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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 47, (Sommer 2009)

Der 3. Karmapa Rangjung Dorje

Von Manfred Seegers

Die Karmapas haben die Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus über viele Jahrhunderte hinweg als Oberhäupter geleitet. Die Kagyü-Linie ist als "die Linie der mündlichen Übertragung" bekannt. Hier werden neben den zentralen Anweisungen des Großen Siegels (skt. mahamudra) und den Sechs Lehren des indischen Meisters Naropa (skt. naro saddharma) eine Vielzahl von buddhistischen Übertragungen vom Lehrer zum Schüler über Generationen hinweg weitergegeben. Bis heute wurden 17 Inkarnationen des Karmapa offiziell anerkannt. Sie haben oft gleichzeitig unterschiedliche Funktionen als Gelehrte, Praktizierende, Künstler, Heiler, Visionäre, Friedensstifter und Leiter der Karma-Kagyü-Linie wahrgenommen. Vom 12. Jahrhundert bis in die heutige Zeit haben die Karmapas die selbstlose Aktivität erleuchteter Lehrer ausgeführt und dadurch ein Beispiel für die höchste Ebene von Weisheit und Mitgefühl gezeigt, die sich als Resultat buddhistischer Praxis manifestiert.

Unter den verschiedenen Karmapa-Inkarnationen war der 3. Karmapa Rangjung Dorje (1284 -1339) eine der einflussreichsten. Er war für den Erhalt und die Bereicherung der meditativen Tradition von besonderer Bedeutung. Ausführliche Darstellungen seiner Lebensgeschichte heben oft seine nahe Verbindung mit yogischer Praxis an abgelegenen Plätzen hervor, ähnlich der des berühmten Kagyü-Yogi Milarepa. Tatsächlich findet man in Rangjung Dorjes Autobiografie immer wieder eine starke Betonung der Meditationspraxis. Er gründete eine Anzahl von Retreatzentren und verbrachte mehrere längere Abschnitte seines Lebens in Zurückziehung. In seinen Lehren kommentierte er ausführlich die buddhistischen Tantras, die als theoretischer Hintergrund für die Praxis des Vajrayana oder Diamantwegs dienen.

Gleichzeitig führte er ein hohes intellektuelles Verständnis in die Praxis ein. Die Auswirkung seiner philosophischen Abhandlungen auf die praxisorientierten Linien im tibetischen Buddhismus kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er wird sogar von vielen tibetischen und westlichen Gelehrten als einer der Meister betrachtet, die die "Leer von anderem"-Philosophie (tib. shentong) in Tibet bekannt gemacht haben. Ähnlich zu einigen anderen Meistern des frühen 14. Jahrhunderts sammelte er alle erhältlichen Lehren, praktizierte sie und brachte die grundlegenden Lehren in eine Form, die in verschiedenen Übertragungslinien weitreichende Verwendung fand. Im Unterschied zu den meisten anderen Meistern seiner Zeit wurde er jedoch ein Linienhalter aller bedeutenden Praxislinien des tibetischen Buddhismus, und viele seiner Kommentare wurden von dieser Zeit an zu wichtigen Quellen des Studiums und der Praxis in diesen Linien.

Fasst man seine Lebensgeschichte zusammen, so arbeitete Rangjung Dorje auf der Ebene seiner äußeren Aktivitäten in vielfacher Weise zum Wohl der Lebewesen. Er setzte sich für die Verwurzelung der buddhistischen Lehren in Tibet und China ein, indem er mehrere Klöster und Zurückziehungszentren gründete und restaurierte. Er befriedete Konflikte zwischen befeindeten Stämmen und rettete viele Menschen vor den Gefahren von Feuer, Erdbeben und anderen Katastrophen. Er war ein Experte im physischen und geistigen Heilen auf der Grundlage seiner Kenntnis der tibetischen Medizin. Er baute eine Brücke über den Sogchu Fluss und brachte den Menschen in Tibet und China in vielen anderen Weisen großen Nutzen.

Auf der inneren Ebene des Haltens verschiedener spiritueller Übertragungen war Rangjung Dorje in der Lage, die grundlegenden Lehren der so genannten "acht ursprünglichen Praxislinien" (tib. drub gyü shing ta gyä) des tibetischen Buddhismus zu erhalten und weiterzugeben. In einer der bekanntesten Zusammenstellungen dieser essenziellen Lehren unter dem Namen "Schatz der grundlegenden Anweisungen" (tib. Dam ngag dzod) des 1. Kongtrul Lodrö Thaye (1813 -1899) erscheinen die Kommentare des 3. Karmapa im Zusammenhang mit fast allen Linien. Auch in seinen anderen vier Textsammlungen, die zusammen mit der ersten als "Die Fünf Schätze" bezeichnet werden, verweist Kongtrul immer wieder auf Rangjung Dorjes Lehren.

