Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

Tara, die "Befreierin"

Von Sabine Boyens-Hansen

Es war einmal - Äonen vor unserer Zeit - da gab es eine Periode, in der der Buddha "Klang der Trommel" den Weg zu Befreiung und Erleuchtung lehrte. In dieser Welt regierte ein ausgezeichneter König, dessen Tochter, die Prinzessin Yeshe Dawa ("Mondgleiche Weisheit"), bereits in ihrer Jugend auf ihrem spirituellen Weg weit fortgeschritten war.

Der Buddha "Klang der Trommel" hatte ein sehr großes Gefolge von Praktizierenden und Prinzessin Yeshe Dawa übte große Freigiebigkeit, indem sie den Buddha mit seinem gesamten Gefolge immer wieder in ihren Palast einlud. Einige männliche Praktizierende gratulierten ihr zu den großen Verdiensten und guten Eindrücken. die sie durch solche Taten anhäufte. Ein Mönch meinte, ihr weiterführende Instruktionen zum Bodhisattva-Weg geben zu müssen. Er riet ihr, starke Wünsche zu machen, in allen nachfolgenden Leben als Mann wiedergeboren zu werden, um vollkommene Erleuchtung erlangen zu können. Yeshe Dawa jedoch erwiderte: "Wer derartige Unterschiede zwischen Frau und Mann macht, zwischen einem Selbst und den Anderen, hat zwar Unterscheidungsvermögen entwickelt, aber nicht die Einheit aller Erscheinungen im Geist als offen, klar und unbegrenzt verstanden. Er hält an seinem dualistischen Realitätsbild fest und hat die allem innewohnende Buddhanatur noch nicht erkannt. Wie könnt ihr - angebliche Praktizierende - so zu mir sprechen?"

Sie entschied sich nun im Gegenteil Wünsche zu machen, nur noch als Frau wiedergeboren zu werden und so Buddhaschaft zu verwirklichen. Sie gelobte, so lange für die Wesen zu wirken, bis alle von ihrer Identifikation mit dualistischem Denken erlöst wären und schwor täglich erst dann zu essen, wenn sie eine bestimmte Anzahl von Menschen zur Befreiung geführt hätte. Die Prinzessin erlangte vollkommene Erleuchtung und befreite unablässig Wesen, sodass man sie "Schnelle Befreierin" nannte. Über viele Zeitalter hinweg bis heute galten immer wieder verschiedene geistig hoch verwirklichte Frauen als ihre Ausstrahlungen, in deren Aktivität sie sich inkarnierte. Ihr Wirkungsprinzip wurde allgemein unter dem Namen Tara bekannt.

Zu Beginn eines späteren Zeitalters begab es sich, dass Tara einen Mann zur Befreiung führte, der ein großer Bodhisattva wurde. Er empfand starke Dankbarkeit über seine Befreiung, sodass er das Mantra, das die Schwingung von Taras Aktivität trägt, 10 Millionen Mal wiederholte, um den Wesen in allen Daseinsbereichen zu helfen.

Er verkörperte in seiner Aktivität für die Wesen das höchste Mitgefühl und so wurde sein Name "Liebevolle Augen". Avalokiteshvara nennen ihn die Inder und Tschenresig die Tibeter.

Eines Tages bemerkte "Liebevolle Augen", der mit all seiner Kraft bemüht war, so viele Wesen wie möglich aus dem Kreislauf der bedingten Existenz zu befreien, dass die Anzahl der in Samsara Gefangenen nicht wirklich weniger wurde. Das Leiden dieser Wesen schmerzte ihn sehr und er brach darüber in Tränen aus. Er weinte so sehr, dass seine Tränen einen See bildeten. Aus diesem See sprossen zwei wunderschöne Lotusblüten. Diese öffneten sich und in ihnen manifestierten sich zwei weibliche Lichtenergieformen: die Weiße und die Grüne Tara. Sie versprachen "Liebevolle Augen", von nun an Seite an Seite mit ihm zu arbeiten. Die Weiße Tara versprach, Praktizierende dabei zu unterstützen fortgeschrittene Meditationszustände zu erreichen. Mit ihren sieben Augen - sie besitzt zusätzliche Augen auf Fuß- und Handflächen und eines in der Stirn - hat sie höchste Bewusstheit und die Fähigkeit jegliches Leid im Universum zu sehen. Sie wirkt für langes Leben und schützt vor Krankheiten. Ihre Aktivität ist befriedend und mütterlich harmonisierend. Die Grüne Tara versprach Weisheit zu vermehren, Ängste und Sorgen aufzulösen und wunscherfüllend zu wirken. Sie ist jederzeit bereit aufzuspringen und den Wesen zu nutzen. So verkörpert sie die Aktivität aller Buddhas. Auf diese Weise wurde aus einem Tränensee der Liebe und des Mitgefühls zeitlose Aktivität zum Wohle aller Wesen geboren.

