Aus: Buddhismus Heute Nr. 43, (Sommer 2007)

Seine Art uns zu lehren war sehr geschickt

Hannah Nydahl erzählt von Seiner Heiligkeit dem 16. Karmapa

Ich wurde gebeten etwas über den 16. Karmapa zu erzählen. Ole und ich teilen ja viele unserer Erfahrungen. Wir haben Karmapa gemeinsam getroffen und dann zusammen praktiziert und es gibt auch schon zwei Bücher über unsere Geschichte: "Buddhas vom Dach der Welt" und "Über alle Grenzen".

Das Thema dieses Kurses ist der 16. Karmapa und das ist eine sehr gute Gelegenheit ihm einmal mehr zu danken, denn er ist eigentlich die Quelle für alles, was wir hier miteinander teilen. Wären wir ihm damals nicht begegnet, hättet ihr wahrscheinlich auch nicht die Möglichkeit gehabt ihn durch uns zu treffen, und alles wäre ganz anders verlaufen.

Ich bin voller Dankbarkeit, denn er hat unser Leben ganz und gar verändert. Deshalb werde ich euch aus meiner ganz persönlichen Sicht erzählen, was ich mit dem 16. Karmapa erlebt habe.

Um wirklich zu verstehen, wie besonders es für Ole und mich war Schüler von Karmapa zu werden, müsst ihr auch unseren Hintergrund als dänische Skandinavier verstehen. Als solcher ist man nämlich geradezu unreligiös geboren und die allgemeine Einstellung ist, dass alles, was mit Religion zu tun hat, beinahe verdächtig ist. Zudem wuchsen Ole und ich in Akademiker-Familien auf, in denen Religion keine große Rolle spielt, humanistische Werte jedoch ganz normal sind.

In der Flower Power Bewegung der 60er interessierten wir uns überhaupt nicht für Religion, wir wollten lieber psychedelische Erfahrungen machen. Das war damals so, wenn man wie wir am Geist interessiert war, man wurde nicht religiös. Die psychedelischen Erfahrungen waren für uns sehr überzeugend.

Zu dieser Zeit tauchten in Dänemark auch die ersten Hindu-Gurus auf. Viele von unseren Freunden wurden Schüler von ihnen, unsere Begegnungen mit ihnen bewegten uns aber nicht besonders, und daher waren wir auch nicht so an ihnen interessiert

Wir entschieden uns dann unsere Hochzeitsreise nach Nepal zu machen. Hier fand unsere erste Begegnung mit Lopön Tsechu Rinpoche statt, durch ihn konnten wir später Karmapa treffen. Es war das erste Mal, dass jemand auf uns ohne einen ersichtlichen Grund großen Eindruck machte. Ihr kennt die Geschichte, wie wir ihn trafen und ihr wisst auch was passierte, als wir dann nach Hause kamen: Wir mussten einige Zeit auf "Staatskosten" verbringen.

Das war ein erster Wendepunkt in unserem Leben. In einem dänischen Gefängnis gibt es natürlich keine Folter, aber sie verwenden Isolation, und das ist für manche Menschen genauso schlimm - man ist völlig allein, kein Griff an der Tür und überhaupt keine Kommunikation. Ole und ich wurden natürlich in verschiedene Zellen gesperrt, dadurch erhofften sie sich wohl, mehr Information aus uns herauszuholen.

In diesen sechs Wochen war Lopön Tsechu Rinpoche sehr, sehr klar in unserem Geist, obwohl wir nicht wirklich wussten, wer er war oder was Buddhismus genau ist.

Im Gefängnis durften wir keine persönlichen Sachen haben, nur dieses eine Buch: "Tibetan Yoga and Secret Doctrines" erlaubte man uns. Es war das Buch für uns. So arbeiteten wir also mit dem Buch und für mich war das eine sehr große und tiefe Erfahrung. Es enthält unter anderem ausführliche grundlegende Belehrungen von Gampopa in Versform. Ohne zu wissen, dass es sich dabei wirklich um Buddhismus handelte, war es doch wie eine Offenbarung in dieser extremen Situation, durch die wir noch offener waren. Obwohl Ole und ich keinen direkten Kontakt miteinander hatten, waren wir innerlich ganz stark miteinander verbunden waren - so stark, dass auch die Polizei nichts dagegen tun konnte, so sehr sie sich bemühte. Ohne zu wissen, was Meditation eigentlich ist, fingen wir dort beide an zu meditieren. Wahrscheinlich aus früherer Gewohnheit heraus hatten wir sogar einige Erfahrungen und es war, als würde Lopön Tsechu Rinpoche immerzu in unserm Geist erscheinen

Ich wurde zuerst freigelassen und Ole kurze Zeit später. Wir besuchten damals beide die Universität, Ole studierte Englisch und ich Französisch und Literatur. Einen Tag bevor Ole freikam, schaute ich mich dort um. Es gab an der Universität einen Lehrer, der Tibetisch unterrichtete und ich dachte: "Warum nicht? Mal schauen, was das ist." Er war Tibeter, hieß Tarab Tulku und lehrte an der orientalischen Fakultät. Obwohl ich ihn nicht kannte, ging ich hin und lernte das tibetische Alphabet. Tarab Tulku war ein sehr freundlicher Mann und wir haben bis heute eine sehr nette Freundschaft. Damals wusste ich nicht, warum ich eigentlich anfing das tibetische Alphabet zu lernen. Es war einfach interessant, aber ich hatte es weder mit Buddhismus noch mit sonst etwas in Verbindung gebracht.

Als Ole frei kam und unsere Freunde vorschlugen nach Asien zu reisen, dachten wir: "Warum nicht? Wir müssen dahin und diesen Mann wiederfinden." Wir wussten nicht viel über ihn und wo er lebte, aber es war auch sehr aufregend einfach dorthin zu reisen. Wir fuhren also den ganzen Weg zurück nach Asien, durch all die muslimischen Länder. Das war eine ganz andere Welt. Schließlich erreichten wir Bodhgaya, und ohne zu wissen, wer der Buddha war oder was Buddhismus ist, berührte es uns sehr, dort anzukommen und einfach nur dort zu sein. Aber unser Hauptgedanke war die ganze Zeit über: "Wir wollen diesen Mann wieder treffen", nämlich Lopön Tsechu Rinpoche.

