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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

Wünsche als Teil der Praxis

Von Rosi Fischer

In den buddhistischen Meditationen kommen immer wieder Wünsche vor. Diese zielen in der Regel darauf ab, dass man Erleuchtung erreichen möchte. Man formuliert diesen Wunsch jedoch meistens nicht allgemein, sondern richtet ihn an den Lama, den Buddha oder an die Übertragungslinie.

Manche denken, dass das ähnlich wie in anderen Religionen ist, wie wenn man etwa zu Jesus oder zu Gott betet. In gewissem Sinne stimmt das auch, weil man den Geist auf eine äußere Form oder Kraft ausrichtet, der man besondere Qualitäten zuschreibt und sie deshalb um Schutz oder Hilfe anruft. Jedoch gibt es hier wesentliche Unterschiede.

Wir sind Buddhas

Einer davon ist, dass wir uns als ebenbürtig mit dem Lama oder dem Buddha betrachten, denn wir alle haben das gleiche Potential an erleuchteten Qualitäten in uns. Im Gegensatz zum Buddha erfahren wir jedoch dieses Potential noch nicht. Buddha hat einfach nur mehr meditiert als wir. Hätten wir die Buddhanatur nicht, könnten wir nicht erleuchtet werden und jegliche Wünsche in dieser Hinsicht wären sinnlos. Grundbedingung ist also unsere eigene Buddhanatur. Buddha wollte Kollegen und indem wir den buddhistischen Weg gehen, werden wir Buddhas Geisteszustand verwirklichen. Wir werden dann selbst zu einem Buddha werden.

Außen und Innen sind ungetrennt

Des Weiteren sind Außen und Innen nicht zu trennen. Dies bedeutet, dass die Form, auf welche man sich ausrichtet, Qualitäten im eigenen Geist widerspiegelt, die man selbst aufgrund der eigenen Unwissenheit noch nicht erkannt hat. Wünsche funktionieren, weil wir Teil eines Ganzen sind. Wären wir von allem getrennt und würden wir uns nicht gegenseitig beeinflussen können, dann wären Wünsche nutzlos und es gäbe zum Beispiel auch keine Intuition oder Telepathie. Die raumgleiche Natur des Geistes ist die Basis dafür, dass Wünsche in Erfüllung gehen können. So sind wir mit allem verbunden und wirken aufeinander ein. Und nicht nur das: die Raumnatur des Geistes ermöglicht erst, dass wir über die Identifikation mit dem Buddha oder dem Lama überhaupt erleuchtet werden können.

Auf der Ebene, auf der wir uns jetzt befinden, erleben wir allerdings meistens Trennung. Wir stellen uns etwas vor uns im Raum vor: wir sind hier und die Form ist da. Das Besondere ist aber, dass wir verstehen, dass das Wesen von uns und von der Buddhaform vor uns identisch ist. In der Meditation geben wir dieser Wesensgleichheit in der Verschmelzungsphase Ausdruck und üben so die eigene Buddhaschaft, bis wir sie erlangt haben. Vor allem auch nach der Verschmelzungsphase bemühen wir uns, die so gewonnene reine Sicht aller Dinge so gut und so lange wie möglich zu bewahren.

Karma und Wünsche

Aber der Geist ist nicht nur offen wie der Raum, sondern auch reich an unbegrenzten Möglichkeiten. Er ist nicht leer oder wie ein schwarzes Loch, sondern ein Potential, in dem sich Erscheinungen auf das Vielfältigste zeigen können: etwa als Gefühle und Gedanken, Worte und Taten, Wesen und Welten. Wünsche sind eine der Manifestationen des Geistes. Theoretisch ist alles möglich - prinzipiell kann sich jeder Wunsch erfüllen. Praktisch sind wir jedoch durch die Gewohnheiten vieler Leben geprägt. Aus Unwissenheit entsteht Anhaftung, Abneigung und Dummheit; daraus entstehen viele störende Gedanken und Gefühle; wir sagen oder tun schwierige Dinge und so entstehen schließlich individuelle karmische Tendenzen. Diese sind wiederum die Ursache dafür, wie wir aussehen, wo wir leben, wann wir geboren werden, ob wir arm oder reich sind, eher schlecht gelaunt oder eher frohgemut usw. Unseren jetzigen menschlichen Körper haben wir zum Beispiel für dieses eine Leben mit und wenn wir schwere langwierige Krankheiten haben, können gute Wünsche zwar etwas helfen, aber wahrscheinlich nicht alle Schwierigkeiten auflösen. Wenn der Körper Gene hat, die nur für ein kurzes Leben reichen, kann man zwar mit gesunder Lebensweise und guten Wünschen das Lebensende etwas hinauszögern, wird aber aller Voraussicht nach nicht 100 Jahre alt werden. Nichtsdestotrotz ist unser Geist immer "der Boss" und wenn wir uns sehr stark etwas wünschen und davon überzeugt sind, dass es geschehen wird, kann es sehr wohl möglich sein, dass dies eintritt. Es gibt zum Beispiel eine Reihe dokumentierter Fälle von unheilbar Kranken, die kraft ihrer Wünsche und ihrer positiven Gedanken wieder gesund geworden sind.
Karma selbst reift vollständig heran, wenn vier Faktoren zusammenkommen: man ist sich einer Sache voll bewusst, man wünscht etwas zu tun, man tut es oder lässt es tun und man ist nach der Tat zufrieden damit. Tut man etwas, ohne es wirklich zu wünschen, wird die Wirkung der Tat dadurch abgeschwächt. Auch hier kann man sehen, wie viel Einfluss Wünsche auf die Geschehnisse haben.
Der Wunsch allein ist aber auch nicht ausschlaggebend. Wichtig ist die Stärke der Motivation hinter dem Wunsch. Sind wir hochmotiviert und wünschen uns etwas inständig und über lange Zeit hinweg, hat dieser Wunsch mehr Kraft und kann so leichter in Erfüllung gehen.

