Die Vier Wege des WeisenVon Künzig Shamar RinpocheIch möchte gerne eine traditionelle Belehrung mit euch teilen, bei der es darum geht, ein gutes Urteilsvermögen zu entwickeln. Sie kann uns dabei unterstützen, unserem gesunden Menschenverstand zu vertrauen und nicht in die Irre geführt zu werden. Es geht dabei um vier Ratschläge, die man auf das Dharma, aber auch auf alle anderen Aspekte des täglichen Lebens anwenden kann. Ich denke, dass viele Probleme in modernen Gesellschaften gelöst werden könnten, wenn die Menschen nur diesem einfachen Rat folgen würden.
Die Belehrung besteht aus vier einfachen Leitsätzen:
1. Stütze dich auf die Lehren, nicht auf den Lehrer. Es gibt natürlich auch viele am Buddhismus interessierte Menschen, die das Gefühl haben, für eine persönliche Verbindung zu einem Lehrer noch gar nicht bereit zu sein. Für sie reicht es vielleicht aus, Dharma-Bücher von verschiedenen Lehrern zu lesen. Am Anfang ist es auch sinnvoll, sich erst einmal umzuschauen. Aber wenn man mit seiner Praxis über das Oberflächliche hinausgehen und wirklich Fortschritte erzielen will, muss man irgendwann einen Lehrer finden. Traditionell unterscheidet man Lehrer, die buddhistische Philosophie unterrichten und Lehrer, die Meditation lehren können. Auf beiden Gebieten ist es nicht leicht jemanden zu finden, der wirklich qualifiziert ist; aber einen fähigen Lehrer für Meditation zu finden, ist noch schwieriger als einen mit gutem akademischen Wissen über Philosophie. Grundlegende Meditationen können möglicherweise auch von Philosophie-Lehrern erklärt werden. Aber weiterführende Übungen können nur von jemanden gelehrt werden, der selbst einige Fortschritte auf dem buddhistischen Pfad gemacht hat. 2. Stütze dich auf die Bedeutung, nicht auf die Worte. Stil und Sprache seines Buches waren vollkommen, denn dieser Brahmane war ein Meister der Rhetorik. Die Legende besagt, dass das Buch so überzeugend war, dass die Frau tatsächlich ins Feuer sprang. Damit begann in Indien die abscheuliche Praxis des Sati. Bis die Briten sie verboten, war sie sehr verbreitet und existiert selbst heute noch an einigen Stellen. 3. Stütze dich auf das Tiefgründige, nicht auf das Oberflächliche. Im Buddhismus ist es besonders wichtig, dass man unter die Oberfläche schaut. Buddha gab Belehrungen auf verschiedenen Ebenen entsprechend den Fähigkeiten seines Publikums, also für Anfänger oder Fortgeschrittene. Aber selbst Anfänger-Belehrungen können tiefgründige Botschaften enthalten, für hochqualifizierte Praktizierende mit der Fähigkeit sie zu entschlüsseln. Noch wichtiger ist es aber, um überhaupt Vorteil von Dharma zu haben, dass man fähig ist, tiefer nachzudenken. Ich möchte das näher erklären: Wenn man ein Problem hat, sollte man eine dem Problem angemessene Lösung suchen. Bei einem einfachen Problem wird man eine schnelle und leichte Lösung finden. Aber bei einem komplexen Problem braucht man ein kraftvolles Gegenmittel. Und wenn das Problem das allertiefgründigste Problem ist, das Menschen bzw. alle Wesen haben können, nämlich das Problem des Leidens und der Existenz, dann braucht man das tiefgründigste verfügbare Gegenmittel. Wäre man nicht unwissend, bräuchte man sich mit Unwissenheit nicht zu beschäftigen. Buddhas Lehre zeigt uns die Richtung zur Erleuchtung. Um aus unserer alltäglichen Unwissenheit die Qualität der Erleuchtung heraus zu ziehen, muss das Dharma auf jeden Aspekt der Unwissenheit angewendet werden. So entsteht dann die Lösung direkt aus unseren Problemen. Es gibt einen berühmten buddhistischen Text des alten indischen Philosophen Vasubandhu, das Abhidharmakosha, der besagt: "Wenn man übt, auch für kleine Probleme Gegenmittel einzusetzen, kann man in dieser Weise irgendwann auch das größte aller Probleme, die Unwissenheit selbst, beseitigen." Die stärkste Verwirrung kann durch die einfachste Meditation geheilt werden. Man kann zum Beispiel sexuelle Begierde vermindern, in dem man auf tote Körper meditiert. Die subtilste Verwirrung jedoch kann nur durch allertiefgründigste Weisheit aufgelöst werden. Um die feinen Verdunkelungen am Ende des buddhistischen Pfades zu beenden, braucht man den tiefgründigen "diamantgleichen Samadhi", die letzte Stufe der meditativen Versenkung vor der Erleuchtung. Diesem Rat zu folgen bedeutet, dass man sich nicht mit seichtem Denken zufrieden gibt und dass man auch andere zu gründlicher Beurteilung ermuntern sollte. Diese Maxime besagt, dass man sich nicht auf den dualistischen, logischen und konzepthaften Geist, also auf Illusionen, stützen soll, sondern auf den nicht-dualistischen Geist. Man geht tiefer und läuft nicht wie üblich den Illusionen nach. Vergesst nicht: ganz gleich wie beeindruckend oder überzeugend unsere Gedanken sein mögen, so ist die letztendliche Wirklichkeit doch außerhalb ihrer Reichweite. Dies sind die vier Wege des Weisen. Ist es ein Zeichen des niedergehenden Zeitalters, dass die meisten Menschen heutzutage in genau entgegengesetzter Weise handeln? Rastlos häufen sie einen Fehler nach dem anderen an. Die Menschen täuschen sich erst selbst und dann führt eine Person eine andere in die Irre, die wiederum falsches Denken an andere weitergibt, so dass eine endlose Kette von Fehlern entsteht. Lasst euch nicht davon einfangen! Stützt euch auf diese vier Leitsätze, dann könnt ihr die Fesseln der Illusion durchschneiden, so wie es der große Bodhisattva Manjushri tat. Er verwirklichte die Vervollkommnung der Weisheit und schnitt mit seinem Weisheitsschwert die Verdunkelungen durch. Künzig Shamar Rinpoche Künzig Shamar Rinpoche ist der zweithöchste Lehrer der Karma Kagyü Linie. Seine Inkarnationslinie stand von jeher in engster Verbindung mit derjenigen der Gyalwa Karmapas, so dass er auch zu dem Beinamen "Rothut-Karmapa" kam. 1959 verließ Shamar Rinpoche aufgrund der chinesischen Invasion sein Heimatland Tibet an der Seite des 16. Karmapa. Bis 1979 erhielt er im Kloster Rumtek in Sikkim sämtliche Belehrungen und Übertragungen der Kagyü-Linie vom 16. Karmapa. Seitdem reist er durch die ganze Welt und lehrt den Diamantweg-Buddhismus. Vor allem seiner Aktivität ist es zu verdanken, dass 1992 die 17. Inkarnation des Karmapa, Thaye Dorje, gefunden und nach Indien in die Freiheit gebracht werden konnte, wo er jetzt unter seiner Leitung ausgebildet wird. |
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