Als wir in Kathmandu ankamen, war das erste, was wir sahen, dass überall Leute am Straßenrand standen und warteten. Wir fragten, was los sei und sie sagten, dass sie auf Karmapa warteten. Zu dieser Zeit hatten wir noch keine Ahnung, wer Karmapa ist. Unser Hauptanliegen war, eine Frau zu finden, die uns damals zu Lopön Tsechu Rinpoche geführt hatte, und ihn durch sie wiederzufinden. Wir begannen zu suchen, fanden sie auch und erfuhren von ihr, wo Rinpoche lebte. Dort sagte man uns aber jedes Mal: "Tut uns leid, er ist nicht zu Hause. Er ist bei Karmapa." Wir fragten: "Wer ist Karmapa? Wo finden wir ihn?", denn wir wollten Lopön Tsechu Rinpoche finden. Dafür mussten wir wohl zuerst Karmapa finden. Man sagte uns: "Geht nach Swayambu, dort könnt ihr ihn heute treffen. Lopön Tsechu Rinpoche wird auch dort sein.

So gingen wir nach Swayambu und stiegen die Treppen hoch. Wenn ihr mal an Swayambu gewesen seid, dann wisst ihr was "steigen" auf der steilen Seite von Swayambu heißt. Wir bemerkten schon, dass dort etwas los war, und als wir oben ankamen, sahen wir rechter Hand eine große Menschenmenge. Karmapa saß dort mit seiner Krone über dem Kopf. Das war also unser erster Eindruck von Karmapa. Und man kann sagen, damit war es eigentlich schon geschehen. Er schaute uns an und wir waren sofort völlig fasziniert. Es war eine fremdartige Szene und wir wussten nicht, was wirklich vor sich ging - aber wir schauten einfach und nahmen alles was geschah in uns auf.. Danach gingen wir zu ihm vor und er segnete uns zum ersten Mal.

Karmapa muss gewusst haben, dass wir etwas sehr Überzeugendes bräuchten, um völliges Vertrauen zu entwickeln. Vielleicht weil wir diesen sehr skeptischen Hintergrund hatten und auch all die psychedelischen Forschungen betrieben hatten. Deswegen gab er uns von Anfang an so starken Segen, dass wir es wirklich spürten und er uns damit überzeugte. Er vollführte wirklich Wunder. Aber ich denke, wir wären ihm auch nicht gefolgt, wenn er das nicht getan hätte. Auch für Ole war es überhaupt nicht normal, jemanden als Lehrer zu akzeptieren. Wir beide - ich in etwas anderer Weise als Ole - waren davon überzeugt, dass wir alles selbst wussten, ohne die Hilfe von jemand anderem zu brauchen, dass wir es vielleicht sogar besser wussten als irgendwer anderes.

Karmapa war in seiner Weise mit uns zu arbeiten so stark, dass sein erster Segen uns diese unglaubliche echte Übertragung gab. Zu der Zeit verglichen wir es mit der Wirkung von LSD, wir hatten aber nichts genommen, und es war anders als LSD. Der Segen arbeitete so, dass ich eine Art Einblick in den Geist hatte.

Diese und die folgenden Erfahrungen im direkten Kontakt mit Karmapa waren so stark, dass es danach bei uns nie mehr einen Zweifel daran gab, dass dies die richtige Sache ist. Dafür sind wir sehr, sehr dankbar. Obwohl es noch viel Auf und Ab gab und alles Mögliche geschah, so bedeutete diese bestätigende Erfahrung doch, dass wir niemals mehr Zweifel an der Richtigkeit der Sache hatten. Auch wenn man noch nicht auf der Ebene ist, so weiß man dann, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Karmapa gab uns diese Sicherheit, als wir ihn zum ersten Mal trafen. Ich konnte es nicht in Worte fassen, aber danach war etwas völlig verändert. Ole und ich mussten uns erstmal hinsetzen und einfach nur in diesem Segen verweilen. Dann boten uns die Tibeter an: "Wollt ihr nicht mitkommen und Lopön Tsechu Rinpoche sehen?" Wir waren ja gekommen um ihn zu treffen und er war jetzt bei Karmapa.

Wir wurden in ein Zimmer geführt, in dem Karmapa und Lopön Tsechu Rinpoche saßen. In ihren Augen müssen wir sehr komisch ausgesehen haben. Wir waren ja Hippies (Hannah lacht). Ich hatte so eine Jacke aus Afghanistan, die immer noch etwas roch. Davon abgesehen waren wir aber sauber, wir waren nicht diese Sorte von Hippies! Wir fingen auch nie die Tage mit Rauchen an, das geschah nur abends. Ich war sehr dünn damals und für asiatische Verhältnisse sehr groß.

Karmapa war einfach umwerfend liebevoll mit uns! Das Erste, was er uns aus irgendeinem Grund beibrachte, waren die tibetischen Namen der fünf Farben. Wir verstanden natürlich die Sprache nicht, aber er lachte nur und segnete uns. Lopön Tsechu Rinpoche saß dabei und wir waren sehr glücklich ihn wieder zu treffen, denn wir waren sehr auf ihn eingestellt. Dann gingen wir wieder und alles war gut.

20 Jahre später erfuhren wir einmal von Lopön Tsechu Rinpoche, was danach geschehen war. Wir hatten damals zuerst ein paar nicht so leichte Monate und bekamen 20 Jahre später von Lopön Tsechu Rinpoche eine Art Erklärung dafür. Er sagte uns, dass Karmapa ihn, nachdem wir den Raum verlassen hatten, fragte, wer wir seien. Lopön Tsechu Rinpoche nannte uns dann bereits "meine Schüler". Daraufhin erwiderte Karmapa: "In Ordnung, aber jetzt sind es meine Schüler."

Wir hatten also Lopön Tsechu Rinpoche wieder getroffen und waren nun auch Karmapa begegnet. Obwohl wir nicht wussten, worum es ging und nicht einmal wussten, dass sie Buddhisten waren, wollten wir mehr über diese unglaublichen Menschen erfahren. Sie waren einfach so überwältigend. Wir spürten, dass es da etwas Besonderes gab und wollten herausfinden, was dahinter steckte. So folgten wir also Karmapa überallhin, rannten die Berge auf und nieder, und wenn er im Helikopter irgendwohin flog, dann waren wir schon vor ihm da. Für die Tibeter wurde es wohl schon zu einer Art Witz, dass wir immer dabei waren.

Und Karmapa war so liebevoll mit uns! Unglaublich liebevoll! Zu der Zeit gab es dort nur wenig Ausländer, aber er nahm uns überall hin mit. Bei einer Gelegenheit nahm er uns mit zu Urgyen Rinpoches Kloster. Karmapa machte immer viel Späße und mit Ole sogar auf physischer Ebene. Ole drückte fest seine Hand und klopfte Karmapa auf die Schulter, eine sehr familiäre Umgangsweise, die man normalerweise mit Karmapa nicht pflegt! Aber wir wussten das nicht und ihn schien es nicht zu stören, er lachte einfach nur viel.

