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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 46, (Winter 2009)

20 Jahre Buddhismus Heute

Von Detlev Göbel

Mit dieser Ausgabe feiern wir das 20-jährige Bestehen der Buddhismus Heute. Zu diesem Anlass möchten wir den vielen Mitarbeitern danken, die über all diese Jahre hin ehrenamtlich mitgeholfen haben. Seit vielen Jahren arbeiten ca. 20 bis 30 Freunde in wechselnder Besetzung in verschiedenen Ressorts wie Vertrieb, Finanzen, Gestaltung, Anzeigen, Abonnements, Lektorat, Übersetzungen und Redaktion zusammen. All die Namen hier aufzuführen, würde diesen Rahmen sprengen - es dürften an die 100 aus verschiedenen Zentren im deutschsprachigen Raum gewesen sein. Wir möchten gerne diese Gelegenheit für einen Rückblick und etwas Hintergrundinformation nutzen.

Wie entstand die Buddhismus Heute?
Anfang 1989 überraschte uns das Zentrum Wuppertal mit einer Programm-Beilage. Unter dem Titel "Mahamudra" hatten Gabi Volenko, Peter Speier und ihre Freunde eine kleine Zeitschrift produziert, deren Inhalt zum größten Teil aus einem Vortrag von Lama Ole bestand. Im Editorial schrieb die Redaktion damals: "Vor allen Dingen soll [die Zeitschrift] der Verbindung und Kommunikation zwischen allen Karma Kagyü Zentren in Europa dienen - von Oslo bis Athen."

Dazu Gabi und Peter heute, 2008:
"Von Oslo bis Athen - Lama Ole wurde nicht müde, es immer wieder zu betonen. Und so drang es auch in unsere Köpfe. Die Achse des modernen Karma Kagyü Buddhismus brauchte eine Informationsplattform.

Wir schreiben das Jahr 1989. Gerade wird das Fax eingeführt und das Zeitalter der PCs steckt in den Kinderschuhen. Es gibt keine Emails, Laptops oder Handys. In unseren Zentren ist außer der Lehre Buddhas auch der nicht so 'heilige' Teil der Übertragung angekommen und Lama Ole und Hannah haben alle Hände voll zu tun, den Informationsfluss in Gang zu halten und Aufklärung zu betreiben. Natürlich wollen wir sie dabei unterstützen und nichts erscheint uns besser geeignet als Presse und eine eigene Informationsplattform.

Unser Konzept steht schnell fest und hat sich eigentlich bis heute nicht groß verändert. Auf breiter Ebene von allen Zentren getragen, sollten zeitgemäße buddhistische Belehrungen großer Lehrer, Vorträge und Artikel von Lama Ole sowie allgemeine Informationen zur Entwicklung der Zentren der Inhalt sein. Finanzieren wollten wir das Ganze über Anzeigen. Lama Ole gefiel die Idee sehr, der ursprüngliche Name der Zeitschrift war "Mahamudra". Und natürlich hatte er auch schon die erste brandheiße Information. Die Nachricht über Vajradhatu, Trungpa Tulkus Organisation in Amerika, war ihm so wichtig, dass wir die erste Ausgabe der Zeitschrift mit heißer Nadel strickten. Jedes große Projekt bringt bekanntlich Reinigung mit sich und auch wir konnten uns diesem Sog nicht entziehen. Auf der Strecke blieb, unerfahren wie wir waren, die technische Qualität, was für ein bisschen Aufregung, der Würze des Lebens, sorgte.

Dem Erfolg der "Kagyü life", die später in "Buddhismus heute" unbenannt wurde, tat es keinen Abbruch. Der Startschuss war gefallen, der Schall breitete sich aus - von Oslo bis Athen."

Viele der Aktiven der damaligen Zeit wollten sich gerne mit einbringen und so kam es im Frühjahr 1989 zu einem überregionalen Treffen im Wuppertaler Zentrum mit Lama Ole Nydahl, an dem ca. 20 Freunde teilnahmen. Ulla Unger aus München übernahm zusammen mit Peter Speier und Erik Weiss die Redaktion. Ihrer Inspiration entsprang der neue Name der Zeitschrift, "Kagyü Life", der uns viele Jahre begleiten sollte. Noch heute rutscht manchem "Kagyü Life" über die Lippen, wenn er "Buddhismus Heute" meint.

