"Wow!" - über den Zusammenhang von Buddhismus und KreativitätVon Wolfgang PoierWas versteht man heute unter Kreativität? In der modernen demokratischen Gesellschaft, in denen breite Bevölkerungsschichten Zugang zur Bildung haben, erweitert sich auch die Fähigkeit des Einzelnen kreativ zu sein. Mehr als das, Kreativität wird heute beinahe schon von jedem eingefordert, ist doch Kreativität in unserer hochtechnisierten, dynamischen Kultur geradezu eine Überlebensstrategie und daher auch eine Schlüsselqualifikation. Ein Muss ist Kreativität beispielsweise für alle Unternehmen, die auf wirtschaftlichen Erfolg oder technischen Vorsprung ausgerichtet sind. Da Probleme heute hochkomplex sind und oft nur in konstruktiver Zusammenarbeit mit mehreren Menschen gelöst werden können, ist ebenso die Fähigkeit zur Kreativität im Team gefragt. Dies setzt beim Einzelnen nicht nur Spezialistentum voraus, sondern eben auch die Fähigkeit zur Vernetzung, zum Annehmen und produktiven Weiterverarbeiten interessanter Impulse und Ideen von seinen Mitarbeitern. Weil es sich hierbei aber um besondere soziale Fähigkeiten handelt, beinhaltet Kreativität heute also auch die Arbeit mit sich selbst, mit den eigenen Emotionen und Konzepten sowie das geschickt-kreative Umgehen mit den nicht immer einfachen Impulsen von Mitmenschen. Als Fähigkeit zur kreativen Lebensbewältigung und -gestaltung reicht Kreativität natürlich ebenso ins private Leben hinein. Grund genug, um auf der Basis dieses erweiterten Kreativitätsbegriffs nach dem Zusammenhang zwischen Buddhismus und Kreativität zu fragen und eine Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen herzustellen. Kreativität und Buddhismus Wenn die Ich-Anhaftung "hineinfunkt" ... Die Ich-Illusion könnte mit einer Hand verglichen werden. Im Falle einer sehr starken Ich-Anhaftung ist sie zu einer Faust geschlossen. In ihr ist es eng und dunkel. Außen- und Innenwelt sind streng voneinander getrennt. Mit der geschlossenen Hand wird festgehalten und weg geschoben, Anhaftung und Abneigung prägen das Bewusstsein. In einer solchen Situation besteht womöglich sogar ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit - zugleich aber ein Gefühl der Abgeschlossenheit, das der Ängstlichkeit entspringt und mit dieser gepaart ist. Die Faust legt zudem nahe, sich stets nach außen hin verteidigen zu müssen, wobei aufgrund der eingeschränkten Sicht und Unbewusstheit nie völlig klar ist, wogegen sich diese aggressive Energie eigentlich richten soll. ... und wenn sie überwunden wird Wenn der Titel des Bildes nichts mit dem Kunstwerk zu tun hat ... Die Beurteilung der Erfahrungen als gut, schlecht oder uninteressant haftet also nicht an den Erscheinungen, sondern ist eine Gewohnheit des Ich-Bewusstseins. Denn der Ausgangspunkt für die Wahrnehmung sind in diesem Fall nicht die Überschuss-Erfahrung von furchtloser Weisheit, Freude und Liebe, sondern die geknautschten Ego-Gefühle und steifen Vorstellungen. Je nach Grad an Unwissenheit, Konzepten und Störemotionen wie Zorn, Unwissenheit, Stolz oder Eifersucht sind auch die eigenen Handlungen dann nicht kreativ-glückbringend, sondern Leid verursachend. ... und wenn der Erleber wichtiger wird als die Erlebnisse Warum Kreativität positives Handeln bedeutet Die Wege des Buddhismus Ursache und Wirkung und Geistesruhe als Basis für die Entfaltung von Kreativität In der Meditation schafft Geistesruhe den nötigen Abstand zu komplizierten Gefühlen und steifen Gedanken. Der Zwang, diesen ständig vorhandenen Gedanken