Aus: Buddhismus Heute Nr. 48, (Frühjahr 2010)

Ich lade euch hier zu etwas Großem ein

Eine Ansprache von Lama Ole Nydahl

Ende des Sommerkurses 2009, im Europazentrum, Immenstadt, 16. August 2009


Ich möchte etwas zu den historischen Ereignissen sagen, die hier auf diesem Kurs im Europazentrum stattfanden. Wir hatten unsere beiden höchsten Linienhalter Karmapa und Shamarpa hier, was sehr selten geschieht. Von ihnen und von Sherab Gyaltsen Rinpoche bekamen wir wichtige Übungen. Einige - wie die Ermächtigungen - wurden uns eher geschenkt. Für andere - wie das Phowa und die 72-Stunden Liebevolle Augen Praxis - haben wir gearbeitet.

Wir sollten nie vergessen, dass unsere Entwicklung recht einzigartig ist. Es dauerte hunderte von Jahren, um die Löwenköpfe zu überfüttern und das Christentum in Südeuropa einzuführen und weitere 500 Jahre bei den Wilden in Nordeuropa. Das war viel Arbeit und dauerte lange. Wenn man sich anschaut, wie Religionen entstanden, so waren ihre Gründer und Gruppen eigentlich immer erst lange eine Art Familienbetrieb.
Was wir in den letzten Jahren geschafft haben, ist beachtlich. In nur wenigen Jahren konnten wir etwas Beeindruckendes auf die Beine stellen. Es ist erst 37 Jahre her - 1972 - dass Hannah und ich auf Wunsch des 16. Karmapa und mit seinem Segen heimgeschickt wurden, um all dies hier mit euch zusammen zu starten. Aber schaut mal, wie wir uns rund um die Welt nützlich machen, wie viele wir jetzt sind und wie wenig Spaltungen, Druck oder ernst zu nehmende Schwierigkeiten wir in unserer Arbeit hatten. Es war aber nicht nur immer alles Verdienst - es kamen auch viele gute Bedingungen von außen zusammen:
Nie zuvor gab es so viele idealistische und gut ausgebildete Menschen wie heute und nie war man sich der Geschichte und der Fehler, die weltweit gemacht werden, so bewusst wie heute. Nie zuvor hatten die Menschen in der freien Welt einen so reichen Zugang zu den Lehren Buddhas wie heutzutage - dank der Streamings, dem Internet und der ganzen Technik. Es scheint, dass alle guten Bedingungen zusammenkamen, damit wir vielen im freien Teil unserer Welt menschliche Werte, Tiefe und dauerhaftes Glück vermitteln können.
Wir alle sollten uns im Umgang mit der Welt als der erste Buddhist vorstellen, dem jemand begegnet und damit als Buddhas Botschafter. Unser Verhalten wird entscheiden, wie derjenige in Zukunft über Buddhismus redet und denkt. Deswegen sollten wir verständlich und als gute Beispiele auftreten. Also als nicht langweilig, nicht steif, keine Fachidioten sein, sondern lebende Beispiele von Menschen, die Tag und Nacht alle Seiten des Lebens für menschliches Wachstum verwenden, für zeitlose Werte und um Erfahrungen zu ernten, auf die Verlass ist.
Wir haben also großes Glück, dass wir innerhalb so weniger Jahre einerseits die Lehren treffen und sie hier einführen konnten und dass es uns andererseits dabei gelang, die Verbindung dahin zu halten, wo das alles herkommt: Zentralasien und der Himalaya. Das ist soeben durch unsere höchsten Lehrer hier im Europazentrum bewiesen worden.
Das war übrigens nicht immer einfach. Zu Beginn wollte man uns oft nicht verstehen. Es gab einige Mönche aus einem Land westlich von hier, die unseren Stil nicht mochten. Trotz Hannahs unermüdlicher Arbeit, haben mehrere unserer östlichen Lehrer wohl erst vor kurzer Zeit verstanden, dass, wenn es eine Zukunft für Buddhismus - insbesondere für den Diamantweg - geben soll, das ist, was wir tun.
Es war nicht immer leicht, alles jovial zu halten, während wir die Leute ausfilterten, die nicht zu uns passten, vor allem indem wir keineswegs versuchten, uns „heilig" oder politisch korrekt zu benehmen, was wir nicht sind. In unserem Austausch Tag und Nacht sind wir sehr offen und dadurch konnten Menschen mit einer gleichen Sicht, einem ähnlichen Geschmack für das Leben und entsprechendem Streben nach letztendlichen Werten uns finden. Sie wurden von unserer Echtheit angezogen, schlossen sich uns an und begeisterten wiederum ihre Freunde.