Im "Schatz der kostbaren wiederentdeckten Lehren" (tib. Rinchen Terdzod) erwähnt Kongtrul besonders, dass der 3. Karmapa die traditionellen Große-Siegel-Lehren (skt. mahamudra, tib. phyag chen) der Kagyü-Linie mit den Große-Vollendung-Lehren (skt. mahaati, tib. rdzogs chen) vereinigt hat, die bis zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger ausschließlich durch die Nyingma-Linie überliefert wurden. Dies bedeutet, dass seine Rolle als Schatzfinder und Linienhalter der Nyingma-Übertragungen darin bestand, grundlegende Lehren beider Traditionen in einem Strom zu vereinen. Dies machte ihn zum Gründer einer völlig neuen Übertragungslinie namens "Karma Nyingthig", die auch heute noch existiert.

Auf der Ebene seiner geheimen Lebensgeschichte hatte er seiner Autobiografie nach tiefe Meditationserfahrungen wie zum Beispiel Visionen und war in der Lage, viele Buddha-Aspekte von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Er zeigte außergewöhnliche Fähigkeiten, beispielsweise eine ungehinderte Bewusstheit seiner früheren Leben, die Fähigkeit, unmittelbar nach seiner Geburt sprechen und die Gedanken anderer Menschen lesen zu können. Er sah die Zukunft klar voraus und verwendete dies, um Menschen vor einem Erdbeben zu warnen. Er vollbrachte oft Wunder, wie zum Beispiel in der Nacht nach seinem Tod sein Gesicht im Vollmond zu zeigen, und leitete so seine Schüler in ihrer Meditationspraxis hin zur Befreiung und vollen Erleuchtung.

Im Alter von 35, im Jahr 1318, als er in der Garuda-Schloss-Einsiedelei (tib. Kyung Dzong wenpa) von Tsurphu weilte, zeigte sich ihm vollkommen klar die Verbindung zwischen den Zeitläufen der inneren Winde und den Zyklen der Planeten und Sterne im äußeren Raum. Daraufhin verfasste er einen Kommentar, der die gesamte Astrologie zusammenfasste. Die Kalenderberechnungen in Tibet einschließlich der Bestimmung aller besonderen Tage durch das Jahr hindurch folgen zwei Hauptsystemen der Astrologie, dem Lhasa- oder Zentraltibetischen System und dem Tsurphu-System. Das letztere basiert bis auf den heutigen Tag auf den Berechnungen in dieser Abhandlung (und ihren Kommentaren) vom 3. Karmapa Rangjung Dorje.

Seine außergewöhnliche Gelehrsamkeit fand ihren Ausdruck in seiner Fähigkeit, die zentralen Lehren verschiedener Übertragungslinien, besonders die der Karma-Kagyü-Linie, zu klären, zu gliedern und neu zu formulieren sowie in der riesigen literarischen Produktion, die er hinterließ - nach jüngster Forschung höchst wahrscheinlich mehr als 300 Werke. Nachdem er eine gewaltige Zahl von Lehren und Übertragungen erhalten hatte, verfasste Rangjung Dorje viele Kommentare, um dieses Material zu erläutern und das Verständnis und die Praxis dieser Inhalte für seine Nachfolger zu erleichtern. Nachdem die Periode der Übersetzung von Texten aus indischen Quellen heraus zu Ende war, war dies offensichtlich die richtige Zeit, um alle erhältlichen schriftlichen und mündlichen Übertragungen zu sammeln, ihre Echtheit zu bewerten und sie für einen leichten Zugang neu zu organisieren. Nur die fähigsten Gelehrten und Meditationsmeister einer inspirierenden Zeit, die einen enzyklopädischen Geist besaßen, konnten solch eine enorme Aufgabe erfüllen.

In der Karma-Kagyü-Linie sind seine bekanntesten Werke die "Tiefe Innere Bedeutung" (tib. Zab mo nang gi dön), eine Zusammenfassung aller buddhistischen Tantras, und die Großes-Siegel-Wünsche oder Mahamudra-Wünsche (wörtl. Die Wünsche der letztendlichen Bedeutung des Großen Siegels, tib. Ngedön chagya chenpö mönlam, kurz: Chag chen mön lam). Diese beiden Abhandlungen wurden oft als seine Meisterwerke bezeichnet. Zusammen mit einigen anderen damit verbundenen Texten repräsentieren sie den Weg der Methode und den Weg der Befreiung, die Marpa, der Übersetzer, im 11. Jahrhundert von seinen beiden Hauptlehrern Naropa und Maitripa bekommen und später nach Tibet gebracht hatte. Daher lehren die beiden Hauptwerke von Rangjung Dorje die Sichtweise und Meditation, wie sie bis heute in der Kagyü-Linie praktiziert werden.

