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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

"Wow!" - über den Zusammenhang von Buddhismus und Kreativität

Von Wolfgang Poier

Was versteht man heute unter Kreativität?
Häufig verbinden Menschen mit Kreativität künstlerische Betätigung in Malerei, Theater, Tanz, Musik oder Literatur. Als "Kreative" werden zudem noch die Leute bezeichnet, die in Werbeagenturen arbeiten, oder beispielsweise Architekten. Tatsächlich hat sich der Kreativitätsbegriff in den letzten Jahrzehnten aber deutlich erweitert und man kann alle Bereiche, die etwas Neues und Sinnvolles in die Welt bringen, als kreative Tätigkeitsfelder bezeichnen. Und so können mit gutem Grund auch alle Menschen, die etwas Neues schaffen, Sinnvolles weiterentwickeln, interessante Aufgaben lösen oder unterschiedliche Bereiche gestalten, als kreative Menschen gelten.

In der modernen demokratischen Gesellschaft, in denen breite Bevölkerungsschichten Zugang zur Bildung haben, erweitert sich auch die Fähigkeit des Einzelnen kreativ zu sein. Mehr als das, Kreativität wird heute beinahe schon von jedem eingefordert, ist doch Kreativität in unserer hochtechnisierten, dynamischen Kultur geradezu eine Überlebensstrategie und daher auch eine Schlüsselqualifikation. Ein Muss ist Kreativität beispielsweise für alle Unternehmen, die auf wirtschaftlichen Erfolg oder technischen Vorsprung ausgerichtet sind.

Da Probleme heute hochkomplex sind und oft nur in konstruktiver Zusammenarbeit mit mehreren Menschen gelöst werden können, ist ebenso die Fähigkeit zur Kreativität im Team gefragt. Dies setzt beim Einzelnen nicht nur Spezialistentum voraus, sondern eben auch die Fähigkeit zur Vernetzung, zum Annehmen und produktiven Weiterverarbeiten interessanter Impulse und Ideen von seinen Mitarbeitern.

Weil es sich hierbei aber um besondere soziale Fähigkeiten handelt, beinhaltet Kreativität heute also auch die Arbeit mit sich selbst, mit den eigenen Emotionen und Konzepten sowie das geschickt-kreative Umgehen mit den nicht immer einfachen Impulsen von Mitmenschen. Als Fähigkeit zur kreativen Lebensbewältigung und -gestaltung reicht Kreativität natürlich ebenso ins private Leben hinein.

Grund genug, um auf der Basis dieses erweiterten Kreativitätsbegriffs nach dem Zusammenhang zwischen Buddhismus und Kreativität zu fragen und eine Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen herzustellen.

Kreativität und Buddhismus
Im Buddhismus spielt Kreativität als grundlegende Qualität eine große Rolle. Nicht so sehr als individuelle Eigenschaft des einzelnen Menschen, sondern als Merkmal des befreiten und erleuchteten Geistes. Im Buddhismus gilt der Geist als kreativ. Obwohl selbst frei von Merkmalen wie Größe, Form, Farbe oder Geschmack, bringt die Raumnatur des Geistes unentwegt schöpferisch die ganze Welt mit ihren unzähligen Erscheinungen und ihrer Vielfalt hervor. Der Geist - als letztlich nicht-auffindbarer - "Schöpfer" erschafft in jedem Augenblick auch die Lebewesen, die diese Welt wahrnehmen und sie gleichzeitig durch ihr Dasein und ihre Handlungen mitgestalten. Diese Hervorbringung von Welt und Lebewesen kann nicht vom schöpferischen Geist getrennt werden. Welt, Lebewesen und Geist sind eins. Unser Geist ist unbegrenzt kreativ. Grundlegende Substanzlosigkeit, grenzenloser Raum und unendliche Energie, Schöpferkraft, Vielfalt und Reichtum sind gleichzeitig und untrennbar vorhanden. Diese Erfahrung zu machen, lässt einen zum Buddha, zum Erwachten werden. "Geist nimmt sich so wahr, wie er ist: kreativ und leuchtend, die Quelle aller Manifestation und zugleich leer, ohne Substanz."1

Wenn die Ich-Anhaftung "hineinfunkt" ...
Der Geist ist ebenso vollkommen wie grundlegend alle Erscheinungen und die Lebewesen, die in ihrem Potential unbegrenzt kreativ sind. Diese raumgleich-offen-kreative Seite des Geistes wird von den Lebewesen jedoch missverstanden: Der Raum, der die Dinge ermöglicht - und grenzenlos ist wie ein weiter Ozean oder der blaue Himmel - wird als etwas Begrenztes wahrgenommen, und dazu sagt man dann "Ich". Die Erscheinungen in ihrer Vielfalt, die wie Regenbögen am blauen Himmel auftauchen, werden als vom Ich getrennte äußere Welt erlebt. Was all dies entstehen lässt, in Bewegung bringt und was es letztlich ist, bleibt den Erkenntnismöglichkeiten dieses Ichs verborgen.

