Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

Der Buddha und die "Outcasts"

Von Michael den Hoet

Es war ein ungewöhnlicher Termin, für den Karmapa Thaye Dorje am 14. Oktober 2006 seine Südostasien-Reise unterbrach und für einige Stunden nach Indien zurückkehrte. Auf einer Großveranstaltung in Bombay (Mumbai) nahmen gleich 25.000 Inder beim Oberhaupt der Karma Kagyü-Linie Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha. Die Neu-Buddhisten waren früher offiziell Hindus und gehörten bislang zur gesellschaftlichen Unterklasse der "Dalits" (auch Kastenlose bzw. "Outcasts" genannt), den am meisten Benachteiligten des hinduistischen Kastensystems in Indien.

Das Datum dafür hatten die Organisatoren mit Bedacht gewählt: Exakt 50 Jahre zuvor war der frühere Justizminister und "Vater der modernen demokratischen Verfassung Indiens", Bhimrao Ramji Ambedkar (1891-1956), feierlich Buddhist geworden. Zusammen mit 380.000 Anhängern hatte der gebürtige Outcast damals ein öffentliches Bekenntnis zum Buddhismus abgelegt. Dem Religionswechsel lagen - einst wie heute - insbesondere zwei Motive zugrunde: Einerseits der Protest gegen die fortdauernde Diskriminierung der Kastenlosen im modernen Indien; andererseits innere Überzeugung und tiefer Respekt einer Weltanschauung gegenüber, die aus der Kulturgeschichte des Landes nicht wegzudenken ist. Gleichzeitig mit der Hauptveranstaltung in Bombay fanden auch in vielen anderen Städten Kundgebungen statt, auf denen insgesamt mehrere hunderttausend bisher Kastenlose zum Buddhismus konvertierten.

Der junge Karmapa machte mit diesem Besuch einer Bevölkerungsgruppe seine Aufwartung, die in der indischen Gesellschaft eine durchaus gewichtige Rolle spielt. Mittlerweile dürfte es zwischen 15 und 25 Millionen Menschen in Indien geben, die Buddhismus als ihre Religion betrachten - Tendenz steigend. Außerhalb des Landes kaum wahrgenommen, erlebt die neo-buddhistische Bewegung, die auf Ambedkar zurückgeht, einen regelrechten Boom. Überdies zeigen auch indische Regierungsstellen, Wissenschaftler und Tourismusbehörden zunehmend großes Interesse an dem buddhistischen Erbe des Landes. Dies ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass es noch vor wenigen Jahrzehnten im Ursprungsland der Lehre so gut wie keine Buddhisten gab - abgesehen von kleinen Minderheiten im Himalaja, in der Provinz Orissa und in den Grenzgebieten zu Bangladesh und Burma (Myanmar).

Die Neo-Buddhisten berufen sich immer wieder auf die Geschichte ihres Landes. Um die Renaissance des indischen Buddhismus besser zu verstehen, lohnt der Blick in die Vergangenheit - zurück zu den Ursprüngen des Kastensystems, zum historischen Buddha, zu den Zeiten von Verbreitung und Verfall seiner Lehre im Mutterland bis ins neuzeitliche Indien des 20. Jahrhunderts.

Die indische Gesellschaft zur Zeit des historischen Buddha
Indien vor über 2.500 Jahren: Es war eine geistige Hochkultur, in die der Prinz Siddhartha Gautama hinein geboren wurde. Man besaß bereits viel Wissen um den Geist; es existierten Traditionen, in denen bereits seit vielen Generationen das Mittel der Meditation gelehrt wurde. Da Schreibmaterialien rar waren, wurde viel auswendig gelernt. Dementsprechend verfügten zahlreiche Menschen über eine gute Konzentration. Qualifizierte geistige Lehrer standen in hohem Ansehen. Philosophie hatte einen Anspruch, der über die Theorie hinausging: Sie sollte vor allem lebenstauglich sein. Was Götter und Heilslehren anbelangte, existierte meist friedliche Vielfalt. Auch die technischen Kenntnisse waren ansehnlich. Wenige Jahrhunderte zuvor hatten sich Einwanderer aus Osteuropa auf dem indischen Subkontinent niedergelassen, wegen ihrer helleren Hautfarbe Arya (= die Weißen, Reinen) genannt. Ausgestattet mit guter Konstitution und wirksamer Bewaffnung waren sie alsbald zur führenden Klasse aufgestiegen und führten neues Know-how ein, welches das Wissen der alteingesessenen Bevölkerung ergänzte. Zu den Errungenschaften der Zeit gehörten das Speichenrad, die Zähmung des Pferdes, eine frühe Form des Pfluges, Verfahren zur Metallverarbeitung und andere Handwerkskünste. Das Fachwissen in punkto Architektur konnte sich ebenfalls sehen lassen.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren dagegen recht steif. Trotz allgemeiner Arbeitsteilung blieben die verschiedenen Bevölkerungsgruppen jeweils strikt unter sich. Die Auslegung von "Karma" war hier ziemlich schicksalhaft: Jeder Mensch war in eine "Kaste", das heiß eine bestimmte soziale Klasse hinein geboren und hatte dort eine fest vorgegebene Rolle innerhalb der Gemeinschaft zu erfüllen. An einen sozialen Aufstieg war - konventionell richtiges Benehmen vorausgesetzt - allenfalls von einem Leben zum nächsten zu denken. Es gab vier Hauptkasten (die sog. Varna = "Farben"):

