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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 43, (Sommer 2007)

Erfahrung - Teil 2

Ärger mit der Unendlichkeit / Von Ralph Bohn

In dieser Artikelserie geht es um das Verhältnis von Buddhismus zur wissenschaftlichen Denkweise. Ist dieses Verhältnis ein gegensätzliches? Sind Buddhismus und wissenschaftliche Methode unvereinbar, so wie Wissenschaft und Religion unverträgliche Gegensätze sind? Oder können sie sich vielmehr gegenseitig fördern, unterstützen?


Ich denke, dass letzteres der Fall ist. Wir können sogar die Wissenschaft für den Weg zur Erleuchtung nutzbar machen. Allerdings bedarf der Buddhismus nicht der westlichen Wissenschaft. Andererseits bin ich überzeugt, dass die Wissenschaft auf eine buddhistische Sichtweise zustrebt, wenn sie ihre ureigenste Methode konsequent anwendet. Die große Gemeinsamkeit zwischen Buddhismus und wissenschaftlicher Methode ist der Bezug auf die Erfahrung, statt auf den Glauben. "Prüfe selbst", sagt der Buddha. Dies muss auch ein moderner Wissenschaftler sagen, der eine Hypothese aufstellt und ernst genommen will. Doch in den Wissenschaften ergeben sich daraus zunächst sehr merkwürdige Konsequenzen.

Die Grenzen wissenschaftlicher Erfahrung
Ich hatte in der vorigen Ausgabe von Buddhismus Heute bereits geschrieben, dass mit dem Beginn der Neuzeit ein völlig neues Prinzip in das Denken der abendländischen Menschheit trat. Zum ersten Mal wurde es von dem englischen Philosophen Roger Bacon (1214 -1292) formuliert. Jede Theorie über einen Weltausschnitt hatte von nun an zwei Hürden zu nehmen: Sie muss so formuliert sein, dass sie prinzipiell durch Erfahrung überprüfbar ist. Man muss aus ihren allgemeinen Sätzen durch logisches Folgern andere Sätze ableiten können, die überprüfbare Aussagen enthalten, so genannte Beobachtungssätze. Zweitens müssen dann tatsächlich auch Experimente durchgeführt werden, die diese Beobachtungssätze und damit die Theorie bestätigen oder widerlegen, wann und wo immer man die Experimente durchführt. Dies ist der Kern der wissenschaftlichen Methode. Moderne Theorien kann man also auch dadurch charakterisieren, dass mit ihnen zukünftige Erfahrungen vorhergesagt werden können. Die Mehrzahl der Theorien, die bis dahin die physische Welt und den Geist erklären wollten, waren fast ausschließlich metaphysische und theologische Spekulationen, die nicht einmal prinzipiell der Erfahrung zugänglich waren. So kam es, dass sich christliche Theologen im Mittelalter die Köpfe heiß diskutierten, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben.

Die Wissenschaften nahmen von da an einen unerhörten Aufschwung. Man glaubte irgendwann, alles wissenschaftlich erklären zu können. Max Planck, dem Mitbegründer der Quantenphysik, riet man Ende des 19. Jahrhunderts noch davon ab, Physik zu studieren, da in der Physik bald alles erforscht sei. Doch bald stellte sich dies als gewaltiger Irrtum heraus, besonders durch das Werk genau dieses Max Planck. Aber auch die Wissenschaftler, die sich mit den Grundlagen der wissenschaftlichen Methode beschäftigten, kamen zu weiteren schwer verdaulichen Erkenntnissen. Obwohl die wissenschaftlichen Theorien die Welt immer besser beschreiben, obwohl sie Prognosen machen, die immer wieder zutreffen, besonders in der Physik, kamen die Wissenschaftstheoretiker und Philosophen Mitte des letzten Jahrhunderts zu dem Ergebnis, dass uns diese Theorien eigentlich überhaupt nichts darüber sagen, wie die Welt wirklich und letztlich beschaffen ist.