Es war einmal eine Zeit, in der der historische Buddha Shakyamuni lehrte und noch heute, 2500 Jahre nachdem er aktiv war, ist seine Übertragungslinie ungebrochen und seine Belehrungen werden zum Besten aller Wesen genutzt. Da begab es sich, dass eine einfache Praktizierende, die viel Hingabe zur Grünen Tara entwickelt hatte, starke Wünsche an diese Lichtenergieform richtete und darum bat, Taras Wirkungsprinzip besser verstehen zu lernen. Sie wusste, dass die Grüne Tara wunscherfüllend wirkt und von den 16 Arten von Ängsten befreien kann, die die Wesen im Zusammenhang mit der bedingten Existenz plagen, verstand jedoch nicht, in welcher Weise Tara mit ihrem Geist arbeitete. So ließ sie sich eines Tages auf einem langen Spaziergang, den Kopf voller Fragen, auf einer Bank nieder, um ihren Geist mit einer kurzen Meditation zu beruhigen. Da fiel ihr Blick auf den Asphaltweg zu ihren Füßen und sie entdeckte einen einzelnen zarten Grashalm, der durch das Pflaster hindurch gewachsen war und einen tiefen Riss hinterlassen hatte. Plötzlich war ihr Herz voller Dankbarkeit und Hingabe, denn sie wusste, dass sie soeben das Wirkungsprinzip der Grünen Tara verstanden hatte. Sie begriff, dass der Grashalm den Asphalt sprengen kann, weil immer und überall Raum zwischen den Dingen ist, selbst wenn wir ihn mit unserer Art von Wahrnehmung nicht erleben können. Da jedes Ding aus Teilchen zusammengesetzt und frei von einer aus sich heraus existierenden Essenz ist, ist die eigentliche Essenz der Dinge ihre Leerheit. Der Leerheitsaspekt jeder Wahrnehmung ist die weibliche Eigenschaft, während die Wahrnehmung selbst als männliche Eigenschaft bezeichnet wird. Dieser Aspekt der Leerheit innerhalb der Wahrnehmung ist der Urgrund aller Ausstrahlungskörper. Die Vollendung dieser höchsten Weisheit über die Raumnatur des Geistes und die Leerheit aller Phänomene drückt sich auf der Ebene der Lichtenergieformen des Freudenzustandes (skt.: Samboghakaya) als "Prajnaparamita" aus - eine weibliche Buddhaform mit dem Namen "Befreiende Höchste Weisheit". Die Mitgefühlskörper-Ausstrahlung (skt.: Nirmanakaya) der Prajnaparamita ist die Tara. Auf ihre Energie als uns innewohnende Erleuchtungsnatur zu meditieren, lässt erkennen, dass es immer und überall Raum und Möglichkeiten gibt. Auch dann, wenn unsere bedingte, materielle Welt fest und unbeweglich erscheint.

Jetzt verstand unsere hingebungsvolle Praktizierende in welcher Weise Tara viele Menschen zur Buddhaschaft führen konnte, sodass sie "Mutter aller Buddhas" genannt wurde. Sie verstand, dass Tara als ein alles durchdringendes Prinzip im Spiel des Geistes mit sich selbst erlebbar ist. Dessen Wahrheitsnatur kann in den verschiedensten Kulturen dieses Zeitalters gefunden werden. So schien der Name Tara ein von Indien bis Irland bekannter indoeuropäischer Name für die Urgöttin Erde zu sein. Der Name eines männlichen Gottes in Wales im alten England war Taran und bedeutete Donner. Das traditionelle Taran-Tara der Fanfaren war ursprünglich von einem magischen Schrei hergeleitet, mit dem die Einheit der weiblichen und der männlichen Gottheit ausgedrückt wurde. Seit ältesten Zeiten wurde in Athen jährlich ein Fest abgehalten, das nach Mutter Tara "Taramater" benannt war. Auf kurdisch begrüßt man den ersten Schnee mit dem Satz "die 'Weiße Tara' kommt" und im Frühling freut man sich auf die 'Grüne Tara'.

