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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 44, (Winter 2007)

Buddhismus "schaffen"

Ein Interview zum Thema Dharma-Arbeit mit Lama Ole Nydahl

Interview geführt von Roman Laus, Sommer 2007, im Zug von Prag nach Budapest

Was heißt es, Buddhismus nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu "produzieren"?
Buddhismus "schaffen" heißt, dass jeder für sich heranreift und dabei zugleich anderen bei ihrer Entwicklung hilft. Es bedeutet, ein sinnvolles Beispiel zu sein und mit anderen zu teilen, während man an sich selbst arbeitet. Das Üben im täglichen Leben ist hier eine wichtige Sache.
Die Belehrungen nur zum eigenen Nutzen zu verwenden und das eigene Verständnis nicht an andere weiterzugeben heißt, das erhaltene Geschenk einfach liegen zu lassen. Man nimmt in dem Fall Buddhas Weisheit manchmal an, bezweifelt sie aber, wenn sie dem eigenen Ego nicht passt, statt Klärung zu suchen oder eine letztendliche Sichtweise anzunehmen. Man vertraut den Belehrungen nur teilweise, ist wenig von ihnen begeistert und beurteilt sie im Licht des eigenen wechselnden Mögens und Nicht-Mögens. Es ist wie überall: Wenn Leute eine Erkenntnis nur auf der Ebene der Worte aufnehmen, wird sie aushungern und schrumpfen. Wenn man sie hingegen ins Leben und die eigene Einstellung einbaut und die Erfahrung an andere weitergibt, dann hat jeder Nutzen davon. Es sagt also sehr viel über den Menschen aus, ob man die Lehre durch sein Leben vertritt oder sie für sich selbst behält.

Am Anfang neigt man vielleicht eher dazu, den Buddhismus zu konsumieren. Wie kommt man dahin, nicht mehr nur zu konsumieren, sondern auch zu produzieren?
Es geschieht ähnlich wie bei der Veränderung, die Eltern mitmachen: Man sieht neue Möglichkeiten und die eigene Sicht gegenüber Kindern wird reifer. Wer die befreienden Lehren weitergibt, kann nicht umhin, immer mehr ihre Wichtigkeit und Tiefe zu fühlen. Es macht verantwortungsbewusst zu erkennen, dass sie Gebenden, Empfängern und allen, die davon berührt werden, nutzen; dass ihre Weisheit immer unpersönlicher jeden Bereich des Lebens bereichert und sich in ökonomischen Entscheidungen, politischen Werten sowie im Privatleben ausdrückt. Wenn das Vertrauen wächst und man seine besten Einsichten nutzt, geschehen bedeutungsvolle Dinge.

War das immer so im Buddhismus?
Nein, denn in schwachen oder unterdrückten Kulturen, in denen Roben, Uniformen, Privilegien und Erziehung die Gesellschaften teilen, haben die Menschen kaum eine andere Wahl, als unkritisch anzunehmen, was ihnen angeboten wird, ob sie es verstehen oder nicht. Sie unterstützen die Show mehr oder weniger freiwillig und hoffen, dass ihr Tod dann weniger schmerzvoll sein oder dass ihre Stellung in der Gesellschaft gesichert wird. Das ist Ausdruck der Konsumhaltung und vor allem von Political Correctness. Hier gibt man bewusst die eigene innere Gedankenfreiheit auf, um Sicherheit oder Anerkennung unter gleich Feigen zu finden. Es ist wie das Handeln auf einem Marktplatz. Auf Ebenen der tiefsten Werte ist dies höchst abträglich für die Selbstachtung der Menschen. Der Schaden steigert sich dramatisch im Bardo, dem Zwischenzustand nach dem Tod, wenn dem Geist die Sinneseindrücke fehlen. Hat man bewusst gelogen und das eigene verantwortungsvolle Denken unterdrückt, um anderen durch Linientreue zu gefallen, bringt das verheerende Zustände von Verwirrung und Angst und den Lehren Buddhas nach deswegen in der Regel eine Wiedergeburt als Tier.
Die Bibel gibt übrigens ein gutes Beispiel zum bloßen Verbrauchen und sinnvoll Herstellen, mit den drei Leuten, die jeweils ein Pfund Silber bekommen. Wenn ich mich recht erinnere, gibt einer von ihnen es aus und der zweite vergräbt es. Der Bevorzugte investiert es, lässt es arbeiten und wachsen. So ist es mit Buddhas Lehren: Sie sind nicht kostenlos zum bloßen Hinstellen, sondern bringen riesigen Nutzen, wenn sie verwendet werden.

