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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 47, (Sommer 2009)

Die Vier Wege des Weisen

Von Künzig Shamar Rinpoche

Ich möchte gerne eine traditionelle Belehrung mit euch teilen, bei der es darum geht, ein gutes Urteilsvermögen zu entwickeln. Sie kann uns dabei unterstützen, unserem gesunden Menschenverstand zu vertrauen und nicht in die Irre geführt zu werden. Es geht dabei um vier Ratschläge, die man auf das Dharma, aber auch auf alle anderen Aspekte des täglichen Lebens anwenden kann. Ich denke, dass viele Probleme in modernen Gesellschaften gelöst werden könnten, wenn die Menschen nur diesem einfachen Rat folgen würden.


Ich nenne diese Belehrung: "Die vier Wege des Weisen". Ein weiser Mensch weiß, auf wen und was er sich verlassen kann und umgeht so die zahlreichen Fallen, die sich auftun, wenn man in seinem Denken unklar ist.

Die Belehrung besteht aus vier einfachen Leitsätzen:

  1. Stütze dich auf die Lehren, nicht auf den Lehrer.
  2. Stütze dich auf die Bedeutung, nicht auf die Worte.
  3. Stütze dich auf das Tiefgründige, nicht auf das Oberflächliche.
  4. Stütze dich auf Weisheit, nicht auf Konzepte.

1. Stütze dich auf die Lehren, nicht auf den Lehrer.
Wir lassen uns oft von Rednern beeindrucken, die uns mit ihrem Charisma blenden. Kraftvolle Persönlichkeiten können in ihrem Publikum starke Emotionen wecken. Redner oder Lehrer, die unterhaltsam, provokant oder einnehmend sind, können uns auch zu Handlungen bewegen. Man hat den Eindruck, dass ein Lehrer heutzutage ein "Motivationsredner" werden muss, um überhaupt Schüler zu haben.
Das kann problematisch sein. Ist es nötig, all die charismatischen Führer der Vergangenheit zu nennen, die die Menschen in großes Leiden geführt haben? Der Augenschein kann trügen, und Charisma sagt nichts darüber aus, ob jemand ein fundiertes Wissen hat oder nicht. Es ist ratsam, einen geistigen Lehrer so sorgfältig zu wählen, wie man auch einen Chirurgen aussuchen würde. Vom Geschick des Chirurgen hängt unser Leben ab, und vom Geschick des geistigen Lehrers etwas unendlich viel Wichtigeres.

Es gibt natürlich auch viele am Buddhismus interessierte Menschen, die das Gefühl haben, für eine persönliche Verbindung zu einem Lehrer noch gar nicht bereit zu sein. Für sie reicht es vielleicht aus, Dharma-Bücher von verschiedenen Lehrern zu lesen. Am Anfang ist es auch sinnvoll, sich erst einmal umzuschauen. Aber wenn man mit seiner Praxis über das Oberflächliche hinausgehen und wirklich Fortschritte erzielen will, muss man irgendwann einen Lehrer finden.
Ich rate dazu, mit der Wahl eines Dharma-Lehrers genauso sorgfältig zu sein, wie man es bei der Auswahl eines Krebs-Chirurgen wäre. Bevor man sich auf einen Lehrer richtig einlässt, sollte man sich gründlich informieren und zuerst mehrere Lehrer prüfen. Danach entscheidet man sich für einen nach den wichtigsten Kriterien: Geschick beim Lehren, meditative Bewusstheit und Dharma-Wissen.

Traditionell unterscheidet man Lehrer, die buddhistische Philosophie unterrichten und Lehrer, die Meditation lehren können. Auf beiden Gebieten ist es nicht leicht jemanden zu finden, der wirklich qualifiziert ist; aber einen fähigen Lehrer für Meditation zu finden, ist noch schwieriger als einen mit gutem akademischen Wissen über Philosophie. Grundlegende Meditationen können möglicherweise auch von Philosophie-Lehrern erklärt werden. Aber weiterführende Übungen können nur von jemanden gelehrt werden, der selbst einige Fortschritte auf dem buddhistischen Pfad gemacht hat.

Buddhistische Lehrer sollten nur die Lehren Buddhas weitergeben und nicht ihre eigenen Belehrungen. Deswegen ist es sinnvoll, sich mit Buddhas Lehre etwas auszukennen. Lest Bücher über den historischen Buddha und andere große Meister der Vergangenheit, wie zum Beispiel die Schüler Buddhas oder tibetische Lehrer wie Milarepa. Das wird euch helfen zu beurteilen, ob ein Lehrer echtes Dharma weiterzugeben scheint.

