Aus: Buddhismus Heute Nr. 43, (Sommer 2007)

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Im Gespräch mit Philip Leube über das Europa-Zentrum

Ein Interview zum Start des Europazentrums

Was ist deine besondere Aufgabe im Projekt Europa-Zentrum?
Meine Aufgabe ist es, die Idee des Europa-Zentrums praktisch umzusetzen. Es kommen dabei viele günstige Faktoren zusammen: Ich arbeite hier in der Gegend als Architekt und habe dadurch viele lokale Kontakte und kenne die Behörden und zuständigen Leute. Außerdem lebe ich im Retreatzentrum Schwarzenberg, ohne dieses wäre meine Arbeit auch gar nicht möglich. In all den Gesprächen kommt es uns immer wieder zugute, dass es dieses Zentrum schon seit 25 Jahren gibt, dass es sehr gut integriert ist und die Zusammenarbeit sich gut bewährt hat.

Zu Beginn der Suche war das Europa-Zentrum ja eher in Mitteldeutschland geplant. Wie kam es, dass es nun im Süden, im Allgäu gefunden wurde? Inwieweit warst du in diesem Prozess involviert?
Bis Günther Muttenhammer die Teamleitung abgegeben hat, war ich kaum involviert. Danach bildeten sich Regionalteams und Kai Burmeister und ich übernahmen den süddeutschen Alpenbereich. Wir haben verschiedene Stellen in diesem Gebiet angeschaut und schnell gemerkt, dass es sehr schwierig ist, wenn wir irgendwo hingehen, wo es noch keine buddhistischen Zentren gibt. Ohne Referenzen scheitern wir am politischen Willen der lokalen Behörden, denn wenn sie uns nicht kennen, wissen sie nicht, wie viel sie an uns gewinnen und verlieren könnten; sie trauen sich das dann einfach nicht.

So habe ich also angefangen, mich hier lokal umzuschauen und probiert, wie ich durch persönliche Kontakte weiterkomme. Dadurch haben wir dann "Gut Hochreute" gefunden. Das war eigentlich keine willentliche Entscheidung, sondern geschah einfach durch die Möglichkeiten, die sich hier boten. Wenn sich jemand in Mitteldeutschland auch so stark engagiert hätte, wäre es vielleicht auch dort möglich gewesen, etwas Ähnliches zu finden. Aber für mich war es nur hier möglich zu schauen und meine Kontakte zu nutzen und auch auf den guten Ruf des Zentrums Schwarzenberg aufzubauen. Das ist eine Art Fortsetzung der Aktivität des Schwarzenberges. Ich bin hier wohl einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, würde ich sagen.

Wie wurde Gut Hochreute dann letztendlich gefunden?
Es hat etwa zwei Jahre gedauert. Erst gab eine Ausschreibung für ein Hotelgrundstück in derselben Gemeinde. Da wurden wir aber abgelehnt, denn sie wollten dort einen touristischen Leitbetrieb ansiedeln. Wir sollten aber in einem Jahr wieder nachfragen für den Fall, dass sich bis dahin kein Investor gefunden hätte. Wir meldeten uns also nach einem halben Jahr wieder fragten: "Wie sieht es aus?" Sie sagten: "Euer Projekt gefällt uns eigentlich gut. Dieses Grundstück könnt ihr immer noch nicht haben, aber wir hätten da vielleicht etwas anderes." Das war alles noch nicht offiziell, nur im vertraulichen Gespräch mit der Stadt.

Sie boten uns eine andere Fläche an, in die wir auch sehr viel Arbeit steckten. Wir stellten dazu eine ganze Planung auf, waren in sehr vielen Verhandlungen, kamen aber nie wirklich weiter. Wir planten ein ganzes Jahr, Karmapa hat es sich angesehen und wir machten Workshops mit dem Europa-Zentrums-Team. Es gab auch schon Termine für Stadtratssitzungen, in denen wir hätten präsentieren sollen; die wurden dann aber kurzfristig abgesagt. Das war alles noch nicht reif. Sie wollten uns zwar einerseits haben, gleichzeitig trauten sie sich aber nicht, das wirklich öffentlich zu vertreten.

