach nicht genug Energie dafür. Die Qualitäten von Liebe und Mitgefühl leiten uns, selbst während wir noch im Gefängnis von Samsara eingesperrt sind und den Einflüssen der Emotionen und des Karmas unterliegen, in die richtige Richtung.

Liebe und Mitgefühl richten sich auf alle Wesen als Objekt aus. Damit sind nicht nur die Menschen um uns herum gemeint, sondern alle Wesen - alles, was einen Geist hat. Wo auch immer es solch ein Wesen gibt, gibt es auch Leiden. So wie wir selbst einen Geist haben und deswegen leiden, so leiden auch alle anderen Arten von Wesen. Wir müssen hier aber zwischen etwas Lebendem und dem, was einen Geist hat, unterscheiden. Was lebt, muss nicht notwendigerweise einen Geist haben3. Aber sobald ein Geist da ist, gibt es auch Bewusstsein und Leben.

Unter den vielen Arten von Wesen sind manche winzig klein, wie zum Beispiel Insekten. Es ist ein häufiges Missverständnis, dass man Wesen erst ab einer bestimmten Größe Bewusstsein zuschreibt. Wir verbinden das Vorhandensein von Bewusstsein oft mit erstens einem bestimmten Grad an Intelligenz und zweitens mit einer bestimmten Größe. Wissenschaftler und bestimmte philosophische Schulen scheuen sich deswegen manchmal anzuerkennen, dass kleine Tiere, Insekten oder Meereslebewesen ein dem unseren ähnliches Bewusstsein haben, obwohl sie durchaus erkennen, dass einige größere Meeresbewohner – wie zum Beispiel Delphine – es haben.

Selbst die allerkleinsten und unbedeutendsten Insekten suchen Glück und haben Angst vor Leiden. Wenn wir versuchen die Flosse eines kleinen Fisches zu berühren, ist seine erste Reaktion auszuweichen. Falls er gezähmt ist, erkennt er vielleicht die Hand, die ihn füttert als eine Quelle der Wohltat. Dann nähert er sich der Hand, einfach weil er wie wir Menschen einen Zustand von Wohlbefinden sucht und dem Leiden entfliehen will.

Die Wesen sind unterschiedlich groß, aber Geist verhält sich nicht proportional zur physischen Erscheinung. Das Ausmaß an Leiden oder an Glück hängt vom individuellen Karma ab. Ein und derselbe Geist kann sich in einem kleinen, schwachen Körper reinkarnieren oder im Körper eines Wales oder als ein König mit höheren geistigen Fähigkeiten als die eines Tieres. Die Größe jedoch hat keinerlei Einfluss auf die Qualität oder Kraft des Geistes. Unsere Liebe und Mitgefühl sollten sich deswegen ausnahmslos auf alle Wesen richten. Entwickelt gegenüber allen Wesen die gleiche Einstellung, die ihr für eure Mutter, euren Vater oder diejenigen, die ihr am meisten liebt, fühlt. In den traditionellen Kulturen, besonders im Osten, sind Familienbande extrem stark. Vater und Mutter sind diejenigen, die man am meisten verehrt und die Vorstellung, dass ihnen ein Leid geschehen könnte, ist unerträglich. Aus diesem Grunde stellen wir uns, wenn wir auf die erleuchtete Geisteshaltung meditieren, alle Wesen als unsere Eltern vor.
Im Westen werden Eltern nicht mit der gleichen Intensität hochgeschätzt. Für die Meditation ist dieser Unterschied aber nicht wichtig. Nehmt einfach denjenigen, den ihr am meisten liebt und seht alle Wesen als diese Person an.

Natürlich können wir diese Liebe und Mitgefühl nicht individuell für jedes einzelne Wesen entwickeln. Aber wir können uns alle Wesen kollektiv als eine Einheit vorstellen und auf die Tatsache meditieren, dass sie mit dem gleichen Eifer wie wir Glück suchen. Wir entwickeln den intensiven Wunsch für ihr Glück, indem wir uns in ihre Lage versetzen. Lasst den Wunsch aber nicht zu einer fixen Idee oder einer Anhaftung werden, sondern konzentriert euch eher darauf, was die Wesen alles durchmachen müssen. Danach halten wir den Geist in diesem Wunsch für ihr Glück und wenden gleichzeitig die Kontemplation auf seine Essenz an, so wie ich es zuvor im Zusammenhang mit den Emotionen wie Zorn, Stolz und Eifersucht erwähnt habe.

Liebe und Mitgefühl auf absoluter Ebene
Diese Liebe für alle Wesen ist am Anfang eine gekünstelte und fabrizierte Einstellung, denn wir fühlen sie nicht wirklich automatisch. Aber durch unser Training entwickelt sie sich zunehmend und früher oder später wird diese unvoreingenommene Liebe für alle Wesen zu einem natürlichen Gefühl werden. Wenn wir zurzeit für ein oder mehrere Wesen Liebe empfinden, dann ist diese Liebe einseitig, denn sie ist selektiv und beruht auf Anhaftung. Die "spirituelle" Liebe, von der wir hier reden, ist aber nicht voreingenommen und exklusiv, sondern beruht auf der Natur des Geistes, seiner Leerheit. Alles manifestiert sich aus dieser Leerheit heraus.