Brahmanen: Schriftgelehrte und Priester, zuständig insbesondere für religiöse Handlungen;'
Kshatriyas
: Krieger, weltliche Herrscher, hohe Beamte und Adelige;
Vaishyas
: Händler, Bauern, Handwerker, Viehzüchter;
Shudras
: Arbeiter und Knechte, unselbständige Bauern.

Diejenigen, die keinen Platz in diesem System fanden, nannte man Paria = "Unberührbare". An ihnen, den Kastenlosen (engl. Outcasts), blieben die schmutzigsten Arbeiten hängen: Latrinen leeren, Abfälle wegräumen oder Tote bestatten. Wenn ein Angehöriger einer höheren Kaste von einem Paria berührt oder auch nur angeguckt wurde, galt er als "verunreinigt" und war gehalten anschließend Reinigungszeremonien durchführen zu lassen. Daneben gab es innerhalb der jeweiligen Kasten sehr viele Unterteilungen (genannt Jyati = "geboren" / "hinein geboren") in Clans und Stände. Ende des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft, zählte man insgesamt weit über 2.000 Kasten und Unterkasten. Allgemein wurde erwartet, dass innerhalb der eigenen Kaste geheiratet wurde.

Man vermutet, dass dieses System der strengen sozialen Trennung auf die Nachfahren der Indo-Europäer zurückging, die damit ihre Vormachtstellung absichern wollten. Andeutungen auf das Kastensystem finden sich zudem in alten heiligen Texte Indiens, den so genannten Veden (Singular: Veda). Fast unnötig zu erwähnen, dass auch die Frauen gegenüber den Männern klar benachteiligt waren. Das Kastenwesen hat sich bis heute in Indien erhalten.

Der Buddha und das Kastensystem
Prinz Siddhartha, der spätere Buddha Shakyamuni, wurde als Angehöriger der Kshatriya-Kaste geboren. Dass er ein Nachfahre europäischstämmiger Einwanderer gewesen ist, lässt ein Hinweis in den Texten vermuten, demzufolge er blaue Augen gehabt haben soll. Wie dem auch sei: Als er im Alter von 29 Jahren auf der Suche nach dauerhaftem Glück auf der Grundlage geistiger Vervollkommnung aus dem Königspalast auszog, spielten für ihn weltliche Herkunft oder Kastenzugehörigkeit keine Rolle mehr. Nachdem er unter dem Bodhi-Baum störende Gefühle, Wahrnehmungsschleier und schlechte Gewohnheiten dauerhaft überwunden und das Potenzial seines Geistes zur vollen Blüte gebracht hatte, fing der nun zum Buddha gewordene alsbald an, sein Wissen und seine Erfahrungen von Befreiung und Erleuchtung mit anderen zu teilen. Viele seiner Schüler, die mit ihm reisten oder in seiner Nähe meditierten, erlegten sich Regeln auf, um sich vor Ablenkung und weltlichen Verpflichtungen zu schützen - Regeln, die sich nicht zuletzt an den damaligen äußeren Bedingungen orientierten. Beim Lehren war für den Buddha die Offenheit und Motivation der Zuhörer das Ausschlaggebende. Er nahm zwar die Kastenordnung als eine gesellschaftliche Tatsache zur Kenntnis. Doch sie war für ihn nicht relevant: Geistige Verwirklichung hatte für den Buddha nichts mit Abstammung zu tun, denn jeder hat die Buddhanatur als grundlegendes Potenzial. Und so nahm er Brahmanen ebenso in seine Gemeinschaft auf wie Angehörige anderer Kasten oder "Unberührbare".

