HOME 0 ARCHIV 0 BUDDHISMUS ABO NACHBESTELLUNG IMPRESSUM KONTAKT
BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

Buddhismus für Kinder

Von Markus Kuhn und Sandro Pisaneschi

Das Retreatzentrum Amden organisierte im Sommer 2007 zum dritten Mal ein buddhistisches Kindercamp. Es war für die teilnehmenden Kinder auch diesmal eine spannende und packende Erfahrung, bei der sie spielerisch Neuland betraten und sozusagen nebenbei einiges über Buddhismus und sich selbst lernten.

Diamantweg-Buddhismus ist sehr geeignet für Laien und Verwirklicher, die mitten im Leben stehen. Sie sind in Gesellschaft, Beruf und - wie ein Blick in unsere Zentren zeigt - vermehrt im Familienleben engagiert. Im Umfeld und Leben von Diamantweg-Praktizierenden sind Kinder ein selbstverständlicher Teil geworden, sie sind wichtig für die Gesellschaft und für unsere Zukunft. Seit einigen Jahren gibt es in mehreren Zentren Veranstaltungs-Angebote für interessierte Kinder, altersgemäß und ihrem Verständnis entsprechend aufgebaut.

Beim ersten Sommerkurs mit Lama Ole in Amden 2004 entstand die Idee eines buddhistischen Kinder- bzw. Jugend-Camps. Sie sollen die Chance haben, ohne Eltern an einem eigenen "Kurs" teilnehmen zu können. Außer bei den Pfadfindern gibt es kaum Gelegenheit, einmal ganz autonom einige Tage im Freien zu leben und dabei durch die Gruppe und die Herausforderungen des Lagerlebens und der Natur wichtige Erfahrungen zu machen. Auch gibt es für buddhistische Kinder wenig Gelegenheit spielerisch zu erfahren, was die Überzeugung und Praxis ihrer Eltern beinhaltet. Nahe liegend war es dann, diese Camperlebnisse mit buddhistischen Inhalten zu verbinden.

Kein einfaches Unterfangen. Buddhismus ist eine erwachsene und nicht leicht zu verstehende Sicht der Welt. Inwieweit ist es möglich, Kindern einen Zugang zu geben? Kann ihnen trotz ihrer Unreife, begrenzten Lebenserfahrung und der eingeschränkten Fähigkeit zu abstraktem Denken ein Zugang vermittelt werden? Buddhistische Theorien und intellektuelle Belehrungen an sie weiterzugeben erscheint wenig sinnvoll. Es gibt noch einen weiteren Aspekt - nur zu gut erinnern sich viele von uns an die Jahre in denen wir gezwungen waren, am christlichen Religionsunterricht teilzunehmen. Das Resultat dieser Religionsvermittlungen war bestimmt das Gegenteil der Intention der Lehrenden - wir hatten uns gelangweilt, rebelliert und Abneigung entwickelt.

Mit den Worten Lama Oles im Geist, dass Kindern Buddhismus niemals unter Zwang vermittelt werden soll, war klar, dass es keine Neuauflage christlicher Bibellager-Erziehung werden darf. Die Devise lautete: weniger Buddhismus ist mehr, und auf jeden Fall soll es spannend und frisch sein. Ereignisse aus Milarepas Leben schienen uns als "Leitfaden" für das erste Camp geeignet. Ziel war und ist es, dass die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen Buddhismus mit einer starken und positiven Camp-Erfahrung verbinden.

Der Sinn dieser Camps wurde diesen Sommer auch von Karmapa anlässlich seines Amden-Besuches bestätigt - er fand es sehr gut und wichtig, dass wir dieses Angebot aufrechterhalten. Überhaupt hatte er durch das Verschenken von Stofftieren an alle Kinder - die er persönlich eingekauft hatte - bei den Ermächtigungen in Karma Gön und Hamburg gezeigt, wie wichtig ihm unser Nachwuchs ist.

