Aus: Buddhismus Heute Nr. 48, (Frühjahr 2010)

Die buddhistisch-tibetische Medizin

Eine Einführung von Anna Elisabeth Bach

Anna Elisabeth Bach organisierte und betreute zusammen mit dem buddhistischen Zentrum in Linz im September 2009 die Ausstellung "Buddhistische Tibetische Heilpflanzen". Dies ist einerseits eine neue Aktivität, die Menschen den Kontakt zu Diamantweg-Buddhismus ermöglicht, andererseits bekommen die Besucher der Ausstellung alleine durch das Betrachten des heilenden Kraftkreises des Medizinbuddhas und der zu seinem Mandala gehörenden Heilpflanzen einen Segen. Bei großer Offenheit ermöglicht dieser die direkte Heilung von Körper und Geist.

Allgemeines
Die buddhistisch-tibetische Medizin ist ein ganzheitliches Heilsystem, das Körper, Rede und Geist einschließt. Dieses System beinhaltet die Informationen und Erfahrungen von Jahrtausende altem Wissen aus dem Himalaya. Es trägt auch die Einflüsse von anderen Kulturen wie Griechenland, Persien, Kaschmir, frühes Afghanistan, Ladakh, Nepal, Sikkim, Bhutan, China und Indien. Die buddhistisch-tibetische Medizin ist eine aktive Wissenschaft, die ohne Unterbrechung von dem Lehrer auf den Schüler bis in unsere heutige Zeit weitergegeben wurde und noch immer weitergegeben wird. Die grundlegende Philosophie dieses Heilsystems ist der Buddhismus.

Geschichte und Quellen
Buddha Shakyamuni (563-483 v. Chr.), der in Indien den Buddhismus verbreitete, gab diese Medizin-Übertragung an verschiedenen Stellen an seine damaligen Schüler weiter. Er lehrte darüber in der Nähe des heutigen Bodhgaya (Bihar/Indien) im "Wald der Medizin", in Varanasi, Udhiyana (heutiges Afghanistan) und anderen Orten in Indien. Die Wissenschaft der Medizin (tib. sowa rigpa) wurde von den buddhistischen Meistern in einer ununterbrochenen Übertragungslinie weitergegeben, unter anderem durch Manjushri, Jivaka, Saraha, Nagarjuna, Chandrabiananda, Bibyi Gahbyed und Belha Gahdzesma (auch Bimala Lhatse), Vaghbata I, Vaghbata II, Yuthog Yönten Gönpo den Älteren, Shantarakshita und Padmasambhava.
Der indische Meister Padmasambhava (tib. Guru Rinpoche) war es, der den Buddhismus und gleichzeitig die buddhistische Medizin-Übertragung im 8. Jahrhundert nach Tibet brachte und dort lehrte. Seine tibetische Gefährtin Yeshe Tsogyal unterstützte ihn dabei. Einige Quellen berichten, dass schon im 2. Jahrhundert die erste buddhistische Medizin-Übertragung nach Tibet gelangte. Es wird von vier Medizin-Übertragungen gesprochen, zwei frühe Übertragungen im 2. Jahrhundert durch Bibyi Gahbyed und Belha Gahdzesma und im 8. Jahrhundert durch Padmasambhava und Yuthog Yönten Gönpo, den Älteren, (708-833 n. Chr.), und zwei spätere Übertragungen im 11. Jahrhundert durch Atisha und im 13. Jahrhundert durch Yuthog Yönten Gönpo den Jüngeren. Der Himalaya und Tibet waren seit frühester Geschichtsschreibung bekannt als das "Land der Heilkräuter", die Gesundheit und langes Leben geben. Die Menschen, die dort lebten, entwickelten schon vor Tausenden von Jahren eine eigene Medizin-Tradition. Es wurden schamanistische Rituale praktiziert und Tiere geopfert, um Wohlergehen und Heilung für die damalig dort lebenden Menschen und Tiere zu erlangen. Durch die Einführung des Buddhismus in Tibet gingen diese Gebräuche und Riten immer mehr zurück und die Menschen änderten ihr Verhalten. Der Buddhismus wurde als grundlegende Philosophie eingeführt. Dies führte dann zu einer tiefgreifenden Veränderung, die alle Bereiche des Lebens umfasste. So entstand die buddhistisch-tibetische Medizin.

Philosophie
Die Ursache für jegliches Ungleichgewicht oder Disharmonie im Erfahren der Lebewesen liegt im Geist. Nicht-Wissen (tib. marigpa) ist die Quelle und Grundlage für jedwedes Leiden, sei es nun geistig oder körperlich. Aus diesem Nicht-Wissen heraus entsteht die Illusion, dass ein "Selbst" oder "Ego" existiert und infolgedessen entstehen die drei großen Gefühle oder Emotionen Anhaftung, Abneigung und Verwirrung. Dies führt dann zu Leid.
Buddha Shakyamuni hat dies erkannt und Methoden gelehrt, wie dieses Leid überwunden und transformiert werden kann. Das Resultat wird Erleuchtung genannt. Sie wird erlangt durch die praktische Anwendung der buddhistischen Belehrungen und der Methoden, Meditation und Verhalten im Leben.
Es gibt einen Grundlagen-Text, in dem exakt definiert ist, was Gesundheit ist: Geist und Körper in Harmonie. Und was ist Krankheit? Geist/Erleber und Körper sind in Disharmonie. Weiterhin erklärt der Text die Maßnahmen, um wieder Harmonie herbeizuführen und das letztendliche Ziel zu erlangen, die Erleuchtung. Dieser Grundlagen-Text - die "Vier Tantras" (tib. gyü zhi) - enthält die Essenz der buddhistisch-tibetischen Medizin.