Buddha Shakyamuni war ein geistiger Lehrer, aber kein Sozialrevoluzzer. Als sich später auch Frauen der Gemeinschaft (Sangha) anschließen wollten, zögerte er zunächst. Schließlich nahm er sie in die Sangha auf, gab ihnen aber einige Dutzend Regeln mehr mit auf den Weg. Dies geschah nicht etwa um sie herabzusetzen, sondern vor allem um sie gegenüber der damaligen Gesellschaft zu schützen und abzusichern. Außerdem, so wird gemutmaßt, wollte er einen gewissen "Sicherheitsabstand" zur männlichen Mönchssangha wahren und damit Unruhe innerhalb der Gemeinschaft vermeiden. Neben den Nonnen und Mönchen gab es natürlich auch viele Laien unter den Anhängern der Lehre. Ihre materielle und praktische Unterstützung war stets sehr wichtig für das Gedeihen der buddhistischen Gemeinschaft. Auch bei den meisten der Laien dürfte das Kastenwesen - trotz vielleicht einer gewissen Rücksichtnahme auf die Etikette - keine große Rolle gespielt haben.

König Ashoka verbreitet die Lehre
Zwar durfte der Buddha zu Lebzeiten einflussreiche Menschen zu seinen Schülern zählen, wie zum Beispiel die Könige Bimbisara von Magadha, Pasenadi / Prasenajit von Kosala oder - der in den Theravada-Schriften nicht genannte - Indrabodhi von Uddiyana (Ujjain). Dennoch sollte es nach seinem Ableben noch einige Generationen dauern, bis seine Lehre auf dem ganzen Subkontinent bekannt war. Von großer Bedeutung für die Verbreitung der Lehre war die Herrschaft des Königs Ashoka (ca. 304-232 vor unserer Zeitrechung) aus der Dynastie der Maurya.

Wild, ehrgeizig und rücksichtslos soll er in jungen Jahren gewesen sein. Ashokas Großvater Chandragupta hatte einige Jahrzehnte zuvor im Westen Indiens einen griechischen Herrscher besiegt. Dieser war ein Nachfahre jener Hellenen gewesen, die Alexander der Große Jahrzehnte zuvor im Zuge seiner Eroberungen nach Zentralasien brachte und die dort nach dessen Tod Staaten gegründet hatten. Damals war es nach militärischen Niederlagen üblich, dass der Verlierer seine Tochter an den Hof des Siegers ziehen lassen musste. Oft entstanden so Familienbande, die für eine künftige Macht- und Friedenspolitik nicht zu unterschätzen waren. Wollte sich hingegen die Braut in spe an neuem Orte nicht vermählen, hatte man mit dem Ehrengast eine Art Geisel, was eine gewisse Loyalität des unterlegenen Fürsten erzwang. Ashoka hatte somit sehr wahrscheinlich auch griechisches Blut in seinen Adern.

Um 270 v.u.Z. bestieg er den Thron. Das Reich, das er vom Vater erbte, war stattlich. Es gab nur noch einen großen Nachbarstaat, der ihm die Vorherrschaft auf dem ganzen Subkontinent zwischen Zentralasien und Bengalen streitig machte. Um im Jahre 261 v.u.Z. das Kalinga-Reich zu bezwingen, bot er ein Riesenheer auf. In einer äußerst blutigen Schlacht wurde der Gegner besiegt - doch um welchen Preis? Von 100.000 Opfern war die Rede, zehntausende wurden zu Invaliden. Die Nachricht vom Ausmaß des Blutvergießens machte Ashoka sehr unglücklich; es muss ihm ähnlich miserabel gegangen sein wie einige Jahrhunderte später dem tibetischen Verwirklicher Milarepa nach dessen bösen Experimenten mit schwarzer Magie. Eines Tages jedoch kam ein buddhistischer Bettelmönch am Hofe Ashokas vorbei. Er berührte den bisher so hartherzigen Monarchen zutiefst und wurde sein Lehrer. Der König wandte sich der Lehre Buddhas zu, verzichtete auf gewaltsame Eroberungen und versprach zukünftig kein fühlendes Wesen mehr zu schädigen.

