Aus: Buddhismus Heute Nr. 48, (Frühjahr 2010)

Buddhismus in Ost und West

Ein Interview mit Shamar Rinpoche

Sind für Westler bestimmte Aspekte des tibetischen Buddhismus besonders geeignet oder wichtig?

Heutzutage sind buddhistische Gruppen sowohl aus den Traditionen Tibets als auch dem Mahayana und dem Theravada sehr verbreitet und gut organisiert. Die Gelugpa-Schule hat viele Bücher übersetzt und Westler haben begonnen, den Buddhismus genauso zu studieren, wie es die Lamas in Tibet taten. Sowohl in den USA als auch in Europa studieren Westler den vollständigen Buddhismus und sie werden gut darin ausgebildet.

Wir sehen also, dass die buddhistischen Lehren wirklich für jeden sind, und dass Osten oder Westen keine Bedeutung mehr hat. Es gibt keine Lehren, von denen wir sagen könnten, dass sie für Westler mehr oder weniger wichtig wären.
Natürlich unterscheiden sich die westlichen Gesellschaften und Sprachen von denen des Ostens. Früher haben wir deswegen einige spezielle Belehrungen aus dem buddhistischen Schatz herausgegriffen, die für die Westler in dieser Zeit gut funktioniert haben. So zum Beispiel die Belehrungen darüber, welche Handlungen Glück und welche Leid bringend sind, um zu verhindern, dass man sich schlechtes Karma schafft und schlechte Wiedergeburten bekommt. Auch was die Meditation angeht, die man verwendet, um Erleuchtung zu erlangen, wurden früher nur bestimmte Aspekte gelehrt. Früher haben wir das vereinfacht, aber das ist jetzt nicht mehr nötig. Heute kann jeder alles studieren.

Alle Lehren sind also wichtig und können von westlichen Praktizierenden verstanden werden. Aber sollten sich Westler in ihrer Praxis auf bestimmte Aspekte konzentrieren? Zum Beispiel mehr auf Hingabe oder auf Mitgefühl, auf Mut, auf Weisheit oder andere nützliche Qualitäten?
Westler sollten mit ihrem Ego arbeiten. In westlichen Gesellschaften gibt es sehr viel Ego, mit dem man arbeiten kann. Ganz gleich was man im Dharma lernt - es wird immer auch das Ego dabei sein, auch wenn man es selbst nicht bemerkt. Wenn dieses Ego überwältigend stark ist, dann wird das Dharma nicht funktionieren.
Vielleicht ist es die Folge der Schulausbildung oder der Weise, wie Kinder von den Eltern groß gezogen werden. Es verhindert auf jeden Fall, dass man den Unterschied zwischen Selbstsicherheit und Ego erkennt.

Das ist also etwas, das Westler lernen müssen?
Ja. Zuerst einmal muss das Dharma sehr gut erlernt werden. Aber dann muss auch mit dem Ego und dem Stolz gearbeitet werden. Ich will jetzt nicht verallgemeinern, aber ich kann sagen, dass ich eine ganze Reihe westlicher Dharma-Praktizierender gesehen haben, die sich zwar als Gelehrte, Meditierende oder Verwirklicher bezeichnen, aber von ihrem Stolz überwältigt sind. In einem solchen Fall wird man sich nicht weiterentwickeln, sondern es wird noch schlimmer werden. Wenn das eigene Ego und der Stolz zu stark sind und man das nicht bemerkt, dann wird das Dharma, das man gelernt hat, nicht funktionieren. Es wird nicht das bewirken, was man braucht. Mit Stolz gibt es keine Verwirklichung, sondern nur Niedergang.
Deswegen betone ich gegenüber Westlern, die das Dharma lernen, besonders vorsichtig zu sein, um nicht von Stolz überwältigt zu werden. Der Unterschied zwischen Stolz und Selbstsicherheit scheint im Westen nicht so klar zu sein.

Könntest du uns den Unterschied erklären?
Stolz ist, wenn man denkt "Ich bin so großartig!". Wenn man selbstsicher ist, denkt man "Ich habe etwas gelernt und ich habe es verstanden". Man ist sich dessen sicher. Das ist alles.

Ist das denn in Tibet oder Nepal anders als im Westen?
Buddhisten in Tibet oder Nepal kennen den Unterschied, weil er in den Belehrungen so deutlich erklärt wird. Das Dharma erklärt ganz klar, was Stolz und was das Ego ist. In Tibet sagen wir "Wenn man Stolz hat, ist man wie ein rollender Stein". Ein rollender Stein kann keine Feuchtigkeit annehmen. In gleicher Weise heißt es im Dharma: Wenn man von Stolz überwältigt ist, kann man nicht die Dharma-Qualitäten entwickeln.

Ist nicht die Motivation hier sehr wichtig?

Ja, man muss sich selbst überprüfen. Es geht nicht um dieses Gefühl von "Ich bin so großartig", sondern darum, die Praxis zu erlernen. Wenn man sie gelernt hat, bekommt man Selbstsicherheit.

