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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 43, (Sommer 2007)

Tara

Die weibliche Energie der Erleuchtung / Von Eduardo Herrera

Im Buddhismus repräsentiert das Weibliche die wahre Natur des Geistes, seine Offenheit mit allen darin enthaltenen Möglichkeiten: im Mahayana-Buddhismus Dharmakaya genannt. Das Männliche hingegen steht für die Rupakayas, den formhaften Ausdruck der wahren Natur des Geistes.

Diese beiden Zustände sind zwei Seiten des erwachten Geistes, die in allen Wesen vorhanden und als die nicht-zweiheitliche Natur der Realität bekannt sind. Die höchsten Lehren Buddhas sagen, dass man bei Untersuchung eines jeden Phänomens einerseits "Raum" im Sinne von Offenheit und Möglichkeit findet. Dieser ist seinem Wesen nach weiblich. Zugleich findet man auch "Strahlende Leuchtkraft", die es dem Raum ermöglicht, sich mit unbegrenzten Möglichkeiten zu manifestieren. Diese strahlende Leuchtkraft ist ihrem Wesen nach männlich.

In ihrer körperlichen Form ist die Frau der fruchtbare Raum, der den Ausdruck erwachter Aktivität möglich macht. Selbst die grundlegendsten Lehren Buddhas - bei denen es um Arhatschaft, um Befreiung geht - weisen auf die Tatsache hin, dass auch Frauen diesen Zustand erreichen können. Mahaprajati Gautami, Prinz Siddhartas Tante und Stiefmutter, wurde als die erste Bikshuni (Nonne) in der buddhistischen Tradition aufgenommen und erreichte den Zustand der Befreiung. Der bekannte buddhistische Text "Die Therigathas", verfasst von Nonnen der Theravada-Tradition, besagt, dass inneres Wachstum bis zur Buddhaschaft auch in einem weiblichen Körper möglich ist.

Obwohl im Buddhismus das Männliche immer sehr vorherrschend war, ist es wichtig zu wissen, dass volle Erleuchtung letztendlich weder männlich noch weiblich ist. Tatsächlich wird die Rolle der Frau sogar umso wichtiger gesehen, je höher die buddhistischen Belehrungen sind.

Taras Name
Der Name "Tara" hat grundlegend zwei Bedeutungen. Die eine Bedeutung des Namens ist "Befreierin" und die zweite, weniger bekannte, ist "Leitstern".

In Tibetisch wurde Tara traditionell Je Tsunma Pagma Drölma genannt. Das Wort Je kann als "der Preisung würdig" oder "erhaben" übersetzt werden, in dem Sinne, dass sie die beste Zuflucht ist, die man sowohl in der bedingten Welt, also auch nach der Befreiung finden kann. Die nächste Silbe, Tsun, bedeutet "edel" und deutet darauf hin, dass ihr Verhalten und ihre Aktivität völlig korrekt sind. Ma zeigt, dass Tara eine Frau ist. Das nächste Wort, Pagma, heißt in Sanskrit "Arya" und bedeutet "gepriesen, verherrlicht". Die Silbe Ma drückt aus, dass sie die "Mutter aller Buddhas" ist. Die tiefgründigste Natur des Geistes ist der Dharmadhatu, das Wesen der Wirklichkeit selbst. Alle Buddhas werden aus dieser Erkenntnis heraus "geboren". Das tibetische Wort Drölma hat die gleiche Bedeutung wie das Sanskrit-Wort "Tara", nämlich "Befreierin" aus der bedingten Welt. In diesem Zusammenhang arbeitet Tara auf zwei Ebenen: Auf der relativen Ebene erfüllt sie die dringendsten Bedürfnisse der Wesen. Bei persönlichen Problemen wie Krankheit, Unfruchtbarkeit, Gefahr, Krieg oder anderen Konflikten, kommt diese weibliche Aktivität immer schnell (tib. nyurma) zur Hilfe. Auf höchster Ebene dagegen ist Tara ein Yidam, ein Buddha-Aspekt, dessen Praxis uns zum Zustand von Befreiung und Erleuchtung führt.

