Aus: Buddhismus Heute Nr. 47, (Sommer 2009)

Die Bedeutung Marpas

Ein Interview mit Prof. Sempa Dorje

Warum ist Marpa für unsere Karma-Kagyü-Linie so wichtig?
Die Verbreitung des Buddhismus in Tibet fand in zwei Phasen statt. Die erste erfolgte Anfang des 9. Jahrhunderts mit dem König Trisong Detsen sowie mit Shantarakshita und Guru Rinpoche. Diese drei gelten als die Großen in der Etablierung des tibetischen Buddhismus.

Ihnen gelang die vollständige Umsetzung des Studien- und des Praxisaspektes. Danach jedoch ging der Buddhismus in Tibet infolge schlechter Bedingungen erst einmal wieder nieder, bis die Vinaya- und Prajnaparamita-Lehren praktisch ausgestorben waren. Zugleich wurden die Diamantweglehren mit anderen Inhalten vermischt und viele Vajrayana-Praktizierende verstanden in dieser Zeit sowohl die Worte als auch die Bedeutung des Dharma falsch.
Die zweite Verbreitungsphase des Dharma erfolgte, als die Nachfahren der früheren Könige feststellten, in welch bedauernswerten und beschädigten Zustand die Lehren des tibetischen Buddhismus geraten waren. So schickten diese Könige Übersetzer (tib. Lotsawas) nach Indien, um den tibetischen Buddhismus zu reinigen und erneuern. Auch Marpa ging zu dieser Zeit nach Indien, um das Dharma zu übersetzen. Zu seiner Lebenszeit hatte die Erneuerung des tibetischen Buddhismus zwar bereits begonnen, aber Marpa war mit dem Fortschritt nicht richtig zufrieden. Deswegen machte er sich selbst auf den Weg, um in Indien zu lernen und ein Übersetzer und Gelehrter (skt. Pandita) zu werden. Sein vorrangiges Ziel in Indien war, die Lehren direkt von den indischen Panditas und verwirklichten Praktizierenden (skt. Siddhas) zu erhalten, anstatt sie in Tibet nur indirekt zu bekommen.

In Indien traf Marpa großartige Meister wie Naropa und Maitripa. Naropa war zu jener Zeit ein großer Gelehrter und hatte zugleich die Vajrayana-Praxis verwirklicht. Man kann sagen, dass er der Erfolgreichste unter Tausenden war. Er war zum Beispiel der Beste unter den 1000 Lehrern der damals in voller Blüte stehenden Nalanda-Universität. Marpas Ziel war deswegen, Naropa direkt zu treffen und er lernte dann von Naropa einerseits allgemeines Wissen über die Sutras und Tantras, vor allem aber die tantrischen Praktiken selbst. Naropa schickte Marpa wiederum weiter zu Maitripa, um dort das Mahamudra zu lernen. Unter den vielen Lehrern, die Marpa in Indien hatte, waren Naropa und Maitripa für ihn die wichtigsten. Die beiden ihrerseits erkannten Marpa als einen "reinen Schüler", als ein geeignetes Gefäß, um all die Lehren der Tantras und des Mahamudra zu empfangen. Deswegen gaben diese beiden Meister ihm all die wichtigen Unterweisungen, so dass Marpa sie später nach Tibet bringen konnte. Er verbreitete die Lehren in Tibet, indem er Belehrungen und Ermächtigungen gab, aber seine Hauptarbeit war das Übersetzen der Tantras ins Tibetische, und erst danach begann er zu lehren. Er verglich seine Übersetzungen mit den früheren Übersetzungen der Tantras, verfeinerte sie, klärte Fehler mit Hilfe der alten Texte und verschaffte sich dadurch Sicherheit.
Aus seinen Belehrungen entwickelte sich eine neue Linie, die als Marpa-Kagyü bekannt wurde, und der erfolgreichste unter den vielen Schülern Marpas war Milarepa. Er führte die Linie fort.
Im tibetischen tantrischen Buddhismus wird anerkannt, dass keine der vier Schulen ohne Marpas Linie vollständig wäre. Alle vier Schulen sind irgendwie mit Marpa verbunden, und deswegen wird seine Bedeutung nicht nur von den Kagyüs, sondern auch von den anderen Schulen anerkannt. Insbesondere diejenigen, die die neuen Tantras praktizieren oder studieren, vor allem das Anuttarayogatantra, respektieren und schätzen Marpa. In der Kagyü-Schule wird im Anuttarayogatantra das Vater-Tantra "Verborgene Vereinigung" (skt. Guhyasamaya, tib. Sangwa Düpa) und das Mutter-Tantra "Oh Diamant" (skt. Hevajra, tib. Kye Dorje) praktiziert. All die bekannten Tantras der Kagyü-Schule gehen auf Marpa zurück, er ist die Quelle dieser Tantras in Tibet.
Man spricht von "längeren" und "kürzeren" Übertragungslinien: Die längeren Linien gehen auf Buddha Shakyamuni zurück, und die kürzeren Linien auf bestimmte Yidams. Tilopa erhielt zum Beispiel geheime Unterweisungen von "Rote Weisheit" (tib. Dorje Naljorma, skt. Vajrayogini). Er übertrug sie an Naropa, und dieser gab sie an Marpa weiter. So brachte Marpa also auch sehr lebendige Unterweisungen aus kürzeren Übertragungslinien nach Tibet in die Kagyü-Schule.

