Erfahrung - Teil 3Von Ralph BohnUnsere Alltagskonzepte und wissenschaftliche Theorien haben viel miteinander gemeinsam. Es sind Verallgemeinerungen von gemachten Erfahrungen, mit denen wir Vorhersagen von zukünftigen Erfahrungen machen können. Ihre Gültigkeit wird durch diese Erfahrungen bestätigt oder widerlegt. Vom Standpunkt der Logik gibt es jedoch unendlich viele andere mögliche Theorien und Konzepte, die die gleichen Vorhersagen treffen können. Also kann im Prinzip keine Theorie im Ganzen durch Erfahrung widerlegt oder bestätigt werden. Heißt das nun, dass alle diese Konzepte gleichwertig sind? Oder gibt es sinnvollere und weniger sinnvolle? Der Buddhismus gibt hier eine eindeutige Antwort. "Anything goes ?" Tatsächlich sieht jeder die Welt aus einer anderen Perspektive, durch seine eigene Brille. Warum soll das also nicht auch für ganze Kollektive gelten? Für Kollektive von Alltagsmenschen, Wissenschaftlern, für ganze Gesellschaften und Kulturen mit gemeinsamen Weltbildern? Nachdem die Philosophen aber zu der Einsicht kamen, dass jede Erfahrung nicht nur durch eine, sondern durch prinzipiell unendlich viele Theorien mit gleichem Erfahrungsgehalt erklärt werden kann, gingen sie noch einen Schritt weiter und erhoben dieses Ergebnis selbst in den Rang einer letzten Wahrheit. Damit hat die orientierungslose Irrfahrt der westlichen Philosophie einen Namen bekommen: Relativismus. Der entscheidende Schritt hin zum Relativismus ist die Behauptung, dass alle diese Perspektiven und Weltbilder gleichwertig und gleichberechtigt sind. Und zwar deshalb, weil es kein Kriterium gibt, das unter all diesen Konzepten eine Rangordnung stiften könnte. Der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend fasste diese Sichtweise in dem Slogan "Anything goes!" zusammen. Den Schritt hin zu einer perspektivischen Weltsicht kann man als Buddhist nachvollziehen. Es gibt viele Wahrheiten. Der Buddhismus lehnt aber den Relativismus ab. Für ihn gibt es ein Sinn stiftendes Kriterium. Es gibt zwar viele relative Wahrheiten, aber es gibt für Buddhisten auch eine absolute Wahrheit. Es scheint so, als wäre das Problem des Relativismus nur ein Problem der westlichen Philosophen. Was kümmert's uns also? Bei genauerem Hinsehen erkennen wir aber, dass es eine Geistesströmung ist, die die ganze westliche Gesellschaft wie eine Seuche erfasst hat. Überall werden Unterschiede eingeebnet. Stichworte wie "Werteverlust" und "Orientierungslosigkeit" tauchen in den verschiedensten gesellschaftlichen Zusammenhängen auf. Religionen und Weltanschauungen werden unterschiedslos - egal welches Wertesystem sie vertreten - als gleichberechtigt und gleichwertig dargestellt. Alle wollen "im Grunde" das Gleiche. Unter dem Zeichen der political correctness wird uns Toleranz sogar gegenüber Intoleranz abverlangt. In esoterischen Kreisen heißt es: Alles ist eins. OM sweet OM. Die Hinterweltler und ihre Hinterwelt Wenn ich selbst "nur" eine Erscheinung von etwas bin, was ist dann mein "wahres" Ich? Da die Phänomene vergänglich sind, hat man sich die "wahre" Welt immer als unveränderlich vorgestellt und sie mit ewigen Dingen bevölkert: Mit dem Sein, dem Selbst, den Seelen, Ideen und Substanzen. Die vergängliche Erscheinungswelt wird dadurch abgewertet. Wir sagen ja auch: "Er ist nur ein Schatten seiner selbst" oder "Ihre Rede hatte keine Substanz". Wir müssen nur auf die in unserer Sprache verborgene Metaphysik hören. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche hat dies getan. Er nennt die vermeintlich wahre Welt kurz eine Hinterwelt. Er ist auch boshaft genug, diejenigen, die diese Hinterwelt predigen, Hinterweltler zu nennen. Und er erkannte mit scharfem Blick die Ursache für solche metaphysischen Konzepte: "Leiden war's und Unvermögen - das schuf alle Hinterwelten." Streichen wir die Hinterwelt also einfach durch! Wir brauchen sie nicht. Ein Netz von Konzepten Nagarjuna fährt in seiner Betrachtung über Leerheit fort: "Das ist aber auch nur ein abhängiger Begriff; gerade sie (die Leerheit) bildet den Mittleren Weg." Wenn diese buddhistische Rede von der Leerheit aber selbst nur ein abhängiges Konzept ist, stellt sich die Frage: Warum sollte es besser sein als alle andern? Gehen wir einmal ganz langsam vor und folgen dabei den Regeln der wissenschaftlichen Methode. Wenn die konsequente Anwendung dieser Methode zum gleichen Ergebnis führt wie die buddhistische Lehre, dann muss die Beziehung zwischen Buddhismus und westlicher Wissenschaften sogar noch enger sein als wir bisher angenommen haben. Lama Ole formulierte es einmal so: "Je besser die Wissenschaft wird, desto buddhistischer wird sie." Die wissenschaftliche Methode verlangt:
