Aus: Buddhismus Heute Nr. 47, (Sommer 2009)

White Umbrella - das Karmapa Healthcare Project

Ein Interview mit Pia und Peter Cerveny

Wie entstand die Idee zu dem Karmapa Healthcare Project und wer hat es ins Leben gerufen? Nach unserer buddhistischen Zuflucht im Dezember 2004 bei Lama Ole Nydahl in Unna wollten wir etwas für Karmapa tun. Bis dahin kannten wir Karmapa nur von Fotos. Pia beschäftigte sich zu der Zeit mit heilpraktischer Medizin. Wir beide sind generell gute Organisatoren und so entstand der Wunsch, etwas für Karmapas Leute in Asien zu tun.

Auf dem buddhistischen Kurs in Rödby in Dänemark trafen wir dann Sabine und Ulli von der Himalaya-Hilfe e.V. Sie stellten uns in Kassel direkt Hannah Nydahl vor und wir erklärten ihr unsere ersten Ideen. Hannah fand alles sehr gut, fragte uns noch, ob wir Humor hätten und schickte uns nach Kalimpong1. Karmapa lud uns dort zum Arbeitsgespräch und so wurde das Karmapa Healthcare Project - (das KHCP) ins Leben gerufen.
Karmapa entschied, dass wir einige Zeit in seiner Shedra2 wohnen sollten und so konnten wir mit allen Kontakt aufnehmen, unsere Ideen besprechen und natürlich auch Karmapa regelmäßig berichten. So entstand ein grobes Gerüst, was gemacht werden sollte. Der offizielle Name "Karmapas Healthcare Project" wurde dann noch durch einen Brief von Karmapa bestätigt und es wurden die diversen Tätigkeitsmöglichkeiten aufgeführt.

Was hat sich das KHCP zum Ziel gesetzt?
Karmapa hat diverse Institute in den Himalayas, die teilweise auch von Shamarpa geleitet werden.
So zum Beispiel die Shedra in Kalimpong. Die Studenten werden am Ende ihrer Studienjahre Khenpos sein. Weiterhin haben wir Schulen in Darjeeling und Rumtek, darunter auch Karmapas Nonnenschule, ein Kloster in Ladakh und in Kathmandu die Mahavihar auf Swayambhu (Dort haben Lama Ole und Hannah 1968 übrigens das erste Mal den 16. Karmapa getroffen.).
All diese Institute hatten keine organisierte medizinische Versorgung. Dies sollte mit Gründung des Projektes anders werden. Seit über drei Jahren arbeiten wir daran und - wie wir denken - mit Erfolg:
Seitdem gibt es an allen Instituten regelmäßig Untersuchungen durch Ärzte und Zahnärzte sowie Impfungen. An diversen Stellen wurde die Wasserqualität durch Purifikationen verbessert oder die Stromversorgung durch den Kauf eines grossen Generators gewährleistet.
Die von uns betreuten Menschen sind unterschiedlichsten Alters. Wir organisieren also medizinische Versorgung für Leute von sechs bis über 80 Jahre.
Es gibt einen Fond für größere Operationen, den Karmapa verwaltet. Dort fließen Teile unserer Spendengelder ein.
Seit 2008 haben wir ein Medcamp in Bodhgaya während des Kagyu-Mönlams aufgebaut. Unseren Medizinern aus Europa sei gedankt! Diese Aktivität wurde sofort vom Mönlam-Komitee institutionalisiert, das heißt, sie wird jetzt jedes Jahr stattfinden.
Wichtig ist, dass unsere Arbeit auf Selbsthilfe ausgelegt ist. So organisieren unsere Mönche in Kalimpong selbstständig eine jährliche Standarduntersuchung. Die Nonnen in Rumtek nutzen ihren Geldfond für ihre Arztbesuche und Medikamente.
So lernen die Freunde in Asien, besser auf ihre Gesundheit aufzupassen.

Wie sieht Eure Arbeit genau aus?
Wir leben ein wenig wie die Nomaden. Frühjahr bis Oktober sind wir in Europa und versuchen viel auf den Kursen von Lama Ole zu sein. Dort kann man uns an einem Stand treffen, mehr erfahren, spenden und auch mitmachen. Wer eine medizinische Ausbildung hat, kann sich gerne melden. Wir suchen auch Englischlehrer. Alle Mithilfe ist stets ehrenamtlich und alle Reisen müssen selbst bezahlt werden. Dies gilt auch für uns. Apotheker und Optiker sammeln Medikamente und Brillen. So entstand in kürzester Zeit ein Netzwerk von qualifizierten Leuten.
Über den Winter geht's dann vor Ort, um möglichst alle Projekte zu besuchen, um zu fragen was gebraucht wird und diese Dinge dann wieder gemeinsam zu organisieren.
Viel Vorarbeit braucht es, um das große Mönlam-Medcamp zu planen. Freunde aus Europa, die wir unterwegs treffen, sind gelegentlich so angeregt, dass sie spontan mithelfen. So konnten wir unterwegs für besagte Mahavihar eine Englischlehrerin aus Ungarn finden. Viele Schüler von Lama Ole Nydahl helfen mit, aber auch aus Frankreich und Südostasien haben wir Helfer.
Zurzeit arbeiten wir am Aufbau einer kleinen Krankenstation in Kathmandu. Im Gespräch ist auch ein Klinikraum für Bodhgaya - darauf hat uns Beru Khyentse Rinpoche3 angesprochen.
Auch in Europa hatten wir schöne Aktionen. So wurden unsere Lamas im Europazentrum medizinisch untersucht und am Uniklinikum Hamburg organisierten wir einen Gesundheitscheck für Sherab Gyaltsen Rinpoche. Im Zuge dessen besuchte Rinpoche die Sterbestation.