Die Ich-Illusion könnte mit einer Hand verglichen werden. Im Falle einer sehr starken Ich-Anhaftung ist sie zu einer Faust geschlossen. In ihr ist es eng und dunkel. Außen- und Innenwelt sind streng voneinander getrennt. Mit der geschlossenen Hand wird festgehalten und weg geschoben, Anhaftung und Abneigung prägen das Bewusstsein. In einer solchen Situation besteht womöglich sogar ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit - zugleich aber ein Gefühl der Abgeschlossenheit, das der Ängstlichkeit entspringt und mit dieser gepaart ist. Die Faust legt zudem nahe, sich stets nach außen hin verteidigen zu müssen, wobei aufgrund der eingeschränkten Sicht und Unbewusstheit nie völlig klar ist, wogegen sich diese aggressive Energie eigentlich richten soll.

... und wenn sie überwunden wird
Menschen, die meditieren, die Raum im Bewusstsein erleben, Liebe und Weisheit im eigenen Geist entstehen lassen, gelingt es immer wieder, die verschlossene Anspannung der Hand zu lösen, die Faust zu öffnen und die Helligkeit und Weite der Umgebung zu erfahren. Die Erkenntnis macht sich breit: Innen- und Außenwelt sind nicht wirklich voneinander getrennt. Schließlich kommt man zu dem Punkt, wo man mit der Hand nichts mehr festzuhalten oder weg zu schieben braucht. Die Hände sind einfach ein Werkzeug, mit dem alles getan werden kann, was anderen Nutzen bringt und sinnvoll ist. Alles ist offener weiter Raum, leuchtend und strahlend. Dieser Raum ist unbegrenztes kreatives Potential. Alles ist möglich.

Wenn der Titel des Bildes nichts mit dem Kunstwerk zu tun hat ...
Ist die Anhaftung an die Ich-Illusion aber noch vorhanden, sind die kreativen Möglichkeiten des Geistes eingeschränkt. Denn die Welt wird nicht direkt so wahrgenommen, wie sie ist, sondern dient als Projektionsfläche für die Ego-Konzepte. Das Ego haftet an der Oberfläche der Dinge und hat die Gewohnheit, alles und jedes mit wenigstens einem Post-It-Zettel etwa folgenden Inhalts zu bekleben: Schön, gut, schlecht, langweilig, zu kompliziert, angenehm, ärgerlich usw. Vor lauter Zettelchen sieht man dann nicht mal mehr die Oberfläche der Welt. Was in der Welt und den anderen gesehen wird, ist dann eine "Ego-Kreation". Und oft ist es so, dass der Titel dieses "Kunstwerks", den man den eigenen Erfahrungen gibt, gar nichts mehr mit dem bezeichneten Objekt oder Lebewesen zu tun hat, das es eigentlich ist.

Die Beurteilung der Erfahrungen als gut, schlecht oder uninteressant haftet also nicht an den Erscheinungen, sondern ist eine Gewohnheit des Ich-Bewusstseins. Denn der Ausgangspunkt für die Wahrnehmung sind in diesem Fall nicht die Überschuss-Erfahrung von furchtloser Weisheit, Freude und Liebe, sondern die geknautschten Ego-Gefühle und steifen Vorstellungen. Je nach Grad an Unwissenheit, Konzepten und Störemotionen wie Zorn, Unwissenheit, Stolz oder Eifersucht sind auch die eigenen Handlungen dann nicht kreativ-glückbringend, sondern Leid verursachend.

... und wenn der Erleber wichtiger wird als die Erlebnisse
Wenn der Erleber wichtiger wird als die Erlebnisse, wird die grundlegende Vollkommenheit von dem, was Welt, Lebewesen, Gedanken, Gefühle sind - eben Geist - erfahren. Die Post-it-Zettelchen der Ich-Anhaftung lösen sich im Raum auf wie Wolken im blauen Himmel über dem Gipfel eines Berges. Die Vielfalt an unnötigen Bezeichnungen und Zuschreibungen werden von einigen wenigen abgelöst, die die höchste Sichtweise ausdrücken: Aha, wow, interessant ... - Welt und Lebewesen sind echt spannend. Alles ist natürlich höchste Freude und aller kreative Reichtum des Geistes entfaltet sich spontan als höchste intuitive Weisheit in unserem Geist: "Was immer im Geist auftaucht, bestätigt nur seinen Reichtum, seine Möglichkeiten und seine Kraft. Höchste Wahrheit ist immer höchste Freude und Leistungsebene! Jenseits von Hoffnung und Furcht wird erleuchtetes Bewusstsein hervortreten - und dann geschieht alles von allein."2