Das Wort Tara geht außerdem auf ein Verb aus der alten Sprache des Sanskrit zurück, das wörtlich "schwimmen" bedeutet. So heißt sie auch sinngemäß: "Sie, die uns hinüber geleitet über den Ozean von Samsara". Eine weitere Bedeutung des Wortes Tara ist: "Stern". Dieser Stern geleitete auch Atisha, einen großen Meister und Halter der Übertragungslinie des Buddha Shakyamuni, der durch eine Vision der Tara dazu inspiriert wurde, im Jahr 1042 nach unserer heutigen Zeitrechnung nach Tibet zu reisen. In allen tibetisch-buddhistischen Schulen finden wir seitdem die 21 Verse der Lobpreisungen an die Tara.

Glücklich begab sich unsere Praktizierende nun auf den Heimweg, den Kopf voller Erinnerungen an Geschichten über Tara, die sich immer wieder auf unterschiedlichste Art und Weise manifestierte, um den Wesen zu nutzen.

Es war einmal - zu einer Zeit als Tibet aus einer Vielzahl von kleinen, sich untereinander bekriegenden Fürstentümern bestand - da gab es einen vortrefflichen König, dessen Name Songtsen Gampo war. Er lebte im 7. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung und galt als Ausstrahlung des Bodhisattva "Liebevolle Augen". Weil es galt, Tibet nach außen hin - besonders gegen die Chinesen - zu stärken, bemühte er sich Tibets Fürstentümer untereinander zu einen. Er machte sich dabei die Inhalte buddhistischen Denkens zu Nutze. Er baute in diesem barbarischen, von Bön-Schamanen beherrschten Land auf - bis dahin nicht genutzte - Werte wie Mitgefühl und gegenseitige Rücksichtnahme. Um die neuen Lehren im Land zu verbreiten, ließ er sie aus dem indischen Sanskrit ins Tibetische übersetzen und veranlasste, dass auch das einfache Volk Lesen und Schreiben lernte. Aus politischen Gründen heiratete er die hellhäutige Nichte des chinesischen Kaisers Prinzessin Wencheng, die als Inkarnation der Weißen Tara galt und Prinzessin Bhrikuti, die braunhäutige Tochter des nepalesischen Königs Amsuvarman, die als Inkarnation der Grünen Tara galt. Beide begeisterten den König für die Lehren Buddhas und unterstützten seine Aktivitäten. Durch die beiden Prinzessinnen wurde auch die Kunst der Statuenherstellung in Tibet verbreitet. Seit jener Zeit werden die Grüne und die Weiße Tara in Tibet als der "unerschöpfliche, grenzenlos leere Mutterschoß aller Buddhas" verehrt.

Eine andere Geschichte spielte sich vor langer Zeit in einer Stadt namens Mathura ab, wo einst mehr als 500 Mönche und Nonnen lebten und täglich meditierten. In einem Wald in der Nähe von Mathura lebte ein Dämonengeist. Die geistige Arbeit der Mönche und Nonnen störte seinen Bewusstseinszustand sehr und so beschloss er, allen Meditationspraktiken in seinem Umfeld ein Ende zu bereiten. Er begann die Schwächen jedes einzelnen Meditierenden zu ergründen und den Leuten dann in genau der Form zu erscheinen, die sie am meisten fürchteten. Er wurde für sie zum Spiegel all ihrer unterbewussten Muster. Manche von ihnen wurden verrückt oder verloren ihr Gedächtnis, andere wurden boshaft und aggressiv oder gaben sich allerlei Perversionen und der Trunksucht hin. Die Standhaftesten unter ihnen wurden allmählich mutlos und krank. Schließlich konnte kein Mensch in Mathura mehr meditieren, ohne von höllischen Phänomenen heimgesucht zu werden.

Da erinnerte sich ein älterer Mönch daran, Tara, die Befreierin, um die Erlösung des Dämonen von seinem Wahn zu bitten. Der Mönch betete nun zu Tara und begab sich in tiefe Meditation. In dieser Selbstversenkung hatte er eine innere Vision der Tara, die ihm eingab, was er tun sollte. Er veranlasste, dass aus allen Haushalten und Klöstern Abbildungen der 21 Emanationen Taras, die von den 16 Arten von Ängsten befreien, zusammengetragen wurden und ließ diese im Umkreis einiger Kilometer an allen Bäumen des Waldes befestigen.