Lasst uns also diesen kostbaren Yogi-Geist lebendig halten. Diese Kraft und Freude, die in uns arbeitet, die Freundschaft, die dieses Wachstum geschehen lässt, dieser offene, spielerische und freudvolle Geist ist unser Markenzeichen und unsere Prägung. Dechen - höchste Freude, Detong - Raum und Freude untrennbar. Diese beiden Erfahrungen sind Ziel und Ergebnis unserer Arbeit.
Wir alle sind also Vertreter des Diamantwegs und deswegen sollen wir überzeugend sein. Weil jeder von uns in seinem Leben zahllose Menschen beeinflussen wird. Wir sollten nicht steif oder fanatisch sein, nicht versuchen Leute zu überzeugen, sondern klar sehen, auch dahin gehend, was an Menschen zu uns kommt: Die Zorn- Typen erkennen, die sich im Stuhl zurücklehnen und überzeugt werden wollen. Oder die Verwirrungs-Typen, denen man die gleichen Dinge immer wieder sagen muss. Oder die bei uns häufigen Begierde-Typen, die alles hören wollen, aber vieles schnell wieder vergessen. So bekommen die Meistmöglichen ein erstes Vertrauen in ihre Buddha-Natur und können allmählich ihrem Karma und ihrem Selbstvertrauen die Möglichkeit schenken, eine Ebene der echten Erfahrung zu erlangen.
Wie gesagt: wir haben die besten Wurzeln. Wenn wir sterben, werden vier Dinge geschehen. Zuerst kommen all die unterbewussten Eindrücke hoch, weil der Geist keine weiteren Sinneseindrücke mehr empfängt. Danach verweilt man höchstens sieben Wochen in Zwischenzuständen. Trägt man dabei vor allem Neigungen wie Anhaftung und viel Begierde in sich und hat zusätzlich ein paar gute Dinge getan, wird man danach als Mensch wiedergeboren. Hier sind die Unterschiede in der Erfahrung von Glück sehr riesig, und nur in den westlichen Demokratien sind Freiheit, Ausbildung und ein soziales Netz so ausgebaut, dass eine volle menschliche Entwicklung befördert und nicht begrenzt oder gestoppt wird.
In solchen Ländern wie hier geboren zu werden, was höchstens jeder Zehnte schafft und noch dazu Buddhas Lehren begegnen und verstehen zu können, ist auf allen Ebenen das bestvorstellbare Karma. Hier muss man nicht gegen schwere kulturelle Einengung kämpfen, die in hohem Maße in den 60er-Jahren verschwanden, sondern man genießt hier ein weites Feld, um vieles zu tun und ein wirklich bedeutendes Leben zu führen. Deswegen können wir mit ihnen den Diamantweg teilen. Wer völlig unterdrückt, unglücklich und unterernährt usw. lebt, hat dazu keinen Zugang.
Also können und sollten wir das Meistmögliche von den letztendlichen Lehren verwirklichen und auch weitervermitteln. Das gilt auch für andere: Können und mögen die Menschen fliegen, sollten wir die Flugzeuge der höchsten Sichtweise schenken. Geht das nicht, schaut man, ob sie durch die Vereinigung von Mitgefühl und Weisheit geschickt fahren können und müssen sie scheinbar laufen, sollten wir auch die besten Schuhläden kennen. Wir sollten also aufmerksam sein, auf welchen Ebenen und mit welchen Fähigkeiten die Menschen uns begegnen können und durch welche Wege sie Vertrauen in ihre Buddha-Natur bekommen können. Ich lade euch hier zu etwas Großem ein, nämlich: das bewusst zu tun. Unterbewusst tut ihr es sowieso schon, denn ihr genießt es, wenn unsere Zentren wachsen. Aber es gibt noch die Ebene zu verstehen, dass jeder von uns Buddhas Botschafter ist. Unser Benehmen bestimmt für viele Menschen ihre Möglichkeit, auf letztendliche Belehrungen eingehen zu können und sich dadurch zu befreien und zu erleuchten. Es liegt wirklich in unserer Hand. Jeder von uns zählt jetzt. Mehr als je zuvor ist es wichtig, wie wir uns verhalten, was wir tun, unsere Fähigkeit, Menschen Dinge zu erklären, die sie verstehen können, sie richtig einzuschätzen und ihnen in allen nur möglichen Weisen zu helfen. Darum dreht sich alles.