Warum Kreativität positives Handeln bedeutet
Eine buddhistische Grundannahme im Diamantweg lautet: Alle Lebewesen wollen Glück erleben - und sind grundlegend sogar alle Buddhas mit unbegrenztem Glückspotential. Wenn das, was die Menschen denken, sagen oder tun aufgrund von Unwissenheit kurz- oder langfristig nicht zu Glück, sondern zu Leid führt, kann man es nicht als kreativ bezeichnen. Denn es ist ja schlichtweg nicht intelligent, sich selbst den Teppich unter den Füßen wegzuziehen und sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen, obwohl man eigentlich das Gegenteil will, nämlich glücklich sein. Umgekehrt meint Kreativität sinnvollkreatives Handeln, das einem selbst und anderen nützt. Je natürlicher positives Handeln wird, desto höher ist auch die Erfahrungsebene des Bewusstseins. Je mehr das Bewusstsein von furchtloser Weisheit und Liebe durchdrungen ist, desto mehr Freude und Glück entstehen aus unserem kraftvollen Handeln zum Nutzen der anderen - eine willkommene Wechselwirkung!

Die Wege des Buddhismus
Wie gelangt man nun zu diesem hohen Ziel, wo alles in jedem Augenblick als vollkommen und zugleich der Geist als Quelle aller Kreativität erfahren wird. Und wie gelingt es, auch auf der Ebene der relativen Wirklichkeit schöpferisch tätig zu sein, was ja auch Offenheit und Problembewusstsein voraussetzt - das Verständnis, dass sich in der Welt noch einiges verbessern ließe. Hier erklärt der Buddha drei verschiedene Zugänge, die verschiedenen Potentialen der umsetzenden Anwender entsprechen, aber auf der höchsten Ebene als Einheit der drei praktiziert werden.

Ursache und Wirkung und Geistesruhe als Basis für die Entfaltung von Kreativität
Durch Achtsamkeit in den Gedanken, Worten und Handlungen Leid zu vermeiden, wo immer es geht, ist eine ausgezeichnete Idee. Der geistige Freiraum wird sich allein dadurch erhöhen, weil die Eindrücke im Bewusstsein durch positives Handeln mit Körper, Rede und Geist immer reicher werden und sich damit die Situation in der äußeren Wirklichkeit verbessert. Mehr Vertrauen in sich und die eigenen kreativen Fähigkeiten, mehr Mut und Freude werden die Folge sein.

In der Meditation schafft Geistesruhe den nötigen Abstand zu komplizierten Gefühlen und steifen Gedanken. Der Zwang, diesen ständig vorhandenen Gedanken anzuhaften, immer neue Gedankenketten zu assoziieren oder gar in gedankliche Kreisbewegungen verstrickt zu sein, löst sich auf. Wir werden frei davon. Das kreative Potential des menschlichen Geistes, Gedanken und Gefühle entstehen zu lassen und diese miteinander zu verknüpfen, tritt als großartige Fähigkeit von Klarheit in Erscheinung. Die Furchtlosigkeit, die aufgrund der positiven Eindrücke im Geist entsteht, und die entspannte Assoziationsfähigkeit des Geistes vernetzen alles auf der Basis des unbegrenzten, freudvollen Raumes und die intuitiven Ebenen unseres Bewusstseins fließen in den kreativen Prozess ein. Sie bereiten damit die Basis für sich frei entfaltende Kreativität.

Auf dieser Ebene ist man jedoch vor allem mit sich selbst beschäftigt. Zu wissen, was man nicht will, nämlich leiden, führt wohl noch nicht automatisch zu kreativen Höhenflügen. Es fehlen der Mut und die Motivation, etwas für andere zu erreichen und zu schaffen.