Arten von Wünschen

Damit kommen wir zu der Art des Wunsches. Man kann sich nur etwas für sich allein wünschen. Unsere ganze Werbeindustrie lebt davon, bei dem Einzelnen Wünsche zu wecken, die dann zum Kauf von Produkten oder Dienstleistungen führen sollen. Häufig wird uns mit einer Marke Glück, Liebe, Ansehen, Bewunderung usw. versprochen und es wird uns suggeriert, dass man diese durch Geld kaufen kann. Letztlich sind aber die Freuden, die durch das Zufriedenstellen von Bedürfnissen entstehen, nicht dauerhaft, da alles, was bestimmten Bedingungen unterliegt, einmal vorbeigehen wird. Wer kennt das nicht: heute wünscht man sich etwas, man kauft es sich und kurze Zeit später gefällt es einem aus irgendwelchen Gründen nicht mehr und man fühlt sich womöglich noch unglücklicher als vorher. Dieses Wechselbad der Gefühle ist typisch für ich-bezogene Wünsche.

Etwas klüger ist es, nicht nur für sich, sondern auch für andere etwas Gutes zu erstreben. Damit vervielfältigen sich die Wünsche und das Resultat vervielfältigt sich ebenfalls. Am klügsten ist es jedoch, sich und anderen kein bedingtes, sondern dauerhaftes Glück zu wünschen, das heißt Erleuchtung. Dies nennt man "die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes" bzw. "die Entwicklung von Bodhicitta". Volle Erleuchtung bedeutet, ohne Unterlass im Hier und Jetzt den Raum als Wahrheitszustand, den Reichtum im Raum als Freudenzustand, das resultierende aktive Mitgefühl als Ausstrahlungszustand und das Wesen von allen Zuständen zusammen als Essenzzustand zu erfahren und zu verwirklichen. Es bedeutet, Unwissenheit vollständig gereinigt zu haben und höchste Weisheit zu erleben. Stolz, Eifersucht, Begierde, Dumpfheit, Geiz und Zorn sind in die wesensgleiche, die Erfahrungs-, die unterscheidende, die intuitive und die spiegelgleiche Weisheit umgewandelt worden und die befriedende, die fördernde, die begeisternde und die kraftvoll-schützende Buddhaaktivität zeigen sich. Dementsprechend findet man in den Diamantwegsmeditationen Wünsche, die Buddhaweisheiten, die Buddhaaktivitäten oder auch die vier Buddhazustände (siehe oben) zu verwirklichen, wie beispielsweise in der vierten Grundübung, der Meditation auf den Lama. Immer bezieht der Wunsch andere mit ein. Man wünscht Erleuchtung zum Besten aller, oder grenzenlose Buddhaaktivität zum Wohle aller Wesen, oder auch langes Leben und Gesundheit, um zum Besten aller wirken zu können. Diese Wünsche zielen auf letztendliches Glück und sind deshalb von besonderer Qualität.

Entstehen von Offenheit und Vertrauen

Abgesehen davon, dass wir die Wünsche ganz allgemein machen können, dienen sie in der Meditation vor allem dazu, uns für den Segen des Lamas und der betreffenden Dharmapraxis zu öffnen. Die Lamas oder die Buddhas brauchen für ihr eigenes Glück unsere Wünsche bestimmt nicht; vielmehr können wir uns durch die Wünsche öffnen und Vertrauen entwickeln. So werden wir fähig, die ganze Kraft einer Praxis aufzunehmen und das volle Ergebnis zu erzielen. Die Wünsche sind auch Mittel, um positive Eindrücke im Geist aufzubauen. Sie sind Teil der aufbauenden Meditationsphase, und sie helfen uns, in der Verschmelzungsphase in dem zu ruhen, was ist.