Ein und dieselben Beobachtungen können nämlich durch die
unterschiedlichsten Theorien völlig korrekt beschrieben werden. Es gibt
sogar unendlich viele Theorien, die ein und dieselben Phänomene korrekt
beschreiben. So glauben wir, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Dies ist die kopernikanische Theorie. Wir sind als menschliche Gattung sogar stolz darauf, dass wir das alte geozentrische Weltbild, nach dem sich die Sonne um die Erde dreht, überwunden haben. Tatsächlich gibt es aber kein Experiment, keine mögliche Erfahrung, die uns endgültig beweist, welches Weltbild das richtige ist, wie die Welt also wirklich beschaffen ist. Deshalb hat man nach Kriterien gesucht, mit denen man entscheiden kann, welche Theorie die richtige ist. Manche haben behauptet, dass Einfachheit ein solches Kriterium sein könnte. Aber das ist bei genauerem Hinsehen ziemlich schwammig. Denn was soll da einfach sein? Einfaches Verständnis für jedermann oder einfache mathematische Handhabung? Beides widerspricht sich offenbar. Man kommt vielmehr schnell zu dem Ergebnis, dass es schon rein logisch unmöglich ist, ein solches Kriterium zu benennen. Denn angenommen das Kriterium K wäre jenes Kriterium, das entscheidet, welche Theorie die richtige ist, dann bräuchten wir ja ein weiteres Kriterium, das entscheidet, dass gerade K das richtige Kriterium ist. Und so weiter ad infinitum.

Zwei weitere Grundlagenprobleme des wissenschaftlichen Denkens möchte ich nun im Folgenden vorstellen. Das erste Problem nennt man das Induktionsproblem, auf das uns als erster der bedeutende schottische Philosoph, Ökonomen und Historiker David Hume (1711 -1776) aufmerksam gemacht hat. Das zweite Problem hängt mit der fundamentalen Frage zusammen: Was können wir überhaupt wissen? Diese Frage hat der griechische Philosoph Platon (427 -347 v. Chr.) als erster auf den Punkt gebracht hat.

Sprung in die Unendlichkeit
Wenn ich Wasser erhitze, dann verdampft es. Wenn ich eine Stunde später einen neuen Topf Wasser erhitze, dann verdampft es ebenfalls. Wenn jemand in Mexiko Wasser erhitzt, dann wird es ebenfalls verdampfen. Morgen wird das gleiche zu beobachten sein und übermorgen auch. Eine Theorie des Wassers, die dieses Phänomen beschreibt und erklärt, muss allgemeingültig sein. Das prognostizierte Verhalten des Wassers bei Erhitzung sollte für jedes vernünftige Lebewesen überall und zu allen Zeiten überprüfbar sein. Das heißt also, dass das Experiment und sein Ergebnis zu jeder Zeit, überall und von jedem Experimentator reproduzierbar sein müsse. Es kann nicht sein, dass das Wasser verdampft, wenn Peter es erhitzt und dass es gefriert, wenn Paula das Experiment durchführt.

Wenn wir uns nun anschauen wie diese simple "Wassertheorie" zustande gekommen ist, dann stellen wir fest: Viele Menschen haben diese Erfahrung mit dem Erhitzen von Wasser gemacht. "Viele" heißt aber "endlich viele". Jeder Mensch hat in seinem Leben bis jetzt nur endlich viele solcher Erfahrungen gesammelt. Sogar die gesamte Menschheit hat bis zum jetzigen Zeitpunkt immer nur eine endliche Zahl von Experimenten durchgeführt. Und dennoch verallgemeinern wir hier und jetzt. Eine Theorie ist eine Verallgemeinerung einer endlichen Anzahl empirischer Beobachtungen und deren Systematisierung, die ein Vorhersage von neuen, zukünftigen Erfahrungstatsachen erlaubt. Wir werden aber niemals die Gesamtheit der Ergebnisse aller möglichen Experimente kennen, die jemals mit dem Verdampfen von Wasser gemacht werden können. Wir können immer nur noch einen Versuch machen und noch einen Versuch ... Wir erreichen nie eine unendliche Anzahl. Wir sind begrenzte, vergängliche Wesen in einer begrenzten und vergänglichen Welt.