Im Fluss des Gebens: Weisheit und Liebe
Mitgefühl und Weisheit erweitern den schöpferischen Spielraum ins Unbegrenzte. Die Beflügelung durch Liebe und Mitgefühl ist die stärkste Antriebskraft, sich selbst positiv weiter zu entwickeln und die Welt sinnvoll zu gestalten. Mitgefühl hilft zu verstehen, dass alle Wesen das Potential haben, unbegrenzte Freude und Glück zu erfahren, sich aber aufgrund ihrer Unwissenheit und negativen Handlungen oft immer tiefer in frustrierende Leidsituationen verstricken. Weil man die gleiche Raum-Klarheit, die Buddhanatur, mit allen Wesen teilt, entsteht der starke Wunsch, aufgrund von Weisheit und Liebe geschickte Mittel zu entfalten, die anderen nützen und ihnen dabei helfen, das ersehnte Glück sowie Befreiung zu erlangen. Beim Wunsch, sich zum Nutzen der Wesen zu entwickeln und für andere etwas Positives zu schaffen, handelt es sich um die zentrale Motivation im Weg der Bodhisattvas - eine Motivation, die in hohem Maß kreative Kräfte aktiviert. Weisheit sagt, dass das eigene Ich sowie die äußere Welt letztendlich unwirklich sind, frei von einer dauerhaften, absoluten Existenz. Ebenso wie die Anhaftung an die Ich-Illusion überwunden werden kann, sodass Befreiung entsteht, kann auch die äußere Wirklichkeit sinnvoll und kreativ gestaltet werden, sodass Nutzen für andere entsteht. Dies ist die Einstellung, die Bodhisattvas entwickeln, und an der sie kraftvoll und furchtlos festhalten. Auch wenn die Gestaltung des Lebens und der Lebensumwelt sich mitunter als schwierig erweist, der Geist der Bodhisattvas ist stark und zielgerichtet

Die Welt ist so, "wie wir uns sie erträumen. Und das geht soweit, dass sie sich im selben Moment ändern wird, in dem wir lernen, unsere Kreativität oder Schöpferkraft anzuwenden und uns die Welt auf eine andere Weise "erträumen". Natürlich muss man einen hohen Grad an Mitgefühl oder an bedingungsloser Liebe erreicht haben, um die Welt zu verändern, indem wir sie in etwas Besseres umwandeln, zum Wohle aller fühlenden Wesen und nicht nur zum Vorteil unserer eigenen Interessen, was hingegen heutzutage viel zu oft der Fall ist. Wir können die Ergebnisse davon in dieser Welt selbst sehen. Aber wir müssen uns auch bewusst werden, dass wir die Macht haben, um sie zu verändern."3

Mitgefühl und Weisheit führen zur Verbindung von uns selbst mit den Lebewesen und der Welt. Sie lassen uns andere wahrnehmen, ihre sinnvollen Wünsche erkennen und sie lassen die kreativen Kräfte in uns gestalterisch tätig werden. Zahllose große kreative Leistungen sind dadurch entstanden, dass jemand etwas für seine Mitmenschen verbessern wollte. Mitgefühl und Weisheit sind optimale Voraussetzungen für Kreativität.

Die Welt mit den Augen eines Buddhas sehen
Auf Diamantwegsebene gibt es nur mehr eine Frage, die sich uns stellt: Halten wir die höchste Sicht, ein Buddha zu sein? Und verweilen damit furchtlos in der Raum-Klarheit des Geistes, in allem, was wir tun. In allem, was als unbegrenzt freudvolle Kraft natürlich in die Welt hineinwirkt und diese mit Buddha-Aktivität durchdringt. Die Handlungen eines Buddhas sind immer sinnvoll-nutzbringend und aus der Vielfalt an Möglichkeiten wird ein Buddha immer jene wählen, die das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl von Lebewesen bedeuten.

"Unsere wertvollsten Eigenschaften wie Liebe, Weisheit, Freude, Mut und Kraft sind keine Beigaben zum Geist, sondern zeitloser Ausdruck seines Wesens. Seine Raum-Klarheit bringt ständig und immer spielerisch neu seine grenzenlosen Möglichkeiten hervor und zeigt die Welt als reines Land."4 Die höchste Freude, Energie und Wahrheitsebene, die Buddha bedeutet, und auch der Geisteszustand des Meisters ist, macht bewusste Anstrengung zur Kreativität nicht mehr notwendig, weil der Zugang zum unbegrenzten kreativen Potential des Geistes dauerhaft vorhanden ist. Es ist ein müheloses Verweilen, in dem, was ist; ein Geschehenlassen, die fortwährende Buddha-Aktivität zum Nutzen der Lebewesen auf der Basis von Weisheit, und die Erkenntnis, dass Kreativität als Wort unnötig geworden ist, weil alles auf vollkommene Weise geschieht. Ein dauerhafter Fluss von Buddhaaktivität. Als Buddhas sind wir unbegrenzt kreativ, weil wir aus der unbegrenzt kreativen Raumnatur des Geistes schöpfen.