Den Kontakt zu Gut Hochreute, das wir jetzt gekauft haben, bekamen wir über einen persönlichen Hinweis. Da wir ja auch schon mit der Stadt im Gespräch waren und man dort schon viel über uns wusste, ging dann alles sehr schnell. Wir bekamen sofort die nötigen Termine beim Bürgermeister, beim Landrat und bei den Behörden. Wir kamen auch mit dem Verkäufer gut klar. Weil so vieles eigentlich schon zwei Jahre mit derselben Kommune vorbereitet war, konnte alles so schnell gehen.

War die Finanzierung dann schon aufgebaut oder hat sich das jetzt so schnell entwickelt?
Es gab 2005 ein anderes Objekt in Oberbayern, bei dem wir auch dachten, wir könnten es schnell kaufen. Zu diesem Projekt hatten wir ein Konzept zum Spenden-Sammeln entwickelt: Roadshows, Projekte, Webseiten und all das, was wir jetzt ja wirklich gemacht haben. Das Projekt dort wurde dann für uns uninteressant, weil dort eine Umgehungsstraße geplant war. Aber von diesem Zeitpunkt an stand das Konzept zum Spenden-Sammeln. Das konnten wir dann aus der Schublade ziehen und sofort loslegen. Sehr viele Leute sind einfach sofort reingesprungen und haben ganz viel Kraft investiert um das so schnell umzusetzen.

Gut Hochreute ist einzigartig schön, es gibt einen Gebäudekomplex, den man sofort nutzen kann, das Gelände ist riesig; man kann keine bessere Umgebung wünschen und eigentlich kann ein Betrieb sofort beginnen.

Gibt es für die spezielle Nutzung als internationales buddhistisches Zentrum noch Hindernisse?
Der Grund dafür, dass es jetzt noch so lange dauert, bis wir einziehen können, ist, dass es in einem Landschaftsschutzgebiet liegt. Zelten ist dort grundsätzlich verboten, und damit unsere Veranstaltungen genehmigt werden, brauchen wir jetzt über einen politischen Entscheidungsweg eine Ausnahmegenehmigung. Dieser Vorgang läuft gerade und damit wird die Grundlage dafür geschaffen, dass wir dann unsere Kurse abhalten können. Das ist nicht nur ein einfacher Bauantrag, sondern eine politische Entscheidung, die durch den Kreistag entschieden und somit auch öffentlich diskutiert wird. Wir können danach sicher sein, dass das Projekt wirklich akzeptiert ist.

Das Großartige an den Gebäuden ist, dass wir sofort einziehen und den Zentrumsbetrieb aufnehmen können. Die noch nicht ausgebauten Gebäude können wir dann nach und nach ausbauen und ein Gebäude für die Meditationshalle dazubauen. Es gibt die Garagen mit darüber liegendem Dachboden und ein riesiges Stallgebäude, welches wir zum Hauptzentrumshaus ausbauen wollen. Das sind riesige Flächen, wo nur die Hülle da steht, und wo wir im Prinzip neu bauen werden. Einen Kuhstall in ein Zentrum umzubauen ist natürlich eine große Aufgabe. Während wir daran arbeiten, können wir das Zentrum schon in den beiden Wohnhäusern, die da sind, voll funktionsfähig betreiben. Das große Haupthaus hat etwa 1100 qm, dazu noch das Nebenhaus mit etwa 400 qm Wohnfläche, da ist genug Platz für Bewohner und Gäste.

Im Inneren der Wohnhäuser ist es zwar noch nicht so, wie wir das letztendlich haben wollen und wir werden sie gründlich renovieren müssen, aber das muss nicht sofort geschehen. Wir können gemütlich einziehen, es nutzen, eines nach dem anderen erledigen und dann, wenn die anderen Sachen gut sind, mit der Renovierung im Inneren beginnen.