Wenn wir uns aber so reden hören, dann sagen oder denken wir Sätze wie: "Wasser verdampft immer nach Erhitzung". Dieser Satz ist unsere beispielhafte "Wassertheorie". Wir sagen nicht: "Wasser verdampft vielleicht durch Erhitzung" (zum Beispiel wenn Peter das Wasser erhitzt, im Gegensatz zu Paula, bei der das Wasser gefriert, wenn sie es auf die heiße Herdplatte stellt). Eine Theorie muss immer mindestens einen generellen Satz der Art "alle x sind y" oder "x ist immer z" enthalten, denn sonst wäre die Vorhersage einer zukünftigen Erfahrung nicht möglich. Wenn ich sage: "Vielleicht verdampft Wasser durch Erhitzung", kann ich keine Vorhersage machen. Solche Prognosen werden nämlich immer durch logisches Schlussfolgern aus den allgemeinen Sätzen einer Theorie gewonnen. Wir schließen dann vom Allgemeinen auf das Besondere. Auch wenn die Worte "alle", "immer", "jede" oft nicht ausgesprochen werden, so sind sie dennoch in einem Satz wie "Wasser verdampft bei Erhitzung" immer stillschweigend mitgedacht:

(Jede Ansammlung von) Wasser verdampft (immer) bei Erhitzung.

Folglich: Das Wasser hier und jetzt in meinem Topf wird verdampfen, wenn ich es erhitze.

Ehe wir uns versehen, haben wir aus einer endlichen Anzahl von gemachten Erfahrungen ein Konzept gezaubert, das nun zu unserem Schrecken niemals - niemals durch Erfahrung beweisbar ist. Denn um die Wahrheit des allgemeinen Satzes zu bestätigen, müssten wir das Unendliche haben, wir müssten alle möglichen Erfahrungen bereits gemacht haben. Wir müssten in einer vergangenen Zukunft leben. Obwohl uns das bei klarem Licht besehen absurd erscheint, vollziehen wir diese Induktionsschlüsse ständig. Wir tun es hundertmal am Tag mit unseren kleinen Alltagstheorien, die wir auch Konzepte nennen. Die Wissenschaftler tun es im großen Stil in ihren großen Theorien mit den großen Namen. Das Trägheitsprinzip in der Physik lautet in der Formulierung von Sir Isaac Newton: "Ein kräftefreier Körper bewegt sich gleichförmig geradlinig." Das heißt: "Jeder kräftefreie Körper bewegt sich überall im Raum zu jeder Zeit gleichförmig und geradlinig." Ein solcher Satz ist definitiv nicht mehr durch Erfahrung beweisbar.

Einen solchen Schluss von endlich vielen Beobachtungen auf eine fiktive unendliche Gesamtheit von Beobachtungen nennt man einen Induktionsschluss. Und David Hume hat uns als erster darauf aufmerksam gemacht, dass wir auf Grund eines Induktionsschlusses nicht wissen können, dass die Schlussfolgerung (das heißt der allgemeine Satz über die unendlich vielen Fälle) auch tatsächlich wahr ist. Durch Humes Erkenntnis wird letztendlich auf einer sehr tiefen Ebene die Gewohnheit in Zweifel gezogen, sofort aus einzelnen Erfahrungen generelle Konzepte zu machen. Auch wenn ich sehr, sehr oft beobachtet habe,dass auf das Ereignis A das Ereignis B folgt, so könnte es irgendwann passieren, dass auf das Ereignis A einmal nicht das Ereignis B folgt. Für wissenschaftliche Theorien ist dies irritierend. Für uns Buddhisten der Schlüssel zum Erfolg. Auch für Hume ist dieser Induktionsschluss unter logischen Gesichtspunkten eigentlich irrational, aber vom praktischen Standpunkt aus betrachtet durchaus nutzbringend.