Marpa sagte, dass er einhundert Lehrer gehabt habe. In seiner Lebensgeschichte kann man aber höchstens zehn zählen. Wie ist das zu verstehen?
In seiner Lebensgeschichte sind nur die allerwichtigsten Lehrer aufgeführt. Es sind neun oder zehn, von denen er vollständige Lehren bekam. Wenn man aber alle zusammenzählt, von denen er Teile von Belehrungen bekam, einschließlich des Lernens von Lesen und Schreiben, dann kommt man auf mehr als 100. Während seiner Zeit in Kathmandu zum Beispiel bekam er viele Belehrungen von vielen verschiedenen Lehrern, oft auch nur bestimmte Kapitel eines Textes. Wenn wir von "108" sprechen, dann tun wir das, um uns auf ein gutes Zeichen einzustellen, aber es könnten auch mehr gewesen sein.

Marpa verlor wegen eines Freundes einige schriftliche Belehrungen, die er nach Tibet bringen wollte. Wir fragen uns, ob es eine versteckte Bedeutung im Zusammenhang damit gibt, was wir „mündliche Übertragung" nennen?
Ja, Marpa hatte einige Texte verloren; manche wegen einiger böser Tricks dieses Freundes, andere durch Unfälle. Aber das bedeutet nicht, dass die Übertragungslinie unterbrochen wurde. Alles was er nach Tibet bringen wollte, wurde übertragen.
Eine Ausnahme ist eine Art des Phowa, die Marpa von Naropa erhielt und die Phowa Trongjug hieß. Diese Linie wurde unterbrochen, da es eine Art "Einzel-Linie" war, was bedeutet, dass ein Meister diese Übertragung in seinem Leben nur an einzige Person weitergeben darf, und nicht mehrfach. Marpa übertrug diese Lehren an seinen Sohn und dieser starb, bevor er sie weitergeben konnte. Es war eine sehr spezielle Phowa-Praxis, bei der man kurz vor oder nach seinem Tod das Bewusstsein in einen anderen Körper übertragen kann.
Die Texte, die verloren gingen, als sie bei Marpas Rückkehr von seiner ersten Reise nach Indien in einen Fluss fielen, konnte Marpa bei seinen späteren Reisen nach Indien noch einmal bekommen. In der Linie die Marpa von Indien nach Tibet brachte, wurde alles vollständig und erfolgreich übertragen.

Was können wir daraus lernen, dass Marpa zugleich Laien-Buddhist und Verwirklicher war? Können auch wir das Familienleben mit dem Leben eines Yogis verbinden?
Im Allgemeinen ist es nicht nötig, für die Dharmapraxis in Zurückziehung oder in einem Kloster zu leben. Man muss auch kein voll ordinierter Mönch sein. Die Praxis-Unterweisungen für Laien und für Mönche sind die gleichen, und für beide gibt es vollständige Methoden der Praxis. Manchmal hört man zwar, dass die voll Ordinierten als „großartige Praktizierende" bezeichnet werden, aber das ist eher eine allgemeine Redewendung. Individuell können viele Laien-Praktizierende hohe Bodhisattva-Stufen erreichen und große Bedeutung haben, und es gibt tatsächlich auch sehr viele solcher Praktizierenden.
Buddhas Lehren beruhen im Allgemeinen nicht auf äußerem Verhalten oder darauf, wie man redet. Das Entscheidende ist die geistige Praxis, und wenn man den Hauptpunkt in der Praxis versteht, dann kann ein jeder Verwirklichung erlangen. Anderenfalls kann auch jemand, der als höchster ordinierter Mönch oder Respektsperson gilt, in der Praxis daneben liegen.
Marpa empfing zuerst die Novizen-Versprechen, dann das Bodhisattva-Versprechen und baute auf dieser Grundlage großes Mitgefühl und die Sicht der Leerheit auf. Mit dieser Kombination wandte er sich dann der tantrischen Praxis zu und wurde ein großer Siddha. Alles was er danach tat, ging niemals der Dharmapraxis entgegen.
Er praktizierte die Verbindung von Sutra und Tantra, und all sein Handeln wurde zur förderlichen Bedingung für seine Praxis. Wenn jemand eine starke Bodhicitta-Praxis auf dem Bodhisattva-Weg hat, dann wird all sein Handeln zur Bodhisattva-Praxis. Im Vairocana Abhisambodhi Tantra wird gesagt, dass großartige Bodhisattvas - wie Marpa - und gewöhnliche Praktizierende wie wir gleich gute Möglichkeiten haben, um die gleiche Verwirklichung zu erlangen. Es wird auch gesagt, dass die Praxis für Mönche oder Laien grundlegend die gleiche ist. Es gibt nur zwei Unterschiede: Ein Mönch übt diese Praktiken in einem bestimmten Verhaltensstil und in einer bestimmen "Uniform" aus. Aber Laien-Praktizierende können es auch ohne diese beiden tun.

