Aus: Buddhismus Heute Nr. 48, (Frühjahr 2010)

Belehrungen zur Dharma-Praxis

Von Sherab Gyaltsen Rinpoche

Was ihr zur Praxis der Lehren von Buddha bereits von Lama Ole Nydahl an Belehrungen erhalten habt, gehört zum Besten, was man dazu bekommen kann. Darüber hinaus hat heute Gyalwa Karmapa selbst über liebevolle Güte und Mitgefühl gelehrt und darüber, wie man diese Lehren praktiziert.

Ihr habt auch darüber gehört, wie man Guru-Yoga und das Mahamudra übt. Zu all diesen sehr guten Belehrungen kann ich nicht viel hinzufügen, ich möchte aber ein wenig über die eigentliche Praxis sprechen.

Wir haben jetzt den so genannten "kostbaren Menschenkörper", nämlich einen menschlichen Körper, mit dem wir das Dharma hören und verstehen können. Wir haben auch die Möglichkeit, das Dharma - von den Grundübungen bis hin zu den Hauptübungen - in die Praxis umzusetzen. Diese glückverheißende Situation entstammt eben der so genannten kostbaren menschlichen Existenz.

Manche religiöse Traditionen sagen, dass man einen menschlichen Körper ohne Ursache bekommt, dass es spontan geschieht. Andere Traditionen wiederum sagen, dass uns der menschliche Körper von einem mächtigen Gott gegeben wurde. Wenn dieser froh ist, gibt er uns einen Menschen- oder Götter-Körper, und wenn er unfroh ist, lässt er uns leiden. Einige Menschen, die keinerlei Religion oder philosophischen Sicht anhängen, sagen, dass der menschliche Körper aus der "weißen Essenz des Vaters und der roten Essenz der Mutter" - also aus Sperma und Ei - entsteht.

Aus buddhistischer Sicht entsteht der Menschenkörper aber weder ohne Ursache, noch wird er von einem mächtigen Gott gegeben, noch entsteht er ausschließlich aus der weißen und roten Essenz unserer Eltern. Er entsteht aus unseren früheren Handlungen, aus Karma. Etwas geschieht als Resultat einer früher gesetzten Ursache. Wir wissen nicht, wie unser letztes Leben war, also was für einen Körper wir hatten, wo wir lebten usw. Aber aus der Tatsache, dass wir jetzt diesen guten Menschenkörper haben, können wir schließen, dass wir schon früher einen Menschen- oder Götter-Körper hatten, mit dem wir die entsprechenden Ursachen angesammelt haben.

Was sind nun die Ursachen für den menschlichen Körper, aus welchen Handlungen in früheren Leben entsteht er? Es heißt, dass er das Ergebnis von gutem Verhalten ist. Ohne dieses ist es sehr schwer, einen Menschenkörper zu bekommen. Wenn wir zum Beispiel ein sehr schönes Feld und ausreichend Wasser, Dünger usw. hätten, aber keinen Samen pflanzen würden, dann könnten wir keinen Sprössling, geschweige denn eine Frucht erhalten. Sobald wir jedoch einen Samen gesetzt haben, hängen Qualität und Menge der Früchte nur von unserer Anstrengung ab. Mit viel Mühe werden wir eine gute Ernte mit hervorragenden Früchten bekommen. Bei weniger Arbeit wird die Ernte geringer ausfallen. Aber sobald der Same gepflanzt ist, wird es unausweichlich zu einer Frucht kommen.

Wir können uns jetzt zwar nicht an unsere früheren Leben erinnern, aber die Tatsache, dass wir jetzt einen kostbaren Menschenkörper erlangt haben, ist ein Zeichen dafür, dass wir schon in früheren Leben auf der Grundlage eines Menschen- oder Götter-Körpers fähig waren, die entsprechenden Ursachen zu setzen, nämlich eine positive und sinnvolle Lebensführung zu üben.
Wir können unsere zukünftigen Leben nicht direkt sehen. Aber was in Zukunft geschehen wird, wird durch die guten und schädlichen Handlungen, die wir gerade jetzt ausüben, geprägt sein. Wenn wir jetzt uns auf der Grundlage unseres menschlichen Körpers anstrengen und uns in gutem Verhalten bemühen, uns mit Buddhas Lehren vertraut machen und gute Eindrücke aufbauen, werden wir wieder als Mensch oder in einem Götterbereich wiedergeboren werden.