Bevor er dann Nepal verließ, lud er uns nach Sikkim ein. Natürlich waren wir sehr glücklich darüber und wir fragten Lopön Tsechu Rinpoche, ob es in Ordnung sei, denn er war unser erster Lehrer und wir waren ihm sehr ergeben. Es war in Ordnung, sagte er, wir sollten nach Sikkim gehen.

Die nächsten Monate verbrachten wir dann mit Warten, denn alles ging schief. Wir bekamen kein Visum, denn es war eine politisch schwierige Zeit und Sikkim war eine "!restricted area", für die man nur schwer eine Besuchserlaubnis bekam. Wir warteten und warteten, Monat für Monat. Ole bekam einen Job als Englischlehrer in der amerikanischen Bücherei, und so hatten wir etwas, wovon wir leben konnten. Wir mieteten ein Zimmer gleich bei Lopön Tsechu Rinpoche, aber wir waren noch immer in der Hippie-Szene und rauchten Hasch. Jeden Tag gingen wir zu Lopön Tsechu Rinpoche und wurden immer hungriger danach, etwas von ihm zu lernen. Wir fingen auch an, auf eigene Faust nach unseren Büchern zu meditieren, machten Hatha-Yoga, übten Shine - wir hielten es zumindest dafür. Manchmal gingen wir in die Berge, nahmen LSD, kamen zurück zu Lopön Tsechu Rinpoche und baten ihn um Erklärungen.

Er war sehr klug! So klug! Denn er lehrte uns gar nichts! Er war einfach nur liebevoll, und je mehr Zeit verging, um so verzweifelter wollten wir etwas lernen. Bevor das Visum kam, hatten wir dann mit Hasch Rauchen aufgehört. Wir dachten: "Warum rauchen wir eigentlich immer noch? Und warum bekommen wir diese Erklärungen nicht?" So viele Veränderungen fanden statt, und wir fanden heraus, dass wir durch das Hasch nichts lernten. Es war nur Zeitverschwendung. Man muss verstehen: damals haben alle geraucht, es war eine große Sache. Aber wir wurden von selbst müde davon und immer ungeduldiger. Allerdings dachten wir immer noch, LSD könne die Welt verändern und einen erleuchten.

Nach sieben Monaten kam dann das Sikkim-Visum und wir konnten zu Karmapa. So reisten wir also nach Sikkim und als wir dort eintrafen, war es ... Magie!

Wir kamen in strömenden Regen an, in der Monsun-Zeit. Wer mal Monsun im Himalaya erlebt hat, weiß, was das heißt. Es ist einfach SEHR nass und je weiter nach Osten man kommt, um so nasser wird es. Wir wurden am Fuß des Berges auf dem das Kloster Rumtek liegt, abgesetzt und begannen den Aufstieg. Es sah nah aus, aber wir liefen und liefen und liefen und irgendwann nachts kamen wir schließlich in völliger Dunkelheit und total durchnässt an. Als wir unsere Schuhe auszogen, sah ich zum ersten Mal Blutegel. Alles war voller Blut in denSchuhen, es sah ziemlich dramatisch aus. Aber dort bedeutet das nicht viel, es ist recht normal.

Die Tibeter gaben uns ein Zimmer und waren sehr liebevoll. Sie sagten: "Der Morgen ist glückverheißender um Karmapa zu treffen, ihr müsst warten!"

Am nächsten Morgen führten sie uns dann zu Karmapa. Der erste, den wir dort in einem Vorzimmer trafen, war Lama Jigmela mit einem Hund. Wer Lama Jigmela kennt, weiß, dass er auch heute noch viele Hunde hat. Auch Karmapa selbst hatte einige Hunde. Wir warteten und warteten also und schließlich durften wir rein und sahen ihn endlich wieder.

Auf diesen Moment hatten wir so lange gewartet! Karmapa segnete uns und man sagte uns, dass wir jetzt Zuflucht nehmen könnten. Wir wussten nicht viel über die Zuflucht, gaben uns einfach nur völlig Karmapa hin. Karmapa schickte jemanden der uns auf diesen Tag, den Vollmond-Tag im September, vorbereitete. Wir rasierten uns beide alle Haare ab, auch ich! Ohne zu wissen, was uns erwarten würde, überließen wir alles Karmapa. Wir wussten auch nicht, wie es nach der Zuflucht weitergehen würde, wir ließen das alles ihn entscheiden. Wir gaben ihm im wahrsten Sinne des Wortes Körper, Rede und Geist.

Für die Zeremonie wurden wir in sein Zimmer geführt. Außer Karmapa und einigen Lamas, die ihm halfen, waren nur Ole und ich da. Karmapa ließ uns alles, was er sagte, in Tibetisch wiederholen und dabei ließ er uns in einer unbequemen Haltung sitzen, die man auch einnimmt, wenn man Versprechen ablegt. So saßen wir da, während es dauerte und dauerte und dauerte und wir diese Worte wiederholten. Es tat weh! Es tat so furchtbar weh! Für Ole war es noch schlimmer als für mich. Es war richtig hart! Karmapa wusste natürlich genau Bescheid und es war so etwas wie ... man kann sagen, der Punkt an dem es ernst wurde. Seine Art uns zu lehren war sehr geschickt.

Als die Zeremonie vorbei war, sollten wir zu Karmapa vorgehen. Aber nach dem langen Sitzen in dieser Haltung zu gehen, war unmöglich.Irgendwie schafften wir es dann doch zu ihm zu gelangen,er schnitt uns Haare ab und wir nahmen die fünf Laien-Versprechen,die Genyen. Karmapa gab uns die Namen und einen Segen. Norbu, derThangka-Maler, war übrigens auch dabei.

Obwohl es so weh tat, war es wieder ein sehr starker Segen. Erklärungen bekamen wir aber nicht. Es wurde fast alles in Tibetisch gesprochen und das verstanden wir nicht. So gingen wir wieder in unser Zimmer und in den Tagen darauf fingen wir an zu verdauen, was geschehen war.

Zu dieser Zeit endete in Rumtek das Yerne , das Sommer-Retreat. Wir wurden eingeladen bei den anschließenden Feierlichkeiten teilzunehmen und zuzuschauen. Sie fanden draußen statt und ich hatte keine Ahnung was es bedeutete, mit meinem glattrasiertem Kopf in der Sonne zu sein. Am Abend war mein Kopf so angeschwollen, dass ich wie ein Marsmensch aussah. Am Tag darauf wurde es aber schon wieder besser. Karmapa lachte jedes Mal, wenn so etwas geschah, und schickte immer Leute um zu schauen, ob mit uns alles in Ordnung sei. Norbu half bei der Übersetzung, zum Beispiel unserer Namen.