Der Hintergrund von Tara
Dieser Abschnitt befasst sich mit dem Ursprung der Tara, der zwei Aspekte hat. Zum einen geht es darum, wie sie in buddhistischen Quellen dargestellt wurde. Zum anderen um ihren historischen Hintergrund, im kulturellen und bibliographischen Zusammenhang.

In den schriftlichen Quellen und den mündlichen Überlieferungen des Buddhismus gibt es zum Ursprung der Tara unterschiedliche Erklärungs- Versionen. Sowohl in einem historischen Text von Taranatha - "Der goldenen Mala" (tib. Sergyi Trengwa) - als auch in einer Erklärung aus unserer Zeit von Bokar Tulku, wird erklärt, dass Tara vor vielen Weltzeitaltern einmal eine Prinzessin mit dem Namen "Weisheits-Mond" war. Damals war sie eine Schülerin des Buddhas Dundubhisvara, dessen Name "Licht aus vielen Welten" oder auch "Vielfarbiges Licht" bedeutet. Als sie das Bodhisattva-Versprechen ablegte, trat ein Mönch an sie heran und riet ihr, in späteren Leben einen männlichen Körper anzunehmen um so die Erleuchtung erlangen zu können. Sie antwortete ihm, dass ein erwachter Geist kein Geschlecht hat und dass diese den Mann zum Mittelpunkt machende Perspektive aus einer falschen Sicht der Wirklichkeit herrührt. Sie fügte hinzu: "Viele wünschen sich in einem männlichen Körper die Erleuchtung zu erlangen, aber niemand arbeitet zum Wohle der Wesen in einem weiblichen Körper. Daher werde ich bis zum Ende der bedingten Welt in einem weiblichen Körper zum Wohle der Wesen arbeiten."1

Die Prinzessin Weisheits-Mond erlangte durch ihre Praxis die Qualität einer "Befreierin der Wesen" und befreite dadurch Millionen von Wesen. Deswegen wurde sie "Befreierin" (skt. Tara, tib. Drölma) genannt. Ihr Lehrer, Buddha Dundubhisvara, sagte ihr: "Wenn du weiterhin diese Qualitäten zeigst, dann wirst du als die Gottheit2 Tara bekannt werden."

Im Weltzeitalter des unter dem Namen "Sehr Weit" bekannten Buddhas, war Tara ein Bodhisattva. Sie traf den Buddha Amoghasiddhi und versprach ihm, alle Wesen vor Gefahr und Angst zu schützen. Weil sie dieses Versprechens gab, erlangte sie eine weitere Qualität, die "Zerstörerin von Hindernissen und Dämonen" genannt wird. Sie zerstörte dann Millionen von Hindernissen und Maras3. So erhielt sie unter anderem auch Namen wie "Die Schützende", "Die Schnelle" und "Die Heldin". 95 Weltzeitalter später erlangte ein Praktizierender die Übertragung der Buddhas der zehn Richtungen und erreichte die Buddhaschaft. Er manifestierte sich dann als „Liebevolle Augen" (skt. Avalokiteshvara, tib.Tschenresig) und Tara entsprang seinem Herzen.

Mehrere Kalpas später gab Tara die Erklärungen "Unveränderliche Bemühung" an fortgeschrittene Praktizierende. In einem weiteren Weltzeitalter mit dem Namen "Asangka" erlangte Tara die Erleuchtung und wurde als "Mutter aller Buddhas" anerkannt. Dementsprechend wird sie in einigen Texten mit der Prajnaparamita (tib. Yumchenmo) verglichen.