"Positive, sinnvolle Lebensführung" (tib. tsültrim), um einen kostbaren Menschenkörper zu erlangen, bedeutet nicht unbedingt, dass man Novize oder Mönch werden muss. Man kann auch das Zufluchts-Versprechen nehmen oder die Versprechen eines Laien-Praktizierenden oder die sieben unterschiedlichen Versprechen über 24 Stunden, wie man sie zum Beispiel für die Nyungne-Praxis verspricht. Wenn man es wünscht, dann ist es natürlich gut eine Novize oder voll ordinierter Mönch zu sein. Aber auch andere Arten der sinnvollen, positiven Lebensführung - zum Beispiel so wie gerade beschrieben - führen zu einer vorzüglichen Wiedergeburt als Mensch.

Weil wir in früheren Leben positiv handelten, haben wir nicht nur diesen menschlichen Körper erlangt, wir sind zudem auch dem Dharma begegnet, den Lehren Buddhas. Wir sind, wie es wörtlich genannt wird, "durch das Tor des Dharma getreten", sind einem Lama begegnet und haben Zuflucht genommen. Dabei wurden uns ein paar Haare abgeschnitten und wir haben einen buddhistischen Namen bekommen. Das alleine wäre aber noch gar nicht so nützlich. Das Wichtige bei der Zuflucht ist, dass sich unser Geist auf die Lehren ausrichtet. Um unseren Geist auf den Pfad auszurichten, ist es gut, sich an die Qualitäten der Zuflucht, der "Drei Juwelen", zu erinnern. Dann entwickelt man tiefes Vertrauen zu ihnen.

Wenn man aber nur denkt, dass man die Drei Juwelen "mag", klingt das sehr gut, ist aber nicht, was mit Vertrauen gemeint ist. Es deckt nicht die volle Definition von Vertrauen ab, denn man muss auch einen guten Grund kennen. Man muss ein Verständnis für die hervorragenden Qualitäten der Drei Juwelen entwickeln. Das ist die Methode, um tiefes Vertrauen entstehen zu lassen. Es geht darum, die Qualitäten des Buddhas, die Qualitäten seiner Lehren, des Dharma, und die Qualitäten der Freunde auf dem Weg, der Sangha, zu verstehen.

Diese Qualitäten sind zwar grenzenlos, aber man kann sie erfassen, wenn man an das Zitat "Der Buddha ist der fehlerlose, unübertreffliche Lehrer" denkt. Es bedeutet, dass der Buddha einmal damit anfing, Wünsche zu machen, um Erleuchtung zum Wohle aller Wesen zu erlangen, also den Erleuchtungsgeist entwickelte. Danach sammelte er über drei Weltzeitalter Weisheit und gute Eindrücke an und wurde dadurch schließlich ein Buddha. Er sagte, dass wir Befreiung erlangen können, indem wir dem Pfad folgen, den er uns gezeigt hat. Er ist derjenige, der uns diesen Pfad gezeigt hat, und das ist eine Qualität des Buddhas, die wir verstehen sollten.

Über drei Äonen sammelte Buddha Weisheit und Verdienst an. Er gab alles auf, was aufzugeben ist, tat alles, was zu tun ist, verwirklichte alles, was es zu verwirklichen gibt und nahm schließlich die Geburt an, in der er sich als Buddha manifestierte. Bis er 24 Jahre alt war, lebte er in seinem Palast und nahm dann eine Art spontane Ordinierung, ohne einer Gemeinschaft anzugehören. Danach begann er mit der Praxis, und das ist der Hauptpunkt. Sechs Jahre lang praktizierte er am Ufer des Neranja-Flusses und nahm in dieser Zeit nur einen Tropfen Wasser und ein Korn jeden Tag zu sich. Er praktizierte unter sehr harten Bedingungen.

Buddha zeigte uns, wie man praktiziert. Um den vollen Nutzen aus seinen Belehrungen zu ziehen, reicht es nicht aus, sie nur anzuhören, wir müssen sie auch in die Praxis umsetzen. Buddha lehrte, dass wir seinem Beispiel folgen sollen, und wenn wir die unermesslichen Qualitäten des Juwels "Buddha" in dieser Weise verstehen und aus der Tiefe unseres Geistes Vertrauen dazu haben, dann werden wir Freude an der Praxis haben.

Das zweite Juwel ist das Dharma, die Lehren Buddhas. Es heißt, sie sind "der unübertreffliche Schutz ist Buddhas Lehre", denn sie können uns sowohl vor zeitweiligen als auch vor letztendlichen Problemen und Ängsten schützen. Weil sie diese Fähigkeit haben, werden sie "unübertrefflicher Schutz" genannt. Durch das Verständnis und das Vertrauen in diese Qualität wird unsere Freude an der Praxis zunehmen.

