Aus: Buddhismus Heute Nr. 47, (Sommer 2009)

Ost-Tibet - Zurück zu den Urspüngen, Teil 2

Von Maria Przyjemska

Nach dem Erfolg unserer vorherigen Expedition im Jahre 20071, auf der wir Beispiele der wahren Übertragung und Dharma-Aktivität in Ost-Tibet gefunden hatten, und den Erben einer der größten Kagyü-Yogis in der Geschichte des Himalaya begegnet waren, waren wir 2008 bereit für mehr. Noch einmal machten wir uns - diesmal mit zwei neuen Freunden - auf den Weg nach Kham.

Chengdu, 14.09.2008

Heute endlich verlassen wir China und wir begeben uns tiefer hinein in tibetisches Territorium. Wegen der Freiheitsdemonstrationen wurde leider die Reiseroute, die uns von der letztjährigen Expedition wohlbekannt war und die durch das Herz Khams führt, für Ausländer gesperrt. Um die betreffenden Regionen zu umgehen, nehmen wir den Zug nach Ziling in Amdo im Nordosten Tibets.
Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Sichuan, unser üblicher Ausgangspunkt, hat sich sehr verändert seit Lama Ole und Hannah in den 1980-er Jahren hier waren: krank in einem Hotel aus grauem Beton festsitzend und in all die fiesen Fratzen des asiatischen Kommunismus blickend.
Was ist nur aus den ernsten Genossen geworden, die sich so sehr dem Erfolg der Revolution verschrieben hatten! Der Chinese des neuen Jahrtausends ist ein Individuum, ausgestattet mit moderner Technologie und voller Konsumfreude auf die vielfältigen Produkte des stolzen, neuen Reiches. Als Gegenleistung dafür ist er der Partei treu ergeben - er gibt sich damit zufrieden, nichts zu wissen. Warum sollte man auch mehr wollen, wenn es immer "Brot und Spiele" gibt (und das ist in diesem Jahr sogar ganz wörtlich gemeint :-)

Xining, 15.09.2008

Wir befinden uns in Ziling (chin., Xining) in der Nähe des berühmten Kokonor-Sees auf 2200 Metern Höhe, immer noch vergleichsweise niedrig für diesen Teil der Welt. Ziling liegt in der ethnisch tibetischen Provinz Amdo und war einmal ein bedeutender Stützpunkt an der Seidenstraße durch Zentralasien.
Die Großstadt Xining und andere Städte der Region werden überwiegend von Han- und den muslimischen Hui-Chinesen bewohnt und verwaltet. Wir vermissen den rauen, unbeugsamen Geist der Khampas und ihre unvergleichliche Kultur. Deshalb entscheiden wir uns nach Repkong aufzubrechen, das etwa eine 4-Stunden- Fahrt mit dem Bus von Ziling entfernt liegt. Repkong ist vor allem wegen der lebendigen Gemeinschaften der sogenannten Ngagpas interessant. Ngagpas sind professionelle Praktizierende, die kein Zölibat gelobt haben, sondern in ihr Familien- und Alltagsleben eingebunden sind, ihre Haare lang tragen und häufig ihre lokalen Gemeinden als Lamas und Ärzte betreuen. Oft führen ihre Söhne oder Töchter ihre Linie weiter.

Repkong hat eine 600 Jahre alte Ngagpa-Tradition und es leben heute ca. 2000 Ngagpas in der gesamten Provinz. Wir sprechen mit einem ruhigen, jungen Mann, einem Nyingma-Praktizierenden, der voll des Lobes für seinen Vater ist, der sich gerade in einer geschlossenen Zurückziehung in der Nähe befindet. Der Einsiedler könne sich unsichtbar machen und sowieso bereits seit seiner Kindheit die Zukunft der Menschen vorhersagen, obwohl er behauptet, kein Tulku zu sein. Sein Lama wiederum hatte den Regenbogenkörper während der Zeit der Kulturrevolution erlangt. Die Geschichte seiner Verwirklichung zeigt, wie lächerlich die Bürokratie von Maos Regime war: der Yogi verschwand, aber seine Leiche wurde nie gefunden. Und so vermerkten die Beamten in der Chronik, in der das Leben und die Taten jedes Bürgers dokumentiert werden mussten: "Schicksal unbekannt".