Noch mehr Trouble im Unendlichen
Wenn ich durch Anhaftung an allgemeingültige Sätze überzeugt bin, dass das jeweilige Konzept, zum Beispiel die „Wassertheorie" richtig ist, dann habe ich eine Überzeugung. Man könnte auch sagen: "Ich glaube, dass die Wassertheorie wahr ist." Statt "glauben" sagen wir auch "meinen" oder "überzeugt sein". Allen diesen Formulierungen ist die Form gemeinsam: "Ich glaube/meine/bin überzeugt, dass ..." Die Pünktchen stehen für das, woran wir glauben, wovon wir überzeugt sind. Wir glauben immer an etwas. Dieses Etwas hat immer einen Inhalt, es ist eine Aussage, ein Konzept, eine Theorie. "Alice glaubt, dass sich die Erde um die Sonne dreht" und "Bob ist überzeugt, dass sich die Sonne um die Erde dreht". Beide Sätze haben die gleiche Form, obwohl sich das, woran beide glauben, widerspricht. Ein Subjekt bezieht sich auf einen Inhalt durch den Akt des Glaubens oder des Meinens. Wir drücken das allgemein mit einem Satzschema aus:

"S glaubt, dass p."
Dabei steht S für das Subjekt und p für den Inhalt. Peter kann zum Beispiel glauben, (1) dass der Mond aus grünem Käse besteht. Paula kann glauben, (2) dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist. Im Fall 1 würden wir sagen "Peter weiß nicht, dass der Mond aus xyz besteht." Im Fall 2: "Paula weiß, dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist." Es geht hier also um ein Wissen und darum, ob man dieses Wissen hat oder nicht hat. Was heißt es aber, ein Wissen zu haben? Oder anders und ganz allgemein gefragt: Woher weiß S, dass p richtig ist? Oder kurz: Woher weiß S, dass p? Woher weiß ich, dass das, was ich zu wissen glaube, auch ein Wissen und nicht vielmehr ein Irrtum ist? Was ist überhaupt Wissen? Wie könnte ich Wissen definieren?

Die klassische Definition geht auf Platon zurück. Er hat Wissen als wahre Meinung (Überzeugung) definiert, die mit einer Erklärung verbunden ist. Platon hat nämlich erkannt, dass es nicht genügt, Wissen bloß als eine wahre Überzeugung zu definieren. Jemand mag zwar wirklich und korrekterweise überzeugt sein, dass p, aber vielleicht nur aus Zufall. Erfolgreiches Raten ist aber kein Wissen. Wenn ich in "Wer wird Millionär", obwohl ich die Antwort nicht weiß, auf die Antwort B tippe, um es einmal auf gut Glück zu versuchen, dann kann ich hinterher, wenn sich B als richtig herausstellt, nicht behaupten, ich hätte die Antwort gewusst. Daher rührt die Wichtigkeit der Erklärung. Ich muss in dem Moment, in dem ich behaupte, dass ich etwas weiß, auch erklären können, warum ich es weiß und vor allem warum ich annehme, dass das wahr ist, was ich weiß. Bis heute folgt man hier Platon und versucht Wissen mit folgender dreiteiligen Definition zu definieren:

Eine Person S weiß, dass p genau dann wenn
1. S glaubt, dass p
2. p wahr ist
3. die Überzeugung (dass p wahr ist) auch gerechtfertigt ist.

Ein Beispiel sei der Satz: "Paula weiß, dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist." Erstens glaubt Paula etwas. Nämlich: dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist (S glaubt, dass p). Zweitens ist Berlin ja tatsächlich die Hauptstadt von Deutschland (p ist wahr). Drittens ist diese Überzeugung von Paula gerechtfertigt, denn Paula hat es in der Schule gelernt. Außerdem steht es in vielen Zeitungen und Büchern. Und auch im Fernsehen und im Radio wird es oft gesagt. Überhaupt behaupten das auch sehr viele andere Menschen ...