Einige buddhistische Lehren konzentrieren sich auf das Leiden. Es gibt Menschen, die davon unglücklich und sogar deprimiert werden.
Ich denke, dass dies geschieht, wenn man zu dünnhäutig ist und die westlichen Kulturen tragen vielleicht dazu bei, denn selbst kleine Wunden sind hier ein großes Problem.

Es gibt sehr viele gute Dinge in den westlichen Kulturen, aber zu viel Betonung auf die Empfindsamkeit der Leute zu legen gehört nicht dazu. Das führt nur dazu, dass man unfroh und deprimiert wird, anstatt mehr Mitgefühl zu entwickeln.
Buddhisten verstehen, dass der Geist viel Raum hat und dass deswegen alles kein großes Problem ist. Indem man das Dharma anwendet, bekommt man es in den Griff, denn es hängt einzig und allein von einem guten Verständnis des Dharma ab. Ein hilfreicher Studientext hierzu ist zum Beispiel Nagarjunas "Brief an einen Freund".

Heutzutage gibt es viele Lehrer mit unterschiedlichen Stilen. Sie geben unterschiedliche Belehrungen und Übungen, wie zum Beispiel bei den Grundübungen (tib. Ngöndro). Einige Praktizierende gehen auch zu verschiedenen Lehrern und bekommen verschiedene Lehren. Was hältst du davon?
Der Stil ist eine Frage des persönlichen Geschicks des Lehrers, aber in Buddhas Dharma gibt es eigentlich gar nicht so etwas wie "verschiedene Lehren". Die Belehrungen, die man bei den Kagyüs, Gelugpas, Nyingmapas und Sakyapas lernt, haben den gleichen Ursprung. Es stehen zwar viele Themen, unter denen man wählen kann, zur Verfügung, aber die Lehren selbst sind nicht verschieden.
Der Schatz des Dharma enthält sehr viele Lehren. Dharma ist auch, wenn ein Lehrer sagt "Mach keine Grundübungen, sondern eine andere Praxis", es hängt davon ab, wer für wen was heraussucht. Die Lehrer wählen etwas aus den Lehren des Dharma, den Lehren Buddhas, aus.
Es gibt verschiedene Arten der Grundübungen, des Ngöndro. So gibt es zum Beispiel auch ein Ngöndro in der Nyingma-Praxis. In der Kagyü-Tradition gibt es Praktiken wie "Oh Diamant" (skt. Hevajra), "Buddha Höchste Freude" (skt. Chakrasamvara) und "Rote Weisheit" (skt. Vajrayogini), und jede von ihnen hat ein eigenes Ngöndro. Auch das Kagyü-Lodjong ("Geistestraining") hat ein Ngöndro. Wenn man innerhalb der Kagyü-Mahamudra-Praxis auf einen Buddha-Aspekt (tib. Yidam) meditiert, muss man das Ngöndro machen. Vor der Hauptpraxis gibt es immer ein Ngöndro. Deswegen sollten alle Praktizierenden überall ihre Grundübungen abschließen.

Auf einen Anfänger kann das alles sehr verwirrend wirken ...
Deswegen erwähnte ich zu Anfang, dass heutzutage westliche Menschen das Dharma ebenso studieren wie die Mönche in Tibet. Wenn man in dieser Weise alles studiert, wird man nicht verwirrt sein. Verwirrung ist nur die Folge von fehlendem Wissen oder Verständnis.

Und die Übungen?
Ihr werdet selbst entscheiden, welche Übung für euch passt. Manchmal sucht man auch zuerst einen qualifizierten Lehrer und entscheidet sich dann, seinen Anweisungen zu folgen. Ihr entscheidet: Entweder sucht ihr euch erst eine Übung aus und wählt dann einen Lehrer, oder ihr entscheidet erst, wer euer Lehrer sein soll und folgt dann seinen Anweisungen.
Die meisten tibetischen Praktizierenden - insbesondere die Mönche, die Buddhismus studieren - folgen keinem Lehrer, wenn er nicht entweder sehr gut im Dharma ausgebildet oder ein großer Meditierender ist. Unter Umständen gehen sie zum Lernen zu einem akademisch gut ausgebildeten Lehrer, aber danach werden sie überprüfen, ob er auch in Meditation qualifiziert ist. Wenn nicht, dann suchen sie nach einem Meditierenden.
Es kann auch vorkommen, dass sie einen Lehrer finden, der sowohl das akademische Wissen als auch die Meditationserfahrung hat. Aber sie müssen auf jeden Fall einen Lehrer finden, der Meditation praktiziert - ganz gleich ob er auch akademisch geschult ist oder nicht. Sie würden niemals einen Lehrer akzeptieren, der weder akademische noch meditative Erfahrung hat.