Wir dachten: "Jetzt haben wir Karmapa getroffen und sind bei ihm in Sikkim. Das war's, hier bleiben wir für immer und lernen von Karmapa". Aber es kam anders. Unsere Visa galten erst nur für ein paar Tage, und da Karmapa auf allen Ebenen dort so einflussreich war, schafften wir es, ein paar Tage zu verlängern. Aber es kam der Zeitpunkt, an dem nichts mehr ging. Karmapa rief uns zu sich und sagte: "Jetzt müsst ihr gehen".

Für uns brach eine Welt zusammen. Wir konnten es nicht fassen und waren innerlich wie tot. Karmapa fing an uns etwas zu lehren. Er erklärte uns, dass die Zeit mit ihm nicht wie gewöhnliche Zeit sei. Zum ersten Mal machte er uns deutlich, dass ein paar Tage mit ihm wie ein Jahr irgendwo anders sind. Er wollte, dass wir verstehen, dass wir in anderer Weise denken sollten.

Da wir nicht in Rumtek bleiben konnten, hatten wir uns darauf geeinigt, dass es das Beste sei, nach Sonada zu Kalu Rinpoche zu gehen. Lopön Tsechu Rinpoche hatte uns bereits von diesem Lama erzählt, der manchmal einige Westler unterrichtete. Sonada war zwar nur eine halbe Tagesreise von Rumtek, aber wir waren sehr sehr traurig, dass es mit Rumtek nicht weiterging und wir nach Sonada geschickt wurden. Kalu Rinpoche hatte ein paar Schüler um sich und sie hatten zu praktizieren begonnen. Die Zeit war nun gekommen, in der wir tatsächlich anfangen sollten etwas zu lernen.

Wir bekamen von Kalu Rinpoche jeden Tag ungefähr eine Stunde Belehrungen. Es begann mit "Was ist die Zuflucht?" und "Was ist Karma?" und "Was sind die Paramitas?". Das ging über viele Monate und wir fingen auch mit dem Ngöndro an. Die ganze Zeit über während wir dort lebten, wollten wir aber eigentlich zurück nach Sikkim zu Karmapa. Gefühlsmäßig unterschied es sich bereits damals deutlich, ob man mit Karmapa oder mit Kalu Rinpoche war, ob man Schüler des einen oder des anderen war. Die Leute in Sonada waren Schüler von Kalu Rinpoche, und Kalu Rinpoche legte immer Wert darauf, dass wir Schüler von Karmapa waren. Wir verstanden nicht wirklich, was das hieß, aber er war sehr liebevoll mit uns.

Eines Tages erzählte er uns, dass Karmapa jetzt nach Bhutan reisen würde und dass es die Möglichkeit gäbe ihn zu treffen. Wir waren sofort auf dem Weg und als Karmapa dann von Rumtek runterkam, trafen wir ihn an der Teeshta-Brücke. Er nahm uns dann illegal in seinem Wagen versteckt mit nach Bhutan.

Je mehr wir im Laufe der Zeit in die Praxis hineinwuchsen, um so stärker wurde unser Band zu Karmapa. Er hatte uns mit dem Dharma in Verbindung gebracht und wir begannen nun immer mehr zu verstehen.

Ihr habt alle schon viel über unsere Zeit dort gehört und gelesen. Ich muss hier also nicht viel erzählen, was dort alles geschah. Aber ich möchte euch davon erzählen, wie Karmapa mit uns gearbeitet hat, denn seine Methode war, dass er uns sozusagen einfach ins Wasser warf und wir lernen mussten zu schwimmen.

Zum Beispiel rief er uns einmal in Rumtek zu sich und fragte: "Habt ihr einen Führerschein?" Ja, das hatten wir. Und so sagte er: "Gut, dann fahren wir nach Nepal. Es gibt nicht genug Fahrer. Warum fahrt ihr also nicht auch einen Jeep?" Man muss wissen: in Asien einen Jeep zu fahren ist anders als hier im Westen ein Auto zu fahren. Dort ist Linksverkehr, die Jeeps sind sehr alt und die Straßen in Nepal in den Bergen waren damals viel schlechter als heute. So fuhren wir also von Rumtek den ganzen Weg nach Kathmandu, und ich glaube das war die härteste Fahrt meines ganzen Lebens. Es war schrecklich.

Ole fuhr den Wagen, in dem auch die Schwarze Krone war, und ich fuhr einen der anderen Jeeps. Die Fahrt ging anderthalb Tage fast nonstop. Wir machten nur Halt um zu übernachten und wenn wir fuhren, dann ohne Pausen. Man konnte nicht richtig sehen, die Straßen waren schlecht und wir fuhren und fuhren, stoppten einmal für die Nacht und dann ging es wieder in die Berge. Dort hatte dann Ole einen Unfall. Ich war im Wagen hinter ihm und sah, dass Oles Wagen auf einmal immer schneller wurde. Er bremste nicht mehr in den Kurven, und ich blieb hinter ihm ohne zu wissen, was eigentlich los war. Und dann fuhr er plötzlich in eine Bergseite (Hannah lacht!). Es sah sehr gefährlich aus, die Straße ging ziemlich steil hinunter. Ich stoppte, Ole kam aus dem Auto und erzählte: Die Bremsen in seinem Wagen waren ganz und gar ausgefallen, man konnte nicht mehr bremsen.

Zum Glück war er am Lenkrad gewesen, denn er war fähig mit der Situation umzugehen. Karmapa war in einem anderen Auto weiter vorne und natürlich hielt der ganze Konvoi an. Die Tibeter reden immer noch über dieses Ereignis, denn Ole hatte den Lama, der die Schwarze Krone hielt, neben sich sitzen. Er hatte gerade angefangen, das Karmapa- Mantra zu sagen und an Karmapa zu denken.

Karmapa kam dazu und es wurde diskutiert, wie es weitergehen solle. Wir waren ja mitten in den Bergen. Ole schlug vor, die Wagen aneinander zu binden. Karmapa war die ganze Zeit während der Diskussion dabei und prüfte alles. Es war eigentlich eine völlig verrückte Sache, alles Mögliche hätte schief gehen können. Schließlich aber schien es die einzige Lösung zu sein: Ole saß alleine in dem Wagen und er sollte gezogen werden.

Karmapa kam zu mir und wollte wissen, ob ich das für eine gute Idee hielt. Und ich fragte zurück: "Was denkst Du?", denn wir hatten jetzt das Vertrauen in ihn, dass er genau wusste, was geschieht. Wenn er grünes Licht gab, würde es gut gehen. Er sagte dann: "Okay", wir fuhren weiter und es ging gut. Aber es war eine verrückte Sache!

Die ganze Zeit über, in vielen Situationen, prüfte er unser Vertrauen in ihn: Etwas geschah, und er wollte immer ein Feedback von uns zu dem, was geschehen war. Er prüfte auch, wie weit wir gehen würden. Wie weit würde unser Vertrauen in ihn reichen?