Die Hinterwelt als metaphysisches Konzept unterstellt eine vom Geist unabhängige Wirklichkeit. Etwas verkürzt könnte man es als eine mehr oder weniger materialistische Weltsicht bezeichnen. Natürlich glaubt heute niemand mehr an eine Materie in Form eines klumpigen, massiven Stoffs. Wir reden heute von Quanten und Feldern. Die Physiker reden aber so darüber, als gäbe es diese Quanten und Felder unabhängig von mentalen Zuständen. Als ob die Phänomene, die wir wahrnehmen, Erscheinungen einer unabhängigen physikalischen Realität wären! Der Geist wäre dann "irgendwie" aus einer sehr komplexen Verbindung dieser Dinge im Laufe der Zeit entstanden und würde irgendwann wieder vergehen. Geist wird somit zu etwas Vergänglichem, zu einem schlichten Phänomen unter vielen, während es dahinter eine vom Geist unabhängige Struktur als dauerhafte physikalische Realität gibt. Damit hat sich die Hinterwelt schon wieder eingeschlichen. Es steht aber nicht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Methode, den Spieß umzudrehen und auf die Hinterwelt und damit auf eine vom Geist unabhängige Realität völlig zu verzichten. Für den Buddhismus ist die Hinterwelt nur ein Konzept innerhalb der phänomenalen Welt, und die Phänomene unserer Welt sind Inhalte geistiger Zustände. Wenn der Buddhismus also die physische Welt als eine Projektion des Geistes ansieht, dann steht das zwar im Widerspruch zu einigen heutigen wissenschaftlichen Theorien, die an einer materialistischen Hintergrundtheorie festhalten, es steht aber nicht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Methode selbst! Diese Methode verlangt schließlich nach einem Experiment um das zu überprüfen, was behauptet wird. Das Experiment Wir halten Erfahrungen meist für eine passive Angelegenheit. Sie passieren einfach so. Aber das ist falsch. Schon alleine unsere Ausdrucksweise "eine Erfahrung machen" gibt uns den richtigen Hinweis, denn das Wort "machen" hat ja auch die Bedeutung von "etwas herstellen". "Wir machen heute ein Essen" bedeutet: Wir stellen ein Essen her. Wir müssen dazu einkaufen, Zwiebeln hacken, die Soße umrühren, telefonieren, um Leute einzuladen etc. Von alleine gibt's kein Essen; wir müssen dazu etwas tun. Wenn wir sagen: "Die machen gerade die Straße" meinen wir, dass da Straßenbauarbeiter arbeiten, hämmern, baggern, graben, etwas herstellen: nämlich eine neue Straße. Erfahrungen sind untrennbar mit Aktivität verbunden. Wenn ich die Erfahrung von Wärme machen will, muss ich bestimmte Bedingungen herbeiführen und herstellen. Ich muss mich zum Beispiel in die Sonne legen. Also muss ich mich bewegen und hinaus in den Garten gehen. Wenn ich passiv im kalten Zimmer sitzen bleibe, mache ich diese Erfahrung nicht. Wissenschaftler stellen in einem Experiment Erfahrungen her. Dies geschieht in einem Labor, in dem Bedingungen geschaffen werden, um entsprechende Erfahrungen zu machen. Ein Labor ist ein Ort, in dem alles vorhanden ist, was man zur Herstellung dieser Bedingungen und damit zum Machen der Erfahrung braucht. In einem Teilchenbeschleuniger werden energiereiche Teilchen aufeinandergeschossen, über die die Theorie Vorhersagen macht. Aber wenn es diese Theorie nicht gäbe, so könnte man keinen Teilchenbeschleuniger bauen, denn man wüsste nicht einmal, wonach man zu suchen hat. Um die Bedingungen herzustellen, die zum Machen einer Erfahrung notwendig sind, braucht man ein Konzept. Ohne das Konzept könnte man also auch diese Erfahrung nicht machen. Konzepte und ihre entsprechenden Erfahrungen gehören untrennbar zusammen. Der französische Physiker Pierre Duhem hat ein Experiment, das die definitive Entscheidung zwischen richtiger und falscher Theorie treffen könnte, ein experimentum crucis genannt. Ich habe oft wiederholt: Zwischen zwei wissenschaftlichen Theorien mit dem gleichen Erfahrungsgehalt kann rein logisch keine Erfahrung, also kein Experiment entscheiden, welche von beiden