anzuhaften, immer neue Gedankenketten zu assoziieren oder gar in gedankliche Kreisbewegungen verstrickt zu sein, löst sich auf. Wir werden frei davon. Das kreative Potential des menschlichen Geistes, Gedanken und Gefühle entstehen zu lassen und diese miteinander zu verknüpfen, tritt als großartige Fähigkeit von Klarheit in Erscheinung. Die Furchtlosigkeit, die aufgrund der positiven Eindrücke im Geist entsteht, und die entspannte Assoziationsfähigkeit des Geistes vernetzen alles auf der Basis des unbegrenzten, freudvollen Raumes und die intuitiven Ebenen unseres Bewusstseins fließen in den kreativen Prozess ein. Sie bereiten damit die Basis für sich frei entfaltende Kreativität. Auf dieser Ebene ist man jedoch vor allem mit sich selbst beschäftigt. Zu wissen, was man nicht will, nämlich leiden, führt wohl noch nicht automatisch zu kreativen Höhenflügen. Es fehlen der Mut und die Motivation, etwas für andere zu erreichen und zu schaffen. Im Fluss des Gebens: Weisheit und Liebe Die Welt ist so, "wie wir uns sie erträumen. Und das geht soweit, dass sie sich im selben Moment ändern wird, in dem wir lernen, unsere Kreativität oder Schöpferkraft anzuwenden und uns die Welt auf eine andere Weise "erträumen". Natürlich muss man einen hohen Grad an Mitgefühl oder an bedingungsloser Liebe erreicht haben, um die Welt zu verändern, indem wir sie in etwas Besseres umwandeln, zum Wohle aller fühlenden Wesen und nicht nur zum Vorteil unserer eigenen Interessen, was hingegen heutzutage viel zu oft der Fall ist. Wir können die Ergebnisse davon in dieser Welt selbst sehen. Aber wir müssen uns auch bewusst werden, dass wir die Macht haben, um sie zu verändern."3 Mitgefühl und Weisheit führen zur Verbindung von uns selbst mit den Lebewesen und der Welt. Sie lassen uns andere wahrnehmen, ihre sinnvollen Wünsche erkennen und sie lassen die kreativen Kräfte in uns gestalterisch tätig werden. Zahllose große kreative Leistungen sind dadurch entstanden, dass jemand etwas für seine Mitmenschen verbessern wollte. Mitgefühl und Weisheit sind optimale Voraussetzungen für Kreativität. Die Welt mit den Augen eines Buddhas sehen "Unsere wertvollsten Eigenschaften wie Liebe, Weisheit, Freude, Mut und Kraft sind keine Beigaben zum Geist, sondern zeitloser Ausdruck seines Wesens. Seine Raum-Klarheit bringt ständig und immer spielerisch neu seine grenzenlosen Möglichkeiten hervor und zeigt die Welt als reines Land."4 Die höchste Freude, Energie und Wahrheitsebene, die Buddha bedeutet, und auch der Geisteszustand des Meisters ist, macht bewusste Anstrengung zur Kreativität nicht mehr notwendig, weil der Zugang zum unbegrenzten kreativen Potential des Geistes dauerhaft vorhanden ist. Es ist ein müheloses Verweilen, in dem, was ist; ein Geschehenlassen, die fortwährende Buddha-Aktivität zum Nutzen der Lebewesen auf der Basis von Weisheit, und die Erkenntnis, dass Kreativität als Wort unnötig geworden ist, weil alles auf vollkommene Weise geschieht. Ein dauerhafter Fluss von Buddhaaktivität. Als Buddhas sind wir unbegrenzt kreativ, weil wir aus der unbegrenzt kreativen Raumnatur des Geistes schöpfen. Aber so weit sind wir in der Regel ja noch nicht und deshalb brauchen wir einen Weg, der uns weiter bringt. Und für diesen benötigen wir wiederum Mut und Geschick. Denn: Diamantweg ist wie der Sprung in den Raum, die Intensität und der Freiraum des freien Falls beim Fallschirmspringen, bevor sich der Fallschirm öffnet. Dieses Bild trifft auch für den Mut zur Kreativität zu, der oft auch einem Sprung