Aber so weit sind wir in der Regel ja noch nicht und deshalb brauchen wir einen Weg, der uns weiter bringt. Und für diesen benötigen wir wiederum Mut und Geschick. Denn: Diamantweg ist wie der Sprung in den Raum, die Intensität und der Freiraum des freien Falls beim Fallschirmspringen, bevor sich der Fallschirm öffnet. Dieses Bild trifft auch für den Mut zur Kreativität zu, der oft auch einem Sprung ins Unbekannte gleichkommt.

"Ich bin furchtlos, freudvoll, liebevoll und weise!", sagen wir uns als Diamantwegpraktizierende gewissermaßen in jeder Meditation und mit jedem Mantra, weil alle Buddhaformen diese Qualitäten auf höchster Ebene ausdrücken - und es sind Eigenschaften, die wir auch dadurch immer mehr im eigenen Bewusstsein entwickeln und entdecken. Dies wirkt sich auf unser Tun in der Welt aus. Diamantweg-Buddhisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei ihrer nutzbringendkreativen Gestaltung der Welt Sinn erfahren. Wir führen die in unserer Gesellschaft unerlässliche Aktivität als solche aus, ohne Anhaftung daran zu entwickeln. Wir tun einfach das, was notwendig ist und anderen Glück bringt. Dabei geben wir unser Bestes, in jeder Situation, in Beruf, in Familie, in Liebesbeziehungen, im Zusammensein mit Freunden. Wir tun das, was wir tun, zu 100 Prozent. Arbeit - und natürlich auch kreative Arbeit werden so zu einer buddhistischen Praxis. Und wer seine Arbeit, seine Beziehungen und sein Leben als kreativ-gestaltbar erlebt, ist auch selbst glücklicher.

Neben der Kraft und dem Mut zu freudvoll-kreativer Handlung verfügen Buddhisten über die Fähigkeit, sich selbst, andere und die Welt stärker und intensiver wahrzunehmen. Es handelt sich um eine Art innerer Kreativität, wenn mit eigenen Emotionen und Konzepten so umgegangen wird, dass sich negative verflüchtigen und positive im eigenen Geist zunehmen. Die Ursachen für Leid verschwinden so und die Ursachen für Glück entstehen. Und zur gleichen Zeit erscheinen alle Phänomene im Geist als Mittel, die Natur des Geistes mehr und mehr zu erkennen: "Das direkte Schauen ins Innerste einer Emotion enthüllt die dynamisch-kreative und zugleich leere Natur des Geistes und verwandelt Emotionen in Kräfte der Befreiung."5 Das gleiche trifft auf die Beziehung zu anderen Menschen zu, die ja in ihrem menschlichen Handeln ebenfalls von Konzepten und Emotionen beeinflusst sind. Kreativität in zwischenmenschlichen Beziehungen bedeutet, Beziehungen zu anderen auch als gestaltbares Feld wahrzunehmen, als etwas, das bewusst und intelligent verändert werden kann.

Die äußere Wirklichkeit sinnvoll-kreativ und für sich und andere Glück bringend gestalten? Volle Bewusstheit über die Natur der Erscheinungen erlangen? Wofür soll man sich entscheiden? Sowohl als auch! Diamantwegbuddhisten versuchen beides in ihrem Leben umzusetzen. Sie gestalten einerseits die Welt kreativ mit, erlangen andererseits Einsicht in die Natur der Erscheinungen. Praktisch, kreativ-sinnvolles Verhalten auf relativer Ebene, Halten der höchsten Sicht zur Verwirklichung der letztendlichen Ebene. Der Diamantweg ist die vollkommene Vereinigung von positivem Handeln und höchster Sicht, die Einheit von Liebe und Weisheit, von Furchtlosigkeit und Freude.

1 Gendün Rinpoche: Herzensunterweisungen eines Mahamudra-Meisters. Berlin: Theseus 2001, S. 201.

2 Lama Ole Nydahl: Vom Reichtum des Geistes. Buddhistische Inspirationen. München: Knaur 2006, S. 112.

3 Lama Jigmela Rinpoche: Schlüsselwörter der Buddhismus. Ein Sesam-öffne-dich-Buch. Turin. Amrita 2004, S. 72.

4 Lama Ole Nydahl: Vom Reichtum des Geistes. Buddhistische Inspirationen. München: Knaur 2006, S. 110.

5 Gendün Rinpoche: Herzensunterweisungen eines Mahamudra-Meisters. Berlin: Theseus 2001, S. 212.


Wolfgang Poier, Buddhistischer Reiselehrer, lebt seit 1986 im Buddhistischen Zentrum Graz; arbeitet als Lehrer am Gymnasium und als FH-Lektor.