Die Meditierenden begannen nun, jede beliebige Höllengestalt einfach als eine der vielen unterschiedlichen Erscheinungsformen Taras wahrzunehmen. Dem Dämonengeist selbst, dem Tara plötzlich von jedem Baum im Wald entgegenblickte, wurde nun seine eigene Wahrheitsnatur so oft gespiegelt, dass er nicht anders konnte, als auch sein eigenes Wesen als Erscheinungsform von Tara - der essentiell vollkommen leeren Urmutter - zu begreifen. So löste er sich allmählich von der Identifikation mit seiner Höllengestalt und konnte als Dämon sterben, um in einem anderen Daseinsbereich wiedergeboren zu werden. Seither blühte die Meditationspraxis in dieser Gegend besonders und bis heute rezitiert man dort die "21 Lobpreisungen für die Grüne Tara".

In unserer Geschichte, in der sich unsere Tara-Praktizierende auf dem Heimweg befand und mit Geschichten über Tara beschäftigt war, kam ihr nun der Gedanke, dass der 1. Dalai Lama - Herrscher über Tibet und von den Tibetern als eine Ausstrahlung von "Liebevolle Augen" verehrt - eine "Lobpreisung der Weißen Tara" verfasst hatte. Da die Weiße Tara nicht nur einer der friedvollen Aspekte im Mandala der 20 Emanationen der Grünen Tara ist, sondern auch als eigenständiger Meditationsaspekt mit dazugehöriger, fortgeschrittener Praxis auf dem Stufenweisen Weg begriffen wird, hatte es sie immer verwundert, dass es außer der Tränensee-Geschichte keine Biographie der Weißen Tara gab. Gepackt von dem Wunsch nach mehr Verständnis über diese faszinierende weibliche Aktivität, eilte sie nun in ihre Wohnung und arbeitete sich durch alle Schriften, die sie über Tara angesammelt hatte.

Eine Überlieferung benutzte als Begründung, warum eine Grüne und eine Weiße Tara unterschieden werden, die Geschichte der Gattinnen des tibetischen Königs Songtsen Gampo. Ihre guten Taten und der Umstand, dass sie wie überweltliche Wesen kinderlos blieben, bewirkten, dass man sie als Erscheinungsformen von Tara betrachtete und fortan Sitatara, "Weiße Tara" und Syamatara unterschied. Syama ist ein mehrdeutiger Farbbegriff mit der Grundbedeutung dunkelfarben und kann außer braun, auch schwarz, dunkelblau oder dunkelgrün bezeichnen. Die nepalesische Prinzessin wurde als dunkelhäutig bezeichnet und galt deshalb als Grüne Tara. So könnte also die Geschichte der chinesischen Prinzessin Wencheng als eine Biographie der Weißen Tara verstanden werden, wären da nicht die Widersprüchlichkeiten, die unsere Praktizierende in all den Geschichten entdeckte. Mal wurde die chinesische Prinzessin als Grüne Tara und die nepalesische als Weiße Tara betrachtet, mal umgekehrt. Mal wurde aus dem Tränensee, den "Liebevolle Augen" weinte, nur die Grüne Tara geboren, mal beide Taras. Auch die historischen Quellen über die Verbreitung der Tara-Praxis waren voller Widersprüche.

Dann waren da noch Guru Rinpoche, der Lotusgeborene, der im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung den tantrischen Buddhismus nach Tibet brachte und seine Gefährtin Yeshe Tsogyal, die als eine Ausstrahlung der Tara gesehen wird. Sie versteckten auf Grund der damaligen "degenerierten Zeiten" ein Terma - einen Schatztext - auf dem unser heutiges Tararitual beruht.

Gleichzeitig erfüllt und verwirrt von diesen Informationen, beschloss unsere Praktizierende nun, durch die Reinheit der Worte des 1. Dalai Lama ihre Gedanken zu klären und statt einer Biographie die "Lobpreisung der Weißen Tara" zum Verständnis ihres Wirkungsprinzips beitragen zu lassen.

Der Dalai Lama schrieb:

Verehrung dem weiblichen Buddha in ihrer köstlichen Jugend; strahlend wie der ewige Schnee in all seiner Pracht, sitzt sie auf einem weißen Lotus und einem silbrigen Mond, die ihr voll entwickeltes Mitgefühl und ihr Wissen zeigen.
Verehrung der Jugendlichen mit vollen Brüsten. Ein Gesicht und zwei Arme in der Vajrahaltung sitzend, entfaltet sie königlich Anmut und Stille und ist erfüllt von großer Seligkeit.
Verehrung der letztendlich Großzügigen, deren rechte Hand - in der Mudra von höchstem Geben - unbegrenzte Karmas der vier Buddhaaktivitäten von Frieden, Wachstum, Macht und Schutz auslöst, ebenso wie die acht Siddhis und sogar höchste Buddhaschaft.
Verehrung der spirituellen Mutter: von der die Buddhas aller drei Zeiten geboren wurden; deren Kraft - uns vor wilden Tieren, Feuer und den acht Schrecken zu schützen - durch ihre linke Hand dargestellt wird, die einen blauen Lotus hält.
Verehrung der Zuflucht der Welt, deren Augen - in Händen und Füßen - auf die Tore der Freiheit blicken; die alle gefesselten fühlenden Wesen zur Insel der seligen Befreiung führt.
Verehrung der Einen, deren Gesicht die Schönheit einer Million Herbstmonde vereint; deren weite Augen mit mitfühlender Wärme blicken und deren freudvoller Mund alle gleich anlächelt.
Verehrung der Einen, deren Haupt mit Amitayus - dem Grenzenlosen Leben - gekrönt ist. Der bloße Gedanke an ihn garantiert endloses Leben und Weisheit. Seine Hände in der Mudra der Kontemplation halten eine Vase gefüllt mit einem Nektar der Unsterblichkeit...

aus dem Englischen von Edita Berger

Die Weiße Tara erschien unserer Praktizierenden wie eine Mutter, die dem Kind, das sich das Knie blutig geschlagen hat, mit vollkommener Liebe sagt: "Ich puste mal und schon tut es nicht mehr so weh." "Sieh mal, der Schmerz ist gar nicht so wirklich", sagt sie damit. "Was hatte Atisha wohl bei dem Vers mit der Unsterblichkeit gedacht?", fragte sie sich außerdem. Es war wohl die Grüne Tara, die ihn in einer Vision davon überzeugt hatte nach Tibet zu gehen und ihm gleichzeitig prophezeite, wenn er ginge, würde das seine Lebenszeit verkürzen, aber er würde die Lehre verbreiten und vielen Wesen nutzen.

Durch Atishas Hingabe wird die Tara-Praxis in allen tibetischen Schulen übertragen. Die Schule der Gelugpas aber sieht sich gerne als die eigentliche Erbin Atishas und einige ihrer hohen Verwirklichten verstanden Tara als ihre Haupt-Meditationsform. So lässt sich in deren Übertragung eine Praxis der Grünen Tara auf höchster Ebene des Stufenweisen Weges (im Annutarayoga-Tantra) finden. Die Schule der Kagyüs bezieht sich speziell auf die Weiße Tara, da sie dem Oberhaupt der Kagyüs, den verschiedenen Karmapa-Inkarnationen, persönlich erschienen war. Sie führten ihre Übertragung auf Gampopa - einen ihrer Linienhalter - und auf dessen direkte Übertragung durch Atisha zurück. Die Mitglieder aller Schulen aber bezogen sich auf die Weiße Tara, wenn der Zeitpunkt des Todes kam. Zudem hielten sie die Einweihung in "Langes Leben" für wichtig, um genug Zeit zu haben die wahre Unsterblichkeit zu verstehen, nämlich die Natur des eigenen Geistes. Diese Übertragung wollten sie an möglichst viele Wesen weitergeben. Inspiriert von der befreienden Kraft dieser Gedanken las unsere Praktizierende die "Lobpreisung der Weißen Tara" weiter. Ein Vers, der Taras schützende Aktivität beschrieb, faszinierte sie besonders. Der Dalai Lama wünschte, Tara solle schnell ihre perfekten, kraftvollen Handlungen aussenden, um die inneren, äußeren und geheimen Kräfte des Bösen zu zerstören, die darauf abzielen, die Wahrheit zu verwirren.

Unsere Wanderin durch die Geschichten stand inmitten ihrer Studien auf, trat ans Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Sie fühlte sich ein wenig ängstlich und verwirrt. Die tiefe Dunkelheit da draußen schien plötzlich so absolut. Jetzt wünschte sie sich die Form der Weißen Tara herbei, von der sie wusste, dass sie tausend Arme, tausend Beine und tausend Gesichter hat und als Schützerin friedvolle und kraftvoll schützende Aktivität gleichzeitig ausdrückt. Sie heißt "Sitatapatra", auf Tibetisch "Dukar": das heißt "Weißer Schirm", weil sie einen Schirm trägt, mit dem sie die Wesen vor allen Arten von Hindernissen und negativen Einflüssen beschützt. Dieser Schirm könnte die Geschichte der chinesischen Prinzessin Wencheng als Biographie der Weißen Tara bestätigen. Denn alten Quellen zu Folge könnte er eine Reminiszenz an die zur Sitatara erklärte Gattin des Königs Songtsen Gampo sein, die, wie viele asiatische Damen, ihren hellen Teint mit einem Schirm vor der Sonne schützte.