Für die Verbreitung der Lehre tat er fortan viel: Er unterstützte buddhistische Zentren (Sanskrit Vihara = "Aufenthalt", "Zufluchtsort", damals meist Klöster), ließ zehntausende Stupas bauen und an wichtigen Pilgerorten wie Bodh Gaya, Sarnath oder Lumbini Denkmale und Inschriften aufstellen. Um 250 herum lud Ashoka zum dritten buddhistischen Konzil nach Pataliputra (heute Patna) ein. Zu einer Zeit, als bereits bis zu 18 verschiedene buddhistische Schulen existierten, wurde dort einerseits in fleißiger Kleinarbeit der "Dreikorb" (Tripitaka) von Vinaya, Sutra und Abhidharma gesammelt (und wahrscheinlich auch aufgeschrieben), sowie andererseits eine am Hinayana (= Kleinen Weg) orientierte Sichtweise der Lehre betont. Der König ließ viele Dharma-Lehrer ausbilden, die er hinterher in alle Himmelsrichtungen aussandte, um die Lehre des Buddha bekannt zu machen. Nach Ceylon (heute Sri Lanka) reiste sein Sohn Mahinda, andere Botschafter verbreiteten die Lehre in Kashmir bzw. im Osten. Die westliche Himmelsrichtung lag in Ashokas besonderem Interesse, besaß er doch besondere Sympathien für die antike griechische Kultur. Berichten zufolge, schaffte es mindestens einer der ausgesandten buddhistischen Gelehrten bis nach Antiochia / Syrien. Man darf annehmen, dass Sendboten Ashokas auch nach Griechenland und Ägypten gelangten. Ein gewisser, indirekter Einfluss des Buddhismus bei der späteren Entstehung des Christentums ist sehr wahrscheinlich.

Die ethischen Prinzipien von Ashokas Herrschaft waren auf Inschriften und stattlich geschmückten Säulen nachzulesen, die er an verschiedenen Stellen, insbesondere in den Außengebieten seines Großreiches, aufstellen ließ: Gerechtigkeit, Toleranz - auch gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen, Wertschätzung der Untertanen - gleich welcher Herkunft, Unabhängigkeit der für jedermann zugänglichen Rechtsprechung, Mitgefühl für alle Wesen - einschließlich der Tiere und vieles mehr. Ashoka gründete neue Städte, errichtete Krankenhäuser und Tierheime, förderte Bildung, befehligte den Bau eines landesweit engen Netzes von Brunnen, ließ entlang von Straßen Alleen pflanzen, damit Reisende Schatten hätten und versuchte durch anständige Lebensführung ein gutes Beispiel zu geben.

Das Maurya-Reich fiel bald nach dem Tode des Monarchen auseinander. Auch wenn in einigen Landesteilen hinduistische Brahmanen bald wieder die Oberhand bekamen, blieb der Buddhismus in den meisten Landesteilen für Jahrhunderte führend. Ashokas Ruhm als "gerechter König" und Herrscher über praktisch ganz Indien wirkte indes nach. Es sollte sehr lange dauern, bis es wieder ein Reich von vergleichbaren Ausmaßen auf dem indischen Subkontinent geben würde. Die Spuren von Ashokas Aktivität werden uns über 2.000 Jahre später wieder begegnen.

Fortgang und Verfall des Buddhismus in Indien
Als sich der Buddhismus in den umliegenden Ländern verbreitete - Ceylon (Sri Lanka), Baktrien (heute in Pakistan/Afghanistan gelegen), Kashmir, die Gebiete des heutigen Thailand, Kambodscha, Indonesien - existierte er neben dem Hinduismus. Folglich gab es auch hier - wenngleich abgeschwächt - Einflüsse des Kastensystems. In Zentralasien ging der Buddhismus eine friedliche Koexistenz mit griechischen Kulten ein; ebenso bestanden später in Nord- und Nordostasien jeweils ein Nebeneinander von Buddhismus und Schamanentum, von Buddhismus und der Lehre des Konfuzius (China) oder dem Schintoismus (Japan). In den neuen Ländern übernahm der Buddhismus einige der dortigen Bräuche; zudem wurde - je nach Landeskultur und den Traditionen, aus denen die Pionierlehrer stammten, bestimmte Schwerpunkte der Lehre bzw. der Methoden betont. Dennoch wurde auf die Authentizität der Überlieferung immer großen Wert gelegt.