Andere Versionen besagen, dass Liebevolle Augen - nachdem er Millionen von Wesen befreit hatte - sah, dass schon wieder unzählige Wesen in den niederen Bereichen geboren waren. Zwei Tränen liefen aus Kummer über sein Gesicht. Aus seinem linken Auge entstand die Grüne Tara (skt. Vasya Tara, tib. Dröljang) und aus seinem rechten Auge die Weiße Tara (skt. Sita Tara, tib. Drölkar). Beide versprachen Liebevolle Augen zu helfen alle Wesen zu befreien. Wiederum andere Versionen werden von Miranda Shaw4 erwähnt. Hier entspringt Tara einem blauen Lichtstrahl, der vom "Buddha des Grenzenlosen Lichtes" (skt. Amitabha, tib. Öpame) ausging, als er versprach allen Wesen zu nutzen.

Taranatha beschreibt, dass sein eigener Lama - Buddhaguptanatha, aus Indien - ihm eine ungewöhnliche Geschichte über Tara aus der mündlichen Überlieferung erzählt habe: Hier manifestierte sich Tara in unserem derzeitigen Weltzeitalter, als Buddha Shakyamuni im Schatten des Bodhi-Baumes meditierte und unaufhörlich von einer Horde Maras angegriffen wurde. Mit acht tobend-lauten Gelächtern unterwarf Tara die negativen Kräfte.5

Den traditionellen buddhistischen Erklärungen zufolge ist das Tara-Tantra in den Lehren enthalten, die Buddha Shakyamuni selbst auf Bitten des "Pferdekopf-Buddhas" (skt. Hayagriva, tib. Tamdrin) gab. Sie wurden später von "Diamant in Hand" (skt. Vajrapani, tib. Chanadorje) - auch bekannt als "Herr der Geheimnisse" (im Zusammenhang mit dem geheimen Vajrayana) - bis zur Zeit des 3. Konzils, historisch im 1. Jahrhundert n. Chr., versteckt. Laut der tibetischen Geschichtsschreibung erlangten verschiedene indische Könige zusammen mit tausenden ihrer Untertanen durch dieses Tantra die Verwirklichung, unter anderem Harichandra aus Bengalen, Bhojadeva aus West- Indien und Haribhadra aus dem Süden.

Aus archäologischen und schriftlichen Quellen ist bekannt, dass Steingravuren in der Nalanda-Universität aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. weibliche Formen zeigen, die der Tara sehr ähnlich sind. Vom 6. Jahrhundert n. Chr. an erscheint Tara deutlich in Steingravuren, die in Höhlen in Aurangabad, Ajanta und Kanheri in der Gegend Deccan in Süd-Indien gefunden wurden. Zuerst wurde sie als Begleiterin von Liebevolle Augen und Bhrikuti dargestellt, und später dann alleine. Philippe Cornu zufolge war die Tara-Praxis im 7. Jahrhundert n. Chr. in Indien, Java und Kambodscha sehr verbreitet. Die starke Verwurzelung unter den Tibetern und deren große Hingabe zur Tara begannen jedoch erst im 11. Jahrhundert n. Chr. während der zweiten Welle der Verbreitung des Buddhismus in Tibet mit Dipankara Atisha Sri Jnana.

In den schriftlichen Quellen erscheint Tara in allgemeiner Weise nicht nur in den kanonischen Texten (Kangyur) sondern auch in der Sammlung der Kommentare (Tengyur). In den Sutras, im Mahavairocanasutra, wird Tara als Ausstrahlung von Liebevolle Augen erwähnt. Auch in einem höchsten tantrischen Text, dem Aryatarakurukullekalpa, wird sie erwähnt.

Aber nur in ihrem eigenen Tantra erscheint sie als die wichtigste Form. Dieser Text heißt "Das Tantra genannt ‚ Ursprung aller Tara-Rituale, Mutter aller Tathagatas'" (skt Sarvatathagatamatrtaravisvakarmabhavanatantranama, tib. de bzhin gshegs pa thams cad kyi yum sgrol ma las sna tshogs byung zhes bya ba i rgyud). In diesem Text finden wir auf allen tantrischen Ebenen und in allen Aspekten Tara-Rituale. Die Unübertrefflichen Yoga-Tantras (skt. Anuttarayoga-Tantra, tib. la me gyü) sind in Vater-, Mutter- und Nicht-Duale-Tantras unterteilt. Die Tara-Praxis gehört hier zu den Mutter-Tantras, in denen Weisheit betont wird.