Jyekundo, 19.09.2008

Wir sind zurück in Kham! Woher kommt unser persönliches Interesse für diesen Teil Tibets? Erstens: hier hat unser westlicher Diamantweg- Buddhismus seine Wurzeln. Dieser ist ein Ergebnis der tiefen Verbindung zwischen unseren Lamas Ole und Hannah und deren osttibetischen Lehrern, die meist in Übertragungen stehen, die sich größtenteils hier in Kham entwickelt haben. Zweitens scheint es, dass der verwegene Mut und der unbeugsame Charakter der Khampas dazu beigetragen haben, dass viele wichtige Belehrungen die chinesische Besatzung und die Kulturrevolution überdauern konnten.
Auf unserer letzten Reise nach Ost-Tibet trafen wir viele außergewöhnliche Praktizierende. Einige von ihnen beeindruckten uns, weil sie nicht nur besonders fest entschlossen waren, Erleuchtung zu erlangen, sondern auch der Welt in punkto Segen und Verwirklichung bereits etwas Konkretes zu bieten hatten. Dieses Jahr sind wir wieder hier, um mehr darüber herauszufinden und genauer zu untersuchen, was wir bei unserem letztem Besuch gehört haben. Als wir Jyekundo, die größte Khampa-Stadt, erreichen, bemerken wir 20 Militärlastwägen, die gerade die Stadt verlassen. Abgesehen davon, ist die post-olympische Atmosphäre hier ziemlich bedrückend: aufgrund der Freiheitsdemonstrationen wurden große Bereiche von Ost-Tibet für Ausländer gesperrt.
Unsere Versuche, uns an die alten Verbindungen vom letzten Jahr zu halten, scheitern manchmal. Das Hotel, das wir von der letzten Reise kennen, hat sich zum Beispiel in eine Spielhölle verwandelt, und weil die betrunkenen Karaoke-Fans offenbar "vergessen" haben, den Wasserhahn in der Toilette zuzudrehen, wachen wir am letzten Morgen in einer Überschwemmung auf, wie der gute alte Noah.

Nangchen, 01.10.2008

Viele Grüsse aus dem alten Königreich Nangchen, das häufig "Das Reich der Meditierenden" genannt wird, weil es in der Vergangenheit so viele wichtige Yogis hervorgebracht hat. Es ist also nur logisch, dass das Ziel unserer Reise - das abgeschiedene Barom-Kagyü-Retreatzentrum von Lachi - genau im Herzen von Nangchen liegt. Bei unserem vorherigen Besuch dort wurde uns klar, dass wir wiederkommen würden.
Zu diesem Entschluss inspirierte uns ihr Lehrer. Der Repa Tsultrim Tharchin oder "der Verwirklicher", wie ihn die Leute dort nennen, bewohnt eine höhlenartige Hütte in Miniaturausgabe oberhalb seiner Meditationsschule. Er hat das Yoga der "Inneren Hitze" (tib., Tummo) gemeistert, deshalb braucht er nie mehr als ein dünnes Gewand zu tragen. Er selbst hat die Übertragung des Großen Siegels und der Sechs Yogas von Naropa von einem der außergewöhnlichsten Yogis Tibets erhalten: dem "lebenden Milarepa", dem Mahasiddha Karma Norbu.
Es hat sogar den Anschein, als sei Karma Norbu eine Schlüsselfigur für die Fortsetzung der yogischen Praxis in Tibet heute. Wohin wir auch kommen, die am höchsten verwirklichten Lamas und Meditierenden - und längst nicht nur diejenigen, die der Kagyü-Linie angehören - verweisen immer auf eine bestimmte spirituelle Überlieferung von diesem großen Lehrer.
Karma Norbu hatte eine außergewöhnlich starke Verbindung zum 16. Karmapa, der ihm einmal eine weiße Robe schenkte und ihm bestätigte, dass er ein verwirklichtes Wesen sei.
Als Mao den Karmapa nach Beijing einlud, wurde dem Mahasiddha die Aufsicht über Tsurphu anvertraut. Allerdings zog der Yogi damals seine Höhle den Klostermauern und seine Einsamkeit der Gesellschaft wichtiger Leute vor...
Es gibt zahlreiche Erzählungen über Wunder, die er vollbracht hatte. Bei einer Begebenheit war er mit zwei Begleitern unterwegs gewesen, als ein großer Schneesturm über sie hereinbrach. Sie konnten nirgends Schutz finden, aber Karma Norbu wies seine Begleiter an, ihre Köpfe auf seinen Schoß zu legen und deckte sie dann mit seiner Robe zu. Als sie am nächsten Morgen gesund und munter erwachten, sahen sie, dass der Schnee um sie herum geschmolzen war...
Als die Chinesen in Tibet einmarschierten, bat der 16. Karmapa Karma Norbu in Kham zu bleiben und seine Arbeit weiterzuführen. Während der Kulturrevolution hielt sich der Yogi versteckt und lebte in den verschiedenen Höhlen von Kham. Einmal wurde er entdeckt, aber sein asketisches Aussehen rettete ihm das Leben - die Roten Garden sahen in ihm keinen dämonischen Priester, der die Naivität der Dorfbewohner aus Streben nach persönlichem Profit missbrauchte, sondern nur einen alten Mann, der in einem Felsloch hockte. Augenscheinlich stellte er keine ernsthafte Gefahr für die "öffentliche Sicherheit und das Gemeinwohl" dar.
Der "lebende Milarepa" starb in den 1980-er Jahren und hinterließ als Erbe unglaubliche Schüler - und wir haben das gute Karma, einige von ihnen zu treffen.

