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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 48, (Frühjahr 2010)

Das Wesen unserer Praxis

Hannah Nydahl kommentiert ein Vajra-Lied des 5. Shamar Rinpoche

Vajra-Lieder sind Belehrungen in poetischer Form und ein Ausdruck von Verwirklichung. Der Ausdruck "Vajra-Lied" bedeutet aber nicht, dass diese Belehrungen gesungen werden müssen. In unserer Linie ist vor allem Milarepa dafür berühmt, denn von ihm gibt es sehr viele Belehrungen in dieser Form.
Dieses Lied des 5. Shamarpa stammt aus einer Sammlung von Liedern der wichtigsten Lehrer der Kagyü-Linie, die unter dem Titel "The Rain of Wisdom" auf Englisch erschienen ist.

In der Kagyü-Schule spricht man von den Linienhaltern "Schwarze-Krone-Karmapa" und "Rote-Krone-Karmapa", wobei letzterer der Shamarpa ist, denn der Name "Shamarpa" bedeutet "Mann mit der Roten Krone". Unter den Linienhaltern der Kagyü-Schule waren die Shamarpas diejenigen, die am frühesten diese Funktion zwischen den Karmapas innehatten, und bis zum 10. Shamarpa waren dann meistens sie die Halter der Linie. Die Karmapas und Shamarpas hatten immer eine sehr nahe Verbindung, waren manchmal sogar in der gleichen Familie geboren. Ihre Funktion als Linienhalter war, die Lehren zu halten und gegenseitig ihre Wiedergeburten zu finden. Das ist auch für uns heute sehr wichtig, denn unser 17. Karmapa Thaye Dorje wurde vom derzeitigen Shamarpa gefunden und anerkannt.
Wenn man über die große Güte des mitfühlenden Jetsün Mikyö Gal1 nachdenkt,
So gibt es keinerlei Bezugspunkt, um ihre Ursachen und Bedingungen zu sehen,
Und doch entstand innerlich die Verwirklichung der Belehrungen der drei Fahrzeuge.

In dieser Weise preist Shamarpa Könchog Yenlag zu Beginn seinen Lehrer, den 8. Karmapa Mikyö Dorje. Dieser sei erleuchtet, sagt er, und jenseits von Ursache und Wirkung, also jenseits davon, einen Bezugspunkt zu haben. Wenn man noch in Dualität gefangen ist, so wie wir, hat man immer einen Referenzpunkt. Aber Shamarpas Lehrer, der Karmapa, ist jenseits davon, weil er erleuchtet ist.

Ich bin kein Beispiel, zu dem man aufschauen kann,
aber meine Vorbereitungen für das dauerhafte Ziel führten doch zum Gelingen.

Shamarpa sagt, dass er selbst zwar noch nicht erleuchtet sei, aber dass er sich nach Kräften bemüht. (Hannah lacht)

Zuerst schaute ich voller Hoffnungen auf dieses Leben,
Aber mitfühlende Methoden machten es nützlich für das nächste Leben.

Er habe verstanden, sagt er, dass es nicht ausreicht, sich für dieses Leben alle möglichen Dinge zu wünschen, sondern dass man zum Wohle anderer Wesen über dieses Leben hinaus denken muss.

Als ich jung war, hörte ich spirituellen Freunden zu,
Aber nun, da meine Jugend vergangen ist, ist mein Ziel verwirklicht.
Ich analysierte immer wieder pedantisch die Texte,
Aber als dann die Erfahrung in mir entstand, erkannte ich worum es wirklich geht.

Man beginnt, indem man lernt, was ein kostbarer Menschenkörper ist, was die Vergänglichkeit aller Dinge bedeutet, was relative und absolute Wahrheit ist usw. Wenn man dann auch meditiert, wird dieses Verständnis mehr und mehr zu einer Erfahrung und bleibt nicht bloße Theorie.

Obwohl ich unrechtmäßig von den Spenden an meinen Lama lebte,
Entstand eine große Menge Verdienst, die mich und andere vollständig befreit.