Im Catupitha-Tantra und in dem Lehrzyklus über die "Friedvollen und kraftvoll-schützenden Bardo- Gottheiten"6 erscheint Tara als "Tara der Bände" (skt. samayatara, tib. damtsik drolma), als Gefährtin von Amoghasiddhi, dem der Richtung Norden zugeordneten Buddha. Dieser Buddha verkörpert die Aktivitäts-, oder Karma-Familie. So ist Tara auch bekannt als diejenige, die die "Aktivität der Buddhas" ausdrückt.

Taras Aktivität
Ihrem Wesen nach ist Tara prajna, nicht-zweiheitliche Weisheit, aber in ihrem Ausdruck ist sie upaya, geschickte Mittel. Sie arbeitet unaufhörlich um alle Wesen aus der bedingten Welt zu befreien. Im Allgemeinen hat Tara zahllose Ausstrahlungen. Ihr Wurzeltext besagt, dass sie sich sogar als unbelebtes Objekt wie Wasser, Medizin oder Essen zeigen kann. Aber hinsichtlich ihrer menschlichen Form drücken im Allgemeinen ihre weißen Manifestationen die befriedende Aktivität aus. Die Weiße Tara zum Beispiel befriedet Krankheiten und vorzeitigen Tod. Die gelb-goldenen Formen der Tara drücken die vermehrende und stetig ausweitende Aktivität des Verdienstes aus; ihre roten Formen konzentrieren sich auf die anziehende und faszinierende Aktivität. Die dunklen oder schwarzen Taras schließlich konzentrieren sich auf die schützende Aktivität. Es wird gesagt, dass die Grüne Tara all diese Aktivitäten personifiziert und sie wird als diejenige angesehen, die Angst beseitigt.

Wie schon erwähnt hat Tara auf ihrem Bodhisattva-Weg die Fähigkeit erworben, Hindernisse und Dämonen zu zerstören. In einigen Versen des Tengyur wird Tara von Atisha für ihre Fähigkeit geehrt, die acht großen Ängste beseitigen zu können. In der gleichen Weise haben Nagarjuna, Suryagupta, Chandragomin und andere wichtige Texte verfasst, die sich mit Tara und ihrer schützenden Aktivität beschäftigen. Sengupta zufolge erschien Tara bei den Ellora-Höhlen7 und schützte die Wesen vor all diesen Ängsten. Für die Praxis-Linien beziehen sich die acht großen Ängste nicht nur auf äußere Aspekte sondern auch auf emotionale und psychologische Zustände. Es wird gesagt, dass Tara die Angst beseitigt vor
- Angriffen von Löwen (Stolz und Arroganz)
- Angriffen von den Elefanten der Unwissenheit (fehlende Bewusstheit)
- dem Feuer des Zorns
- den giftigen Schlangen von Neid und Eifersucht
- den Angriffen von den Räubern der falschen Sichtweisen
- dem Gefängnis von Geiz und Gier
- den Fluten von Begierde und Anhaftung
- den Dämonen der Zweifel.

Es ist auch wichtig, dass für Buddhisten Tara direkt in Situationen von greifbarer Gefahr handelt, wie Taranatha und andere hohe Lamas uns sagen.8

Die 21 Taras
Die Lobpreisung der 21 Taras erscheint in Taras Wurzeltantra und sie ist Teil der zentralen Praxis aller Schulen des Tibetischen Buddhismus. Diese Praxis wird aber auch als ein Tantra in sich selbst angesehen. Die Praxis besteht aus 21 Versen, die die verschiedenen, unterschiedliche Aktivitäten ausdrückenden, Tara-Formen preisen. Es sind Aktivitäten, die sich auf das Erfüllen von Wünschen, auf Schutz, sowie auf Beseitigung, Beruhigung und Zerstörung aller Arten von Hindernissen konzentrieren. Lopön Tsechu Rinpoche erwähnte öfters, dass die Grüne Tara - die Personifikation aller 21 Taras - all diese Aktivitäten ausführt, damit die Wesen - sobald all ihre Bedürfnisse erfüllt und ihre Leiden beseitigt sind - bis zur Erleuchtung das Dharma praktizieren können.9