Der Gebäudekomplex ist ja denkmalgeschützt. Gibt es Auflagen, bestimmte Richtlinien für die Architektur, die neu gebaut werden soll?
Die Auflagen betreffen eher das Ensemble als den Ausbau. Der Denkmalschutz schreibt zum Beispiel vor, dass wir nicht direkt an den Bestand bauen dürfen, sondern Abstand halten müssen. Wir müssen eine ähnliche Dachform verwenden und wir dürfen auch nicht höher bauen als der Bestand. Es ist aber durchaus moderne Architektur erlaubt, denn es ist ja nicht das Bestreben des Denkmalschutzes, dass das Neu-Gebaute genau so aussieht wie das Alte. Man kann durchaus die Qualität des Alten hervorheben, indem man etwas ganz Modernes daneben baut. Wir werden ein gutes Konzept vorlegen und das mit dem Denkmalschutz besprechen. Die bestehenden Gebäude dürfen in ihrem Charakter nicht verändert werden, aber vor allem im Stallgebäude können wir mit zusätzlichen Fenstern und den bestehenden Öffnungen auch eine lichte, klare Gestaltung umsetzen, wie wir sie in unseren Zentren lieben.

Gibt es da schon Pläne?
Nein, noch nicht. Wir bereiten einen Wettbewerb vor, an dem sich alle buddhistischen Designer, Architekten und Planer beteiligen können. Es gibt nur ein grobes Konzept. Wir haben überprüft, dass auch alle unsere Funktionen hineinpassen und inwieweit die Beziehungen der Häuser zu einander für uns passen usw.

Alles passt dort perfekt, gerade mit dem Innenhof. In den buddhistischen Zentren in Städten wie Budapest und Hamburg haben wir gute Erfahrungen mit Innenhöfen gemacht. Der Hof ist der Platz, an dem alles Leben zusammen kommt und es ist einfach toll für uns, dass wir das auch hier haben. Es gibt aber noch keinen Entwurf dazu, wie es innen aussehen soll; weder für das Stallgebäude, noch für die neu zu bauende Gompa oder den Ausbau der Garagen. Da ist noch alles offen, da ist noch viel Spielraum für Kreativität.

Gibt es eine Jahreszahl, zu der man sagt, das möchte man bis dahin erreichen? Ist das offen oder gibt es da eine konkretere Vorstellung?
Nein, da gibt es keine konkrete Vorstellung. Wie schnell wir voran kommen, hängt letztendlich davon, was uns finanziell möglich sein wird. Wir haben viel erreicht, wenn wir das Ganze demnächst bar bezahlt haben und dann müssen wir sehen, wie schnell wir die Finanzierung der weiteren Investitionen schaffen. Wir haben an diesem Punkt Freiheit und können uns Zeit lassen. Es gibt allerdings dringende Dinge, die sofort gemacht werden müssen: der neue Kanalanschluss, die Verbesserung der Straße, die Infrastruktur für die Kurse usw.

Es ist öffentlich bekannt, dass das Gut Hochreute von Buddhisten gekauft wurde. Wie wird das von der Umgebung angenommen?
Ich spreche natürlich hauptsächlich mit den Behörden und wenig mit der Bevölkerung, denn ich habe dort privat nicht so viele Bekannte. Aber grundsätzlich denke ich: Wir sind dort gewollt, es ist eine sehr positive Stimmung und alle sind extrem gut informiert.

Über Buddhismus?
Sowohl über Buddhismus als auch über uns als Gruppe. Alle an den Entscheidung Beteiligten - von den Naturschutzverbänden über den Landrat und den Bürgermeister, bis hin zur ganzen Stadtverwaltung - kennen unsere Webseiten. Sie haben unsere "häufig gestellten Fragen" zum Europa-Zentrum im Internet gelesen. Sie wissen dadurch, dass wir absolut transparent sind und sie haben nichts gefunden, was sie stört.

Ich hatte neulich ein interessantes Gespräch mit einem Amtsleiter, in dem er ausdrückte, was er an diesem Projekt mag: Dass wir den Buddhismus in unsere Sprache übersetzen, dass wir keine Folklore betreiben, dass wir Laien sind und nicht in roten Kutten rumlaufen. Er hat wirklich die Denkleistung gesehen, die dahinter steckt. Er hat gesehen, dass wir eine große, weltweite Organisation sind und das Projekt nicht an einzelnen Personen hängt. Das gibt die Sicherheit, dass so ein Projekt nicht mit dem Wegfall des Interesses einer Person stirbt und sie dann eine Bauruine oder ein Chaos vorfinden.