Jyekundo, 23.10.2008

Als wir im abgelegenen Retreatzentrum von Lachi ankommen, ist der Meister - der Repa Tsultrim Tharchin Rinpoche - nicht anwesend. Der große Lama kommt am nächsten Tag, segnet uns und sagt: "Wir werden viel Zeit zum Reden haben."
Ich bin ziemlich schockiert. Der stumme und unbewegliche Heilige vom letzten Jahr, der noch nicht einmal einen Katak annahm, was jeder andere Lama getan hätte, entpuppt sich doch noch als menschliches Wesen! Natürlich, als wir letztes Mal dort waren, war er in tiefer Meditation versunken gewesen - und wir waren nichts weiter als Wolken, die an seinem Horizont vorbeizogen...
Dieses Jahr war er vom Hauptlama des nahe gelegenen Klosters von Kyodrak, dem großen Saga Rinpoche, gebeten worden, eine  Aktivitätsphase einzulegen und zu lehren, zu reisen, zu segnen und Projekte anzuleiten.
Wir erfahren, dass insgesamt ca. 150 Nonnen in der Retreatgemeinschaft wohnen. Die beiden anderen weiß-gewandeten Repas, die Tsultrim Tharchin unterwiesen hatte, befinden sich in geschlossener Zurückziehung in einer anderen Einsiedelei in der Gegend.
Jeder Tag ist in vier Sitzungen unterteilt (die erste beginnt morgens um 5 Uhr). Natürlich finden wir bei unserem Retreat einfachste Bedingungen in der Hütte vor: Lehmboden, sehr einfaches Essen, keine Dusche, keine Toilette, kein Strom. Die Öfen werden mit Yak-Dung befeuert, dem einzigen verfügbaren Brennmaterial in den waldarmen Regionen Tibets. Am Ende ist unsere Unterkunft von dickem Schnee bedeckt, es tropft heftig durch das Dach und wir müssen Eimer aufstellen und Plastikplanen unter die Decke spannen. Ein Anblick, der unsere tibetischen Gastgeber zutiefst verwundert.
Das ist nicht unbedingt unsere Vorstellung von Urlaub, aber die Nähe zu einem Meister, der mehr über Freude und Freiheit weiß, als es die Schönheit und die Weite des Hochlandes um uns herum offenbaren würden, inspiriert uns.
Rinpoche ist sehr freundlich zu uns. In den ersten Tagen kommt er persönlich zu unserer Hütte, um zu fragen, ob uns irgendetwas fehlt und um uns zu Fragen zu ermutigen. Allerdings besteht er darauf, dass wir für Belehrungen den Berg hinauf zu seiner kleinen, höhlenartigen Hütte kommen sollen.
Das erste Mal, als wir uns auf den Weg nach oben machen, bitten wir ihn darum, vor der Kamera über seinen Lehrer und seinen extremen Lebensstil zu reden. Er hatte nur ein Ziel - in einem einzigen Leben zur völligen Erleuchtung zu gelangen. Die Welt, die er von seiner Höhle aus sieht, unterscheidet sich von unserer: er glaubt an die einsame Suche nach der letztendlichen Vollkommenheit, um dann anderen zu nutzen, wohingegen wir die Methode des "learning by doing" bevorzugen - zum Nutzen anderer aktiv zu sein und dabei gleichzeitig persönliches Wachstum zu erfahren, wie es der 16. Karmapa versprochen hatte.
Seine Ansichten zum Großen Siegel sind ähnlich extrem - alles sollte in Abgeschiedenheit geübt und verwirklicht werden. Wir geben uns Mühe, ihm zu erklären, dass sich unser westlicher Buddhismus noch in der Pionierphase befindet, und dass wir einfach mehr daran interessiert sind, die Belehrungen zu verbreiten und zu verankern, als uns irgendwo im Himalaya auf eine einsame Suche nach Erleuchtung zu begeben, aber unser Gastgeber beharrt auf seiner Meinung.
