Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

Erfahrung - Teil 3

Von Ralph Bohn

Unsere Alltagskonzepte und wissenschaftliche Theorien haben viel miteinander gemeinsam. Es sind Verallgemeinerungen von gemachten Erfahrungen, mit denen wir Vorhersagen von zukünftigen Erfahrungen machen können. Ihre Gültigkeit wird durch diese Erfahrungen bestätigt oder widerlegt. Vom Standpunkt der Logik gibt es jedoch unendlich viele andere mögliche Theorien und Konzepte, die die gleichen Vorhersagen treffen können. Also kann im Prinzip keine Theorie im Ganzen durch Erfahrung widerlegt oder bestätigt werden. Heißt das nun, dass alle diese Konzepte gleichwertig sind? Oder gibt es sinnvollere und weniger sinnvolle? Der Buddhismus gibt hier eine eindeutige Antwort.

"Anything goes ?"
Eine Theorie beschreibt Dinge und deren gesetzmäßige Zusammenhänge. Diese Beschreibung halten wir für ein Abbild der Wirklichkeit. Verschiedene Theorien entwerfen dabei Bilder verschiedener Realitäten. Wenn aber niemals entschieden werden kann, welche dieser Theorien nun die wahre ist, dann können wir auch niemals entscheiden, welches Bild der Wirklichkeit richtig ist. Heißt das nun, dass es eine einzige Realität gibt, die bloß unterschiedlich abgebildet wird? Oder heißt es, dass es ebenso viele unterschiedliche Realitäten wie Theorien gibt? Intuitiv glauben wir, dass die Wahrheit nur eine ist, das es nur eine Wirklichkeit gibt. Einige westliche Philosophen werfen nun diese Vorstellung über Bord und sagen: Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit, sondern: Es gibt viele Welten, viele Wahrheiten, viele Realitäten.

Tatsächlich sieht jeder die Welt aus einer anderen Perspektive, durch seine eigene Brille. Warum soll das also nicht auch für ganze Kollektive gelten? Für Kollektive von Alltagsmenschen, Wissenschaftlern, für ganze Gesellschaften und Kulturen mit gemeinsamen Weltbildern? Nachdem die Philosophen aber zu der Einsicht kamen, dass jede Erfahrung nicht nur durch eine, sondern durch prinzipiell unendlich viele Theorien mit gleichem Erfahrungsgehalt erklärt werden kann, gingen sie noch einen Schritt weiter und erhoben dieses Ergebnis selbst in den Rang einer letzten Wahrheit. Damit hat die orientierungslose Irrfahrt der westlichen Philosophie einen Namen bekommen: Relativismus. Der entscheidende Schritt hin zum Relativismus ist die Behauptung, dass alle diese Perspektiven und Weltbilder gleichwertig und gleichberechtigt sind. Und zwar deshalb, weil es kein Kriterium gibt, das unter all diesen Konzepten eine Rangordnung stiften könnte. Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend fasste diese Sichtweise in dem Slogan "Anything goes!" zusammen.

Den Schritt hin zu einer perspektivischen Weltsicht kann man als Buddhist nachvollziehen. Es gibt viele Wahrheiten. Der Buddhismus lehnt aber den Relativismus ab. Für ihn gibt es ein Sinn stiftendes Kriterium. Es gibt zwar viele relative Wahrheiten, aber es gibt für Buddhisten auch eine absolute Wahrheit. Es scheint so, als wäre das Problem des Relativismus nur ein Problem der westlichen Philosophen. Was kümmert's uns also? Bei genauerem Hinsehen erkennen wir aber, dass es eine Geistesströmung ist, die die ganze westliche Gesellschaft wie eine Seuche erfasst hat. Überall werden Unterschiede eingeebnet. Stichworte wie "Werteverlust" und "Orientierungslosigkeit" tauchen in den verschiedensten gesellschaftlichen Zusammenhängen auf. Religionen und Weltanschauungen werden unterschiedslos - egal welches Wertesystem sie vertreten - als gleichberechtigt und gleichwertig dargestellt. Alle wollen "im Grunde" das Gleiche. Unter dem Zeichen der political correctness wird uns Toleranz sogar gegenüber Intoleranz abverlangt. In esoterischen Kreisen heißt es: Alles ist eins. OM sweet OM.