Es gibt drei verschiedene Traditionen für die Tara-Praxis. Jede gehört zu einer verschiedenen Übertragung und deswegen unterscheiden sich nicht nur die Namen, die Körper-Haltungen und die Attribute von einer Übertragung zur anderen, es kann sich auch um ganz verschiedene Tara-Aspekte handeln.

1. Die erste Tradition stammt von Suryagupta und wird als die älteste beschrieben. In dieser Übertragung unterscheiden sich die Taras nicht nur in Farbe und Körperhaltung, sondern auch in der Anzahl von Köpfen, Armen und Ornamenten.

2. Die zweite Tradition gehört zu Nagarjuna und Atisha. Diese ist die bekannteste und am meisten praktizierte. Die 21 Taras sind in ihrer Körperhaltung identisch und unterscheiden sich nur in ihrem Lichtschein, der Farbe ihrer Körper und in einigen Fällen durch ihren kraftvoll-schützenden Ausdruck.

3. Die dritte Tradition ist die der alten Linie (tib. Nyingma) und stammt aus den alten Tantras und von einigen Findern versteckter Belehrungen (tib. Tertöns), unter anderem Jigme Lingpa, Longchenpa und Chogyur Lingpa. In dieser Übertragung haben alle Taras ein Gesicht und zwei Arme.10 Einige von ihnen sind in ihrem Ausdruck friedvoll, andere kraftvoll-schützend. Man findet unterschiedliche Objekte in dem blauen Lotus, den sie in ihrer linken Hand halten - Vasen, Ritualdolche, Dorjes, Schwerter usw.

Taranatha erwähnt, dass der große Mahasiddha Tilopa bevor er Erleuchtung erlangte, einmal um eine Buddha-Statue in Ost-Indien schritt und plötzlich ein Licht unter dem Sockel sah und Musik hörte. Er grub dort, fand das Tara-Tantra, aber er fand niemanden, der ihm eine Ermächtigung dafür hätte geben können um es zu praktizieren. In der Gegend Oddiyana traf er später eine junge Frau mit blau-grüner Haut und den Zeichen und Merkmalen einer Dakini. Tilopa bat sie um die Übertragung für dieses Tantra und sie zeigte sich ihm sofort als Tara. Er erhielt die Ermächtigung und die Übertragung von ihr. Taranatha erwähnt, dass Tilopa dieses Tantra später Naropa lehrte und dass dieser es unter anderem an Dombhipa, Shantigupta, Jnanamitra, Atisha und an Taranatha selbst weitergab.

"Oh Tara, Du strahlst und hast schöne Augen. Du drückst die Freude des Lichtes eines Sterns aus. Du bist mitfühlend zu allen Wesen, Du bist die Befreierin.Schau auf uns, betrachte alle Wesen als Deine eigenen Kinder. Dein Körper ist smaragd-grün. Du strahlst in Glanz, Du bist unbesiegbar. Wenn man sich nur an Deinen Namen erinnert, erscheinst Du um uns von Angst zu befreien. Oh Mutter, Befreierin und Schützerin, Du beseitigst jedes Hindernis." Aus den "108 Lobpreisungen an Tara"