Das dritte Juwel ist die Sangha, unsere Freunde auf dem Weg und es heißt "Der unübertreffliche Führer ist die Sangha". Unser Lehrer ist unser unübertrefflicher Führer, er gibt uns Anweisungen, Zuflucht, Erklärungen zu den Grundübungen, zum Großen Siegel und zu vielen anderen Praktiken. Der Lama hilft uns die ganze Zeit, unsere Praxis weiterzuentwickeln. Wenn wir Probleme in unserer Praxis haben, helfen uns all die Dharma-Freunde, und aus diesem Grunde ist dieses Juwel wie ein Führer, der uns aus Samsara heraus in ein Reines Land leitet. In dieser Weise sollten wir den Lehrer und die Freunde auf dem Weg als unübertreffliche Führer sehen.

Es heißt, dass man im Zusammenhang mit dem Geheimen Mantra, dem Diamantweg-Buddhismus, auch sagen kann, dass die Drei Juwelen im eigenen Wurzel-Lama, dem Hauptlehrer, enthalten sind.

Marpa zum Beispiel reiste dreimal zu seinem Lehrer, dem Gelehrten und Verwirklicher Naropa, nach Indien. Eines Tages ließ Naropa sehr früh morgens sehr klar und brillant die Form des Buddha-Aspektes Hevajra mitsamt seinem Palast und all den anderen Aspekten am Himmel erscheinen. Naropa sagte zu Marpa: "Dein Yidam ist erschienen, du solltest dich verbeugen und auch ich werde das tun". Marpa kam schnell herbei und Naropa fragte ihn: "Verbeugst du dich erst vor dem Yidam oder dem Lama?" Marpa dachte: "Den Lama sehe ich die ganze Zeit, aber nun zum ersten Mal den Yidam. Also sollte ich mich schnell vor dem Yidam verbeugen". Naropa zog die Erscheinung des Yidam, des Palastes usw. in sein Herzzentrum und sagte zu Marpa: "Ohne ihre Lamas gäbe es nicht einen der 1000 Buddhas. Sie alle wurden durch ihre Lehrer zu Buddhas. Auf der Grundlage ihrer Lehrer haben sie Bodhicitta entwickelt, drei Äonen lang Weisheit und Verdienst angesammelt und sind schließlich zu Buddhas geworden. Der Yidam, den du gerade gesehen hast, ist eine Ausstrahlung von mir".

Marpa bedauerte sein Verhalten, fühlte sich nicht gut und dachte: "Ich habe einen Fehler gemacht. Normalerweise stelle ich mir, wenn ich auf meinen Yidam meditiere, immer meinen Lama über ihm vor, denn ich erhielt alle Ermächtigungen und Anweisungen von meinem Lehrer." Es heißt, dass dieses Ereignis mit dem Ende seiner Familien-Linie zusammenhing. Marpa hatte zwar sieben Söhne, aber seine Familienlinie wurde nicht fortgeführt. Seine Dharma-Linie verbreitete sich dennoch sehr breit.

Das war eine sehr kurze Erklärung zu den Qualitäten der Drei Juwelen. Nachdem wir diese verstanden haben, sollten wir Vertrauen in sie entwickeln. Man spricht von drei Arten des Vertrauens: Das "strahlende, voll entwickelte Vertrauen", das "Vertrauen des Wunsches" und das "Vertrauen der Überzeugung."

Das "strahlende, freudvolle Vertrauen" bedeutet, dass man sich wirklich gut fühlt, wenn man zum Beispiel zu besonderen Pilgerstätten, Meditationsplätzen oder Klöstern kommt. Man freut sich, wenn man Darstellungen von Buddhas Körper, Rede und Geist sieht, zum Beispiel Stupas und Statuen. Man freut sich sehr, wenn man die Lebensgeschichte eines Lamas oder des Buddha liest. Man denkt dann: "Ich möchte wieder und wieder dorthin gehen oder die Geschichte lesen". Oder man trifft einen Lehrer und empfindet große Freude und außergewöhnliches Vertrauen und möchte ihn immer wieder treffen.

Das "Vertrauen des Wunsches" bedeutet, dass man versteht, der Buddha-Zustand ist etwas sehr Gutes, denn er befreit mich von allen Arten des Leidens und der Probleme. Es ist ein Zustand, in dem ich Freude und Glück erlebe. Man versteht, dass es ein sehr guter und nützlicher Zustand ist, und man möchte ihn erlangen. Auf Grundlage der Anweisungen des eigenen Lehrers strebt man ihn voller Energie an.

Das "Vertrauen der Überzeugung" bedeutet vor allem, dass man Vertrauen in Ursache und Wirkung hat. Es ist das Vertrauen, dass aus guten Handlungen positive Resultate entstehen und dass schlechte Handlungen zu Problemen und Leiden führen. Mit diesem Vertrauen versteht man genau, welche Ursache zu welchem Resultat führt und versucht dann, sich entsprechend zu verhalten und zu praktizieren.