Welche Rolle spielte Marpas Frau Dagmema innerhalb seiner Arbeit?
Die Beziehung eines Verwirklichers zu einer Frau ist nicht mit den Beziehungen gewöhnlicher Wesen zu vergleichen. Gewöhnliche Wesen fühlen sich gegenseitig angezogen, verlieben sich und beginnen Beziehungen zueinander, aber für einen Verwirklicher gibt es dafür bestimmte Methoden. Dafür muss er aber einerseits selbst realisiert sein, und auch die Frau muss bestimmte Qualitäten haben, um diese nahe Beziehung zu ihm haben zu können. Nur wenn solche Qualitäten sichtbar sind, kann sie seine Frau werden und dann Ermächtigungen und Segen bekommen, so dass die Natur der Beziehung zu etwas Besonderem transformiert wird.
Beide Seiten müssen diese besonderen Qualitäten haben, damit die Beziehung zu einer förderlichen Bedingung werden kann. Wenn einer von beiden diese Qualitäten nicht hat, dann kann sie nicht zur Praxis gemacht werden und deswegen haben viele Verwirklicher gar keine Frau.
Marpas Frau hieß Dagmema und sie hat viel zu unserer Linie beigesteuert, denn ohne sie hätte Marpa nicht seine großen Versenkungszustände erreicht. Es gibt einige Methoden, um die inneren freudvollen Meditationszustände zu verstärken, und eine davon verwendet die Partnerschaft. Man kann also sagen, dass sie zu Marpas Verwirklichung beitrug.
Die "Große Freude" der inneren Verwirklichung eines Yogis beruht tatsächlich auf allen fünf Sinnen, nicht nur dem Berührungssinn. Normalerweise denken die Leute fälschlicherweise, dass nur sexueller Kontakt zum Erreichen der verwirklichten großen Freude beiträgt. Das stimmt aber nicht, denn alle fünf Sinne sind gleichermaßen aktiv zur Verwirklichung der Versenkungszustände des Yogis.
Wenn Dagmema zum Beispiel Marpa Tee anbot, dann hatte sie diesen Tee zuvor gesegnet und in Nektar transformiert. Sie hatte die Kraft dazu und konnte deswegen Marpa Nektar anbieten. Das wird angezeigt durch die Schädelschale, die viele Yidams und Dakinis in der Hand halten. Das ist etwas ganz anderes, als wenn Mriti (Prof. Sempa Dorjes Übersetzer) mir Tee anbietet (Prof. Sempa Dorje lacht). Sowohl Marpa als auch Dagmema hatten die große Verwirklichung und Kraft, um den Tee zu Nektar zu machen.

War Dagmema eine Dakini?
Wenn wir "Dakini" sagen, so sollen wir aber nicht denken, dass sie sozusagen vom Himmel geflogen kam. Dagmema war ein Mensch und sie wurde durch Segen zu einer Dakini. Sie bekam Segen und Ermächtigungen, erlangte außerordentliche Kräfte und wurde so zur Dakini.

Gibt es einen Moment in der Lebensgeschichte von Marpa, den Prof. Sempa Dorje besonders inspirierend findet?
Ja, den gibt es ganz sicher. Mein erster Eindruck in der Lebensgeschichte war, dass Marpa als junger Mann sehr stark war, viel gekämpft hat, seine Freunde schlug - und zugleich aber sehr intelligent war. Die Eltern seiner Freunde kamen zu Marpas Eltern und beschwerten sich über sein Verhalten, und so schickten ihn seine Eltern zum Studieren zu einem Lehrer. Marpa war intelligent, mehr als sein Lehrer, und so erkannte Marpa, dass er eine richtige Ausbildung brauchte und studieren musste. Er beschloss, seine Freunde, seine Familie usw. aufzugeben, sammelte Gold an und ging nach Indien. Dies war der erste inspirierende Moment für mich.
Damals war eine Reise von Tibet nach Indien nicht so wie heute. Es war keine Frage von ein paar Tagen, sondern von Monaten. Marpa durchquerte die Dschungel und überwand viele Schwierigkeiten. Es kann für uns alle die größte Inspiration aus der Lebensgeschichte Marpas sein, dass man jemanden nicht stoppen kann, der ein so großes Interesse am Lernen des Dharma hat.
Auch in Indien selbst war die Reise nicht einfach. Er musste Kälte, Hitze, Hunger usw. überwinden und weitergehen, bis er mit dem Mahamudra in Verbindung kam. Auch das ist sehr inspirierend. Ganz gleich, ob in religiöser oder weltlicher Hinsicht: Wenn man etwas wirklich will und sich dahingehend anstrengt, wird man das Ergebnis erlangen.


Fragen von Raymond Hopf und Vita Mikelioniene
15. März 2009, Karmapa International Buddhist Institute (KIBI), New Delhi, Indien
Aus dem Tibetischen von Khenpo Mriti, aus dem Englischen von Detlev Göbel.