Der 5. Shamarpa war ein naher Schüler des 8. Karmapa und "profitierte" auch von der Nähe zu seinem Lehrer. In Tibet wurde traditionell immer davor gewarnt, dem eigenen Lehrer physisch zu nah zu sein. Wenn man in den inneren Kreis des Lehrers kommt, nimmt man auch am Essen und anderen Dingen teil. Dadurch kann es geschehen, dass die Verbindung zum Lama zu etwas Alltäglichem wird und man vergisst, wie wertvoll er ist. Solch eine Situation könnte zu Hindernissen führen.
Auf diese Belehrung bezieht sich Shamar Rinpoche hier. In seinem Fall, sagt er, war jedoch der Nutzen der Situation für ihn trotzdem größer.

Für lange Zeit war ich dauerhaft in Gesellschaft,
Aber nun sind sie zu dauerhaften spirituellen Freunden geworden.
Die Schüler, die zu mir aufblicken,
Wurden nicht mit Lügen und Heuchelei in die Irre geführt.
All die Mönche, die sich um Lernen und Nachdenken bemühen,
Schafften viele Ursachen für Befreiung in die höheren Bereiche.

Da sein Lehrer Karmapa ein solch gutes Beispiel gab, kann Shamarpa nun seine eigenen Schüler so anleiten, so dass auch sie Nutzen haben werden. Seine Schüler entwickeln sich auf dem Pfad und die guten Eindrücke, die sie in ihrem Geist ansammeln, werden ihnen in der Zukunft eine Hilfe sein.

Die großen Meditierenden widmen sich der vollständigen Ruhe,
Aber sie wissen auch, wie sie jemanden in der Disziplin der höchsten Weisheit anleiten können.

Hier spricht der 5. Shamarpa über den Unterschied zwischen Shine- und Lhaktong-Meditation. Shine-Meditation heißt, den Geist zu beruhigen und zu konzentrieren. Bei Lhaktong andererseits geht es um die Entwicklung von Weisheit.
Es gibt viele geistige Disziplinen, nicht nur buddhistische, in denen man lernt, in tiefer Meditation zu verweilen und seinen Geist zu kontrollieren. Aber diese Methoden zum Erlangen von geistiger Ruhe allein sind nicht befreiend. Auf unserem buddhistischen Pfad hingegen durchlaufen wir eine Entwicklung, indem wir zuerst den Geist unter Kontrolle2 bringen und ihn dann befreien, indem wir seine wahre Natur erkennen3.

So wie Meteor-Eisen aus der Mitte des Himmels fällt,
Regnen Segnungen aus der Mitte unvorstellbarer Güte.

Inmitten unserer Entwicklung spüren wir den Segen. Je mehr wir uns öffnen und je mehr wir praktizieren, umso mehr Segen werden wir erfahren. Das ist nicht nur eine Geschichte über irgendetwas, das weit weg von uns ist, sondern etwas, das uns wirklich berührt und das wir selbst in unserer Praxis erleben. Niemand muss uns etwas darüber erzählen, denn wir spüren das selbst.

Wenn der Baum des Festhaltens und der Begriffe an der Wurzel abgeschnitten wird,
Werden alle Erscheinungen wie Dunst.
Das kann man nicht durch absichtliche Bemühung erreichen,
Es ist eher das mitgefühlsvolle Spiel des Zusammenkommens, das unergründlich ist.

Echte Erfahrungen werden wir machen, indem wir all unsere Ideen und Konzepte loslassen. Je weniger Konzepte wir haben und je mehr wir fähig sind, sie hinter uns zu lassen, umso authentischer wird unsere Erfahrung werden.
Man kann diese Entwicklung nicht erzwingen, denn die echten Meditationserfahrungen entstehen als natürliches Ergebnis unserer Praxis. Je angestrengter wir sie erzeugen wollen und je mehr wir an Vorstellung haften, wie sie sein sollten, je mehr wir sie in einer bestimmten Weise haben wollen, desto mehr halten wir sie von uns fern. Der einzige Weg, die echten Erfahrungen zu bekommen, ist, zu praktizieren und keine spezifischen Ergebnisse zu erwarten. Wir machen einfach nur die Praxis und dann - wenn wir es am wenigsten erwarten - ist die Erfahrung plötzlich da!