2. Stütze dich auf die Bedeutung, nicht auf die Worte.
Die Menschen folgen gerne schönen Worten. Beeindruckende Sprache kann sehr überzeugend sein. Eine geschickte Ausdrucksweise kann eine Bedeutung klarer machen oder auch etwas verschönern, wie zum Beispiel in Gedichten oder Liedern. Sie kann auch eingesetzt werden, um das Publikum zu beeindrucken und zu zeigen, wie gebildet und geschickt man verschiedene Prosastile und Redewendungen anbringen kann. Aber das Wichtigste ist die Bedeutung des Gesagten: es sollte korrekt sein.
Was ist die "korrekte Bedeutung" bei geistigen Lehren? Zuerst einmal muss eine Belehrung, um als korrekt zu gelten, einen Nutzen haben, und zweitens muss sie wahr sein. Wenn diese beiden Kriterien gegeben sind, ist die Ausdrucksweise weniger wichtig. Eine gute Formulierung ist aber trotzdem nützlich, denn sie kann korrekte Belehrungen leichter lesbar und interessanter machen. Wenn man aber mit guter Ausdrucksweise Lügen erzählt, dann sind die guten Formulierungen nicht nur wertlos, sondern richten sogar Schaden an, denn man führt Menschen damit in schädliche und fehlerhafte Denkweisen.
Ein Beispiel dafür ist eine Legende über einen gelehrten Brahmanen, der mit einer sehr schönen Frau verheiratet war. In hohem Alter wurde er krank und wusste, dass er nun bald sterben würde. Er war sehr eifersüchtig und ihm graute bei dem Gedanken, dass nach seinem Tod ein anderer Mann seine Frau heiraten könnte. Dieser Gelehrte war sehr entschlossen und so tat er etwas sehr Extremes: Er nahm seine ganze Kraft zusammen und schrieb ein Buch mit dem eigennützigen Hintergedanken seine Frau davon zu überzeugen, dass sie in sein Verbrennungsfeuer springen solle.
In dem Buch schrieb der Brahmane, dass sein Körper - wenn er dem Gott Shiva geopfert würde - sich von einem brennenden Körper in einen "befreiten" Körper verwandeln würde. Er schrieb weiter, dass die Frau eines Brahmanen nicht einfach nur seine Ehefrau sei, sondern eine Göttin in heiliger Vereinigung, und dass sie sich ihrem Mann anschließen und so ebenfalls Befreiung erlangen solle.

Stil und Sprache seines Buches waren vollkommen, denn dieser Brahmane war ein Meister der Rhetorik. Die Legende besagt, dass das Buch so überzeugend war, dass die Frau tatsächlich ins Feuer sprang. Damit begann in Indien die abscheuliche Praxis des Sati. Bis die Briten sie verboten, war sie sehr verbreitet und existiert selbst heute noch an einigen Stellen.
Ausdrucksweise ist wie eine Blume, es ist nur Schmuck. Die Bedeutung ist der eigentliche Körper. Gute Ausdrucksweise ohne Bedeutung ist wie kostbare Juwelen, die eine Leiche schmücken.
Die Kraft der Bedeutung wird sich auch ohne beeindruckende Worte durchsetzen, so wie bei einer schönen Frau ihre natürliche Schönheit auch ohne Schmuck durchscheint. Geschickte Worte in Verbindung mit guter Bedeutung sind mit einer schönen Frau vergleichbar, deren natürliche Reize sich durch schöne Juwelen noch verstärken werden.

3. Stütze dich auf das Tiefgründige, nicht auf das Oberflächliche.
Niemand versucht mit Absicht oberflächlich zu sein. Aber unter Eile oder mangelndem Vertrauen in unser eigenes Urteilsvermögen lassen viele von uns zu, dass wir uns auf von anderen übernommene Ideen und auf Vorurteile und Klischees stützen. Insbesondere in unserem spirituellen Leben ist es aber wichtig, jede Belehrung selbst zu untersuchen. Im Buddhismus gibt es keine Forderung nach blindem Glauben. Ganz im Gegenteil: Man kann auf dem buddhistischen Weg keinen Fortschritt machen, wenn man nicht bereit ist, gängige Vorstellungen hinter sich zu lassen.

Im Buddhismus ist es besonders wichtig, dass man unter die Oberfläche schaut. Buddha gab Belehrungen auf verschiedenen Ebenen entsprechend den Fähigkeiten seines Publikums, also für Anfänger oder Fortgeschrittene. Aber selbst Anfänger-Belehrungen können tiefgründige Botschaften enthalten, für hochqualifizierte Praktizierende mit der Fähigkeit sie zu entschlüsseln. Noch wichtiger ist es aber, um überhaupt Vorteil von Dharma zu haben, dass man fähig ist, tiefer nachzudenken. Ich möchte das näher erklären:

Wenn man ein Problem hat, sollte man eine dem Problem angemessene Lösung suchen. Bei einem einfachen Problem wird man eine schnelle und leichte Lösung finden. Aber bei einem komplexen Problem braucht man ein kraftvolles Gegenmittel. Und wenn das Problem das allertiefgründigste Problem ist, das Menschen bzw. alle Wesen haben können, nämlich das Problem des Leidens und der Existenz, dann braucht man das tiefgründigste verfügbare Gegenmittel.