Mit Sandro Pisaneschi fanden wir dann schnell einen (Pfadfinder-)erfahrenen und ausgebildeten Campleiter. Das war wichtig, gaben doch die Eltern ihre Kinder in unsere Obhut und Verantwortung. Die Camp-Philosophie und die Abläufe beschrieb er wie folgt:

Das Konzept des Kindercamps wurde auf folgendem Grundsatz aufgebaut: Stärken fördern und Erfolgserlebnisse schaffen. Nur durch Erfolge, und seien sie noch so klein, kann Selbstvertrauen aufgebaut werden. Eine weitere Absicht ist das Erleben von buddhistischen Inhalten. Dies wird erreicht, indem Ereignisse aus den Biografien von Buddha oder Milarepa nachgespielt und in die Campaktivitäten eingebettet werden. Milarepa konnte fliegen - also bauen wir eine Seilbahn und die Kinder üben das Fliegen. So wird Buddhismus erfahrbar. Beim letzten Camp war das Thema "Feuer und Farben im Buddhismus". Die Kinder bemalten ihre Körper und mit einer Wasserballonschlacht wurde alles wieder sauber gewaschen.

Unser pädagogisches Konzept misst die Kinder an ihren Stärken und nicht wie im defizitär orientierten Schulbetrieb an den Schwächen - "Was ich gerne mache, mache ich auch gut." Die Programmteile sind so gegliedert, dass alle Kinder mindestens in einem Programmpunkt am Tag ihre Stärken einfließen lassen können. Hinzu kommen die Gruppenerlebnisse. Kinder spiegeln sich gegenseitig. Für viele Kinder ist dieses Camp auch eine Chance, sich eine neue "Identität" zu geben, sich auszuprobieren. Wer im "normalen Leben" vielleicht ein Außenseiter ist, hat hier die Möglichkeit, durch andere Fähigkeiten wie Feuermachen, Kochen, Wassertragen etc. sich in der Gruppenhierarchie neu einzuordnen. Es finden im buddhistischen Kindercamp auch durch die Kinder initiierte Diskussionen statt: "Wie machst du das in der Schule, wenn sie dich hänseln weil du Buddhist bist?" Das Kindercamp schafft auch schon bei unseren Kleinen Verbindungen.

Der Tag beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück. Dank der Eigeninitiative der Kinder, die meistens vor den Begleitern wach sind, wird schon früh ein kräftiges Feuer entfacht, auf dem sich die Frühstücksmilch schnell aufwärmen lässt. Eltern fragen sich vielleicht, warum die Kinder alleine, ohne die Aufsicht Erwachsener, Feuer machen dürfen. Ganz einfach: Den Kindern wurde zuvor der Umgang mit dem faszinierenden Element Feuer beigebracht. Es wurden Gefahren und Schönheiten des Feuers besprochen. Es wurde gelernt, Feuerzeuge und Streichhölzer fachgerecht zu verwenden. Auch das gekonnte Aufschichten eines Feuerholzstapels wurde eingeübt. Dabei stellte sich immer wieder heraus, dass nicht das schnellste Kind, sondern das geduldigste das beste Feuer entfachen konnte. Somit eine Methode,um ungeduldige Kinder ruhig werden zu lassen, nicht durch Ansprechen der Ungeduld - das Kind bringt sich durch seinen Wunsch, ein gutes Feuer zu machen, selbst zur Ruhe, ganz spielerisch.

Nach der Stärkung beginnt der Tag mit einem Inputblock. Es wird das Thema des Tages besprochen und an nachvollziehbaren Beispielen vertieft, gefolgt von einer Aktivität, welche damit im Zusammenhang steht. Zum Thema Erde wird getöpfert oder zum Thema Luft werden Riesenseifenblasen produziert.

Danach folgt eine sportliche Aktivität. Das kann von Yoga für Kinder über Schwimmen, Karatestunden bis zu Fitnesstraining gehen. Den daran anschließenden Freizeitblock nützen die Kinder zum Beispiel, um Kartenspiele oder Zaubertricks zu lernen. Aber auch Schwimmen im Walensee, Sandburgenbauen oder einfach am Feuer sitzen sind angesagte Freizeitbeschäftigungen. In dieser Woche lernen die Kinder auch, sich ohne elektronische Unterhaltungsgeräte zu beschäftigen und einfach mal Muße genießen zu können, ohne dass etwas von ihnen verlangt wird.

In der Zwischenzeit ist Mittagessen kochen angesagt. Wer will darf mithelfen - da hat sich schon manches Kochtalent gezeigt. Gekocht wird auf der offenen Feuerstelle. Das Repertoire reicht von Spaghetti mit Tomatensauce über Reisgerichte bis zu Ofenfritten oder Pizza. Der absolute Renner ist jedes Jahr die in Alufolie gegarte Schokobanane. Interessanterweise geht es beim Essen der Kinder ähnlich zu wie bei den Erwachsenen auf einem Kurs. Es sind eben echte "Little Buddhis".