Und jetzt wird sofort klar, wo der Hase im Pfeffer liegt. Jede Person, auf die ich mich bei meiner Begründung berufe und die behauptet, dass sie weiß, dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist, muss ihrerseits konsequenterweise dieses Wissen rechtfertigen und begründen. Jede Begründung, die irgendjemand für sein Wissen vorbringt, muss streng genommen selbst wieder gerechtfertigt werden. Wenn ich mein Wissen, dass der Mond nicht aus grünem Käse besteht, mit den Gesteinsproben von Apollo 11 begründe, dann muss auch mein Wissen um die Flüge des Apollo-Programms begründet werden. Ich erinnere mich an die Mondlandung. Aber dann muss auch mein Wissen darüber, dass meine Erinnerung korrekt funktioniert, begründet werden. Ich könnte es ja geträumt haben. Und auch das Wissen von Neil Armstrong, der auf dem Mond war, muss begründet werden etc. Wir sehen, dass ein ungeheures Netz von Begründungen und Begründungen von Begründungen notwendig wäre. Im Grunde also ein Netz, das immer größer wird, weil jede Begründung nach einer neuen Rechtfertigung verlangt. Und in diesem Netz greifen alle Begründungen ineinander.

Wir geraten also in Teufels Küche, wenn wir zu klären versuchen wann es von einer Aussage oder einer Theorie wirklich gerechtfertigt ist zu behaupten, dass sie ein Wissen ist. Es geht also nicht mehr bloß um die Wahrheit einer Theorie, sondern vielmehr darum, warum wir berechtigt sind zu sagen: Ich weiß, dass diese Theorie wahr ist. Jede Begründung, jede Rechtfertigung ist wiederum Teil eines anderen Wissens, das wiederum begründet werden muss. Dieser erste Versuch der Begründung von Wissen führt also zu einer unendlichen Folge von Rechtfertigungen. Wir haben oben gesehen, dass uns eine unendliche Gesamtheit niemals als Ganzes vorliegt, sondern immer nur ein endlicher Ausschnitt, der allenfalls immer größer wird, aber nie die unendliche Gesamtheit erreicht. Es könnte in dem unbekannten Rest noch immer eine Überraschung verborgen sein. Damit ist also Wissen niemals vollständig zu begründen. Die zweite Möglichkeit ist die, diese Folge der Rechtfertigungen irgendwann dogmatisch abzubrechen. Die Philosophen nennen dies Fundamentalismus. Dies ist der alltägliche Fall. Es heißt dann autoritär: "Es ist halt so!" Manche setzen dieser Begründungskette sogar mit Gewalt und Bomben ein Ende. Keine befriedigende Lösung! Der dritte Fall entsteht dann, wenn ich mich mit der Rechtfertigung im Kreise drehe und an irgendeiner Stelle eine Begründung benutze, die ich zuvor schon benutzt habe. Einem solchen Zirkelschluss misstrauen wir zu Recht, denn sonst wäre die Erde flach, weil sie flach ist. Das Problem ist vergleichbar mit dem Problem des Barons Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen wollte. Und da das Problem gleich dreifach auftritt, hat man es das "Münchhausen-Trilemma" genannt. Das Ergebnis ist: Aus streng logischen Gründen können wir niemals behaupten, dass wir ein gesichertes Wissen haben.

Mit Baron Münchhausen auf Parkplatzsuche
Zusammengefasst: Erfahrung kann erstens nicht eindeutig festlegen, welches Bild von der Welt das richtige ist. Zweitens: Kein einziger unserer allgemeinen Sätze, kein einziges unserer Konzepte ist durch Erfahrung vollständig beweisbar. Drittens: Unser vermeintliches Wissen ist niemals vollständig als gesichertes Wissen begründbar. Es könnte sich irgendwann als Irrtum herausstellen. Und da wir alle im Alltag aus endlichen Erfahrungen Verallgemeinerungen ziehen und dann diesen Konzepten folgen, trifft dies alles nicht nur auf die Wissenschaft zu, sondern auch auf uns. Zum Beispiel, wenn wir einen Parkplatz suchen.