Als Praktizierende kennen wir das alle: Je verspannter wir in unserer Praxis sind und je mehr wir etwas tun wollen in der Meditation, umso weniger eigentliche Meditationserfahrung werden wir haben. Worum es also geht ist, das richtige Gleichgewicht zu entwickeln: Entspannung, aber zugleich auch nicht einschlafen.
Wir machen einfach nur unsere Praxis, ohne Erwartungen daran zu haben. Einfach jeden Tag regelmäßig praktizieren, ob es interessant ist oder nicht, das ist die Weise, wie dann die Ergebnisse kommen werden. Die eigentliche Erkenntnis, die Befreiung, kann nicht erzwungen werden, sie kommt mühelos.

Ich verstehe das als das Mitgefühl der alten Vater-Kagyüs,
Und vor allem verstehe ich es als das Mitgefühl des Liebevollen.

Shamarpa Könchog Yenlag dankt der Übertragungslinie dafür, dass es möglich ist zu meditieren, denn ohne die Übertragung gäbe es die Methoden nicht mehr. Buddha lebte vor 2500 Jahren, und wenn es bis heute keine lebendige Übertragung gegeben hätte, könnten wir nicht meditieren. Vielleicht hätten wir ein paar verstaubte Bücher, aber nichts Lebendiges. Nur die Übertragung macht es möglich, wirklich die Methoden und den Segen zu bekommen.
Dieser Vers stammt zwar aus dem 16. Jahrhundert, aber es gilt genauso für uns heutzutage: Wenn die Übertragung damals aufgehört hätte, was wäre heute noch übrig? Das zeigt uns die Bedeutung der Übertragung und wie glücklich wir uns schätzen können, dass sie noch immer da ist und dass wir die Verbindung dazu haben. Diese Dankbarkeit bleibt immer bei einem.

Zuerst einmal weiß ich, dass die Welt der Phänomene voller
Vergänglichkeit und Leiden ist und doch fürchte ich sie nicht.

Wir haben zwar das Glück, dass die Übertragung noch da ist. Aber sie ist vergänglich, wie alles andere auch. Wir müssen die Übertragung also hier und jetzt nutzen.

Obwohl ich dann den Nutzen von Befreiung in die höheren Bereich kenne,
So erhoffe ich mir diese nicht.

Shamarpa sagt hier, dass es nicht genug ist, nur eine gute Wiedergeburt zu erlangen. Es geht auf unserem Weg darum, sich zu entwickeln um anderen helfen zu können, also um mehr als nur eine angenehme Wiedergeburt, die uns nicht die Möglichkeit zur Verwirklichung gibt.

Schließlich bin ich - obwohl die fühlenden Wesen,
unsere alten Mütter, zahllos sind - nicht entmutigt,
ihren Nutzen zu verwirklichen.

In diesem Vers geht es um die Bodhisattva-Sicht. Wenn wir das Bodhisattva-Versprechen ablegen, verstärken wir jedes Mal diesen Mut, der damit einhergeht. Das Bodhisattva-Versprechen ist etwas sehr Großes, denn was wir uns hier selbst versprechen ist, so lange zum Wohle aller fühlenden Wesen zu arbeiten, wie es fühlende Wesen gibt. Da ihre Zahl grenzenlos ist, ist das eine immense Aufgabe und man braucht großen Mut, um das zu tun und dabei zu bleiben. Weil die Stärke dieser Einstellung so groß ist, wird ein Bodhisattva im Tibetischen auch als "Held" bezeichnet. Die Bodhisattva- Einstellung bedeutet, dass man wieder und wieder und wieder Geburt annimmt und in der Welt aktiv ist. Es geht darum, so gut man kann, den Wesen zur Erleuchtung zu helfen.
Um die Wesen zu erleuchten, reicht es nicht aus, es nur zu wünschen. Wenn das so wäre, dann wären alle Wesen bereits erleuchtet. Wie viele Buddhas haben das bereits gewünscht! Aber der Wunsch allein reicht nicht aus, es muss auch eine Verbindung geben. Als Bodhisattva gibt man den Wesen all die geschickten Mittel und sät in so vielen Wesen wie möglich den Samen, dass sie selbst den Pfad zur Erleuchtung gehen können.