Das Nachmittagsprogramm gestaltet sich sehr abwechslungsreich. Von einer Wanderung mit diversen Erlebnisposten über Geländeübungen bis zu Workshops ist vieles möglich. In den Workshops werden T-Shirts bedruckt, Mantrasteine bemalt, Malas aufgefädelt, Schützerknoten geknüpft, Fackeln gebastelt oder Tänze einstudiert.

Zum Kochen wird jeweils viel Zeit benötigt, da das Feuer zuerst die richtige Temperatur erreichen muss und das Kochen auf dem Feuer generell länger dauert. Daher fällt das Abendprogramm kurz aus. Entweder gibt es eine Nachtaction - Feuerspucken mit den Kindern, Fackelläufe mit verschiedenen Sport- oder Geschicklichkeitsposten- Posten - oder gemeinsames Singen am Lagerfeuer. Jeder Tag endet mit einer Befindlichkeitsrunde, in der die Kinder aufzählen, was ihnen gefallen hat und was sie nicht so gut fanden. Natürlich gehört auch das gemeinsame Zähneputzen dazu. Wenn sich dann alle Kinder in ihre Schlafsäcke gekuschelt haben, machen die Begleiter eine Gute-Nacht-Runde und wünschen den kleinen Helden schöne Träume.

Einer der Höhepunkte eines jeden Kindercamps ist die Kindermeditation. Diese wird im Themenkontext geübt. Zum Beispiel haben wir in der Milarepa-Geschichte die Belehrungen, die Marpa seinem Schüler gegeben hat, als Anlass für ein Rollenspiel genommen. In diesem Rollenspiel hat Marpa Milarepa vor den Kindern unter einem alten Baum die Kindermeditation erklärt: Wie und warum man in dieser Weise sitzt, warum wir Zuflucht nehmen usw.

Lernprozess findet nicht nur durch das strukturierte Programm statt. Alle Kinder sowie auch die Leiterpersonen haben bestimmt irgendwann im Camp ihre Reinigungen. Gelegenheit dazu gibt es genug - so müssen sich die Kinder in der Gruppe behaupten und lernen im Camp neue Dinge wie ihre Schuhe selber zu binden, zu Kochen, oder sie haben zum ersten Mal getrennt von ihren Eltern eine Woche lang im Freien bei Wind und Wetter übernachtet und gelebt. Ziel ist es, den Kindern eine andere Welt mit anderen Bedingungen und Anforderungen zu zeigen. Wenn die Kinder nach dieser Woche etwas selbstsicherer in ihre gewohnte Welt zurückkehren, dann hat sich der ganze Aufwand gelohnt. Wie Lama Ole es anlässlich eines Kindercampbesuches ausdrückte: "Die Kinder sind unsere Zukunft."

Und wie waren die Feedbacks? Nach dem ersten Camp haben Kinder, die das darauf folgende Jahr wegen Überschreitung der Alterslimits nicht mehr teilnehmen konnten, geweint. Alle waren so begeistert, dass sie unbedingt wieder teilnehmen wollten. Eine Mehrheit hat das auch getan, leider haben die Schulferientermine nicht immer für alle gepasst. Einige Kinder nahmen schon an allen drei Camps teil. Die Eltern waren froh, eine kinderfreie Kurswoche zu genießen und einige haben von nachhaltigen Veränderungen bei ihren Kindern berichtet, wie mehr Selbständigkeit und freiwilligem Mithelfen, sogar aus eigener Initiative."

Auch 2008 findet während dem Sommerkurs mit Lama Ole in Amden das Kindercamp für 7 bis 11-jährige, sowie das buddhistische Jugendcamp ab 12 Jahren in den Hochalpen statt.
Termin: 2.8. bis 9.8.2008. Interessenten erkundigen sich bitte auf www.amden-retreat.ch.

Impressionen einer Mutter von zwei Jungen von 8 und 11 Jahren ...


Sandro Pisaneschi, 30 Jahre, Zürich, Supervisor/Coach, Zuflucht seit 2002

Markus Kuhn, Jahrgang 1958, Schüler von Lama Ole seit 1986, Reiselehrer, Grafik-Designer mit eigener Werbeagentur, hat mit Freunden 1990 das Zentrum Zürich gestartet und wohnt seit 2 Jahren mit seiner Familie (2 kleine Jungs) im Retreatzentrum Amden, das er mit aufgebaut hat.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

- 45 - Kinder im Dharma