Einiges von dem, was er tat, konnten wir erst später richtig verstehen, wenn er anderen Leuten etwas erzählt hatte. Als wir ihn zum Beispiel das erste Mal trafen, schenkten wir ihm LSD, denn es war in unseren Augen unser bestes Geschenk. Er nahm es freundlich an. Jahre später erzählte er einmal Leuten davon und dass dieses LSD nichts Gutes sei. Aber er habe es angenommen, denn so würden wir es wenigstens nicht schlucken!

Als er uns Zuflucht und die Laien-Versprechen gab, sagte er uns nur eine einzige spezielle Sache. Nämlich, dass wir nun kein LSD mehr nehmen können, denn wir hatten das Versprechen abgelegt, keine berauschenden Substanzen zu nehmen. Sein Segen war so stark, dass wir von dem Moment an nie wieder daran dachten LSD zu nehmen. Es fühlte sich an, als würde es einfach nicht mehr existieren. Und zuvor war es die Sache gewesen. Wir glaubten nicht mehr an andere Drogen, das Hasch Rauchen hatten wir schon aufgehört, aber an LSD glaubten wir immer noch. Aber danach dachten wir nie wieder daran. Was immer er sagte, worauf auch immer er seinen Segen legte, es funktionierte immer unmittelbar.

Wenn Karmapa uns Belehrungen gab, dann geschah das nie in formaler Weise, er gab uns nur Essenz-Belehrungen. Er fragte uns zum Beispiel plötzlich, was wir über dieses oder jenes denken? Wir antworteten etwas und fingen danach an darüber nachzudenken und die Antwort zu verbessern, klüger zu machen. Aber er hörte nicht mehr zu, sondern sagte: "Erster Gedanke, bester Gedanke". Das war seine Ebene der Belehrungen. In allem sehr direkt und konzeptfrei.

Manchmal übersetzte ich für ihn, das war schwierig und ganz anders als für jemand anderen. Ich hatte das Alphabet gelernt und das erwies sich in Sonada auch als sehr nützlich. Als wir dort Ngöndro machten, hatten wir tibetische Texte und keinen richtigen Übersetzer. So fing ich also einfach an. Wir bekamen ein Wörterbuch und da ich das Alphabet gelernt hatte, konnte ich es lesen und Wort für Wort übersetzen. Als wir die Verbeugungen machten, übersetzte ich den Text dazu. Nach den 100.000 kamen wir zur nächsten Übung, ich übersetzte diesen Text und wir lernten zu verstehen, was wir taten. Wir fingen also ganz von Grund auf an, übersetzten und lernten in dieser Weise.

Nach einigen Jahren, in denen wir immer wieder in Sikkim waren, das Ngöndro abgeschlossen und einige Zeit mit Karmapa verbracht hatten, rief er uns eines Tages zu sich und sagte: "Jetzt geht ihr heim!" "Heim? Wo ist das?" Wir hatten angenommen, dass wir für immer da bleiben würden. Einmal hatten wir Karmapa sogar unsere Reisepässe gegeben und dachten, dass es damit erledigt wäre. Aber nun sagte er: "Ja, es ist Zeit für euch heimzugehen. Es wird dort andere Leute geben, die ebenfalls hören wollen, was ihr hier gelernt habt."

Er schenkte uns ein Thangka, das die drei Haupt-Bodhisattvas zeigt: Liebevolle Augen, Weisheitsbuddha und Diamant-in-Hand. Karmapa sagte: "Ihr werdet Mitgefühl brauchen, ihr werdet Weisheit brauchen und ihr werdet Kraft brauchen. Ich gebe euch diese drei und ihr werdet sie mitnehmen, wenn ihr zurückgeht. Symbolisch dafür gebe ich euch auch dieses Bild." So sandte er uns in den Westen und er sagte: "Ich werde euch zuerst Kalu Rinpoche schicken, so dass er den Weg bereiten kann - das tat er auch, als wir aus Tibet flohen. Danach werde ich dann selbst kommen."

So schickte er uns im Herbst 1972 zurück. Wir bereiteten alles vor, wie er gesagt hatte, und 1974 kam Karmapa zum ersten Mal selbst. Er landete in Oslo und wir hatten ein Auto für ihn vorbereitet. Ihr habt vielleicht in Filmen gesehen, wie Karmapa damals in den USA empfangen wurde - wir aber hatten nur einen kleinen bemalten VW-Bus mit netten Gardinen und hübschen Kissen für ihn, und damit holten wir ihn und seine Reisegruppe vom Flughafen ab. Erst verbrachten wir in Oslo etwas Zeit mit ihm und dann fuhren wir rüber nach Stockholm. Dort hatte ich dann einen Traum von meiner Mutter und erzählte Karmapa davon. Er sagte nicht viel, nahm es einfach so hin. An einer Stelle in Schweden, an der wir zusammen mit Kalu Rinpoche ein Zentrum gestartet hatten, saß ich mit Karmapa in einem Zimmer und plötzlich brachte man ein Telefon. Oles Mutter war dran und sie sagte mir, dass soeben meine Mutter gestorben sei. Sie hatte einen Herzinfarkt, es war ein plötzlicher schneller Tod.

Karmapa saß währenddessen neben mir und erhielt die Nachricht dadurch unverzüglich. Er sagte: "Deine Mutter hat großes Glück!" Er erzählte, dass sie eine Verbindung mit ihm hatte, und dass es eigentlich sehr glückverheißend sei, dass sie genau in diesem Moment gestorben ist. Er hielt sofort eine Zeremonie ab und gab meiner Mutter in diesem Moment tatsächlich eine Ermächtigung. Man kann wohl keinen besseren Tod haben. Natürlich war es schwierig, aber dass Karmapa in diesem Moment da war und sich um sie kümmerte, war sehr besonders.

Gleich danach fuhren wir nach Kopenhagen, wo er dann zum ersten Mal eine Schwarze-Kronen-Zeremonie gab. Zu dieser Zeit wusste noch niemand, was Buddhismus oder wer Karmapa ist. Trotzdem kamen aber 2.000 Leute, unter ihnen auch mein Vater. Meine Eltern hatten ihr ganzes Leben miteinander verbracht und so ein plötzlicher Tod ist schwer für den Zurückgebliebenen. Mein Vater war eingeladen worden und Karmapa kümmerte sich besonders um ihn und erklärte ihm, wie glücklich meine Mutter sei. Das war natürlich für meinen Vater als Nicht-Buddhist schwer zu verstehen, aber es half ihm trotzdem. Karmapa schenkte meiner Mutter viel Aufmerksamkeit, einige Tage später gab er speziell für sie noch eine Ermächtigung auf "Allmächtiger Ozean" (tib. Gyalwa Gyamtso), die rote Form von "Liebevolle Augen" in Vereinigung. Sie hatte eine starke Verbindung zu ihm. Auch vorher war sie schon sehr offen für Buddhismus gewesen und in all den Jahren unserer Hippie-Zeit und der Zeit im Gefängnis war sie diejenige mit dem größten Verständnis und hatte oft die Situation gerettet, wenn es schwierig wurde. Bevor Karmapa kam, ahnte sie bereits etwas. Als ich sie zum letzten Mal sah, sagte sie mir, was ich tun solle, wenn sie sterben würde. Die Art und Weise, wie Karmapa sich um sie kümmerte, war sehr liebevoll. Genauso war er mit Oles Eltern und später mit meinem Vater. Er kam sogar zu uns nach Hause. Er kümmerte sich einfach auf allen Ebenen und war sehr mitfühlend.