Als eine besonders beeindruckende Emanation der Grünen Tara, erschien unserer Praktizierenden die Form der Ekajata. Sie wird mit den Zeichen der absoluten Hässlichkeit dargestellt, hat nur ein Auge, nämlich ihr Weisheitsauge, nur einen Zahn und eine Brust. In dieser irritierenden Deutlichkeit ist sie eine kraftvoll schützende Halterin der Reinen Sicht ohne jedes Konzept.

Die Heldin unserer Geschichte wurde nun müde von der Vielzahl der - an ein Kaleidoskop erinnernden - Möglichkeiten von Verwirrungen in der Gewohnheit des menschlichen Seins. Diese können sich wegen ihrer innewohnenden Erleuchtungsnatur auf unterschiedlichste Weise als Lichtenergieformen zeigen, um uns ihre Essenz zu spiegeln: die Leerheitsnatur, Tara, die vollkommen leere Urform aller Erscheinungen.

Sie überflog den Text des Dalai Lama weiter, der nach langem, ausführlichem Lob schrieb:

Kurz, von jetzt an zur Erleuchtung verschenke ich respektvoll Gaben vor deinen Lotusfüßen.
Ich brauche keine andere Zuflucht als dich. Schaue voller Mitgefühl auf mich und gewähre mir deinen Schutz. Bei der verdienstvollen Energie dieser Praxis möge die vorzügliche, perfekte Tara mit Vergnügen auf mich schauen und mich auch nicht für einen Moment verlassen.

An dieser Stelle legte unsere Praktizierende ihre Unterlagen beiseite, ging ins Bett und überließ sich langsam ihren Träumen. Es war einmal eine Wanderin durch die Zeiten, die träumte eine Wirklichkeit, die in ihrer Essenz nur Energie und Gewahrsein ist.

Quellen:

  • Taranatha, Jo-nan: The Golden Rosary of Tara, Shang-Shung-Edizioni, 1985
  • Taranatha, Jo-nan: The Origin of the Tara Tantra. Library of Tibetan Works and Archives.
  • Dharamsala, Das, Surya: Tibetische Weisheitsgeschichten, Heyne Verlag
  • Beyer, Stephen: The Cult of Tara, University of California Press, 1973
  • Tenga Rinpoche: Kommentare zum Mandala- Ritual der Grünen Tara
  • Gyalwa Gendun Drub: Six Texts related to the Tara Tantra, Tibet House, New-Delhi
  • Lama Thubten Yeshe: Die Grüne Tara: Weibliche Weisheit, Diamant Verlag München, 1998
  • Die geheimen Dakini Lehren: Padmasambhavas mündliche Unterweisungen der Prinzessin Tsogyal, O.W. Barth Verlag
  • Schumann, Hans Wolfgang: Buddhistische Bilderwelt, Diederichs Verlag, München

Buch-Neuerscheinung:
Skillful Grace : Tara Practice for our time
Belehrungen von Tulku Urgyen Rinpoche und Adeu Rinpoche.

Tulku Urgyen Rinpoche (1921-1996) war einer der größten Meister des Tibetischen Buddhismus im letzten Jahrhundert.

Der Drukpa-Kagyü-Lama Adeu Rinpoche lebte im Tsechu Monastery in Nangchen/Ost-Tibet, und starb im Juli 2007.

North Atlantic Books,U.S.
(16. Oktober 2007), 184 Seiten,
ISBN-10: 9627341614
Preis bei Amazon zur Zeit (Nov 2007) ca. Euro 12


Sabine Boyens-Hansen, Jahrgang 1961, Schauspielerin, Dramaturgin, Dozentin für Atem- und Sprechtechnik, Zuflucht bei Lama Ole Nydahl 1982. Lehrtätigkeit als überregionale Rumfahrlehrerin seit 15 Jahren. Lebt im Retreatzentrum Hohwacht an der Ostsee.

Edita Berger, Jahrgang 1954, Psychotherapeutin, Reiselehrerin. Zuflucht 1983 bei Lama Ole Nydahl, 10 Jahre Zentrumsarbeit, Lehrtätigkeit im Dharma seit 1983, verheiratet, zwei Söhne.