Sollten wir den Leuten Zeit geben, das Dharma zu überprüfen, bevor sie wirklich anfangen, Verantwortung zu übernehmen?
Wir alle taten das. Ihr habt das gemacht und ich auch. Jeder denkende Mensch tut das zu irgendeiner Zeit. Obwohl im Diamantweg die meisten wohl vom Beispiel unserer überzeugenden Lehrer angezogen werden, betont das Dharma solides Wissen ohne Druck. Niemand wird also schnell zu etwas Unüberlegtem gedrängt.
Hannah und ich hatten den Ruf und die Geschichte des Buddhismus bereits geprüft und uns eine erste Meinung gebildet. Obwohl unsere Begegnung mit der Lehre eine wilde Liebesaffäre war, wussten wir bereits, welche Dinge wir später im Westen vermeiden würden. Als wir aber in den Diamantweg eintraten, war unsere karmische Verbindung so stark, dass wir lange nichts anderes als das Beispiel unserer Lamas sahen. In Asien wird dieser völlig hingebungsvolle Zustand als der schnellste Weg gepriesen, die Eigenschaften seiner Lehrer zu übernehmen. Im kritischen Westen hingegen, wo man unter keinen Umständen komisch auffallen darf, müssen wir unseren Schülern raten, ihre Hingabe in einem normalen Rahmen zu halten. Statt großer Gefühlsausdrücke sollten sie vor allem ihr Selbstvertrauen und die Erfahrung des Gefühls, etwas letztendlich Wertvolles beizutragen, stärken können. Wir wollen ihnen helfen, nicht von exotischen Erfahrungen abhängig zu werden, sondern sie dazu ermutigen zu untersuchen, wie die Lehren ihr tägliches Leben verbessern können. Von da an wird ihre Reife fließend und von selbst wachsen. Um diesen Verlauf zu unterstützen, sind Beispiele von selbstloser guter Arbeit sehr geeignet. Wir sollten aber auch klarmachen, dass die getane Arbeit zählt und dass es Türen gibt, die für jene geschlossen bleiben, die nichts beitragen, aber gerne im Sonnenschein der Anerkennung leben wollen. Wenn diese Selbstverpflichtung fehlt und Leute nur zum Nehmen erscheinen, redet man zwar sehr nett mit ihnen, aber Insiderwissen wird nicht preisgegeben.

Sollten die Menschen diesen Übergang nicht natürlich machen und eine Chance haben, alles zu überprüfen?
Ja, aber nicht zehn Jahre lang. Wir sind nicht ewig Suchende wie so viele in Holland, sondern Findende. All diejenigen, die die Gewissheit bildenden Mittel nicht benutzen, sondern alles dauerhaft prüfen und untersuchen wollen oder gerne die Lehren vermischen oder klug vergleichen, werden verwirrt bleiben, bis sie es schaffen mitzumachen. Ob sie mit Geld die Arbeit unterstützen oder zumindest einmal für ein Wochenende Hausputz oder ähnlicher Arbeit vorbeischauen, ist gleichgültig. Erst durch das Geben wird man fähig zu empfangen und das Mithelfen oder Nicht-Mitmachen ist an sich eine natürliche Auslese, die beide Seiten vor gebrochenen Bänden und Zeitverschwendung schützt. Da der Diamantweg so vollständig und tiefgründig ist, tut ein nur oberflächlicher Ansatz dem Karma der Leute nicht gut. Offenheit und Vertrauen hingegen sind der Schlüssel, um viel zu lernen und zu wachsen.
Es geschieht aber im Fluss des Lebens und selbstverständlich tun wir viel, um die Beziehung zum Zentrumsbesucher so tragfähig und nützlich wie möglich aufzubauen. Als Grundlage gilt, dass es nicht in Ordnung ist, wenn eine kleine Gruppe alles trägt und andere einfach nicht mitmachen. Allgemein denke ich, dass wir im Diamantweg die Leute nicht besonders drängen zu kommen oder zu gehen. Was so erlebt wird, sind vielmehr die Schübe ihrer eigenen Karmas. Die berechnenden Kunden, die anerkannt werden oder eine Freifahrt haben wollen, gehen meistens von selbst zu hoffentlich für sie geeigneteren Wegen.