die richtige ist. Diese These kann man damit in dem einen Satz zusammenfassen: Es gibt kein experimentum crucis. Aber dies ist nur eine These. Eine Vermutung. Vielleicht ist es ja ein Irrtum! Der Buddhismus behauptet nämlich - übersetzt in die Sprache der westlichen Wissenschaft - das Gegenteil: Es gibt ein solches Experiment. Wissenschaft und Buddhismus Vergessen wir einmal alles, was wir über zeitloses Glück und Erleuchtung wissen. Wir wollen in diesem Artikel ja die Beziehung des Buddhismus zur Wissenschaft untersuchen. Die Gültigkeit einer wissenschaftlichen Theorie hängt aber nicht davon ab, ob sie die Wissenschaftler glücklich macht, sondern ob sie wahr ist. Es geht also um die Frage der Wahrheit. Wäre es nun nicht der allergrößte Nutzen, wenn wir sagen könnten, dass es eine absolute Wahrheit gibt? Kann man das einfach so behaupten? Bräuchte man dazu nicht einen empirischen Beweis? Aber wie sollte man die absolute Wahrheit beweisen? Führen wir einfach alle bis hierher gesponnenen Fäden zusammen. Die Behauptung, dass es eine absolute Wahrheit gibt, ist eine Hypothese, also eine (kleine) Theorie. Die wissenschaftliche Methode fordert zur Bestätigung einer Theorie als Ganzes immer ein Experiment, ein sogenanntes experimentum crucis. Mit ihm steht und fällt die Behauptung. Angenommen es gäbe also ein prinzipiell für alle jederzeit und überall wiederholbares Experiment, in dem man die Erfahrung der absoluten Wahrheit machen könnte, dann wäre die Behauptung "Es gibt eine absolute Wahrheit" als das sinnvollste und nützlichste aller Konzepte bestätigt. Denn dann gäbe es ein Kriterium für Wahrheit und Sinn. Dann gäbe es Orientierung und Ziel. Können wir diese Erfahrung der absoluten Wahrheit machen? Welche Bedingungen müssen wir in welchem Labor schaffen, damit wir diese Erfahrung herstellen können? Buddha hat eine Antwort gegeben. Wir können diese Bedingungen herstellen, wenn wir seine Empfehlungen und Ratschläge befolgen. Sie betreffen Verhalten, Sichtweise und Praxis. Die Erfahrung der absoluten Wahrheit, die wir machen, wenn wir seinen Anweisungen folgen, nennen wir Erleuchtung. Hannah Nydahl sagte: "Wenn du in der Wahrheit bist, dann weißt du es." Das Labor ist unser Geist, denn nur er kann diese Erfahrung machen. Das Ergebnis des Experiments ist kein Zufallsergebnis und kein Einzelfall, sondern von jedem wiederholbar. So fordert es die wissenschaftliche Methode von einem guten Experiment. Erinnern wir uns zudem an die grundlegende logische Struktur einer wissenschaftlichen Theorie, die ich in der vorletzten Ausgabe von Buddhismus Heute beschrieben habe. Auch diese Anforderung ist erfüllt: Wenn du A tust (Prämisse), dann wird B eintreten (Vorhersage). Wenn du die Meditationspraxis machst, dann wirst du erleuchtet. Prüfe es selbst nach. (Für die Anleitung zur Praxis wende man sich bitte an den Lama.) Der Buddhismus lässt sich perfekt in die Sprache unserer technisch-wissenschaftlichen Kultur übersetzen, denn er ist ein völlig logisches Konzept, das die Anleitung zu einem Experiment enthält und eine Vorhersage über eine mögliche Erfahrung macht, die jeder selbst überprüfen kann und soll. Er erfüllt damit alle Kriterien der wissenschaftlichen Methode und steht zu dieser nicht im Widerspruch. Vielmehr wendet er diese Methode konsequent seit zweieinhalbtausend Jahren an und kann der Wissenschaft, wie Lama Ole einmal sagte, zeigen, wo die Rosinen zu holen sind. So ist der Relativismus gewiss keine Rosine, und die Reduktion des Geistes auf eine physikalische, unabhängige Realität wird zum Scheitern verurteilt sein. Wir halten den Buddhismus für die sinnvollste Sichtweise. Aber es ist auch klar, dass das Konzept der Erleuchtung nicht die Erleuchtung selbst ist. In Worten können wir das Ziel nur beschreiben. Es liegt jenseits von Begriffen, Konzepten und Theorien. Auch jenseits vom Begriff der Erfahrung! Denn auch Erfahrung ist, wie wir gesehen haben, untrennbar mit Konzepten verbunden. Deshalb hat der Buddhismus für Erfahrung ohne Konzepte einen eigenen Ausdruck: Gewahrsein. Doch ist dies auch nur ein Wort. Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist aber nicht der Mond. Ralph Bohn, seit 1990 Schüler von Lama Ole Nydahl, Autor und Regisseur, studierte Philosophie, Mathematik und Physik, lebt in Berlin. |
||