Wir meditieren also auf Liebe, die ihrem Wesen nach Leerheit ist. Auch das, worauf sich die Liebe bezieht – nämlich alle Wesen – ist seiner Natur nach, also letztendlich gesehen, leer. Trotzdem hat sie aber eine existierende, relative Natur, ohne dass ihr Entstehen ihrem wahren Wesen widersprechen würde. Wenn das anders wäre und die Existenz einer inhärenten, letztendlichen Wirklichkeit sich selbst genügen würde, dann könnten sich keine relativen Phänomene manifestieren. Wäre ein Traum wahr, könnte er sich nicht im Raum des Geistes abspielen. Hätte das Wesen des Traumes keine leere, spiegelartige Qualität, könnten sich keine Bilder darin widerspiegeln.
So ist auch die Unwissenheit der Wesen ihrer Natur nach leer. Wenn sie ausschließlich fest und materiell wäre, wie könnte sie dann entstehen?

Diese Gedanken über die letztendliche Natur des Bodhicitta sind etwas, das man später einmal für sich selbst verwirklichen muss. Am Anfang ist es ratsam, sich auf die Kultivierung des relativen Aspektes von Liebe und Mitgefühl zu konzentrieren, um später dann Erkenntnis über die Leerheit – das letztendliche Bodhicitta – zu entwickeln. Parallel zu dieser Meditation auf letztendliches Bodhicitta wird sich ein tiefgründiges Verständnis entwickeln.
Wenn man mit dem Mittel der Leerheit auf Liebe meditiert, wird sie zu einer höheren Form von Liebe. Darüber hinaus werden wir durch die Meditation auf die Natur der Liebe zugleich auch eine stabile Geistesruhe entwickeln und damit einhergehend wird die Kraft des Positiven in uns zunehmen. Indem wir uns ständig an die erleuchtete Geisteshaltung erinnern, werden wir uns dahin entwickeln, eine Quelle von großem Nutzen für andere zu sein. Mit dem Samadhi der Liebe erlangen wir letztendlichen und echten Nutzen. Unser Geist wird eins mit der unveränderlichen letztendlichen Wirklichkeit, so dass unser Bewusstsein mit nichts anderem als Liebe für alle Wesen erfüllt ist. Es wird nie mehr davon getrennt sein.

Durch die Kraft unserer Meditation wird unsere Liebe für die Wesen wie die einer Henne für ihre Küken4. Dieser Prozess wird sich von selbst immer mehr verstärken, bis unsere Liebe dann in der Erleuchtung alle Wesen einschließt. Wir werden zunehmend fähig werden, einer immer größeren Anzahl von Wesen zu nutzen. Das hat nichts mit Telepathie oder einer besonderen Absicht zu tun. Es ist nicht so, als würden wir "Energiewellen" an Wesen ausschicken, die weniger entwickelt sind als wir, sondern durch die Kraft des Guten entsteht spontan nützliche und positive Aktivität. Die Kraft dieser Meditation ist so stark, dass sie sich auf andere ausdehnen kann. Diese Liebe strahlt hinaus und wird im Geist anderer Wesen entstehen, insbesondere in kleinen Tieren wie zum Beispiel Vögeln.

Aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll

1 "Werden" (tib. sridpa, skt. bha va) bezieht sich auf das zehnte der zwölf Glieder des Entstehens in Abhängigkeit. Gemeint ist die Kraft des Karma, die bewirkt, dass man Geburt annimmt.
2 Die sogenannten "Hörer", Praktizierende eines Theravada-Weges
3 Pflanzen zum Beispiel
4 Traditionelles asiatisches Bild für besonders große Liebe 


Shamar Rinpoche

Shamar Rinpoche ist der zweithöchste Lehrer der Karma-Kagyü-Linie. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, so dass er auch zu dem Beinamen "Rothut-Karmapa" kam. 1959 verließ Shamar Rinpoche aufgrund der chinesischen Invasion sein Heimatland Tibet an der Seite des 16. Karmapa. Bis 1979 erhielt er im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa. Seitdem reist er durch die ganze Welt und lehrt den Diamantweg-Buddhismus. Vor allem seiner Aktivität ist es zu verdanken, dass 1992 die 17. Inkarnation des Karmapa, Thaye Dorje, gefunden und nach Indien in die Freiheit gebracht werden konnte, wo er jetzt unter seiner Leitung ausgebildet wird. In früheren Ausgaben der "Kagyü Life" und "Buddhismus Heute" wurde Shamar Rinpoche mit verschiedenen bei hohen tibetischen Lehrern üblichen Titeln vorgestellt. Auf seinen Wunsch hin (siehe seinen Brief auf seiner Website www.shamarpa.org) wird er in Zukunft nur noch "Shamar Rinpoche" genannt werden.