Ihr habt also schon ein richtiges Team?
Ja, wir sind sehr froh, wie es sich entwickelt. Ärzte, Krankenpfleger, Apotheker, Optiker, Lehrer, Techniker und Übersetzer.
Ihr seht, man kann uns auf sehr vielfältige Weise unterstützen. So brauchen wir jetzt für die Projektierung der kleinen Klinik in Bodhgaya jede Menge Know-how und freuen uns, dass unsere Ärzte uns so gut beraten.
Beim Medcamp in Bodhgaya haben uns Karmapa, seine Rinpoches und Lamas sehr für den gelungenen Einsatz unseres europäischen Kagyu-Teams gedankt. Und nicht zu vergessen: die Leute in den Instituten unterstützen uns hervorragend.

Ihr müsst viel reisen, wie schafft ihr das?
Wir versuchen uns gut und sparsam zu organisieren und die kleinen oder größeren Bewegungen - sprich Jetlags - nicht so Ernst zu nehmen. Außerdem ist die Freude, vor Ort wieder vielen genutzt zu haben, der Treibstoff. So haben wir auf dem Mönlam in sieben Tagen mit neun Personen über 4000 Menschen geholfen. Da denkt man nicht mehr so viel darüber nach, ob man eigentlich müde ist.

So habt ihr ja doch viel Kontakt zu Karmapa und unseren Rinpoches. Wollt ihr darüber etwas sagen?
Wir verdanken das Gelingen dem Vertrauen Hannah Nydahls, die uns geschickt hat und Lama Ole, der uns auf seinen Kursen einen Infostand machen lässt und vor allem Karmapa, der uns das Projekt frei entwickeln lässt.
Natürlich ist es sehr schön, Karmapa Bericht zu erstatten. Wir tun dies regelmäßig, so dass neue Ideen immer abgestimmt sind. So ist auf diese Weise Sherab Gyaltsen Rinpoches Schule in Kathmandu mit 90 Kindern - meist Waisen - neu im KHCP aufgenommen worden. Das ist eine große Verantwortung, die will auch regelmäßig besprochen werden. So treffen wir natürlich die Rinpoches und Lamas der Institute und werden von ihnen enorm unterstützt, sonst wären die geschilderten Fortschritte gar nicht möglich. Wir denken, so gibt es eine weitere Brücke zwischen Ost und West. Das Know-how und die Zuverlässigkeit sowie die Verbesserung der Lebensqualität durch das Projekt werden sehr geschätzt.

Ihr habt eine Webseite, die www.whiteumbrella.eu.
Was bedeutet der Name und was ist der Zusammenhang zum KHCP?

Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der unterschiedliche Aktivitäten, die aus unserer KHCP-Arbeit erwachsen, mitgezeigt werden. Der Name entstand eher romantisch. Die Einweihung auf die Schützerin Dukar - zu Deutsch "Weißer Schirm" - war unsere erste Einweihung von Karmapa auf einem Kurs bei Kassel. Bei unserem Arbeitsgespräch mit Künzig Shamarpa in Kassel 2006 wurde der Name auch für gut befunden.
Wir wollen teilen, was auf unserem Weg passiert und so haben wir früh angefangen, kleine Filme, Fotoberichte, Blogs und Interviews zu machen. Pia ist Theaterregisseurin und ich bin Fotograf. So lag das auf der Hand.
Wir haben schon früh darüber mit Karmapa gesprochen, ob es nicht gut sei, unsere Arbeit in Film und Foto zu dokumentieren. Er war davon sehr angetan, zeigen wir doch während wir arbeiten, was Karmapa in Asien macht und inspirieren so unser Publikum, ihn mal in Kalimpong oder im KIBI in New Delhi zu besuchen. Andere kommen nach Kathmandu und treffen Sherab Gyaltsen Rinpoche, der dort regelmäßig Meditationen auf "Liebevolle Augen" (tib. Tschenresig) mit tausenden von Laien-Buddhisten macht, ähnlich wie Lama Ole sie mit uns auf den Sommerkursen macht. Unsere Filmarbeit vermittelt gegenseitig Eindrücke zwischen Ost und West: So zeigten wir zum Beispiel 4500 Kagyüs in Bodhgaya einen Film über Lama Ole Nydahls und Sherab Gyaltsen Rinpoches Arbeit in Europa. Wir wünschen, dass wir so viel Freude in Ost und West machen und by the way wollen wir auf diese Weise auch Freunde motivieren, dem KHCP zu helfen. Wir danken allen Freunden und euch beiden.

1 Im nordindischen Westbengalen, Distrikt Darjeeling, wo Karmapa zeitweise lebt
2 Buddhistische Universität
3 der das Karma-Kagyü-Kloster in Bodhgaya leitet

Fragen von der Buddhismus-Heute-Redaktion

Webseite: www.whiteumbrella.eu


Peter Cerveny, geb. 02.12.1958 in Duisburg
Firma und Entwicklungsbüro für Funk-und Radartechnik
Freier Fotograf, diverse Ausstellungen und Veröffentlichungen
Diverse kaufmännische Aktivitäten

Pia Cerveny, geb. 24.03.1959 in Wuppertal
Studium der Sozialwissenschaften und Germanistik
Theaterregisseurin und Intendantin
Freie Journalistin
Heilpraktische Ausbildung
Diverse kaufmännische Aktivitäten

Beide verheiratet seit 1990
Zuflucht bei Lama Ole Nydahl seit 2004