Wie gesagt: Karmapa lehrte uns oft in der Weise, dass er uns sozusagen ins Wasser warf und wir schwimmen lernen mussten. Das hatte ich einige Male sehr stark mit ihm erlebt.

Ein solches Erlebnis begab sich auch als er uns wieder - ich glaube es war 1977 - in Europa besuchte. Wir fuhren mit der ganzen Gruppe von Dänemark in einem Bus runter nach Holland. Während der Fahrt muss es wohl sehr gezogen haben, denn als wir in Holland ankamen, war ich schwer krank: ich hatte eine Nierenbeckenentzündung. Das Zentrum bestand aus einem Turm, Ole und ich wohnten ganz oben und Karmapa war an einem anderen Ort untergebracht. Ich war wirklich sehr krank! Es war so schmerzhaft! Ich lag mit Fieber und Krämpfen total flach. Für die Toilette musste man sechs Stockwerke die Treppen hoch und runter laufen. Ich dachte wirklich, dass ich sterben würde, und wusste auch nicht, was überhaupt los war, denn so etwas hatte ich nie zuvor gehabt.

Abends war eine Karma Pakshi Ermächtigung mit Karmapa angesetzt und ich sollte übersetzen. Karmapa rief mich zu sich und ich kroch dorthin. Er lächelte und fragte: "Es ist okay. Wo ist es, was tut weh?" Ich zeigte ihm wo, er blies darauf und er sagte: "Gut, du gehst ins Krankenhaus. Aber erst haben wir noch diese Ermächtigung". Die Ermächtigung fand also statt und ich übersetzte für ihn. Ich weiß nicht, wie ich das schaffen konnte.

Für Karmapa zu übersetzen war überhaupt ganz anders als für irgend jemand anderen, denn er lehrte nicht in gewohnter Weise. Ich hatte zu dieser Zeit gerade erst mit dem Übersetzen angefangen. Normalerweise waren die Belehrungen schön strukturiert. Ich hatte etwas Dharma gelernt, konnte den Gedanken folgen und es war eine völlig normale Sache - man hört ein paar Worte, übersetzt sie und es macht Sinn.

Aber wenn Karmapa lehrte, dann sprach er poetisch und folgte keiner Struktur. Er wirkte so als wüsste er gar nicht, worüber er redet. Es war nicht möglich, in der normalen intellektuellen Weise zu übersetzen. Die einzige Chance war, alles zu vergessen, zu versuchen sich auf ihn einzustellen und darauf vertrauen, dass er es irgendwie schaffen würde durch einen zu arbeiten und dass dann das Richtige rauskommen würde. An diesem Tag mit der Krankheit war das natürlich noch schwieriger.

Während der Einweihung erklärte er dann, was man sich vorstellt, wie alles aussieht usw. Es gibt in der Karma Pakshi Ermächtigung einen Teil, zu dem die Lamas, einschließlich Karmapa, normalerweise nie etwas erklären. An diesem Tag jedoch fing er an, dem Text folgend Belehrungen über die Natur des Geistes zu geben. Es geht dabei um die Wort-Ermächtigung, bei der Mahamudra-Worte verwendet werden, die einen plötzlich - Klick! - den Geist verstehen lassen. An dem Tag lehrte er das tatsächlich und ich musste es übersetzen. Ich bin sehr dankbar dafür, denn es war wieder eines seiner geschickten Mittel: in solch einer extremen Situation funktioniert man nicht in normaler Weise. Man muss Karmapas Belehrungen dann irgendwie intuitiv erfassen, man schafft es nicht anders. Er gab mir also einen unglaublichen Segen und ich schaffte es. Ich weiß eigentlich nicht, was ich sagte, aber es war okay und alles war gut. Anschließend wurde ich ins Krankenhaus gebracht.

Karmapa konnte einen in verschiedenste extreme Situationen bringen und dann etwas lehren. Das tat er ziemlich häufig.

Viele Leute hatten sogar etwas Angst vor Karmapa, denn er war so kraftvoll, dass es sogar ein wenig erschreckend sein konnte. Wenn er lachte, dann lachte das ganze Haus. Wenn er die Stirn runzelte, ging die ganze Welt unter. Er war sehr kraftvoll und nah bei ihm zu sein, war für manche Leute etwas erschreckend. Auch ich hatte Momente, in denen es fast zuviel für mich war, und das war ein Teil der Reinigung. Zu anderen Zeiten, wenn er sein Mitgefühl in der liebevollen Weise zeigte - natürlich geschah sowieso alles aus Mitgefühl - dann schmolz er jedermanns Herz - ob die Leute Buddhisten waren oder nicht.

Einmal fuhr ich einen Wagen und Karmapa war mit im Auto. Wir kamen aus Frankfurt und ich glaube wir fuhren bis nach Österreich. Das Auto war eine Art Van und sehr langsam, es hatte einfach keine Kraft. Ganz gleich wie sehr ich auf das Gaspedal trat, es tat sich nichts. Wir wussten zu dieser Zeit bereits wie gerne Karmapa Auto fuhr und auch, dass er gerne schnell fuhr. Und nun musste ich ihn in diesem Wagen fahren und mir war von Anfang an klar, dass es eine Katastrophe werden würde.

So fuhr ich also und dann fing er an mich anzuschauen. Ich stellte ihm irgendwelche Fragen und nach einiger Zeit ließ er mich den Wagen anhalten. Er verließ den Vordersitz und wollte lieber auf den Rücksitz. (Hannah lacht) Ich fuhr weiter und dann ging es bergauf und der Wagen wurde noch langsamer. Karmapa sagte plötzlich: "Jetzt überholst du mal!", und das war einfach unmöglich. Das Gaspedal zeigte keine Wirkung, es würde eine Ewigkeit dauern, den Wagen vor uns zu überholen und ich konnte nicht sehen, ob jemand entgegen kam. Karmapa versuchte tatsächlich, mich dazu zu bewegen und ich wusste wirklich nicht, ob ich es tun sollte oder nicht. Ich hatte sie alle im Auto und wenn etwas passieren würde, wäre das schrecklich. Und doch: er sagte, ich soll es tun! Aber bevor es dazu kam, war der Wagen so langsam geworden, dass es nun völlig unmöglich geworden war.