Da wir so groß sind, haben sie auch das Vertrauen, dass wir das schaffen können. Auch unsere Art der Finanzierung gefällt ihnen, das kennen sie eigentlich nicht. Normalerweise sind so große Projekt undurchsichtig und oft wackelig finanziert, mit viel Bankdarlehen und gewissem Risiko. Dass wir das Ganze so solide mit langsam steigendem Spendenaufkommen, an dem sich so viele Leute beteiligen, finanzieren, ist natürlich beeindruckend. Dazu kommt auch, dass sie sich zu Recht ein Geschäft für die Gegend versprechen.

Es ist aber nicht alles nur positiv, kritische Bedenken gibt es natürlich auch. Die größte Schwierigkeit ist die Lage im Naturschutzgebiet und der Verkehr, den wir verursachen. Im Moment arbeiten wir mit der Stadt an einem Verkehrskonzept, das wir in einem verbindlichen Vertrag vereinbaren. Wir müssen uns, auch wenn wir unsere Genehmigungen haben, gut benehmen und die Absprachen einhalten. Die Zufahrt ist schmal und alle zehn Meter trifft man auf einen Wanderer, eine Mutter mit Kinderwagen usw., damit müssen wir sehr sorgfältig umgehen. Wir müssen diesem sehr hohen Erholungswert der Gegend Rechnung tragen. Man kann nicht alles wild zuparken oder ständig rauf und runter fahren. Da müssen wir achtsam sein, und davon wird dann auch abhängen, was in der Zukunft dort noch möglich ist. Die Bedenken sind vor allem praktischer Natur: Was ist mit den Parkplätzen bei großen Veranstaltungen, und wie ist es mit dem Verkehr, der durch einen empfindlichen Erholungsbereich geht?

Du bist mit deiner Familie einer der ersten, die im Europa- Zentrum wohnen werden. Welche Aufgaben wird die erste Crew erfüllen müssen? Welche Anforderungen sind an euch gestellt?
Die erste Crew, die dort einzieht, muss vor allem kommunizieren. Sie muss für die Besucher da sein, da man dort auf einem Knotenpunkt lebt. Es wird eine internationale Crew fest einziehen und es wird von Anfang an auch Dauergäste geben, die für ein halbes Jahr oder ein paar Monate kommen und dort Zeit verbringen. Diese Gruppe wird sicher auch sehr international gemischt sein, um das Europa-Zentrum schön mit der ganzen Welt zu verlinken. Die fest einziehende Crew muss die Kontinuität garantieren und das neue Zentrumsleben erstmals gestalten. Mein Part wird, denke ich, weiterhin der Kontakt nach außen sein, zu den Behörden und zur Gemeinde usw. - und natürlich die Baustellen ...

Schwarzenberg ist ja jetzt ganz nah an dem Europa-Zentrum. Wird sich da an der Aufgabe für den Schwarzenberg irgendetwas verändern? Wie siehst du das?
Bisher hat der Schwarzenberg durch das Europa- Zentrum nur gewonnen. Es ist ein toller Austausch mit der ganzen Welt entstanden, und ich glaube auch der Schwarzenberg wird durch das Europa - Zentrum bereichert werden. Es kann sein, dass mehr Retreat gemacht wird, aber ich denke, im Prinzip wird sich hier nicht viel ändern. Schwarzenberg hat einen ganz anderen Einzugsbereich als das Europa-Zentrum. Es wird nach wie vor Leute geben, die gerne hierher kommen und es wird einfach weiterhin eine tolle Kraftstelle bleiben, wo die Leute zum Meditieren her kommen. Die großen Events, die sowieso schon nicht mehr hier stattfinden können, werden im Europa-Zentrum stattfinden.


Philip Leube, geboren 1975, Zuflucht bei Lama Ole seit dem 5. Lebensjahr, aufgewachsen im Zentrum Schwarzenberg. Zieht jetzt mit Familie ins Europazentrum und arbeitet als Freier Architekt.