Die Hinterweltler und ihre Hinterwelt
Es ist eine hartnäckige Vorstellung des abendländischen Denkens, dass ein Phänomen, das wir wahrnehmen, letztlich durch etwas bedingt ist, was selbst kein Phänomen ist. "Phänomen" lässt sich mit "Erscheinung" übersetzen. Das in diesem Wort verborgene Konzept suggeriert uns, dass es hinter der Erscheinung noch etwas geben muss, was da erscheint. Wir sagen zum Beispiel: "Mehr Schein als Sein". Oder wenn wir den Satz lesen "Dies ist eine Erscheinung", dann drängt sich uns förmlich die Frage auf: "Erscheinung von was?" Tatsächlich ist das abendländische Denken von einem Dualismus geprägt, der hinter den Erscheinungen noch Dinge vermutet, die uns in den Erscheinungen erscheinen: Die Dinge wie sie an sich sind. Als ob wir in der Welt des Werdens leben und es dahinter noch die wahre Welt des Seins gäbe. Die abendländischen Philosophen haben sich seit jeher den Kopf zerbrochen, wie die Beziehung zwischen diesen beiden Welten aussieht: Zwischen der (falschen) scheinbaren Welt und der (wahren) wirklichen Welt dahinter. Wird die wahre Welt durch die Erscheinungswelt richtig abgebildet? Da es verschiedene Theorien gibt, stellt sich die Frage: Welche liefert uns das richtige Abbild? Welche sagt uns wie die Wirklichkeit tatsächlich ist?

Wenn ich selbst "nur" eine Erscheinung von etwas bin, was ist dann mein "wahres" Ich? Da die Phänomene vergänglich sind, hat man sich die "wahre" Welt immer als unveränderlich vorgestellt und sie mit ewigen Dingen bevölkert: Mit dem Sein, dem Selbst, den Seelen, Ideen und Substanzen. Die vergängliche Erscheinungswelt wird dadurch abgewertet. Wir sagen ja auch: "Er ist nur ein Schatten seiner selbst" oder "Ihre Rede hatte keine Substanz". Wir müssen nur auf die in unserer Sprache verborgene Metaphysik hören. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche hat dies getan. Er nennt die vermeintlich wahre Welt kurz eine Hinterwelt. Er ist auch boshaft genug, diejenigen, die diese Hinterwelt predigen, Hinterweltler zu nennen. Und er erkannte mit scharfem Blick die Ursache für solche metaphysischen Konzepte: "Leiden war's und Unvermögen - das schuf alle Hinterwelten." Streichen wir die Hinterwelt also einfach durch! Wir brauchen sie nicht.

Ein Netz von Konzepten
Viele westliche Philosophen kommen zu dem Ergebnis, dass das, was wir erleben und erfahren, nur ein gigantisches Netzwerk aus unzähligen Konzepten ist, die sich gegenseitig bedingen. Auch hier besteht eine Verwandtschaft zum Buddhismus. Der Buddha sagt: Alle Phänomene sind bedingt. Und er sagt: Sie sind ihrer Natur nach leer. Was heißt das? Auch Konzepte und Theorien sind nichts anderes als Phänomene, denen wir in der Welt begegnen. Sie sind also auch bedingt. Aber durch was? Natürlich durch andere Phänomene. Und diese sind wiederum bedingt durch andere Phänomene etc. Der Buddha nannte dies: Das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Dazu sagt der buddhistische Philosoph Nagarjuna, der im 2. Jahrhundert lebte: "Das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit, dies ist es, was wir ‚Leerheit‘ nennen." Wenn die Phänomene in Abhängigkeit entstehen, dann haben sie keine Eigenexistenz. Das heißt: Sie haben kein "wahres Wesen", das in ihnen zur Erscheinung kommt. Sie sind nicht verursacht durch ein Ding an sich, das in einer verborgenen Hinterwelt existiert.