In allgemeiner Form kann die Bedeutung der Mahamudra-Wünsche in folgender Weise erklärt werden: In den Kommentaren vieler Meister werden die Mahamudra-Anweisungen als Essenz aller Sutra- und Tantra-Lehren Buddhas bezeichnet. Die Entwicklung der Sichtweise und Meditationspraxis des Großen Siegels enthält eine Abfolge von Methoden, die den Praktizierenden dazu befähigt, eine klare und direkte Erfahrung von der Natur der Wirklichkeit zu erlangen. Das Studium und die Praxis dieser Lehren stärken besonders die Qualitäten von Mitgefühl und Weisheit.
Die Lehren des Großen Siegels werden anhand der drei Aspekte Grundlage, Weg und Frucht dargestellt. Grundlage ist die Bewusstheit von der Buddha-Natur, sowie die reine Sicht, die sich auf das Verständnis der erleuchteten Qualitäten der Natur des Geistes ausrichtet. Weg bedeutet die Anwendung der Methoden bezogen auf die Praxis des Großen Siegels. Aufgebaut auf der Entwicklung von Geistesruhe (tib. shi ne) und tiefer Einsicht (tib. lhag tong) kann ein erfahrener Lehrer (tib. la ma) den Schüler unmittelbar in seine/ihre Natur des Geistes einführen. Diese Erfahrung muss dann bis zur vollen Verwirklichung weiterentwickelt werden, die als Bewusstheit von der Untrennbarkeit von Subjekt, Objekt und Handlung beschrieben wird. Das Resultat kann auch als Freiheit von allen Störgefühlen und begrifflichen Schleiern bezeichnet werden, die Manifestation der ursprünglichen Weisheit bezüglich aller Erscheinungen oder die drei Zustände eines Buddhas. Der 3. Karmapa drückt diese drei Aspekte in seinen Mahamudra-Wünschen folgendermaßen aus (Vers 7):

"Die Grundlage der Reinigung ist der Geist selbst, seine Einheit
von Klarheit und Leerheit. Das Mittel der Reinigung ist das Große
Siegel, die große Diamantübung. Das zu Reinigende sind die an
der Oberfläche liegenden Schleier der falschen Sicht. Mögen wir
die Frucht der Reinigung, den vollkommen reinen Wahrheitszustand,
erlangen!"


Somit formuliert der 3. Karmapa diese tiefgründigen Lehren auf eine Art und Weise, die zusammen mit den Erklärungen eines erfahrenen Lehrers einen direkten Zugang zur Verwirklichung der Natur des Geistes ermöglicht. Lama Ole Nydahl verfasste einen ausführlichen Kommentar zu den Mahamudra-Wünschen. Am Ende der Einführung zu seinem Buch "Das Große Siegel. Die Mahamudra-Sichtweise des Diamantweg-Buddhismus" schreibt er: "Die folgenden fünfundzwanzig Verse über diese Erfahrung (der Buddhas und des Großen Siegels, Anm.) wurden vom 3. Karmapa Rangjung Dorje vor 700 Jahren verfasst. Sie zeigen vollkommen klar den Geist und sind so frisch, als wären sie gerade geschrieben worden."

Rangjung Dorjes Text erläutert alle wesentlichen Punkte von Sichtweise, Praxis und Verwirklichung der Lehren des Großen Siegels und gibt klare Anweisungen, wie das Ziel des Großen Siegels zu erreichen ist. Das ist der Grund, warum dieser Text in allen Linien des tibetischen Buddhismus äußerst einflussreich wurde. Sie alle studieren und praktizieren die Mahamudra-Wünsche des 3. Karmapa bis zum heutigen Tag.


Manfred Seegers
Nach Abschluss eines 5-jährigen Studiums authorisierter buddhistischer Lehrer. Studierte und lehrte von 1990 - 2000 am KIBI in Neu-Delhi. Er trägt den Titel eines Master of Philosophy in Religionswissenschaft an der University of Kent, England. Seine Bücher "Buddhistische Grundbegriffe" und "Wissen über Meditation" sind in viele Sprachen übersetzt. Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland.

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