So wurde also 1989 die erste Kagyü Life produziert, und ihr Inhalt bestand vor allem aus der letzten öffentlichen Belehrung des kurz zuvor verstorbenen Kalu Rinpoche. In diesem Heft zeichnete sich bereits eine wichtige zukünftige Funktion der Zeitschrift ab, nämlich neben Information über Dharma und Ereignisse und Projekte in der Sangha auch unsere Geschichte zu dokumentieren und aufzuzeigen, wie wir zu wichtigen Entwicklungen Stellung bezogen haben.

Schon in der Mahamudra hatte es eine Meldung über einen der größten Skandale im Buddhismus unserer Zeit gegeben: All die großen Medien in den USA hatten darüber berichtet, dass der Leiter der buddhistischen Organisation Vajradhatu, ein Amerikaner unter dem Namen Ösel Tendsin, Schüler und Schülerinnen mit HIV angesteckt hatte. Der offensichtlich bisexuelle Ösel Tendzin wusste von seiner eigenen Infektion, hatte aber nach eigenen Aussagen gedacht, er sei so hoch verwirklicht, dass er niemanden mehr schaden könne. Der gesamte Buddhismus in den USA erlebte einen herben Rückschlag unter den Medienberichten zu diesem Skandal.
Obwohl die Wogen in Europa nicht so hoch schlugen, war es nötig sich deutlich, öffentlich und dokumentiert von den Vorfällen zu distanzieren. So erschien also in der Kagyü Life, dem neuen Sprachrohr unserer deutschsprachingen Zentren ein Brief von Lama Ole und Hannah Nydahl zu den Ereignissen. Dies war der erste einer Reihe von Fällen, in denen uns unsere offene und transparente Herangehensweise ermöglichte zu zeigen, dass wir angesichts interner Problem nicht den Kopf in den Sand stecken und Peinliches zu vertuschen versuchen.

Die ersten Hefte erinnerten sehr an die kopierten Schülerzeitungen der 70er und 80er Jahre, denn nur wenige der Mitarbeiter waren Profis und Kagyü Life wurde (und wird bis heute) ehrenamtlich in der Freizeit neben anderen Dharma-Aktivitäten produziert. Aber zunehmend kam Qualitat in Gestaltung und Inhalt ins Spiel. Über viele Jahre hin führten wir unzählige Gespräche mit Lama Ole und Hannah Nydahl über Stil und Inhalt der Zeitschrift, lernten mehr und mehr dazu, und die Zeitschrift entwickelte ihr heutiges Profil. Natürlich wurden in diesen ersten Jahren auch in jeder Hinsicht viele Fehler gemacht, wodurch wir rückblickend am meisten lernten. Hannahs großes Augenmerk lag zum Beispiel - neben der allgemeinen "Qualitätssicherung" der Dharma-Inhalte - immer darauf, dass die Zeitschrift auch in den Augen der Tibeter bestehen konnte. Sie lehrte uns über Jahre hin immer mehr große und kleine Dinge, die dafür zu beachten sind, vor allem in Hinblick auf das Design, den Umgang mit Bildern der Lamas und Buddhas usw.

In den ersten Jahren kam manchmal die Kritik auf, Kagyü Life sei "sektierisch", weil sie nicht allgemein über Buddhismus berichtete, sondern von wenigen Ausnahmen abgesehen nur über Karma Kagyü, und das auch nur im Rahmen der von Lama Ole im Auftrag Karmapas geleiteten Zentren.
Diese frühe Klarheit in der Ausrichtung kam uns sehr zugute, als im Jahre 1992 die Kagyü-Krise über uns hereinbrach. Heute im Rückblick sieht man, dass sie tatsächlich mehr Gutes als Schlechtes brachte, aber diese Erkenntnis kam erst nach einigen schwierigen Jahren. Die Lektüre von Tomek Lehnerts "Rüpel in Roben" und der Kagyü Life Hefte aus den Jahren 1992 bis 1995 vermittelt einen Geschmack davon, wie kriegerisch es damals in der Kagyü-Linie zuging.
Kagyü Life war in diesen Jahren das Medium, um unsere Zentren mit Informationen, Warnungen, Hintergrundberichten, Interviews usw. zu versorgen. Um das zu verstehen, muss man sich erinnern, wie Kommunikation Anfang der 90er Jahre aussah: Information wurde damals noch vor allem auf Papier verteilt, denn es gab weder Internet noch E-mail. Viele Zentren hatten noch nicht einmal ein Fax-Gerät.