Beschreibung der Tara und ihres Mantras
Die Grüne Tara verkörpert die Aktivität aller Taras. Lopön Tsechu Rinpoche empfahl, dass wir sie wegen ihrer nahen Verbindung zur Lotus-Familie (skt. Padma) immer mit dem "Buddha des Grenzenlosen Lichtes" (skt. Amitabha) über ihrem Kopf vergegenwärtigen sollen, obwohl sie auch mit Buddha Amoghasiddhi vorgestellt werden kann. Tara sieht aus wie ein 16-jähriges Mädchen und ihr Körper ist smaragdgrün. Sie ist friedvoll, heiter und lächelt. Ihr Haar ist schwarz und hochgebunden und sie zeigt die 13 Ornamente des Freudenzustands11 (skt. Sambhogakaya, tib. longku). Ihre rechte Hand ist in der Geste der Freigebigkeit (skt. danamudra) über ihr rechtes Knie nach vorne gestreckt und schenkt den Wesen relativen und absoluten Nutzen. Ihre linke Hand ist in der Geste der Drei Juwelen: Ringfinger und Daumen berühren sich, die anderen Finger sind ausgestreckt. Lopön Tsechu Rinpoche erklärte, dass dies eine Geste des Schutzes (skt. abhayamudra) ist, wodurch sie die Wesen vor jeder Furcht schützt. Zwischen ihren Fingern hält sie eine besondere Lotusblüte, die man Utpala nennt. Es heißt, dass diese nur dann blüht, wenn jemand Erleuchtung erlangt. Dies zeigt, dass die Praxis auf Tara ausreicht, um die höchste Verwirklichung zu erlangen.

Das Mantra der Grünen Tara besteht aus zehn Silben: Om Tare Tuttare Ture So Ha. Laut Lama Thubten Yeshe, steht die Silbe Om in diesem Fall für Taras erwachten Körper, Rede und Geist; Tare Tuttare hält das Wesen der Vier Edlen Wahrheiten; Tare bedeutet Befreiung von der bedingten Welt; Tuttare zerstreut die acht großen Ängste; die Silbe Ture bedeutet Befreiung von allen physischen oder geistigen Krankheiten; So Ha ist das Ende des Mantra und bezieht sich - so wie Hung in vielen anderen Mantras - auf die Vollendung des Weges. Ihre Keimsilbe (skt. bhijamantra) Tam wird als Ausdruck der in allen Wesen vorhandenen Buddha-Natur erklärt.

Je höher die Tantras sind, umso tiefgründiger wird die Bedeutung der Tara. Auf der Ebene des Mahayana wird sie Prajnaparamita, die "Mutter aller Buddhas", genannt. In den höchsten Tantras heißt sie unter anderem Vajravarahi, Kurukulle und Ekajati. Tara wird auch als höchste Vervollkommnung des Großen Siegels (Mahamudra) und der Großen Vollendung (Maha Ati) gesehen. So erklärt zum Beispiel Khenchen Palden Sherab Rinpoche die geheime und letztendliche Bedeutung der Tara Tsugtor Namgyalma, der "Siegreichen" so: ihre Bedeutung auf geheimer Ebene ist die der vier Freuden der Vollendungsphase (tib. dzogrim), und ihre Bedeutung auf absoluter Ebene ist der Wahrheitszustand (skt. Dharmakaya), der Thron des Mahamudra oder das selbstentstandene Rigpa des Atiyoga.

"Wer auch immer Dich preist, preist alle Buddhas. Mutter, die alle Buddhas der drei Zeiten gebiert, Dein Körper ist der Körper aller Buddhas und Bodhisattvas. Wundervolle Tara, Du bist mit einem Berg von Qualitäten ausgestattet ... Ich preise die, die sich als Frau manifestiert. Ich preise Dich, Kurukulle. Ich preise Dich, Pandaravasini ...
Om Tare Tuttare Ture So Ha!"

Preisung der Gottheit Tara, genannt "König der Preisungen, der alle Wünsche erfüllt", Matrceta zugeschrieben.