Das erste Interview findet in beißender Kälte statt. Schnee fällt auf die Seiten meines Notizbuchs, eisiger Wind durchdringt jede Zelle unserer Körper - und der Lama sitzt in seiner dünnen, weißen Robe einfach ganz entspannt da. Aus Versehen berühre ich seine Hand, und ich fühle, wie warm sie ist... Ja, sechs Jahre lang hatte er allein in Höhlen gelebt und kaum etwas gegessen, aber er will nicht viel darüber erzählen, weil es sonst wie Eigenlob klingen würde.
Sein Retreat-Assistent zeigt uns einen deutlichen Handabdruck in der Bergwand. "Der Fels ist so weich heute", soll der Repa gesagt haben, als er seine Hand auf die Oberfläche des Gesteins gelegt hatte. Eine Zeit lang passierte gar nichts, aber dann zeigte sich allmählich der Abdruck einer Menschenhand im Stein...
Als ich um Mahamudra-Belehrungen bitte, verhält sich der Lama wie ein echter Profi bei der Arbeit. Er ist wie ein Arzt, der seine Patientin ganz genau untersucht, um die Ursache ihrer Krankheit zu finden. Ich bin krank - das heißt nicht verwirklicht - und er will mich heilen, indem er mir eine spezielle Belehrung verabreicht, die genauestens auf mein spezielles Leiden abgestimmt ist. Die Untersuchung besteht auch aus Fragen zu meiner Meditationspraxis und zu meinem Verständnis von der Natur aller Dinge (!).
Nach vielen missbilligenden "Nein, Nein" - ich weiß ja, dass es besser ist über meine tatsächlichen Erfahrungen zu reden und nicht darüber, was ich gelesen habe - gibt er mir Medizin. Ich erhalte eine Belehrung in Form einer Frage, die mir in all meinen Aktivitäten und in meinen Meditationen präsent sein soll. Die Antwort auf diese Frage ist das passende Heilmittel für genau das geistige Extrem, das mich davon abhält, die Essenz der Wirklichkeit zu erleben.
Im Lachi Retreatzentrum gibt es auch eine Schule, in der die Kinder lesen lernen. Die kleinen Mönche und Nonnen sind häufig versucht, die seltsamen "weißen Teufel" zu beobachten und die Süssigkeiten zu probieren, die diese aus der Stadt mitgebracht haben. Eines Tages machen wir eine bahnbrechende Entdeckung: der beiläufige Tonfall, in dem der Junge in den roten Roben spricht, hätte uns fast getäuscht, aber - er erzählt von den sieben Kindern des Lamas! Natürlich haben wir bereits nach der Zeit gefragt, bevor Tsultrim Tarchin ein "professioneller Praktizierender" geworden war, aber sowohl seine Schwester als auch sein Bruder haben uns einfach angelogen, indem sie uns sagten, er hätte niemals eine Familie gehabt.
Wir sehen das einfach nur als Beweis für eine weitere seiner vielen Qualitäten. Denn indem er die Schönheit und das Drama der Liebe, den Stolz und die Belastungen der Vaterschaft, die kleinen alltäglichen Siege und Unglücke eines profanen Berufslebens erfahren hat, verfügt er über Lebenserfahrung, die ihm erlaubt, anderen zu helfen, die um seinen Rat bitten. Die meisten Tibeter allerdings sehen einen heiligen Mann als weniger heilig an, wenn er nicht sein ganzes Leben im Zölibat verbracht hat.
Gegen Ende unseres Aufenthaltes fällt heftig Schnee. Wir wissen, als wir im knietiefen Schnee auf den Berg steigen um uns vom Repa zu verabschieden, dass wir eines Tages wieder kommen werden, um diesen außergewöhnlichen Lehrer noch einmal zu besuchen...