Wieder war es so eine Situation in der er wollte, dass man etwas tat, was gegen jeden gesunden Menschenverstand ging. Aber man hat das Vertrauen und muss es tun. Ich versuchte es auch, aber es ging einfach nicht und er war bereits auf dem Rücksitz. Der Rest der Reise dauerte viel länger als normal, aber es war nicht zu ändern. Als wir dann nach München kamen, stieg Karmapa in das schnellere Auto, das Ole fuhr, um. Aber er lachte auch. Die ganze Zeit über machte er solche Sachen und lachte dann. Er sah unsere Reaktion und lachte. Es war Belehrung und Reinigung zugleich.

Ein anderes Mal schenkte er Ole und mir in Rumtek einige Sachen. Ich bekam von ihm zusammengefaltete Kleidung und ich war so glücklich! Dann sagte er, ich solle sie anziehen und das tat ich. Es war ein tibetischer Chuba der altmodischen Sorte für Frauen. Heute sind sie leicht anzuziehen, in einem Stück und sie passen jedem ganz leicht. Aber das war einer der alten Sorte, es war schwierig, ihn richtig anzuziehen.

Karmapa wünschte wirklich, dass ich ihn anzog. Eigentlich sollten Chubas lang getragen werden, es zeigt Klasse, wenn man sie lang trägt. Ich war natürlich größer als alle anderen dort, und man kann sich gut vorstellen, wie ich aussah. Der Chuba war so kurz, dass es eigentlich unmöglich war, ihn zu tragen. Karmapa lachte und lachte. Ich musste denChuba vorführen, und Karmapa rollte sich vor Lachen, denn für Tibeter sah ich unglaublich komisch aus. Ich war ohnehin so groß, dass sie nicht wussten ob ich ein Junge oder ein Mädchen war, und dann mit diesem kurzem Chuba ... Aber es war ein Geschenk von ihm und so musste ich es tragen und er lachte und lachte.

Er machte gerne solche Sachen - einerseits Reinigungen, aber auch einfach komisch. Sein Humor war so unglaublich. Wenn man für ihn übersetzte, machte er manchmal Witze, die man eigentlich nicht übersetzen durfte. Er brachte mich gerne in solche Situationen vor anderen Leuten, es war sehr komisch.

Wir waren zwölf Jahre mit ihm zusammen. Man kann natürlich sagen, dass er sehr jung gestorben ist und als sein Schüler spürt man den Verlust. Zugleich ist es aber kein Zufall, wenn ein Karmapa stirbt. Er weiß, wann es gut ist zu sterben und es passt dann alles. Ein Karmapa stirbt nicht in normaler Weise.

Was wir bedauerten war, dass wir nicht mehr mit ihm kommunizieren konnten. Zuerst hatten wir ja die Sprache nicht verstanden, später gab es dann aber sehr viele Situationen, in denen er uns lehrte. Sein Lehrstil war, eher die Essenz zu geben als die Details. Das ging nicht nur uns so, es ist überhaupt die Funktion Karmapas. Wir werden sehen, wie es der 17. Karmapa hält.

Die Karmapas geben weniger die langen Belehrungen als die Einweihungen und die direkten Anweisungen. Er hatte uns mehrmals zu sich gerufen und uns Geist-Übertragungen gegeben, die Essenz von allem. Wenn es dann um die Erklärungen zu den Details ging, wie man zum Beispiel die 8. Karmapa-Meditation macht, dann schickte er uns dafür zu anderen Lamas. Manchmal schickte er auch andere Lamas zu uns und bat sie uns etwas zu erklären. Er fragte sie dann später, wie es lief und wie es mit der Praxis voranging und er checkte es mit uns. Für das Phowa schickte er uns zum Beispiel zu Ayang Rinpoche und sagte, das sei jetzt eine gute Sache zu lernen.

Fast alles, was Karmapa sagte, jede Anweisung die er gab, war wirklich bedeutungsvoll. Auch wenn man es in dem Moment nicht gleich verstand, so erinnerte man sich später plötzlich an etwas, das er gesagt hatte. Das traf dann ein oder ließ einen die Situation verstehen. Es gab nichts Zufälliges, kein Wort war verschwendet, keine Zeit wurde für irgendwas vergeudet. Alles hatte Bedeutung auf irgendeiner Ebene, und war in irgendeiner Weise eine Belehrung. Wir hatten großes Glück, dass er hier in Europa war. Ich denke, dass das Wachstum des Diamantweges im Westen durch ihn geschah. Wir folgten einfach völlig dem, worum er uns gebeten hatte. Karmapa war ganz deutlich damit, was wir im Westen tun, wie wir praktizieren und was unsere Aktivitäten sein sollten.

Das war so bis hin auf die kleinste Ebene. In England rief er uns einmal zu sich und sagte, dass er nun nach Samye Ling weiterreisen würde und es gut wäre, wenn wir nach Irland rüber fahren würden. Bei der Gelegenheit gab er uns einen Geldschein und sagte: "Wenn ihr eure Motivation wirklich völlig rein haltet und keinerlei Eigeninteresse habt, dann wird es euch nie an irgendwas mangeln." Symbolisch dafür gab er uns den Geldschein.

Es ist wirklich so: wenn man immer die richtige Motivation hat und die Bände hält, dann kann man nicht falsch liegen. Was immer dann geschieht, wird Bedeutung haben, wird richtig sein. Immer und immerwieder betonte er auch, dass wir keine Politik in die Aktivität mischen sollen. Das sagte er sehr oft zu uns und wir wussten gar nicht, wovon er sprach, denn uns war nicht klar, was er mit Politik meinte. Später fanden wir es heraus und erinnerten uns an seine Worte. Politik bedeutet natürlich: wenn die Motivation nicht mehr nur für das Dharma ist und das, was man im Dharma tut nicht mehr nur dafür ist anderen zu helfen. Wenn man anfängt, Sachen im Eigeninteresse zu manipulieren statt die Prioritäten so zu setzen. dass jeder den meistmöglichen Nutzen hat - dann werden die Dinge politisch. Als dann die Karmapa-Kontroverse aufkam, waren es diese Worte, die Ole und mich leiteten. Wir erinnerten uns, was er uns gesagt hatte, wir sahen, was andere taten - und es wurde deutlich, wovor er uns damals gewarnt hatte.