Wie sieht das mit Leuten aus, die nur meditieren wollen?
Leute, die nur meditieren wollen, müssen denen gegenüber dankbar sein, die ihnen ihre Übungen ermöglichen. Fehlt dieses Gefühl, sind sie eine Sorte, die wir nicht brauchen. Wenn Meditierende stolz ankommen oder werden und keinen Wunsch zeigen, ihre Einsichten zu teilen oder anderen zu helfen, schaffen sie schlechte Gefühle in den Zentren. Wenn Menschen andererseits von sich aus gerne viel oder lange meditieren, dadurch gesund weiterkommen und denen gegenüber dankbar sind, die das ermöglichen, ist das ein ganz anderer Fall. Sie erfüllen damit eine wichtige Bedingung, um später anderen etwas beibringen zu können. Wie überall, wo Menschen auftreten, so ist auch im Buddhismus das Meiste eine Frage der Einstellung.

Wie können wir andere zur Dharma-Arbeit inspirieren?
Wir können vielleicht gar nicht vermeiden, lebende Menschen zu begeistern, denn was wir tun, ist an sich freudvoll. Die Leute spüren das und wollen selbstverständlich auch eine Scheibe unseres Diamantweges. Die ehrlichste Werbung geschieht durch unser Beispiel - nichts anderes. Die Leute sehen unseren Zeitplan von 18 Stunden Arbeit täglich - ohne Wochenenden, werden inspiriert von den Massen auf unseren Partys und verehren unsere unglaublichen Frauen oder starken Männer. So etwas muss begeistern, wenn Blut und nicht Eiswasser in den Adern fließt. Jenseits ihrer gewohnten Erwartungen und Begrenzungen wissen sie plötzlich, dass sie hier dem feinsten aller Clubs beitreten, dem der heutigen Verwirklicher.

Wie können Leute Motivation für die Arbeit entwickeln?
Einige Gedanken könnten dabei helfen: Wenn ich heute sterben würde, wie viel Dauerhaft-Sinnvolles hätte ich dann verwirklicht? Wem oder welcher edlen Sache hätte ich genutzt? Und was auch in unserer Gesellschaft leicht vergessen wird: Ohne Verdienste kann sich keine reife Weisheit entwickeln. Ohne einsgerichtetes Streben stößt niemand durch die gewohnheitsmäßigen Schleier der gemischten Gefühle und steifen Ideen durch, wo erst die Beständigkeit der Befreiung und dann die grenzenlose Freude der Bodhisattva-Arbeit und der Buddhaschaft erfahren werden.
Die Leute sollen also wissen, dass wir sie alle für ihre Buddhanatur lieben, dass sie aber erst dann zu Partnern werden, wenn sie etwas tun, um diese hervorzubringen. Obwohl es einem weh tut, egoistische oder unreife Leute abzuweisen: Der Diamantweg ist einfach nicht jedermanns Weg. Es gibt vielfältige, menschenfreundliche und nützliche Lehren, um jeden geistigen Wunsch zu befriedigen.
Um die innewohnenden Eigenschaften der Menschen zu entwickeln, muss man übrigens der Erfahrung folgen, und ich denke, dass meine taugt. Aus meinen Jahren als akademischer Boxer, sowohl in als insbesondere auch außerhalb des Rings, spüre ich in meinen Knochen, ob Leute unter Druck aufgeben werden oder weiter zu gewinnen versuchen. Spielen sie auf Zeit und vermeiden zu direkt oder oft getroffen zu werden, oder checken sie einen aus und sammeln Kraft für eine entscheidende Schlagfolge?
Nachdem man bestimmt hat, ob ihre Grundneigung Zorn, Begierde oder Verwirrung ist, muss man durch Körper, Rede und Geist ergründen, wie schnell man die Leute wie weit führen kann.