In und um Indien machten in den Jahrhunderten nach Ashoka auch andere Könige von sich reden, die das Gedeihen der buddhistischen Lehre förderten. Gleichwohl vermieden auch sie es, Buddhismus zu einer Art Staatsreligion zu erheben. So blieben das Kastensystem und andere Elemente der hinduistischen Kultur erhalten. Insgesamt existierte die buddhistische Hochkultur in Indien für ungefähr 1.700 Jahre. Vereinfachend lässt sich die Geschichte des Buddhismus im Alten Indien in je drei Phasen zu jeweils ca. fünf bis sechs Jahrhunderten einteilen, die man sich etwa wie folgt vorstellen darf:

I.) In der ersten Phase - von der Erleuchtung des Buddha bis ca. dem ersten / zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung - schlägt die Lehre in Indien und einigen angrenzenden Ländern Wurzeln. Insbesondere die Mönchs-Sangha hält mit ihrem Regelwerk die Gemeinschaft zusammen und wird dabei von einflussreichen und großzügigen Laien unterstützt. Bekannt sind vor allem die allgemein verständlichen Lehren des Hinayana (= Kleiner Weg), sowie einige Teile des Mahayana (= Großer Weg). Die frühen, unumstrittenen Niederschriften der Belehrungen Buddhas werden Theravada (= Tradition der Älteren) genannt. Theravadins berufen sich bis heute auf den Pali-Kanon, die älteste, uns bekannte schriftlich fixierte Sammlung von Belehrungen des Buddha aus dem 1. Jahrhundert v.u.Z.

II.) Ab ungefähr der Zeit von Kanishka (1./2. Jh. u. Z.) - der Herrscher griechischer Abstammung regierte ein Großreich, das vom südlichen Zentralasien bis in den Nordwesten Indiens reichte - spricht man von der Mahayana-Periode des indischen Buddhismus. In der Gandhara-Region am Indus (heute im südlichen Pakistan gelegen) entstehen unter dem Einfluss griechischer Bildhauerkunst viele Buddhastatuen. Laien und Verwirklicher (Yogis) bekommen ein größeres Gewicht für die Entwicklung und Bewahrung der Lehre. Sutras, die vorher der Allgemeinheit nicht geläufig waren, werden bekannt. Philosophische Texte, welche die Belehrungen des Buddha auf zeitgemäße Weise und aus der Sichtweise des Mahayana erläutern, werden verfasst. Bedeutend sind unter anderem die Werke von Nagarjuna zum Madhyamika (oder Madhyamaka = der "Große Mittlere Weg"), die Bücher von Maitreya und Asanga zum Yogachara, sowie das Bodhicaryavatara von Shantideva (7. oder 8. Jh.). Auch hinduistische Schulen werden vom Buddhismus beeinflusst. In Südindien begründet zum Beispiel der Gelehrte Sankaracarya (Ende 8. Jh.) die Schule des Advaita-Vedanta (= Nicht-dualistische Vedische Lehre).

Ein Schwerpunkt der Überlieferung in den ersten Jahrhunderten nach dem historischen Buddha liegt im Westen. Das alte, griechisch geprägte Taxila (im heutigen Pakistan) ist lange das herausragende Zentrum buddhistischer Gelehrsamkeit. Wahrscheinlich werden wichtige Lehren - gerade was Übertragungen des Diamantweges anbelangt - Jahrhunderte lang eher im südlichen Zentralasien als in Indien überliefert. Der große Verwirklicher Saraha soll im späten 8. Jahrhundert tantrische Überlieferungen im Gebiet des heutigen Afghanistan oder Pakistan gesammelt haben, die es in Indien lange nicht gegeben hatte. Als Folge von Eroberungen arabischer Omaijaden wird, nicht lange danach, der Buddhismus in Zentralasien vom Islam abgelöst.