Ich kenne die Nachteile der Missverständnisse, der Unwissenheit und der Verwirrung,
Deswegen erwacht die Weisheit des Gleichmuts gegenüber Verwirrung und Befreiung.

Was Shamarpa hier sagt bedeutet, dass man sich nicht mehr auf die Ebene der Unwissenheit einlassen soll. Man weiß zwar, wie die Dinge auf relativer Ebene funktionieren und man sieht auch auf welcher Ebene die Wesen stehen - aber zugleich sieht man auch ihre Buddhanatur. Man sieht das Potenzial in jedem Wesen.
Statt sich von manchmal ungünstigen Umständen entmutigen zu lassen, hält man immer eine positive Sicht und versteht, dass jeder das Potenzial für Erleuchtung hat. Wenn man sich all die Wesen, die man kennt anschaut, scheint das Potenzial manchmal weit entfernt zu sein. Aber die Buddhanatur ist in jedem Wesen vorhanden, und deswegen ist es auch möglich sie zu verwirklichen.

Ich hafte an keinerlei persönlichen oder allgemeinen Besitztümern,
Deswegen bin ich ohne Anhaftung und habe die Großzügigkeit des völligen Loslassens perfektioniert.

Hier spricht Shamar Rinpoche über die befreienden Handlungen, die Paramitas. Der Bodhisattva-Weg besteht nicht nur aus Meditation, sondern ein Teil davon ist auch die Bodhisattva-Aktivität. Das gilt auch für uns: Um erleuchtet zu werden und anderen nutzen zu können, reicht meditieren nicht aus, wir müssen das Gelernte auch im Leben anwenden und den Wesen nutzen.
Die grundlegende befreiende Handlung, die erste Paramita, ist Großzügigkeit. Großzügigkeit bedeutet, bereit zu sein mit anderen zu teilen und nichts zurückzuhalten - nicht einfach blindlings zu geben, aber in Verbindung mit Weisheit teilen und geben, was für andere auch wirklich nützlich ist.

Ich fühle keine Aggression, diesen totalen Aufruhr,
Deswegen habe ich natürlicherweise disziplinierte Geduld perfektioniert.

In diesem Vers geht es um eine weitere der befreienden Handlungen4: Geduldig zu sein heißt, dass man sich nicht zu negativen Reaktionen hinreißen lässt. Ganz gleich wogegen man ankämpfen muss und wie Leute einen behandeln: Man hält seine Ebene.
Manchmal muss man vielleicht Dinge tun, die von Außen gesehen zornig wirken, aber man wird dabei niemals wirklich zornig. Ein Bodhisattva kann durchaus viele Dinge tun, die vielleicht von außen gesehen nicht erleuchtet wirken. Aber es gibt eine Sache, die einem Bodhisattva niemals passieren darf - und das ist Hass. Anderen Wesen wirklich etwas Schlechtes zu wünschen, ist in keiner Weise mit der Bodhisattva-Praxis vereinbar. Ein Bodhisattva kann vieles tun, aber das nicht. Ganz gleich was er tut: Die Basis für sein Handeln ist immer Mitgefühl, und darauf aufbauend verwendet er dann geschickte Mittel. Er würde niemals wollen, dass jemand leidet, er hätte niemals Abneigung oder würde Leute von ihrem Glück fernhalten wollen. Das ist tatsächlich das Wichtigste für den Bodhisattva.

Ich verweile im Zustand von Nicht-Meditation und Unzerstreutheit,
Deswegen ist dies Bemühung ohne einen Moment von Faulheit.

Der 5. Shamarpa spricht hier über die befreiende Handlung der "freudigen Anstrengung", also über Fleiß, der auf innerer Freude am guten Handeln beruht. Das bedeutet: Man tut gerne Gutes und wird deswegen niemals müde davon. Man sagt niemals "Genug", sondern macht immer weiter.