Wir kommen mit dem Auto in unserer Straße an und finden ausnahmsweise mal einen Parkplatz. Da wir uns zuvor gewünscht haben, dass wir einen Parkplatz bekommen, stellen wir plötzlich eine kühne Theorie auf: die "Parkplatztheorie". Wie kam sie zustande? Im Alltag genügt uns oft ein einziges Beispiel, eine einzige Erfahrung, um sofort vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen (Induktionsschluss): "Immer wenn ich mir einen Parkplatz wünsche, dann bekomme ich einen."

Am nächsten Tag funktioniert es wieder und wir finden unsere Theorie bestätigt. Am dritten Tag fahren wir in unsere Straße und finden keinen Parkplatz, obwohl wir uns das zuvor gewünscht haben. Unsere Theorie scheint also die Wirklichkeit nicht korrekt wiederzugeben. Das ist uns aber schnurzegal, denn wir glauben zu wissen, dass unsere Parkplatztheorie richtig ist. Wir haben dieses Wissen dogmatisch begründet, da wir mit der unendlichen Begründungskette nicht zu Ende kommen würden und wir gerne Konzepte festhalten, bis uns das Dach auf den Kopf fällt.

Da die Wirklichkeit aber nun nicht mit der Theorie übereinstimmt, haben wir ein kleines Problem. Wir lösen es mit den Mitteln, die ich in der letzten Ausgabe von Buddhismus heute beschrieben habe: Zwar kann keine Theorie durch die Erfahrung bewiesen werden, es kann aber auch keine Theorie durch die Erfahrung letztlich widerlegt werden. Wir verändern dazu einfach die Hintergrundtheorie, indem wir einen Hilfssatz hinzunehmen. Das ist ein weiterer allgemeiner Satz, der genauso (dogmatisch) begründet ist: "Ich bekomme nur dann einen Parkplatz, wenn ich ihn mir rechtzeitig wünsche." Da ich keinen freien Parkplatz gefunden habe, ist nun nicht die "Parkplatztheorie" falsch, sondern es muss wohl daran gelegen haben, dass ich mir den Parkplatz nicht rechtzeitig gewünscht habe. Wenn ich ihn aber rechtzeitig gewünscht habe und es dennoch keinen freien Parkplatz gibt, dann lag das wohl daran, dass ich ihn mir nicht intensiv genug gewünscht habe. Damit habe ich meine "Parkplatztheorie" um eine weitere Hintergrundtheorieerweitert: "Ich muss nur intensiv genug wünschen, dann ..." Und so weiter und so fort.

Lieber ein Konzept behalten, als die Welt erfahren wie sie ist! Wir treiben dieses Spiel in unserem Leben oftmals bis zu dem Punkt, an dem wir bereit sind die Regeln der Logik zu verbiegen, völlig unsinnige Widersprüche hinzunehmen oder den gesunden Menschenverstand ganz aufzugeben. Die Theorie kann an jeder Stelle abgeändert werden, damit sie zu den Erfahrungen passt - wodurch das Konzept zwar gerettet ist, aber die unmittelbare Erfahrung verloren geht. Was für den wissenschaftlichen Grundlagenforscher eine fatale und frustrierende Situation darstellt, ist für den aufmerksamen Buddhisten ein Weg aus dem Schlamassel. Davon handelt die Fortsetzung in der nächsten Ausgabe von Buddhismus Heute.


Ralph Bohn, seit 1990 Schüler von Lama Ole Nydahl, Autor und Regisseur, studierte Philosophie, Mathematik und Physik, lebt in Berlin.

 

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