Wenn die Leute zuviel Arbeit haben, versagen sie manchmal oder fühlen sich überarbeitet...
Das ist vor allem psychologisch. Wenn man nicht behindert oder unwillig ist, nützlich zu sein und seinen Horizont zu erweitern, dann verschwinden die wirklichen Feinde der eigenen Kraft - die gemischten Gefühle und steifen, zweiheitlichen Vorstellungen - in idealistischer Gesellschaft sehr schnell. Menschen besitzen einfach enorme Kraft und Mut, die im gewohnten Leben ungenutzt sind, aber unter den richtigen Bedingungen freigesetzt werden. Um ein Beispiel zu geben: Während der letzten fünf Jahre meiner Sommerkurse zum "Bewussten Sterben" (tib.: Phowa) nahe Kassel haben 2300 meiner Schüler am lokalen Flughafen einen Tandem-Fallschirmsprung gemacht und ein Dutzend von uns die Sprung-Lizenz.
Man sollte also die Macher als Beispiele bieten. Sie befähigen auch andere dazu. Für mich selbst bedeutet "Leute reifen lassen" und "Dinge in Gang setzen und wachsen lassen" ständigen Spaß, Entfaltung und Freude. Mit dem Segen der Linie und dem oder der richtigen Geliebten entsteht sowieso viel Überschuss für andere. Wunderbare, bewusste Paare erfahren den ganzen Reichtum des Lebens und sind unser überzeugendes Rückgrat im Diamantweg.
Ganz ehrlich denke ich, dass man mit etwas Überblick sein Leben nützlich und zugleich freudvoll gestalten kann. Viele Leute, die sich von ihrer Arbeit erdrücken lassen, tun das aus missverstandener Loyalität ihren Eltern oder anderen gegenüber, die sie als Versager erleben. Die Welt ist an sich reich, und bei genügend Offenheit findet man meistens geschickte Mittel, Werkzeuge oder Leute, die helfen können. Wenn die Arbeit selbst bedeutender wäre als nur den Gewohnheiten und steife Erwartungen zu folgen, würde man die Aufgaben einfach der Reihe nach erledigen. Mit warmen Herzen und stolz auf die Errungenschaften anderer Aufgaben zu vermitteln, ist richtig freudvoll. Man lernt bestens beim Beobachten, wie andere ihre Arbeit angehen. Wie immer, sei es im Dharma oder im Leben, setzt spontan und mühelos zu sein, die feinsten menschlichen Eigenschaften frei.

Sollten wir andere bitten, uns bei der Dharma-Arbeit zu helfen oder lieber warten, bis sie von selbst etwas tun möchten?
Es hängt im jeweiligen Augenblick vom Ton unserer Stimme und der eigenen inneren Einstellung ab. Ganz bestimmt sollten wir anderen erlauben teilzunehmen, da es so viel gutes Karma bringt. Da die meisten Leute gern - ohne sich dessen besonders bewusst zu sein - bei einer guten Sache helfen, sollten wir ihnen im Auftrag der Buddhas Gelegenheit geben und auch danken. Wenn man völlig obenauf ist, ohne irgendwelche Zweifel an sich selbst oder den Lehren, spüren das andere. Ein beständiger psychologischer Überschuss ist äußerst anziehend und deswegen wollen die Menschen unser Kraftfeld teilen und seine Wärme und seinen Sinn erleben. Andererseits werden die meisten zustimmen, dass es nicht einfach ist, sich Hilfe zu holen, wenn man selbst enttäuscht und verknotet ist. Obwohl der Betroffene in der Tat etwas liebevolle Zuwendung braucht, haben die Umstehenden das Gefühl, dass er klebrig ist oder dass er sie nicht mag, und sie scheuen zurück.
Auch der Überschuss an Kraft wird angenommen. Obwohl ich immer in einem Reinen Land bin, also stetig Freude erfahre, spüre ich in meinen Vorträgen deutlich, ob ich die Nacht vorher schlief oder nicht. Wenn ich wirklich müde bin, komme ich mit meinen Witzen nicht weit. Ich muss dann nah am Thema bleiben. Wenn ich hingegen frisch bin, versuche ich jeden nur möglichen Raum im Geist der Leute anzuregen und das kommt an. Um es zusammenzufassen: Wenn Leute schroff sind oder nicht auf die Bitten anderer eingehen, sind sie entweder selbst in etwas verstrickt oder die Art und Weise der Frage war unpassend. Deswegen sollte jeder ein gutes Gefühl für diejenigen entwickeln, von denen sie sich Hilfe erhoffen.