1 Beyer, "Cult of Tara", Seiten 64-65. Wilson, "In Praise of Tara", Seiten 33-35

2 Wenn im buddhistischen Kontext das Wort Gottheit verwendet wird, ist es wichtig zu wissen, dass der Buddhismus keine theistische Weltsicht hat. Tantras sind voll mit Ausdrücken wie deva oder devi in Sanskrit, oder lha bzw. lhamo in Tibetisch. Man muss sich bewusst sein, dass die Tantras eine geheime Bedeutung haben, und dass es nur für einen unkundigen Leser so erscheinen mag, als wäre der Buddhismus theistisch. Der Buddhismus sieht Buddha-Aspekte nicht als Götter oder Göttinnen im hinduistischen Sinne an, sondern als Weisheits-Aspekte, die den Praktizierenden zu einem erwachten Zustand seines bzw. ihres Geistes (sankrit sambodhi)
führen.

3 Der Ausdruck Mara wird als "negativer Dämon" übersetzt, darf aber nicht mit dem Ausdruck Satan der jüdisch-christlichen Weltsicht, wo er als ein Prinz der Dunkelheit und die Personifikation des Bösen gesehen wird, gleichgesetzt werden. Die buddhistische Perspektive ähnelt jener der alten Griechen, wo man sowohl positive Dämonen (griechisch agatodemones) als auch negative Dämonen (griechisch cacodemones) findet. Mara ist ein negativer Dämon der Hindernisse erzeugt. Im Lotus-Sutra (Saddharmapundarikasutra) findet man Dämonen die bei Buddhas Belehrungen teilnehmen um sich positiv zu entwickeln.

4 Miranda Shaw, "Buddhist Goddesses of India", Princeton 2006

5 Taranatha Jonang, "The Origin of the Tara Tantra", übersetzt von David Templeman. Library of Tibetan Works and Archives, Dharamsala. Dheli, 1981, 1995. Seite 3

6 Tara erscheint auch in den alten Tantras der Nyingma-Linie, die nicht im Kangyur oder Tengyur enthalten sind, wie zum Beispiel im Guhyagarbhatantra. Sie erscheint auch im Vajrasattvamayajalatantra der Kama-Tradition und in wichtigen Texten der Terma-Tradition, wie zum Beispiel dem Sabchu shitro gongpa rangdrol und im karling shitro.

7 "Sculptural Representation of the Buddhist Litany to Tara at Ellora". Bulletin of the Prince of Wales Museum of Western India 5 (1955-7) Seiten 12-15. Zitiert von Miranda Shaw "Buddhist Goddesses of India", Princeton, 2006.

8 In seiner Übersetzung der "Goldenen Mala" von Taranatha, erwähnt David Templeman 16 Klassen von Angst, vor denen Tara schützt: "1. Feinde, 2. Löwen, 3. Elefanten, 4. Feuer, 5. Giftschlangen, 6. Räuber, 7. Gefängnis, 8. Wellen, 9. Kannibalen, 10. Lepra, 11. Armeen Indras, 12. Armut, 13. Verlust der Familie, 14. Bestrafung durch Regierung oder König, 15. Vajra-Pfeile, 16. Ruin". Seite 16

9 Information von seiner Schülerin und Assistentin, Margarita Lehnert. 10 In der speziellen Übertragung von Chogyur Lingpa gibt es nur eine Tara, die in ihren Händen einen Ritualdolch (skt. kilaya, tib. phurba) hält.

10In der speziellen Übertragung von Chogyur Lingpa gibt es nur eine Tara, die in Ihren Händen einen Ritualdolch (skt. kilaya, tib. phurba) hält.

11 Diese 13 Ornamente stehen für Qualitäten und Aktivitäten. Sie bestehen aus fünf Seidentüchern und acht Juwelen


Aus dem Englischen von Detlev Göbel

Eduardo Herrera, geboren in Mexico City, Buddhist seit 1992. Studierte vier Jahre im KIBI, und hat einen B. A. in Philosophie an der Delhi University. Übersetzte seit 1996 für Lopon Tsechu Rinpoche und andere Lamas, Khenpos und Rinpoches. Reiselehrer seit über zehn Jahren, insbesondere in Mexico, mit Reisen in Europa, den USA und Lateinamerika.


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