Die Bewusstheit der wirklichen Wahrheit verlässt mich nicht,
Deswegen ist durch Meditation die Weisheit völlig rein geworden.

Shamarpa Könchog Yenlag hat tatsächlich die Ebene von Weisheit verwirklicht, auf der man jenseits von Dualität gegangen und fähig ist, die Reine Sicht zu halten.5

Störende Gefühle sind ihrem Wesen nach ursprünglich nicht existent,
Und ich sehe die ursprüngliche Reinheit des Dharmadhatu.

Die Weisheitsnatur ist allem innewohnend und das bedeutet, dass selbst die Störgefühle diese Qualität haben. Sobald wir die wahre Natur der Störgefühle erkannt haben, werden sie zu Buddha-Weisheiten, denn ihre Weisheitsnatur ist bereits da. Diese letztendliche Qualität ist "Dharmadhatu".

Deswegen verstehe ich, dass die Erleuchtungsfaktoren und all die guten Qualitäten
Des Reifens und der Befreiung spontan entstehen.
Wie der Wunsch erfüllende Baum und die gute Vase
Werden all die guten grundlegenden Qualitäten mühelos als Frucht erlangt.

Die Qualitäten, die sich auf unserem Weg entwickeln und in der Erleuchtung voll manifestieren werden, sind jetzt bereits alle vorhanden. Man muss sie nicht von irgendwo holen, denn als Potenzial wohnen sie uns bereits inne. Worum es einzig und allein geht ist, all die Schleier zu entfernen, die uns daran hindern, dieses Potenzial zu erfahren. Es ist nichts Neues, das wir von woanders bekommen müssten. Weil wir die Buddha-Natur haben und den Pfad praktizieren, ist das Ergebnis, dass sich ihre Qualitäten manifestieren.

Die begriffslose Buddha-Aktivität der Frucht
Entsteht unerschöpflich, um die Wesen zu zähmen.

Wenn wir das Resultat erreicht und Erleuchtung erlangt haben, dann entfaltet sich spontane Buddha-Aktivität. Ein Buddha macht keine Pläne, er überlegt nicht "Wie helfe ich anderen?". Sein Handeln ist eine spontane Aktivität entsprechend der Bedürfnisse der Wesen und sie ist immer richtig. Das ist das Resultat der Praxis, all der Wünsche für die Wesen und der befreienden Handlungen. Die Buddha-Aktivität der Erleuchtung manifestiert sich automatisch in jeder Handlung, die für andere hilfreich ist.

In der primitiven Gegend des barbarischen Mön geboren
und zu einem alten Mann geworden in vielen Ländern,
Ist es unsicher, in welchem Land ich sterben werde.
Ich bin ein alter Mann namens Könchog Yenlag.

Shamarpa spricht hier über sich selbst und nennt sich einen "alten Mann", obwohl er zu der Zeit, als er dieses Lied verfasste, eigentlich noch gar nicht so alt war.

Wenn ich über das Zusammentreffen von Umständen
in der Welt nachdenke, werde ich zutiefst traurig.
Alle früheren Handlungen sind wie ein Traum.
Die gegenwärtigen Gedanken sind wie flackernde Lichter.
Pläne für die Zukunft sind wie das Schließen der Augen am Rand eines Abgrundes.

Wenn ich all solche Pläne untersuche,
Weiß ich nicht, was zu tun ist, und mein Geist verwirrt sich.
Nichtsdestotrotz verstehe ich die Essenz dieses unfassbaren Geistes
Als den Weg von allem Samsara und Nirvana.

Was ist nun der Nutzen all des Denkens und Untersuchens?
Lass' Körper und Geist gelöst im entspannten Zustand des Nicht-Handelns,
Jenseits von Gedanken und Worten ist dieser frische Geist Paramita,
Die höchste Mutter all der Siegreichen der drei Zeiten.

Hier spricht Shamarpa wieder über sich als Praktizierenden und schaut darauf, was in der Welt vor sich geht. Für ihn ist es wie ein Traum, aber die gewöhnlichen Wesen halten all das Geschehen in der Welt für wirklich.
Worauf wir abzielen, ist Praxis auf einer Ebene, auf der unser Geist im Zustand der Verwirklichung ist und wir jenseits all unserer Ideen und Konzepte gehen können.