Können wir Überarbeitung vermeiden?
GENIESST eure Kraft! Unsere Leben sind bedeutungsvoll! Indem wir anderen den Buddhismus in einer sinnvollen Weise bringen, tun wir etwas Wundervolles. Wir nutzen dann vielen auf letztendlicher Ebene und in weite Zukunft hinein. Es bringt breites Wachstum und Entwicklung, und je besser man die Sachen schafft, umso glücklicher wird man auch selbst. Mit der täglichen Gewohnheit einer halben Stunde Meditation und der Einstellung mit anderen zu teilen, was an Arbeit mit Leuten oder Zentren zu viel ist, sollten sich die Dinge von selbst ausgleichen.
Arbeit in der bedingten Welt ist eine andere Sache. Hier fehlt der begeisternde Idealismus und es bringt wenig dauerhafte Befriedigung, ein längeres Auto oder größeres Haus als der Nachbar zu besitzen. Letztendlich ist nur die Arbeit wichtig, die zeitlose Werte auch für andere bringt. Der Mensch entkommt dem Gefängnis der eigenen Gewohnheitswelt und wird frei und nützlich. Man sollte sich beschenkt fühlen, im Leben wichtigeres tun zu können, Freundschaft zu teilen und, wie die Welt heute steht, vor allem für die Freiheit aller zu arbeiten. Wer versucht, hier Bereiche auszuklammern, wird auf äußerer wie innerer Ebene bald Enge erleben. Ein gesundes Gleichgewicht tut gut: Sogar bestens. Handeln ohne Freude wird roboterartig und bringt wenig Segen, und nur herumzuhängen macht die Welt langweilig. Freude und Tatkraft bereichern sich gegenseitig.
Der Grund dafür, dass viele schon bei der ersten Begegnung beglückt Buddhas letztendliche Belehrungen als ihre Sichtweise übernehmen können, ist entweder, dass sie diese aus früheren Leben wieder erkennen oder dort eine Ebene erlangten, die erleuchtende Geistesbelehrungen verwendbar macht. In beiden Fällen sind gutes Karma und eine begriffsreiche Erziehung die Ursachen, aber wuchsen die Wurzeln im Diamantweg, hat man zusätzlich ein großes Vertrauen in die Buddhaformen. Im letzteren Fall lässt die Arbeit einen zutiefst reifen, indem Körper, Rede und Geist einbezogen werden. Sie ist auch äußerst nützlich, um den Schüler auf den Boden zu bringen.
Hier finden wir aber eine typisch asiatische Undurchsichtigkeit dazu, wie weit man in früheren Leben kam: Vor 900 Jahren sagte der große Verwirklicher Milarepa aus Süd-Tibet, dass es die umfassende Kraft von Buddhas Lehren in seinem Leben verkleinern würde, wenn man ihn einen Tulku nenne. Sie brachten ihn vom Mord an 35 Feinden seiner Familie bis zum Verschwinden in einem Regenbogen. Andererseits ist jedoch allgemein bekannt, dass er die Wiedergeburt des hochverwirklichten Dombhi Heruka war.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang "Familien"-Einstellung?
"Familien"-Einstellung heißt, genügend vertrauen, um geradlinig und aufbauend miteinander umzugehen. In einer Familie sollte man jedem gegenüber die Einstellung haben "Im Zweifel für den Angeklagten" und auf allen Ebenen einen guten Stil halten. Dass jeder sein Gesicht wahren kann, ist wesentlich und die Grundlage für gesundes Wachstum. Wir Dänen waren offensichtlich in den letzten paar tausend Jahren recht schwierig, verbreiteten zwar die meisten blonden Menschen über die Welt, aber sind doch nur fünf Millionen. Anscheinend wollte jeder weg von uns! Aber wir haben ein schützendes Verhalten, das in unserem Reichstag gut wirkt: Bevor jemand dort einen Angriff startet, muss er erst sagen "Das höchst ehrenwerte Mitglied". Erst danach darf man diesem wünschen, dass seine Socken in allen zukünftigen Leben in ungerader Anzahl aus der Wäsche zurückkommen. Es muss zuerst einfach eine richtige Einleitung gehalten werden, der Stil muss bewahrt bleiben. Es muss Raum geben, damit jeder so gut wie möglich dastehen kann. Wenn der äußere Rahmen stimmt und das Gesicht gewahrt bleibt, werden die Dinge leichter. Jemanden anständig anzusprechen, gibt Raum, so dass man sich mit Respekt und genügend Abstand begegnen kann. Wir höchst ehrenwerten Nutznießer des Diamantweges sollten das auch tun.