Derge, 01.11.2008

Derge war einst das bedeutendste Khampa-Königreich, was man immer noch in der Stadt spürt. Es ist hier viel zivilisierter als anderswo in Kham; die Menschen sind noch stolz auf ihre Kultur und sie zeigen das offen. Hier gibt es sehr viel Klarheit und Würde und insbesondere die älteren Herren sehen in ihren hellbraunen Chubas und mit ihren Filzhüten großartig aus. Ich stelle mir prompt meinen eigenen Vater in so einer Chuba vor ;-) Sie verleiht dem Alter sehr viel angemessene Würde.
Da die Bewohner Derges es selten schafften sich in ihren Forderungen nach Autonomie von China zurück zu halten, wurde die Stadt immer von Polizeikontrollen heimgesucht. In diesem Jahr, nach dem tibetischen Aufruhr bei den Olympischen Spielen, sperrt die Regierung Derge für den Tourismus und stationierte eine beachtliche Einheit der Volksbefreiungsarmee in dieser von Mao verlassenen Stadt.
Die Druckerei. Was auch sonst hätte der Haupttreffpunkt und ein Jokhang-Ersatz für den alten Adel und das Volk von Derge werden können? Wir besuchen sie erneut, und wieder einmal bin ich als typischer Nerd2 mit Begeisterung erfüllt angesichts all der Belehrungen, die dort gedruckt und im Parkhang gelagert wurden. Die alten Bände zwinkern mir wie gute Freunde zu, während ich überglücklich im Lager für die Holzdrucke stöbere. Auch dieses Jahr habe ich einen besonderen Wunsch: Mögen wir all diese Weisheit in den Westen bringen und zum Besten aller verwirklichen.
Eine weitere erwähnenswerte Sehenswürdigkeit dieser schönen Stadt ist der Tempel der "Befreierin". Dieses kleine, alte Gebäude soll von niemand anderem als Thangtong Gyalpo höchstpersönlich erbaut und ausgeschmückt worden sein, der als Leonardo da Vinci von Tibet gilt. Er lebte im Mittelalter und war berühmt für seine Kunst, technischen Konstruktionen, Kompositionen, Begründung der tibetischen Oper und natürlich für seine große Verwirklichung.
Diejenigen von euch, liebe Leser, die sich noch an die Zeiten der Pujas in unseren Zentren erinnern, werden die Tatsache zu würdigen wissen, dass Thangtong Gyalpo der Autor des Hauptteils der Liebevolle-Augen-Anrufung ist, die wir in der Kagyü-Linie verwenden.
Der Tempel ist dunkel und kalt wie alle Innenräume in Tibet, aber er beherbergt sowohl leuchtende Bilder der "Befreierin" als auch ausgezeichnete Fresken - inklusive Selbstporträts des großen Yogi selbst.
Aber was mich am meisten beeindruckt, ist die Atmosphäre. Während der Kulturrevolution haben Bürger den unbezahlbaren Tempel vor der Zerstörung bewahrt, indem sie ihn in einen Getreidespeicher und Stall umfunktionierten. Heutzutage nutzen ihn die Mönche des nahegelegenen Sakya-Klosters für tägliche Tara- Anrufungen. Als ich den Schreinraum betrete, vibriert das ganze Innere mit Energie und die Wände scheinen den sanften, aber kraftvollen Segen der "flinken Heldin" zu atmen. Es ist unmöglich, an diesem Ort nicht an Hannah denken - an ihre Liebe, ihre Stärke und ihre Schönheit -, während die Lamas singen, mit ihren Glocken läuten und dann mit Segen aufgeladene Kräuter gegen Krankheiten an die Leute austeilen.