Wäre man nicht unwissend, bräuchte man sich mit Unwissenheit nicht zu beschäftigen. Buddhas Lehre zeigt uns die Richtung zur Erleuchtung. Um aus unserer alltäglichen Unwissenheit die Qualität der Erleuchtung heraus zu ziehen, muss das Dharma auf jeden Aspekt der Unwissenheit angewendet werden. So entsteht dann die Lösung direkt aus unseren Problemen. Es gibt einen  berühmten buddhistischen Text des alten indischen Philosophen Vasubandhu, das Abhidharmakosha, der besagt: "Wenn man übt, auch für kleine Probleme Gegenmittel einzusetzen, kann man in dieser Weise irgendwann auch das größte aller Probleme, die Unwissenheit selbst, beseitigen."

Die stärkste Verwirrung kann durch die einfachste Meditation geheilt werden. Man kann zum Beispiel sexuelle Begierde vermindern, in dem man auf tote Körper meditiert. Die subtilste Verwirrung jedoch kann nur durch allertiefgründigste Weisheit aufgelöst werden. Um die feinen Verdunkelungen am Ende des buddhistischen Pfades zu beenden, braucht man den tiefgründigen "diamantgleichen Samadhi", die letzte Stufe der meditativen Versenkung vor der Erleuchtung.

Diesem Rat zu folgen bedeutet, dass man sich nicht mit seichtem Denken zufrieden gibt und dass man auch andere zu gründlicher Beurteilung ermuntern sollte.

4. Stütze dich auf Weisheit, nicht auf Konzepte.

Dieser letzte Leitsatz ist zwar der tiefgründigste, aber man kann wenig darüber sagen. Er richtet sich vor allem an ernsthafte Meditierende. Weisheit zu erlangen bedeutet, die Natur des Geistes zu verwirklichen. Man kann sich dazu nicht auf dualistisches Bewusstsein stützen, sondern muss zum nicht-dualistischen Geist vorstoßen, was wir "Weisheit" nennen. Meditierende stützen sich auf den nicht-dualistischen Geist und nicht auf den normalen dualistischen Geist. Sie wissen, dass Sprache, Logik und Vernunft begrenzt sind und keinen Zugang zur letztendlichen Wirklichkeit geben können, und deswegen bemühen sie sich nicht zu sehr darum.

Diese Maxime besagt, dass man sich nicht auf den dualistischen, logischen und konzepthaften Geist, also auf Illusionen, stützen soll, sondern auf den nicht-dualistischen Geist. Man geht tiefer und läuft nicht wie üblich den Illusionen nach. Vergesst nicht: ganz gleich wie beeindruckend oder überzeugend unsere Gedanken sein mögen, so ist die letztendliche Wirklichkeit doch außerhalb ihrer Reichweite.

Dies sind die vier Wege des Weisen. Ist es ein Zeichen des niedergehenden Zeitalters, dass die meisten Menschen heutzutage in genau entgegengesetzter Weise handeln? Rastlos häufen sie einen Fehler nach dem anderen an. Die Menschen täuschen sich erst selbst und dann führt eine Person eine andere in die Irre, die wiederum falsches Denken an andere weitergibt, so dass eine endlose Kette von Fehlern entsteht. Lasst euch nicht davon einfangen! Stützt euch auf diese vier Leitsätze, dann könnt ihr die Fesseln der Illusion durchschneiden, so wie es der große Bodhisattva Manjushri tat. Er verwirklichte die Vervollkommnung der Weisheit und schnitt mit seinem Weisheitsschwert die Verdunkelungen durch.

Aus dem Englischen von Detlev Göbel und Claudia Knoll


Künzig Shamar Rinpoche
Künzig Shamar Rinpoche ist der zweithöchste Lehrer der Karma Kagyü Linie. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, so dass er auch zu dem Beinamen "Rothut-Karmapa" kam. 1959 verließ Shamar Rinpoche aufgrund der chinesischen Invasion sein Heimatland Tibet an der Seite des 16. Karmapa. Bis 1979 erhielt er im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa. Seitdem reist er durch die ganze Welt und lehrt den Diamantweg-Buddhismus.
Vor allem seiner Aktivität ist es zu verdanken, dass 1992 die 17. Inkarnation des Karmapa, Thaye Dorje, gefunden und nach Indien in die Freiheit gebracht werden konnte, wo er jetzt unter seiner Leitung ausgebildet wird.