Der Lehrer muss also auf jeden Fall Meditationserfahrung haben?
Meditation steht an erster Stelle, ihr wird Priorität gegeben. Die Tibeter wissen Bescheid, denn sie haben die Informationen, weil sie zur gleichen Kultur gehören und die gleiche Sprache teilen. Deswegen können sie korrekte Informationen über den Hintergrund eines Lehrers bekommen. Für Westler ist das verständlicherweise schwierig.

Heutzutage haben die meisten Dharma-Praktizierenden ein sehr geschäftiges Leben mit Arbeit, Familie usw. Was wäre deiner Meinung nach die beste Weise, wie sie die Meditation und die Lehren verwenden können?
Nun, das hängt vom Geist der jeweiligen Person ab. Eine Möglichkeit wäre, eine einfache Ebene des Dharma zu lernen, zum Beispiel was Glück und Leid bringende Handlungen sind. Man entscheidet sich, mit den Leid bringenden aufzuhören und stattdessen Verdienst anzusammeln, zum Beispiel durch Großzügigkeit. In dieser Hinsicht tut man dann soviel man kann.
Wenn man dann im Sinn hat, Erleuchtung erlangen zu wollen, gibt es dafür Methoden wie die "Meditation der Geistesruhe" (tib. Shine, skt. Shamatha) und die "Meditation der Einsicht" (tib. Lhaktong, skt. Vipashyana).
Anderenfalls kann man auch die Praxis des "Buddha des Grenzenlosen Lichtes" (skt. Amitabha, tib. Öpame) verwenden, um im Reinen Land von Buddha Amitabha wiedergeboren zu werden. Eine solch einfache Dharmapraxis ist okay für den einzelnen.

Und wenn Menschen in ihrer Praxis tiefer gehen wollen?
Dann braucht man mehr Zeit und Zurückziehungen. Selbst ein oder zwei Retreats sind vielleicht nicht genug. Man muss viel tun und über lange Zeit.

Ist das individuell oder gilt es für jeden?
Allgemein ist es für alle gleich ... außer man ist wie Gampopa1.

Kannst du zum Abschluss noch etwas über die Zukunft des Karma-Kagyü-Buddhismus sagen?
Lehren ist sehr gut. Ebenso Dharma-Aktivität zu organisieren, buddhistische Zentren und Retreatzentren zu errichten. All das ist gut für die Zukunft. Mit guten Leuten, die hart arbeiten, sieht die Zukunft strahlend aus.

1 Gampopa hatte schon in früheren Leben die 10. Bodhisattvastufe erlangt und brauchte nur relativ wenig Meditationspraxis


Shamar Rinpoche
Shamar Rinpoche ist der zweithöchste Lehrer der Karma-Kagyü-Linie. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, so dass er auch zu dem Beinamen "Rothut-Karmapa" kam. 1959 verließ Shamar Rinpoche aufgrund der chinesischen Invasion sein Heimatland Tibet an der Seite des 16. Karmapa.
Bis 1979 erhielt er im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa. Seitdem reist er durch die ganze Welt und lehrt den Diamantweg-Buddhismus.
Vor allem seiner Aktivität ist es zu verdanken, dass 1992 die 17. Inkarnation des Karmapa, Thaye Dorje, gefunden und nach Indien in die Freiheit gebracht werden konnte, wo er jetzt unter seiner Leitung ausgebildet wird.
In früheren Ausgaben der "Kagyü Life" und "Buddhismus Heute" wurde Shamar Rinpoche mit verschiedenen bei hohen tibetischen Lehrern üblichen Titeln vorgestellt.
Auf seinen Wunsch hin (siehe seinen Brief auf seiner Website www.shamarpa.org) wird er in Zukunft nur noch "Shamar Rinpoche" genannt werden.

Dieses Interview wurde von Tasso Kallianiostos am 28.9.2008 in Virginia/USA für die amerikanische "Buddhism Today" geführt, und veröffentlicht in Ausgabe 23 in 2009.
Mit freundlicher Genehmigung von Buddhism Today

Aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll


Das neue Buch von Shamar Rinpoche:
The Path to Awakening
In The Path to Awakening gibt Shamar Rinpoche einen ausführlichen Kommentar zu Chekawa Yeshe Dorjes "7 Punkte des Geistestraining". Chekawas Text beruht auf den Lehren des Geistestraining (tib. Lodjong), die im 11. Jahrhundert von Atisha nach Tibet gebracht wurden. Shamar Rinpoches Kommentar erklärt die innere Bedeutung der "7 Punkte" von Chekawa. Es ist sowohl ein Führer zu einem erfülltem Leben als Buddhist als auch ein umfangreiches Handbuch für Meditationstechniken.


Verlag: Motilal Banarsidass, (1. November 2009)
ISBN -10: 812083450X, € 14 (zuzügl.Versandkosten)
Zu bestellen bei: Bodhi Path, Kaierstr. 18, 77871 Renchen-Ulm
www.bodhipath-renchen-ulm.de