Die eine Wahrheit wird durch 100 Ausdrücke aufgezeigt,
Sie ist die wesentliche Natur die durch 100 Zeichen gelehrt wird.
Das ist die wundervolle Praxis, die von 100 Methoden geleitet wird,
Obwohl man 100 Pfade geht, kommt man genau hier an.

In diesem Vers geht es darum, wie man all die Qualitäten auf dem Bodhisattva-Weg entwickelt.

Diesen innewohnenden Juwel des Geistes,
Habe ich durch die Güte des Gurus als meine eigene Natur erkannt.
So wächst meine Begeisterung für die essenzielle Wahrheit des höchsten Fahrzeuges.


Zusammengefasst ist alles die Güte des Lamas.
Obwohl es unmöglich ist, diese Güte zurückzuzahlen,
Schenke ich mit Begeisterung Körper und Besitz von mir und anderen
Sowie das Beste an überall begehrten Dinge.

Shamarpa preist wieder seinen Lehrer, da er durch dessen Güte praktizieren konnte und die Resultate erlangte. Das ist der Kern unserer Praxis: Diese Verbindung zum Lehrer zu haben, sie zu halten, sie wertzuschätzen und ihr zu folgen. Dadurch können wir uns weiterentwickeln.

Bitte nimm sie als eine unbefleckte Wolke von Geschenken an.
Nachdem du sie angenommen hast, mögen ausnahmslos alle Wesen, die meine Mütter waren,
Im reinen Dharmadhatu-Land von Abhirati untrennbar von Mikyö Dorje werden.
Gib deinen Segen, damit für alle Wesen gleichermaßen der Nutzen verwirklicht wird.

Shamar Rinpoche endet damit, dass er den Verdienst allen fühlenden Wesen widmet und er dankt seinem Lehrer, dem 8. Karmapa Mikyö Dorje.

Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Detlev Göbel und Claudia Knoll
Dank an Christian Bösel-Hamke für die Hilfe bei der Übersetzung der Verse

1 Shamarpas Lehrer, der 8. Karmapa Mikyö Dorje
2 Durch die Meditation der Geistesruhe (tib. Shine, skt. Shamata)
3 Durch Einsichts-Meditation (tib. Lhaktong, skt. Vipashyana)
4 Der 5. Shamarpa scheint in diesem Vers die zweite und die dritte Paramita kombiniert zu haben, also "sinnvolle Lebensführung" (oft auch als "Disziplin" übersetzt) und "Geduld".
5 Shamarpa erwähnt hier die fünfte und die sechste Paramita - Meditation und Weisheit - in einem Vers zusammen, mit Schwerpunkt auf Weisheit.


Hannah Nydahl (1946 - 2007)
war eine der gefragtesten Übersetzerinnen aus dem Tibetischen ins Englische, Deutsche oder Dänische. Die Hälfte des Jahres übersetzte sie für Lamas am Karmapa International Buddhist Institute (KIBI ) in New Delhi, Indien, wo sie sowohl an der Übersetzung zahlreicher buddhistischer Texte beteiligt war, als auch die Reisen hoher Lamas der Karma-Kagyü Linie organisierte.
Die andere Hälfte des Jahres reiste sie mit ihrem Mann Lama Ole Nydahl um die Welt. Besonders wegen ihrer Arbeit als Sprecherin und Vertreterin für die buddhistische Übertragung der Tibeter wurde sie später oft "Mutter des Buddhismus" genannt.
Hannah und Ole Nydahl wurden 1969 die ersten westlichen Schüler des 16. Gyalwa Karmapa, dem Oberhaupt der tibetisch-buddhistischen Karma-Kagyü-Tradition. Nach einigen Jahren der Ausbildung im Himalaya bat er die beiden, den Buddhismus in den Westen zu bringen.
Seit 1972 verbrachten beide ihr Leben mit Reisen und Lehren und mit dem Gründen von weltweit über 600 Meditationszentren.