Unsere Linie hat übrigens mehrere hervorragende Namen. Einer ist "Drubgyü", was "Linie der Verwirklichung" bedeutet. Ein bekannterer Name ist "Kagyü" - "ka" ist "mündlich" und "gyü" ist "Übertragung". Es bedeutet, dass eine genügend offene und nahe Verbindung zwischen Schüler und Lehrer bestehen muss, damit die Übertragung von wichtigen Eigenschaften stattfinden kann. Letzte technische Fortschritte wie das Streaming haben hier bahnbrechende Bereiche von weltweitem mündlichen Austausch eröffnet, die bald zahllose Schüler und Zentren erreichen, verbinden und nutzen werden.
Schließlich gibt es "Karma Kamtsang", wobei das zweite Wort "Familie" bedeutet. Das sind wir tatsächlich, und das Verhältnis zum Lehrer drückt hervorragend diese Nähe aus und zeigt sich bereits in unserer Weise des Zuflucht-Nehmens. Wir nehmen nicht nur Zuflucht zum Buddha, der Lehre, und der Gemeinde sondern auch zum Lehrer, der die drei Wurzeln der Erleuchtung in sich vereint.
In der Staatskirche Tibets, bei der Gelugpa-Schule, den "Tugendhaften" oder "Gelbmützen", ist Buddhas Lehre die wichtigste Zuflucht. Der Grund dafür ist möglicherweise, dass sie riesige Klöster unterhielten, in denen man zuerst über viele Jahre die Prinzipien des Dharma studierte. Durch das Verständnis seiner Lehren entfernte man die Schleier der Unwissenheit und erreichte so - sicher aber allmählich - das Ziel. In den drei alten oder "Rotmützen"-Schulen ist jedoch der Buddha die Haupt-Zuflucht. Er wird vom Lama vertreten und zeigt den unerschütterlichen Zustand, in dem der Geist alle vollkommenen Eigenschaften entwickelt und alle Schleier entfernt hat. Furchtlos, an sich freudvoll und vorausschauend-sinnvolle Liebe ausdrückend, ist er das Ziel. Dieser geistige Zustand ist endgültig, wohingegen Dharma und Sangha zum Ziel führen. Diese ersten Einstellungen auf das Letztendliche färben die spätere Wahrnehmung vom Lehrer. Ist man dem Buddhismus in Schulen und Universitäten begegnet, bewirkt das eine abstrakte Verbindung zur Vollkommenheit, da man sie durch Begriffe kennen gelernt hat. Deswegen sagen die Gelugpas, dass der Dalai Lama eine Ausstrahlung vom Buddha des Mitgefühls sei - von "Liebevolle Augen" insbesondere in seiner weißen, sitzenden, vierarmigen Form. In den drei "alten" oder Rotmützen-Schulen begegnet man der Vollkommenheit unmittelbar, durch Einweihung oder vor allem durch ihre vielen kraftvollen Lehrer. Deswegen wird der lebende Lama der eigene Bezugspunkt zur Verwirklichung und die Buddhaformen werden als verschiedene Seiten seines oder ihres Geistes erfahren.
Meine wunderbare Frau Hannah und ich haben seit 1969 die Wünsche des 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje (Diamant der selbstentstandenen Höchsten Weisheit) ausgeführt und nun die des 17. Karmapa Trinle Thaye Dorje (Diamant der grenzenlosen Buddha-Tat). Jenseits von Raum und Zeit bleibt es eine riesige Freude, ihren Segen, ihre Weisheit und ihre Mittel rund um die Welt weiterzugeben.


Gewidmet an André Plamper und hunderten von großartigen Freunden, die rund um die Welt unsere Zentren bauen.

Ich danke euch vom Herzen!

Euer Lama Ole