Nagarjuna fährt in seiner Betrachtung über Leerheit fort: "Das ist aber auch nur ein abhängiger Begriff; gerade sie (die Leerheit) bildet den Mittleren Weg." Wenn diese buddhistische Rede von der Leerheit aber selbst nur ein abhängiges Konzept ist, stellt sich die Frage: Warum sollte es besser sein als alle andern? Gehen wir einmal ganz langsam vor und folgen dabei den Regeln der wissenschaftlichen Methode. Wenn die konsequente Anwendung dieser Methode zum gleichen Ergebnis führt wie die buddhistische Lehre, dann muss die Beziehung zwischen Buddhismus und westlicher Wissenschaften sogar noch enger sein als wir bisher angenommen haben. Lama Ole formulierte es einmal so: "Je besser die Wissenschaft wird, desto buddhistischer wird sie."

Die wissenschaftliche Methode verlangt:

  • Konzepte/Theorien müssen logisch aufgebaut sein.
  • Sie müssen durch Erfahrung überprüfbar sein.
  • Es müssen Experimente durchgeführt werden, um sie zu bestätigen.

Die Hinterwelt als metaphysisches Konzept unterstellt eine vom Geist unabhängige Wirklichkeit. Etwas verkürzt könnte man es als eine mehr oder weniger materialistische Weltsicht bezeichnen. Natürlich glaubt heute niemand mehr an eine Materie in Form eines klumpigen, massiven Stoffs. Wir reden heute von Quanten und Feldern. Die Physiker reden aber so darüber, als gäbe es diese Quanten und Felder unabhängig von mentalen Zuständen. Als ob die Phänomene, die wir wahrnehmen, Erscheinungen einer unabhängigen physikalischen Realität wären! Der Geist wäre dann "irgendwie" aus einer sehr komplexen Verbindung dieser Dinge im Laufe der Zeit entstanden und würde irgendwann wieder vergehen. Geist wird somit zu etwas Vergänglichem, zu einem schlichten Phänomen unter vielen, während es dahinter eine vom Geist unabhängige Struktur als dauerhafte physikalische Realität gibt. Damit hat sich die Hinterwelt schon wieder eingeschlichen.

Es steht aber nicht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Methode, den Spieß umzudrehen und auf die Hinterwelt und damit auf eine vom Geist unabhängige Realität völlig zu verzichten. Für den Buddhismus ist die Hinterwelt nur ein Konzept innerhalb der phänomenalen Welt, und die Phänomene unserer Welt sind Inhalte geistiger Zustände. Wenn der Buddhismus also die physische Welt als eine Projektion des Geistes ansieht, dann steht das zwar im Widerspruch zu einigen heutigen wissenschaftlichen Theorien, die an einer materialistischen Hintergrundtheorie festhalten, es steht aber nicht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Methode selbst! Diese Methode verlangt schließlich nach einem Experiment um das zu überprüfen, was behauptet wird.

Das Experiment
Schauen wir noch einmal genauer hin: Die Aussage einer wissenschaftlichen Theorie wird durch Erfahrung bestätigt oder widerlegt. Wie kommt es zu dieser Erfahrung? Einfach so? Nein, ich führe ein Experiment durch. Ein Experiment darf nicht nur ein einziges Mal gelingen. Ein Experiment muss prinzipiell beliebig oft reproduzierbar sein. An jedem Ort und zu jeder Zeit. Ich präpariere irgendwelche Apparate, führe den Versuch durch und lese an einem Messgerät das Ergebnis ab. Das Messergebnis ist dann eine Erfahrungstatsache, die von der Theorie vorhergesagt wurde (oder auch nicht). In einem Experiment stelle ich ganz bewusst Bedingungen her, unter denen eine bestimmte Erfahrung gemacht werden kann. Ich habe diesen Satz kursiv gesetzt, weil er sich so leicht dahersagt, aber eine verblüffende Aussage enthält, die wir meist übersehen: Erfahrungen werden gemacht! Oder noch deutlicher: Erfahrungen werden hergestellt! Und das gilt nicht nur für wissenschaftliche Experimente.