III.) Im 8. Jahrhundert und danach befindet sich der Buddhismus in Indien langsam aber sicher auf dem Rückzug. Immer wieder bekämpfen militante Hindus Buddhisten. Aus Richtung Westen und Nordwesten fallen mehrfach muslimische Eroberer ein, unterwerfen für einige Zeit Teile des Landes, rauben und zerstören Tempel. Doch wo die buddhistische Lehre noch existiert, blüht sie auf, insbesondere in Kashmir und dem Pala-Reich im Nordosten (Gebiet um Bihar, Bengalen, Orissa, Maghada etc.). In dieser Zeit gelangen die Lehren des Vajrayana (= "Diamantweg", auch buddhistisches Tantra) an die Oberfläche und werden an den großen buddhistischen Universitäten Nalanda, Vikramashila, Odantapuri, Somapuri, Jagaddala, Vallabhi und anderswo gelehrt. Aus dieser Periode des Buddhismus in Indien sind uns unter anderem die "Geschichten der 84 Mahasiddhas" überliefert: Historische Persönlichkeiten, die oft auf sehr unkonventionelle Weise mit der Lehre arbeiteten und in ihrer Praxis großartige Resultate erreichten.

Bedeutende Lehrstätten gibt es in dieser Periode auch im heutigen Indonesien, besonders auf den Inseln Sumatra und Java. Das Handelszentrum Shrivijaya (heute Palembang) beherbergt eine überregional bedeutende Akademie. Aus der Biographie des großen Meisters Atisha (982-1054) ist zu erfahren, dass er nach Indonesien reist, um wichtige Übertragungen zu erhalten, die er wiederum Jahre später nach Tibet bringen sollte.

Mit der Eroberung des Pala-Reiches durch zentralasiatische Muslime geht die Zeit des Buddhismus in seinem Ursprungsland praktisch zu Ende. Da die friedlichen, toleranten und wenig rechthaberischen Buddhisten nicht ausreichend Soldaten finden, bleibt eine wirksame Gegenwehr aus. Trauriger Höhepunkt ist die Einnahme Nalandas im Jahre 1193 mit anschließender Zerstörung der großen Elite-Uni. Es kommt zu einem regelrechten Genozid an der buddhistischen Bevölkerung, Bibliotheken werden niedergebrannt, Tempel und andere Stätten werden zu Steinbrüchen. Da die indischen Pilgerstellen für Buddhisten umliegender Länder weit weg und zeitweilig nur unter Lebensgefahr zu erreichen sind, verwahrlosen sie.

Dr. Ambedkar, der uns später wieder beschäftigen wird, schreibt dazu um 1950 in einem Aufsatz zur Geschichte des Buddhismus in Indien: "Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Absturz des Buddhismus auf die Invasionen der Moslems zurückzuführen war. [...] Denn der Ursprung des persischen Wortes 'Bud' deutet darauf, dass in ihrem Geist die Verehrung von Götzen mit der Religion des Buddha gleichgesetzt wurde. Für Moslems waren sie ein und dasselbe. Die Mission Götzenverehrung zu zerschlagen, wurde somit zur Mission den Buddhismus zu zerstören". Das galt, so Ambedkar, sowohl für Indien als auch anderswo. Auch in der arabischen Sprache wird die Bezeichnung "bud" als Schimpfwort für "Götzenanbeter" aufgenommen - ein böses Missverständnis.

Auch auf den Malediven (1153) sowie in Indonesien und im Süden der malaiischen Halbinsel (im Laufe des 14. Jahrhunderts) wird der Buddhismus vom Islam verdrängt - wobei sich in den beiden letzteren Fällen eine gemäßigte Variante der neuen Religion durchsetzt. Nachdem die Lehre des Erhabenen in seinem Ursprungsland nicht mehr vertreten ist, entwickeln sich die Ausprägungen des Buddhismus in anderen buddhistischen Ländern Asiens selbständiger.

[Fortsetzung folgt]

(In der nächsten Ausgabe unter anderem.: Europäer landen in Indien - die Wiederentdeckung des indischen Buddhismus durch britische Forscher - die indische Unabhängigkeitsbewegung entsteht - Ambedkar (politischer Führer der Outcasts) wird Buddhist - "Neo-Buddhisten" im heutigen Indien - Literaturhinweise)


Michael den Hoet, Jahrgang 1964, seit über 20 Jahren Buddhist. Häufiger Autor und langjähriger Nachrichtenredakteur für die "Buddhismus Heute", wohnt in Hamburg. Von der Ausbildung Historiker, lehrt er in unseren Zentren im In- und Ausland vorwiegend zu Themen mit geschichtlichem Hintergrund.

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