Derge, 11.11.2008

Wir machen uns auf den Weg in das Dzongsar-Gebiet in der Nähe von Derge, um das berühmte Sakya-Kloster zu erleben, aber vor allem, um die Lotuskristallhöhle zu besichtigen, die der wichtigste von Guru Rinpoches 25 Kraftplätzen in Kham ist.
Dzongsar selbst wurde während der Rime-Bewegung im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Zentrum für Austausch und Zusammenarbeit zwischen mehreren hohen Lehrern, die versuchten, die vom Verschwinden bedrohten Belehrungen aller buddhistischen Traditionen zu retten und wiederzubeleben. Einer der Rime-Väter war der große Khyentse Wangpo, der Vorstand des Dzongsar-Klosters, dessen Präsenz andere Meister anzog - darunter unser Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye, der große Tertön Chogyur Lingpa (auch bekannt unter dem Namen Chokling), Mipham Rinpoche I., der 14. Karmapa und viele andere außergewöhnliche Persönlichkeiten.
Seither dient Derge als ein Versammlungsort der herausragendsten Lehrer Tibets. Der 15. und der 16. Karmapa waren dort und hatten die Kronzeremonie abgehalten, Dilgo Khyentse traf Dzongsar Khyentse Chokyi Lodrö, um sich mit ihm über den wiederentdeckten Schatz von Guru Rinpoche zu beraten. Mit anderen Worten, das Kloster besitzt eine beeindruckende Geschichte.
Tatsächlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sich alle Übertragungen, die es heute noch in Tibet gibt, auf zwei Lehrer stützen: auf Karma Norbu, den wir schon häufig erwähnt haben, und den Dzongsar Khyentse Chokyi Lodrö. All die besonderen Yogis, die wir in diesem und im letzten Jahr in ganz Kham getroffen haben bzw. deren Reliquien wir in Augenschein nehmen durften, bezogen sich auf diese beiden Meister als ihre Hauptlamas.
Es kommt der Tag unseres Trecks hoch zur Lotuskristallhöhle. Wir mieten zwei Pferde und machen uns im tiefen Schnee auf den Weg hoch zu den Bergen, vorbei an Gebirgswäldern und gefrorenen Bächen mit glitzernden Eiszapfen. Guru Rinpoche hatte versichert, dass Pema Shelphuk den meisten Segen von ganz Tibet tragen würde und sogar noch kraftvoller sei als der Kailash.
Nach drei Stunden Trekking erreichen wir den Gipfel. Seit dem letzten Jahr hat sich nicht viel verändert, außer dass in der Zwischenzeit eine neue Retreathütte gebaut worden war - die zweite Höhle, in der wir letztes Jahr gewohnt haben, ist für die Nutzung zu feucht geworden. Wir treffen den freundlichen Hausmeister und den entschlossenen Einsiedlermönch wieder und essen mit ihnen zu Mittag (ja, Tsampa und chinesische Nudelsuppe aus der Tüte - wie immer ;-). Nach einer kurzen "Kora"3 und einer noch kürzeren Meditation in der Haupthöhle, ist es schon wieder Zeit für uns aufzubrechen - langsam, aber sicher werden wir auf einer Höhe von 4600 m über dem Meeresspiegel eingeschneit.

Chengdu, 04.12.2008

Nun ist für uns die Zeit gekommen, uns von Asien zu verabschieden und ein Fazit aus unseren Erlebnissen zu ziehen, insbesondere aus unserer Begegnung mit dem Yogi Tsultrim Tharchin. Tibeter sind schnell von einem Lebensstil wie dem von Milarepa inspiriert, von Milarepas Entschlossenheit, schwierigen Bedingungen zu trotzen und seinem einsgerichteten Streben nach Erleuchtung.
Für uns Praktizierende aus dem Westen ist es jedoch nicht Milarepas extremer Stil, der uns am meisten beeindruckt, gerade jetzt nicht, wo die buddhistischen Belehrungen erst in unsere Länder kommen. Wir würden den vielen unabhängigen, kritischen Menschen gerne Zugang zu der befreienden Wissenschaft des Geistes geben, und um das zu tun, schauen wir auf ein anderes Vorbild - auf Marpa Lotsawa, Milarepas Lehrer. Er "lebte in dieser Welt, aber war nicht von dieser Welt" und er erlangte auch in einem Leben volle Erleuchtung. Unsere kraftvollen Diamantweg-Gruppen folgen seinem Beispiel, und alle unsere Lehrer sind froh über unser Wachstum. Tibet und der Westen - zwei effektive, aber unterschiedliche Praxis-Stile für unterschiedliche Mentalitäten. Aber letzten Endes sind diese wie zwei Beine, die auf ein Ziel zugehen, das uns sowieso über alles Kulturelle und Bedingte hinausträgt.

1 siehe Buddhismus Heute Nr. 45
2
Engl. "Nerd" = Streber, Fachidiot, Langweiler
3 Tib. "Kora" = rituelle Umschreitung


Maria Przyjemska
Die Danzigerin Maria Przyjemska, Jahrgang 1975, lebte acht Jahre lang in Berlin. Sie nahm 1994 Zuflucht und ist seit 2007 Reiselehrerin. Maria ist Mitarbeiterin beim ITAS in Karma Gön und arbeitet momentan an ihrer Doktorarbeit in Tibetologie.

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