Überblick über das buddhistisch-tibetische ganzheitliche Heilsystem

I) Grundlegende Ursachen

  • Nicht-Wissen
  • das Selbst/Ego und
  • die großen Emotionen:
    Anhaftung, Wind-Energie-Prinzip
    Abneigung, Galle-Energie-Prinzip
    Verwirrung, Schleim-Energie-Prinzip

Die drei Prinzipien Wind, Galle und Schleim erhalten die Harmonie/Gesundheit, können aber auch Disharmonie/Krankheit in Körper und Geist erzeugen. Der Geist beeinflusst den Körper und der Körper beeinflusst den Geist. Dieses Wechselspiel kann Leid, Disharmonie und Krankheit - aber auch Glück, Harmonie und Gesundheit - verursachen.

II ) Nähere Ursachen

  • Verhalten mit Körper, Rede und Geist
  • Ernährung
  • Jahreszeiten und Klima
  • Störenergien und Umwelteinflüsse

Buddhistisch-tibetische Heilpflanzen im Himalaya
Die Pflanzen-Medizin ist mit dem Medizin-Buddha verbunden. Seinen Belehrungen zufolge ist alles, was wir auf dieser Erde in der Natur finden können, Medizin. Dies ist leider heutzutage nicht mehr der Fall, denn viele Pflanzen sind schon verschwunden oder sterben aus, und kostbares Wissen über die Heilkraft der Pflanzen ist über die Jahrtausende verloren gegangen. In den buddhistischen Texten wird weiterhin erklärt, dass viele Bodhisattvas - befreite Lebewesen, die sich auf dem Erleuchtungsweg befinden - in früheren Zeiten starke Wünsche zum Wohle der Wesen ausgesprochen haben. Sie wünschten, sich in der Weise zu manifestieren, dass sie zum höchstmöglichen Wohlergehen der Lebewesen, Mensch oder Tier, Nutzen bringen werden. All die Liebe und das Mitgefühl, die Weisheit und die Kraft der Buddhas werden in drei Aktivitäten verkörpert:

  • "Liebevolle Augen" (skt. Avalokiteshvara, tib. Chenresig)
  • "Weisheitsbuddha" (skt. Manjushri, tib. Jamyang)
  • "Diamant in der Hand" (skt. Vajrapani, tib. Channa Dorje)

In der buddhistischen Tradition wird zum Beispiel erklärt, dass die Tränen des "Weisheitsbuddha" auf die Erde fielen und aus diesen Tränen eine spezielle Art von Heilpflanze geboren wurde. Sie hat die Größe einer Hand und viele gelbe Blüten. Die Blüten halten viele Tropfen, die nicht austrocknen, auch wenn die Sonne direkt über ihnen steht.
Die gleiche Erklärung gibt es für die Aktivität des Bodhisattva "Liebevolle Augen": Dessen Tränen fielen, verursacht durch das Leiden der Menschen, ebenfalls auf die Erde und aus ihnen entstand eine spezielle weiße Heilpflanze, die einer der kostbaren Bestandteile der buddhistisch-tibetischen Medizin ist. Die Tränen des Bodhisattva "Diamant in der Hand" erzeugten eine dunkelblaue Heilpflanze, die dicker und stärker als die beiden vorgenannten Heilpflanzen ist.
Es wird auch die Geschichte eines Bodhisattvas erzählt, der an Lepra erkrankt war und immer wieder krank wurde. Als er sah, dass die Zeit seines Todes gekommen war, hatte er den starken Wunsch, dass aus seinen körperlichen Überresten in der Erde viele Heilpflanzen wachsen mögen, die in der Lage seien, Lepra zu heilen. Mit seinem Fleisch segnete er speziell die Arura-Heilpflanze, wodurch sie die gleiche Kraft und Stärke wie Fleisch hatte, und mit seinen Knochen segnete er die Ruta-Heilpflanze. Diese Pflanze sieht wie ein Knochen aus.

Des Weiteren gibt es eine sehr nutzbringende und einfach anwendbare Erklärung aus der "Superlativen Medizin" oder der "Sechs Könige der Medizin" (tib. zang men). Diese Kräutermedizin oder Aromatische Medizin arbeitet mit den sechs Hauptorganen in unserem Körper:

  • Muskatnuss für das Herz
  • Bambusmark oder Erd-Chun für die Lungen
  • Safran für die Leber
  • schwarzer Kardamom für die Milz und den Magen
  • weißer Kardamom für die Nieren
  • Nelke für einen Teil unseres Energiesystems (tib. tso tsa),
    worin das Bewusstsein wohnt. Es ist verbunden mit dem Geist und kann Glück oder Leid erfahren.

Es gibt eine Vielfalt von Erklärungen nach den buddhistischen medizinischen Texten, und es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wollte man näher darauf eingehen. Der interessierte Leser findet weitere fachspezifische Bücher und Schriften im Internet unter unserer Website http://www.buddhaheilpflanzenlinz.org/literatur.html


Anna Elisabeth Bach
Wurde 1995 Budddhistin, Schülerin von Lama Ole Nydahl und Lopön Tsechu Rinpoche. Seit 1998 Erfahrungen im Himalaya, speziell Nepal, und Studium der buddhistisch-tibetischen Medizin. Seit 2002 Fach-Reiselehrerin für Medizin-Buddha. Aktivität je zur Hälfte in Europa und Himalaya. Gründete 2003 die Diamondway Buddhist Group Swayambhu in Kathmandu/Nepal.

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