Wir halten Erfahrungen meist für eine passive Angelegenheit. Sie passieren einfach so. Aber das ist falsch. Schon alleine unsere Ausdrucksweise "eine Erfahrung machen" gibt uns den richtigen Hinweis, denn das Wort "machen" hat ja auch die Bedeutung von "etwas herstellen". "Wir machen heute ein Essen" bedeutet: Wir stellen ein Essen her. Wir müssen dazu einkaufen, Zwiebeln hacken, die Soße umrühren, telefonieren, um Leute einzuladen etc. Von alleine gibt's kein Essen; wir müssen dazu etwas tun. Wenn wir sagen: "Die machen gerade die Straße" meinen wir, dass da Straßenbauarbeiter arbeiten, hämmern, baggern, graben, etwas herstellen: nämlich eine neue Straße. Erfahrungen sind untrennbar mit Aktivität verbunden. Wenn ich die Erfahrung von Wärme machen will, muss ich bestimmte Bedingungen herbeiführen und herstellen. Ich muss mich zum Beispiel in die Sonne legen. Also muss ich mich bewegen und hinaus in den Garten gehen. Wenn ich passiv im kalten Zimmer sitzen bleibe, mache ich diese Erfahrung nicht.

Wissenschaftler stellen in einem Experiment Erfahrungen her. Dies geschieht in einem Labor, in dem Bedingungen geschaffen werden, um entsprechende Erfahrungen zu machen. Ein Labor ist ein Ort, in dem alles vorhanden ist, was man zur Herstellung dieser Bedingungen und damit zum Machen der Erfahrung braucht. In einem Teilchenbeschleuniger werden energiereiche Teilchen aufeinandergeschossen, über die die Theorie Vorhersagen macht. Aber wenn es diese Theorie nicht gäbe, so könnte man keinen Teilchenbeschleuniger bauen, denn man wüsste nicht einmal, wonach man zu suchen hat. Um die Bedingungen herzustellen, die zum Machen einer Erfahrung notwendig sind, braucht man ein Konzept. Ohne das Konzept könnte man also auch diese Erfahrung nicht machen. Konzepte und ihre entsprechenden Erfahrungen gehören untrennbar zusammen.

Der französische Physiker Pierre Duhem hat ein Experiment, das die definitive Entscheidung zwischen richtiger und falscher Theorie treffen könnte, ein experimentum crucis genannt. Ich habe oft wiederholt: Zwischen zwei wissenschaftlichen Theorien mit dem gleichen Erfahrungsgehalt kann rein logisch keine Erfahrung, also kein Experiment entscheiden, welche von beiden die richtige ist. Diese These kann man damit in dem einen Satz zusammenfassen: Es gibt kein experimentum crucis. Aber dies ist nur eine These. Eine Vermutung. Vielleicht ist es ja ein Irrtum! Der Buddhismus behauptet nämlich - übersetzt in die Sprache der westlichen Wissenschaft - das Gegenteil: Es gibt ein solches Experiment.

Wissenschaft und Buddhismus
Wenn wir uns die Geschichte der Wissenschaft anschauen, dann stellen wir fest, dass sie den Aussagen des Relativismus völlig widerspricht. Faktisch haben in der Wissenschaftsgeschichte verschiedene Theorien nur ganz kurze Zeit miteinander konkurriert. Zum Beispiel hat das kopernikanische Weltbild das geozentrische Weltbild fast vollständig abgelöst. Die Wissenschaftler kümmern sich nämlich wenig um Philosophie, sondern wenden ihre Theorien in der Praxis an. Offenbar taugt die Quantentheorie ganz gut in der Praxis, denn bereits 25-30% des Weltbruttosozialprodukts resultiert aus der Anwendung der Quantentheorie. Sie funktioniert. Dies ist eine sehr pragmatische Sichtweise. Wir können also die Frage nach dem Nutzen einer Theorie stellen. Sollte es der Nutzen sein, der darüber entscheidet, was richtig und falsch ist? Kann der Nutzen entscheiden, was die absolute Wahrheit ist? Um den materiellen oder ökonomischen Nutzen geht es aber dabei sicherlich nicht. Es kann nur ein Nutzen gemeint sein, den alle anerkennen.

Vergessen wir einmal alles, was wir über zeitloses Glück und Erleuchtung wissen. Wir wollen in diesem Artikel ja die Beziehung des Buddhismus zur Wissenschaft untersuchen. Die Gültigkeit einer wissenschaftlichen Theorie hängt aber nicht davon ab, ob sie die Wissenschaftler glücklich macht, sondern ob sie wahr ist. Es geht also um die Frage der Wahrheit. Wäre es nun nicht der allergrößte Nutzen, wenn wir sagen könnten, dass es eine absolute Wahrheit gibt? Kann man das einfach so behaupten? Bräuchte man dazu nicht einen empirischen Beweis? Aber wie sollte man die absolute Wahrheit beweisen? Führen wir einfach alle bis hierher gesponnenen Fäden zusammen.