Die Kraft der Buddhas

Wenn wir uns auf die Erleuchtung ausrichten und Wünsche zum Besten aller machen, dann helfen alle Buddhas mit, dass geschieht, was uns und allen am meisten nützt. Das erleuchtete Kraftfeld, in dem wir uns befinden, gibt unseren Wünschen extra Schub. Es heißt auch, dass an besonderen Kraftplätzen Wünsche besonders schnell in Erfüllung gehen. Deswegen ist es gut, zum Beispiel an Stupas oder in besonders gesegneten Meditationsräumen, oder an Orten, an denen erleuchtete Meister gelebt haben, Wünsche zu machen. Aber was für Wünsche sollten dies sein? Am besten ist es, die eigenen, vielleicht manchmal auch sehr persönlichen Wünsche so zu formulieren, dass das, was man sich erhofft, zum Besten aller ist und zu letztendlichem Glück führt. Hierzu ein Beispiel. Vor einigen Jahren war Lama Jigmela im Heidelberger Zentrum zu Besuch und ein junger Mann erzählte, dass er gerne eine Freundin hätte. Er fragte Lama Jigmela, ob er denn eine Freundin fände, wenn er die Befreierin (Skt.: Tara) anrufen würde. Lama Jigmela antwortete, dass er ganz unbesorgt sein soll. Er könne sich sicher sein, dass er auf diese Weise eine ganz ausgezeichnete Partnerin finden würde. Falls aber nicht, könne er sicher sein, dass auch das genau das Richtige wäre und er sonst womöglich leidvolle Zeiten mit unpassenden Partnerinnen hätte erleben müssen, was ihm so erspart bliebe. In jedem Fall werde das Bestmögliche für ihn geschehen. Also wenigstens keine schwierigen Frauen, und wenn eine, dann Hauptgewinn!

Mit der Meditationspraxis wächst auch die intuitive Weisheit und das Gespür für sinnvolle Wünsche. Wie das Beispiel oben verdeutlicht, liegt man jedenfalls immer richtig, wenn man dauerhaftes Glück für sich und alle Wesen wünscht.

Beispiele

Schaut man sich die Meditationen der Diamantwegspraxis genauer an, dann kommen darin bestimmte Wünsche in ähnlicher Weise immer wieder vor.

Wenn wir uns zum Lama oder einem Buddhaaspekt hinwenden, dann rufen wir diesen an. In der Meditation auf den 16. Karmapa heißt es beispielsweise: "Lieber Lama, Essenz aller Buddhas, bitte zeig uns die Kraft, die die Unwissenheit und Verdunkelung von allen Wesen und uns selbst entfernt. Mögen wir das zeitlose Klare Licht des Geistes erkennen." Man versteht, dass der Lama den Zustand der Erleuchtung verwirklicht hat und dass Unwissenheit und Störgefühle uns davon abhalten, diesen zu erleben. Aufgrund der Kraft des Lama und unserer Offenheit kann aber die Erfahrung des Lama zu unserer eigenen werden. Auf dieser Basis machen wir dann solche Wünsche. Häufig kommt auch folgender Wunsch vor: "Bitte gib uns Deinen / Euren Segen", zum Beispiel in den Mandala-Schenkungen oder in der Phowa-Praxis. Hier geht es ebenfalls darum, sich dem Kraftfeld des jeweiligen Aspektes zu öffnen, so dass die eigenen erleuchteten Qualitäten zum Vorschein kommen können.

Andere Wünsche sind eher praktisch und lebensnah. Sie beziehen sich darauf, dass Hindernisse aus dem Weg geräumt werden sollen, oder dass man leidbringende Handlungen aufgibt, oder dass man von den Buddhas beschützt werden möchte. So heißt es beispielsweise in der ersten Grundübung: "Möge ich nicht vom Erleuchtungsgeist getrennt sein, mich ganz der Erleuchtungspraxis widmen, von allen Buddhas sicher gehalten werden und alle leidbringenden Handlungen aufgeben!" Es ist eben nicht so einfach, die eigenen Störgefühle in Weisheiten umzuwandeln und ständig freudvoll und liebevoll zu sein, und man bittet deshalb die Buddhas um Unterstützung. Wir bitten die Buddhas auch, bei uns zu bleiben und möglichst lange zu leben, so dass wir und andere noch viel lernen können.

Schließlich beinhaltet jede Meditation am Ende den Wunsch, dass alle Wesen dauerhaftes Glück erfahren. Damit verschenkt man die guten Eindrücke der Meditationspraxis an alle Wesen. Wir machen uns damit selbst unendlich reich und teilen den Reichtum mit allen anderen. Eigenes Glück ist eben nicht von dem Glück anderer zu trennen!

Wünsche sind ein starkes Mittel, um sich dem Segen der Buddhas zu öffnen. Sie sind die Grundlage für unsere erleuchtete Buddha-Aktivität: erst kommen die Wünsche und dann folgen die Taten; erst kommt der Gedanke im Geist, dann folgt sein Ausdruck in Wort und Tat. Die Wünsche begleiten uns nicht nur ein Leben lang, sondern durch viele Leben hindurch und ihre Wirkung kann deshalb nicht hoch genug eingeschätzt werden.


Roswitha Fischer, Professorin für englische Sprachwissenschaft an der Universität Regensburg. Verheiratet, eine Tochter. 1985 Zuflucht bei Lama Ole, seit 1991 Reiselehrerin, Zentrums- und Vereinsarbeit, Dharmatext-Übersetzungen deutsch/englisch, Mitarbeit am Schul-Projekt.

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