1980 kam Karmapa zum letzten Mal in den Westen und machte auf seinem Weg nach Amerika eine Zwischenstation in London. Er besuchte keine weiteren Stellen in Europa und wir flogen dann nach Amerika. Das war das letzte Mal, dass wir ihn sahen. Ole hat oft davon erzählt, wie wir Karmapa zuerst in Woodstock trafen und die letzte Kronzeremonie bekamen. Unsere letzte Begegnung mit ihm war in Boulder in Colorado.

Zurückblickend ist uns heute klar, was damals los war, aber zu der Zeit konnten wir nicht sehen, dass es die letzte Begegnung sein würde. Karmapa wusste es natürlich ganz genau und es gab auch schon einige Zeichen. Als wir uns von ihm verabschiedeten, fing ich an zu weinen. Ich wusste nicht warum, es gab keinen Grund, etwas war einfach anders als sonst ... Es gab so viele Zeichen, die darauf hindeuteten. Es war das letzte Mal, aber das möchte man manchmal nicht wahr haben.

Dort in Boulder gab uns Karmapa Anweisungen darüber, was wir in Zukunft tun sollten. Nachdem wir uns verabschiedet hatten und schon auf dem Weg hinaus waren, rief er uns zurück und sagte uns noch einiges mehr. Das alles geschah in einer anderen, ganz besonderen Weise. Da es das letzte Mal war, dass wir ihn in dieser Inkarnation sahen, blieben seine Worte natürlich sehr stark in unserer Erinnerung. Er sagte uns auch, dass wir zu einer bestimmten Zeit nach Rumtek kommen sollten. Karmapa wusste bereits, dass er sterben würde.

Ich träumte später, dass mich die Dakinis per Telefon anriefen und mir sagten, dass Karmapa gestorben sei. Leider stimmte es. Wir fuhren mit einer Reisegruppe nach Rumtek und waren zum Zeitpunkt seines Todes dort. Die Nachricht kam während einer Rote-Krone-Zeremonie mit Gyaltsab Rinpoche und wir wussten sofort, was passiert war. Irgendwie war uns klar, was geschehen war.

Viele von euch haben das mit Lopön Tsechu Rinpoche erlebt, denn ihr habt ein starkes Band mit ihm entwickelt: Wenn der Lehrer stirbt, ist es gemischt: Auf der normalen menschlichen Ebene ist man natürlich traurig und vermisst ihn. Das kann man nicht vermeiden, es ist einfach menschlich, denn man wird ihn nicht mehr in seiner Form sehen. Man hat Anhaftung an seine Form und vermisst ihn deswegen.

Aber zugleich hat man gerade in der Zeit nachdem der Lehrer gestorben ist, die Gelegenheit ihm völlig nah zu sein, wenn man dann meditiert. Der Lehrer verweilt dann in Meditation, und zu dieser Zeit kann man sehr starken Segen von ihm erfahren.

Wir erlebten das inmitten der Trauer in Rumtek. Da war ein riesiger Segen und man konnte sehr deutlich Karmapas Präsenz spüren, es war einfach jenseits von allem. So eine Erfahrung bestätigt unsere wahre Natur, die immer da ist, egal ob wir einen Körper haben oder nicht, und die Tatsache dass diese Qualitäten andauern und weiter gehen. Dies ist eine Zeit, in der es leichter ist, sich mit seiner wahren Natur zu verbinden, die gleiche, die auch uns innewohnt. Das bleibt dann bei einem und gibt einem Kraft. Es macht einem deutlich, dass man das Richtige tut und gibt Kraft für die Aktivität. Was Ole tut, ist Karmapas Aktivität. Karmapa hat ihn dazu ermächtigt, und das ist, was geschieht.

Ich erinnere mich, dass vom ersten Moment an, als wir ihn trafen, bis zu seinem Tod, seine Augen das Auffälligste an ihm waren. Wenn man ihm in die Augen schaute, war man irgendwo anders, Lichtjahre entfernt, wie in einer anderen Dimension, zur gleichen Zeit hier und überall. Mit diesen Augen schaute er oft auf Ole.

Jetzt ist uns klar, wie viel man auf der Ebene Karmapas wissen kann und wir sind uns sicher, dass er, als wir damals als Hippies zu ihm kamen, schon sehen konnte, was heute alles geschieht. Deswegen ermächtigte er Ole in dieser Weise.

Wir hatten auch mehrere Begegnungen mit ihm, bei denen er einfach nur schaute, nichts sagte, nur verweilte. Ich weiß nicht, wie lange wir so verweilten, für einige Zeit, und er segnete uns ohne Worte. Dieser Segen durchdringt unsere ganze Aktivität, das ist unsere Wurzel, unsere Quelle.

In all den Jahren seit Karmapa starb und bis sich der 17. Karmapa zeigte, ist unsere Aktivität nur gewachsen, denn er war die ganze Zeit so präsent und zeigte so klar die Richtung. In dieser Weise hat es nichts geändert, dass er nicht mehr physisch da war. Wenn etwas anlag, waren die Antworten immer da, als wäre Karmapa anwesend. Wenn man mit dem Guru Yoga diese Verbindung hält, gibt das eine Art Richtlinie. Es gibt einem die Sicherheit, dass alles stimmt. Ihr kennt das, ihr seid die Bestätigung dafür.

Ich denke, die Karmapa-Kontroverse war nicht schlecht. Für uns fühlte sie sich wie ein Filter an, der dafür sorgte, dass alles so weiterlaufen konnte, wie es der 16. Karmapa wollte. Karmapa wollte all diese politischen Spiele, die da auf einmal so im Vordergrund waren, nicht. Er wollte auf gar keinen Fall, dass wir das in unseren Ländern tun. Das ist etwas aus Tibet, was wir nicht brauchen.

Karmapa lehrte immer nur die Essenz, nicht so viele präzise traditionelle Sachen, sondern immer nur die Essenz. Das wollte er uns übertragen, das sollten wir benutzen und verwirklichen - und das ist, worum es geht. Die Methoden hat er bereits übertragen.

Die Aktivität des 17. Karmapa ist genau, wie sie der 16. Karmapa wünschte. Er ist auch genau so, wie er voraussagte, dass er sein würde. Er sagte: "Das nächste Mal werde ich anders sein. Ich werde sanfter sein und ich werde mehr studieren, denn das ist es, was die Welt zu dieser Zeit brauchen wird."

Und so ist er jetzt. Er ist nicht das große Kraftpaket wie der 16. Karmapa. Auf seine Weise hat er diese Kraft natürlich, aber die Aktivität ist ein wenig verschieden. Die Karmapas und die Bodhisattvas zeigen die Aktivität, die gebraucht wird, die am meisten Nutzen für alle Wesen bringt. Das ist, was wir jetzt mit dem 17. Karmapa erleben. Er ist kein Kind mehr und er wird richtig stark.


Übersetzung aus dem Englischen und Überarbeitung: Detlev Göbel und Claudia Knoll