Die Behauptung, dass es eine absolute Wahrheit gibt, ist eine Hypothese, also eine (kleine) Theorie. Die wissenschaftliche Methode fordert zur Bestätigung einer Theorie als Ganzes immer ein Experiment, ein sogenanntes experimentum crucis. Mit ihm steht und fällt die Behauptung. Angenommen es gäbe also ein prinzipiell für alle jederzeit und überall wiederholbares Experiment, in dem man die Erfahrung der absoluten Wahrheit machen könnte, dann wäre die Behauptung "Es gibt eine absolute Wahrheit" als das sinnvollste und nützlichste aller Konzepte bestätigt. Denn dann gäbe es ein Kriterium für Wahrheit und Sinn. Dann gäbe es Orientierung und Ziel. Können wir diese Erfahrung der absoluten Wahrheit machen? Welche Bedingungen müssen wir in welchem Labor schaffen, damit wir diese Erfahrung herstellen können?

Buddha hat eine Antwort gegeben. Wir können diese Bedingungen herstellen, wenn wir seine Empfehlungen und Ratschläge befolgen. Sie betreffen Verhalten, Sichtweise und Praxis. Die Erfahrung der absoluten Wahrheit, die wir machen, wenn wir seinen Anweisungen folgen, nennen wir Erleuchtung. Hannah Nydahl sagte: "Wenn du in der Wahrheit bist, dann weißt du es." Das Labor ist unser Geist, denn nur er kann diese Erfahrung machen. Das Ergebnis des Experiments ist kein Zufallsergebnis und kein Einzelfall, sondern von jedem wiederholbar. So fordert es die wissenschaftliche Methode von einem guten Experiment. Erinnern wir uns zudem an die grundlegende logische Struktur einer wissenschaftlichen Theorie, die ich in der vorletzten Ausgabe von Buddhismus Heute beschrieben habe. Auch diese Anforderung ist erfüllt: Wenn du A tust (Prämisse), dann wird B eintreten (Vorhersage). Wenn du die Meditationspraxis machst, dann wirst du erleuchtet. Prüfe es selbst nach. (Für die Anleitung zur Praxis wende man sich bitte an den Lama.) Der Buddhismus lässt sich perfekt in die Sprache unserer technisch-wissenschaftlichen Kultur übersetzen, denn er ist ein völlig logisches Konzept, das die Anleitung zu einem Experiment enthält und eine Vorhersage über eine mögliche Erfahrung macht, die jeder selbst überprüfen kann und soll. Er erfüllt damit alle Kriterien der wissenschaftlichen Methode und steht zu dieser nicht im Widerspruch. Vielmehr wendet er diese Methode konsequent seit zweieinhalbtausend Jahren an und kann der Wissenschaft, wie Lama Ole einmal sagte, zeigen, wo die Rosinen zu holen sind. So ist der Relativismus gewiss keine Rosine, und die Reduktion des Geistes auf eine physikalische, unabhängige Realität wird zum Scheitern verurteilt sein. Wir halten den Buddhismus für die sinnvollste Sichtweise. Aber es ist auch klar, dass das Konzept der Erleuchtung nicht die Erleuchtung selbst ist. In Worten können wir das Ziel nur beschreiben. Es liegt jenseits von Begriffen, Konzepten und Theorien. Auch jenseits vom Begriff der Erfahrung! Denn auch Erfahrung ist, wie wir gesehen haben, untrennbar mit Konzepten verbunden. Deshalb hat der Buddhismus für Erfahrung ohne Konzepte einen eigenen Ausdruck: Gewahrsein. Doch ist dies auch nur ein Wort. Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist aber nicht der Mond.


Ralph Bohn, seit 1990 Schüler von Lama Ole Nydahl, Autor und Regisseur, studierte Philosophie, Mathematik und Physik, lebt in Berlin.