ins Unbekannte gleichkommt. "Ich bin furchtlos, freudvoll, liebevoll und weise!", sagen wir uns als Diamantwegpraktizierende gewissermaßen in jeder Meditation und mit jedem Mantra, weil alle Buddhaformen diese Qualitäten auf höchster Ebene ausdrücken - und es sind Eigenschaften, die wir auch dadurch immer mehr im eigenen Bewusstsein entwickeln und entdecken. Dies wirkt sich auf unser Tun in der Welt aus. Diamantweg-Buddhisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei ihrer nutzbringendkreativen Gestaltung der Welt Sinn erfahren. Wir führen die in unserer Gesellschaft unerlässliche Aktivität als solche aus, ohne Anhaftung daran zu entwickeln. Wir tun einfach das, was notwendig ist und anderen Glück bringt. Dabei geben wir unser Bestes, in jeder Situation, in Beruf, in Familie, in Liebesbeziehungen, im Zusammensein mit Freunden. Wir tun das, was wir tun, zu 100 Prozent. Arbeit - und natürlich auch kreative Arbeit werden so zu einer buddhistischen Praxis. Und wer seine Arbeit, seine Beziehungen und sein Leben als kreativ-gestaltbar erlebt, ist auch selbst glücklicher. Neben der Kraft und dem Mut zu freudvoll-kreativer Handlung verfügen Buddhisten über die Fähigkeit, sich selbst, andere und die Welt stärker und intensiver wahrzunehmen. Es handelt sich um eine Art innerer Kreativität, wenn mit eigenen Emotionen und Konzepten so umgegangen wird, dass sich negative verflüchtigen und positive im eigenen Geist zunehmen. Die Ursachen für Leid verschwinden so und die Ursachen für Glück entstehen. Und zur gleichen Zeit erscheinen alle Phänomene im Geist als Mittel, die Natur des Geistes mehr und mehr zu erkennen: "Das direkte Schauen ins Innerste einer Emotion enthüllt die dynamisch-kreative und zugleich leere Natur des Geistes und verwandelt Emotionen in Kräfte der Befreiung."5 Das gleiche trifft auf die Beziehung zu anderen Menschen zu, die ja in ihrem menschlichen Handeln ebenfalls von Konzepten und Emotionen beeinflusst sind. Kreativität in zwischenmenschlichen Beziehungen bedeutet, Beziehungen zu anderen auch als gestaltbares Feld wahrzunehmen, als etwas, das bewusst und intelligent verändert werden kann. Die äußere Wirklichkeit sinnvoll-kreativ und für sich und andere Glück bringend gestalten? Volle Bewusstheit über die Natur der Erscheinungen erlangen? Wofür soll man sich entscheiden? Sowohl als auch! Diamantwegbuddhisten versuchen beides in ihrem Leben umzusetzen. Sie gestalten einerseits die Welt kreativ mit, erlangen andererseits Einsicht in die Natur der Erscheinungen. Praktisch, kreativ-sinnvolles Verhalten auf relativer Ebene, Halten der höchsten Sicht zur Verwirklichung der letztendlichen Ebene. Der Diamantweg ist die vollkommene Vereinigung von positivem Handeln und höchster Sicht, die Einheit von Liebe und Weisheit, von Furchtlosigkeit und Freude. 1 Gendün Rinpoche: Herzensunterweisungen eines Mahamudra-Meisters. Berlin: Theseus 2001, S. 201. 2 Lama Ole Nydahl: Vom Reichtum des Geistes. Buddhistische Inspirationen. München: Knaur 2006, S. 112. 3 Lama Jigmela Rinpoche: Schlüsselwörter der Buddhismus. Ein Sesam-öffne-dich-Buch. Turin. Amrita 2004, S. 72. 4 Lama Ole Nydahl: Vom Reichtum des Geistes. Buddhistische Inspirationen. München: Knaur 2006, S. 110. 5 Gendün Rinpoche: Herzensunterweisungen eines Mahamudra-Meisters. Berlin: Theseus 2001, S. 212. Wolfgang Poier, Buddhistischer Reiselehrer, lebt seit 1986 im Buddhistischen Zentrum Graz; arbeitet als Lehrer am Gymnasium und als FH-Lektor. |
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