Wenn wir diese drei Arten von Vertrauen und ihre Qualitäten verstehen und dann in "Buddhas Lehre eintreten", dann werden wir die letztendliche Art von Vertrauen gewinnen, ein unveränderliches Vertrauen. Indem man auf diesem Verständnis beruhend zuerst Vertrauen in die Drei Juwelen entstehen lässt und dann in Buddhas Lehre eintritt, wird man unerschütterliches Vertrauen erlangen und dadurch in der Lage sein, seine Praxis in diesem Leben zu vervollkommnen. Wenn man nicht dieses auf richtigen Begründungen beruhende Vertrauen hat, könnte es passieren, dass man sich einen Monat oder ein Jahr lang sehr enthusiastisch mit Buddhas Lehre beschäftigt, sie dann aber wieder aufgibt, weil sie einem keine Freude mehr macht. Dann geht man vielleicht zu einer anderen Tradition, so wie die Leute im Westen oft einen anderen Partner suchen. Einige bleiben einen Monat oder ein Jahr zusammen, gehen dann aber wieder. Manche haben sogar zwei oder drei Kinder und trennen sich dann. (Rinpoche lacht.)

Wenn man aber Vertrauen und Offenheit in der richtigen Weise entstehen ließ, dann wendet sich der Geist den Lehren Buddhas zu. Man bekommt von seinem gütigen Lama Anweisungen, zum Beispiel über die Praxis der Grundübungen oder über die Meditation auf Buddha-Aspekte. Ihr alle verwendet ja solche Praktiken und deswegen möchte ich kurz darüber sprechen, wie man sie übt:

Fortsetzung im nächsten Heft

Aus dem Tibetischen ins Englische von Jim Rheingans, ins Deutsche von Claudia Knoll und Detlev Göbel  


Sherab Gyaltsen Rinpoche

Sherab Gyaltsen Rinpoche wurde 1950 in Manang in Nepal geboren. Rinpoche trägt den seltenen Titel eines Maniwa, den man nur bekommt, wenn man andere dazu gebracht hat, mehr als eine Milliarde Mal das Mantra OM MANI PEME HUNG zu rezitieren. Er gilt als Experte für die Praxis auf "Liebevolle Augen". Schon als Kind war Rinpoche außergewöhnlich mitfühlend und lernte auch sehr schnell. Rinpoche wurde in Rumtek vom 16. Karmapa zum Mönch ordiniert und erhielt dort seine buddhistische Ausbildung. Später praktizierte er unter der Leitung von Bokar Rinpoche das Drei-Jahres-Retreat.

 Sherab Gyaltsen Rinpoche ist in Nepal sehr bekannt und aktiv. Einige seiner Projekte dort sind:
- Sherab Gyaltsen Rinpoche hat das alte Kloster Karma Dubgyu Choeling in Pokhara wieder aufgebaut und dort sieben Jahre lang gelebt.
- Auf Einladung der Manang-Gemeinschaft in Kathmandu übernahm er die Verantwortung für deren Kloster beim Swayambhu-Stupa. Dort hält er jährliche Zeremonien ab, bei denen im ersten Monat des tibetischen Jahres 100 Millionen Mani-Mantras rezitiert wurden. Dabei nehmen regelmäßig mehr als 2000 Menschen von überall in Nepal teil. In den mittlerweile 22 Jahren, in denen dies stattfand, wurden insgesamt 15 Milliarden Manis gesammelt.
- Seit 22 Jahren praktizieren in jedem 9. Monat des tibetischen Jahres - um den Feiertag Lhabab Düchen - ungefähr 800 Menschen in Nepal unter der Leitung von Rinpoche acht Nyungnes, die Fastenmeditation auf den 11-köpfigen Liebevolle Augen.
- Seit 20 Jahren praktiziert Rinpoche mit Tausenden von Schülern jeden Juli die Rezitation von Guru Rinpoche-Mantras im Kloster der Manang Society bei Swayambhu. Ebenfalls jeden Juli praktiziert er mit Tausenden von Schülern Langlebens-Puja und -mantras in der Braka Gompa bei Swayambhu.
- 1994 begann Rinpoche den Bau des Nonnenklosters Karma Ngedön Ösal Chökhor Ling beim Swayambhu-Stupa. Das Kloster wurde im Jahre 2000 fertig gestellt und zurzeit studieren und praktizieren dort 100 Nonnen.
- Sherab Gyaltsen Rinpoche gibt zum dritten Mal Erklärungen für die Praktizierenden des Drei-Jahres-Retreats im Karma-Kagyü-Retreatzentrum in Pharping im Kathmandu-Tal. Es steht unter der Leitung von Shamar Rinpoche.

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