Neben den damals drei Mal jährlich erscheinenden Heften verschickte die Redaktion regelmäßig Fax-Newsletter mit aktuellen Neuigkeiten zu den Entwicklungen. Zurückblickend erinnere ich mich an die Freude, als die erste Fax-Software erschien und man nicht mehr nachts stundenlang neben dem Fax-Gerät sitzen musste, um ein Fax an 100 Zentren zu versenden.
Das Kagyü Life Team versuchte in dieser Zeit den Lesern zu vermitteln, was wir in unzähligen Gesprächen mit unseren Rinpoches und Lamas - getrieben auch vom eigenen Wunsch die ganze "Katastrophe" zu verstehen - erfahren hatten, und leitete Briefe unserer Lamas und Berichte aus dem Osten weiter. Nachdem die Kagyü-Krise heute aber kein großes Thema mehr ist, kann Buddhismus Heute sich seit längerem schon ausschließlich den Kernaufgaben einer buddhistischen Zeitschrift widmen.

Mitte der 90er Jahre legten viele Zentren ihre bis dahin üblichen tibetischen Namen - wie zum Beispiel "Karme Chöling München" - ab, um für die interessierte Öffentlichkeit zugänglicher zu werden, denn jemand, der buddhistische Zentren sucht, schaut unter B wie Buddhismus, nicht unter K wie Karma oder Kagyü. Aus dem gleichen Grund regte Lama Ole damals an, dass Kagyü Life sich in Buddhismus Heute umbenennt. 1999 erschien so die erste "Buddhismus Heute" und mit diesem Heft feierte die Zeitschrift zugleich ihr 10-jähriges Bestehen. Lama Ole beehrte sie im Editorial mit den Worten:
"... alle früheren wie jetzigen Mitarbeiter haben Erstklassiges geleistet. Mit den Übersetzern der Beiträge um die Welt zusammen waren sie ein bedeutender Stützpfeiler im Entstehen des lebensnahen, heutigen Diamantweges. Unerschrocken haben sie auch die heißesten Eisen angepackt und unsere Linie sauber gehalten. Ihre stete Arbeit hat eine tiefe Vertrauensebene unter die Arbeit gelegt und viele zum selbständigen Denken gebracht. Mögen sie lange so weiterwirken können und das Beste aus Tibet und dem Westen vereinen."

Im Laufe der 20 Jahre sind in vielen Ländern eigene Ausgaben der Buddhismus Heute entstanden. Heute gibt es ca. 18 verschiedene Ausgaben, zum Beispiel in Polnisch, Russisch, Dänisch, Italienisch, Ungarisch, Tschechisch, Spanisch, Englisch usw. Jedes Land hat eine eigene Redaktion, die selbständig über die Zusammensetzung der Hefte entscheidet, aber alle Redaktionen sind vernetzt und im Austausch miteinander.
Vor einigen Jahren starteten Michael Fuchs und Klaus Neukirchen das Projekt "Buddhismus Heute Special". In unregelmäßigen Abständen erscheinen hier Themen-Specials mit Belehrungen aus alten Heften, gemischt mit neuen Artikeln zu einem bestimmten Dharma-Thema. Nach dem Start in Deutschland erscheinen diese Specials nun auch zunehmend in anderen Sprachen.

Wie kommen eigentlich die Artikel ins Heft?
Buddhismus Heute erscheint derzeit zwei Mal pro Jahr, es gibt ein Winter- und ein Sommer-Heft, mit einer Auflage von zur Zeit 5000 Exemplaren. Themen-Hefte haben wir selten, wir versuchen in jedem Heft eine mehr oder weniger ausgewogene Mischung zu bringen aus:

  • Belehrungen und Interviews von und mit tibetischen Lehrern wie dem 17. Karmapa Thaye Dorje, Künzig Shamarpa, Lopön Tsechu Rinpoche, Sherab Gyaltsen Rinpoche, Jigme Rinpoche ...
  • Belehrungen und Interviews von und mit Lama Ole und Hannah Nydahl. Hannah Nydahl war zu Lebzeiten immer sehr bescheiden und zurückhaltend was die Veröffentlichung ihrer Belehrungen angeht, aber vielleicht wird in Absprache mit Lama Ole in der Zukunft einiges von ihr veröffentlicht werden können.
  • Belehrungen von Reiselehrern
  • Artikel zu interessanten Spezialthemen wie zum Beispiel "Buddhismus und Wissenschaft"
  • Berichte über wichtige Ereignisse und Entwicklungen in unseren Zentren
  • Berichte von Reisen mit Lama Ole, Pilgerreisen in Asien, etc.
  • Berichte aus dem asiatischen Teil der Karma Kagyü Linie. Der Schwerpunkt in Buddhismus Heute liegt auf Diamantweg-Buddhismus im Westen, aber in fast jedem Heft finden sich auch Berichte aus Indien, Nepal, Tibet, Bhutan.
  • News und Hintergrundberichte aus der ganzen buddhistischen Welt

Meistens haben wir für jedes Heft zuviel Material und müssen Artikel streichen, verschieben. Nur sehr selten hatten wir Mangel an guten Texten. Die Artikel kommen über verschiedene Wege zusammen:

  • Entweder die Redaktion hat eigene Ideen. Dann sprechen wir Autoren an, führen Interviews mit Lamas, schreiben selbst etwas usw.
  • Oder Lama Ole und Caty Hartung schicken uns einen Text oder weisen auf ein Thema hin, das wichtig wäre.
  • Wir bekommen unaufgefordert Texte zugeschickt, oder Freunde kommen mit einer Idee zu einem Artikel auf uns zu.
  • Wir übersetzen Texte aus der amerikanischen Buddhism Today, oder lassen Texte übersetzen aus anderssprachigen Ausgaben der Buddhismus Heute.

Aus diesen verschiedenen Quellen stellen wir für jedes Heft eine Mischung zusammen, die wir nützlich und interessant finden. Dabei versuchen wir eine Balance zu halten zwischen Texten die für Menschen ohne tieferes Wissen über Buddhismus und Texten, die für langjährige Praktizierende interessant sind. Für viele Menschen ist Buddhismus Heute der erste Kontakt zum Diamantweg-Buddhismus der Karma Kagyü Linie, und wir bemühen uns dem Rechnung zu tragen.

Bei der Auswahl der Texte haben wir immer auch etwas Geschichtsschreibung im Sinn. So wie wir heute die Anfänge der Karma Kagyü im Westen über Lama Ole Nydahls Bücher "Die Buddhas vom Dach der Welt" und "Über alle Grenzen" kennen lernen können, so wird man später einmal alle wichtigen Entwicklungen seit 1989 über die Archive der Buddhismus Heute nachverfolgen können und viel Hintergrundinformation dazu erhalten.

Für die Redaktion zeichnen seit 2000 Claudia Knoll und ich verantwortlich, vorher waren es seit 1989 vor allem Ulla Unger und ich. Die große Linie jedes Heftes und viele einzelne Artikel besprechen wir mit Caty Hartung, die insofern auch Teil der Redaktion ist. Viele Gespräche mit unseren Sangha-Freunden, mit anderen Reiselehrern, mit Mitarbeitern aller möglichen Diamantweg-Projekte usw. fließen mit in die redaktionelle Arbeit ein.

Buddhismus Heute ist das Sprachrohr des BDD, mit dem wir uns auch nach außen hin präsentieren. Obwohl es diese Außenwirkung der Buddhismus Heute gibt, so liegt ihr Schwerpunkt jedoch eher intern. Buddhismus Heute wird zum Beispiel - im Gegensatz zur amerikanischen Buddhism Today - nicht an Kiosken oder im normalen Buchhandel vertrieben, sondern nur über die Shops der Zentren, auf Kursen, per Online-Bestellung beim BDD-Versand oder per Abonnement. Der Inhalt richtet sich weniger an ein mit Buddhismus gar nicht vertrautes Publikum, sondern eher an Praktizierende. Es gab immer wieder einmal Diskussionen, eine Publikation mit anderem Schwerpunkt herauszubringen, aber bisher gibt es keine konkreten Pläne dazu.

Seit vielen Jahren hat Buddhismus Heute eine Website, die www. buddhismus-heute.de. Aber erst Ende 2007 haben wir mit Hilfe zahlreicher Freunde eine große Anstrengung unternommen, um die Website mit nun mehr als 300 Artikeln aus alten Heften zu einem kleinen Karma-Kagyü-Online-Nachschlagewerk zu machen.